Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1909)
- Date
- 1909-10-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 41 Der JSraeUt. darauf hin, daß der Gemeindevorstand es aus finanziellen Gründen abgelehnt habe, der Errichtung einer Gemeindebibliothek näher zu treten, dagegen sich aber bereit erklärt habe, der neu zu gründenden Gesellschaft die im Besitze der Gemeinde befindliche Bibliothek leihweise zu überlafien und ihr auch für zwei Jahre eine jährliche Subvention bis zu 1000 Mk. pro Jahr zu gewähren. Er bitte daher um Annahme des Antrages. Der Antrag des Gemeindevorstandes, der Gesellschaft für die Errichtuug einer jüdischen Bibliothek und Lesehalle ab 1. Juli 1909 auf zwei Jahre eine jährliche Subvention bis zu 1000 Mk. zu gewähren, wird mit einem Amendement des Herrn Alex. Levy angenommen, wonach das Repräsentantenkollegium den Wunsch ausspricht, daß die Bibliothek nach Ablauf der zwei Jahre als Gemeindebibliothek fortgeführt werde. Am Schluß wurde an Stelle des zum Gemeindevorsteher erwählten Herrn Heinrich Levy Herr Wilhelm Bambus zum Mitglied des Schulvorstandes der Israelitischen Töchterschule gewählt. Hamburg, 3. Oktober. Die Frage der Neubesetzung des durch das Ableben des Herrn Oberrabbiners Hirsch V'ST vakant gewordenen Posten eines Hamburger Oberrabbiners hatte bisher die Gemüter der Mitglieder des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes in sehr erheblicher Weise beschäftigt. Bor kurzem war nun von dem in der Augustversammlung gewählten Komitee eine öffentliche Versammlung nach dem Logenheim einberufen worden mit der Tagesordnung: Die Antworten des Vorstandes und des Delegiertenkollegiums des Synagogenverbandes auf unsere Resolution und die weiteren Maßnahmen. Zu dieser Versammlnng waren die Mitglieder des Delegiertenkollegiums fast vollzählig erschienen, während der Vorstand sein Nichterscheinen schriftlich entschuldigt hatte. Der Vorsitzende Herr E. Helft verlas zunächst die bereits veröffentlichten Antwortschreiben und betonte, daß ihm auch mündlich vom Vorstand die Zusicherung erteilt worden sei, daß man in den leitenden Kreisen des Synagogenverbandes gar nicht daran denke, die so wichtige Oberrabbinerfrage in irgend einer Weise mehr als nötig zu beschleunigen. Im übrigen sei ja die definitive Wahl der aus dem Vorstand, dem Delegiertenkollegium und von sechs durch die allgemeinen Wahlen bestimmten Mitgliedern des Synagogenverbandes bestehenden 21 gliedrigen Kommission, der zwei Thoragelehrte mit beratender Stimme angehören müssen, Vorbehalten. Der Vorsitzende betonte, daß man mit diesem Resultat schon zufrieden fein könne, da es zunächst erschien, als ob man die Wahl überstürzen wolle und bereits eine ganz bestimmte Persönlichkeit ausgewählt habe. Er konstatierte mit Freuden, daß nach den offiziellen Erklärungen dies nicht der Fall sei. Er muffe aber wiederum das Komitee gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, als ob es irgend eine Körperschaft beleidigen wollte. Wenn man gebeten habe, die Wahl und auch die vorbereitenden Handlungen bis nach vollendeter Neuwahl des Delegiertenkollegiums hinauszuschieben, so sei dies nur geschehen, um die große Masse der Mitglieder des Synagogenverbandes in ausgedehntem Maße an diesem für die Hamburger Gemeinde so hochwichtigen Akt teilnehmen zu lassen. Es entspann sich nun eine teilweise sehr erregte Debatte, an ter sich die Herren Rechtsanwalt David, Ed. Levinson, Wolfermann, Alex. Levy, H. Bachrach und verschiedene andere Herren beteiligten, in der jedoch von allen Seiten betont wurde, daß man gern zu einer Einigung bereit sei. Als Basis eines etwa abzuschließenden Kompromisses müsse von der einen Seite die Erklärung abgegeben werden^ daß man die zu erwählenden sechs Wahlmänner nicht für einen bestimmten Kandidaten verpflichten wolle, während andererseits erklärt werden müsse, daß man diese Persönlichkeit nicht von Anfang an ausschließen wolle. Es fand dann auch eine Resolution Annahme, in der das Bureau der Versammlung beauftragt wird, mit dem noch bestehenden zweiten Komitee sich 'in Verbindung zu setzen betreffs eventueller gemeinsamer Aufstellung der Wahlmänner. Oestewetitz. Wien, 5. Oktober. Heute erschienen namens des „Jüdischen Natiönalvereins in Oesterreich" dessen Vorstandsmitglieder Adolf Böhm, Dr. Jakob K o h n und Dr. Karl P o l l a k beim Minister des Innern Baron Haerdtl, um im Einvernehmen mit dem durch die politische Bewegung im Lande festgehaltenen Obmann des jüdischen Klubs Abg. Dr. Straucher den in dem Entwurf für die Landtagswahlordnung in der Bukowina enthaltenen Vorschlag zur Schaffung einer jüdischen Kurie des Bukowinaer Landtags zu begründen. Dr. Kohn führte in Anlehnung an das von ihm verfaßte Memorandum aus, daß die jüdische Wählerschaft in Oesterreich fast überall der Zankapfel der Parteien sei, und daß sic speziell in Galizien durch die Abgabe von 40000' Stimmen für jüdische Abgeordnete den Willen bekundet habe, unter eigener Flagge zu segeln. Minister Baron Haerdtl, der das Memorandum entgegennahm, erwiderte, die Regierung könne dem Wunsche der Schaffung einer jüdischen Kurie deshalb nicht Nachkommen, weil dies als ein Akt der Feindseligkeit gegen die Juden angesehen und so ausgefaßt werden könnte, als ob die Regierung die politschen Rechte der Juden von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit abhängig machen wollte, was dem Staatsgrundgesetz widersprechen würde. Dagegen anerkenne die Regierung, daß praktisch das Bedürfnis nach jüdischen Jnteressenvertretern vorhanden sei. Diesem Bedürfnis könne durch Schaffung von Minoritätsmandaten entprochen werden, die den Juden eine angemessene Vertretung im Landtag fidjeni würde. Der Einwendung, daß durch die Zuweisung der Juden in eine Zwangsgemeinschaft mit den Deutschen das von der Regierung betonte Prinzip der Unabhängigkeit politischer Rechte von der Konfession gerade am meisten verletz: werde, weil sie den sich national zu den Polen oder Ruthenen zählenden Juden die Ausübung des Wahlrechtes nach eigenem Willen vollkommen verwehrt, begegnete der Minister mit dem Hinweis darauf, daß der Entwurf lediglich eine Zusammenfassung der Juden ohne Rücksicht auf ihre nationale Gesinnung vorsehe, so daß der Regierung auch der vorgeschlagene Ausweg, den Juden die Wahl in irgend einer nationalen Kurie, die eigene Kurie inbegriffen, freizugeben, nicht gangbar erscheine. (Siehe Wochenrundschau.) Lemberg, 3. Oktober. Aus Przemysl wird geschrieben: Der hiesige Magistrat ließ gerade am Jomkippur vor der großen Synagoge lärmvolle Pflasterungsarbeiten vornehmen. Als mehrere Juden ihre Entrüstung ausdrückten, daß der Gottesdienst am höchsten jüdischen Feiertage rücksichtslos gestört werde, wurden sie von den Arbeitern und dem in der Nähe postierten Wachmann blutig geschlagen. Die hierdurch entstandene Rauferei nahm solche Dimensionen an, oaß die Arbeiter unterstützt, von den Polizisten, in die Vorhalle der Synagoge drangen, wo sie mehrere, in Leichengewändern und Tallis betende ältere Juden überfielen und nicht unerheblich verletzten. Reichstagsabgeordneter Dr. Liebermann, dem der Unfall mitgeteilt wurde, hat über das empörende Verhalten der Polizei einen ausführlichen Bericht an das Ministerium nach Wien gesandt und die exemplarische Bestrafung der Exzedenten gefordert. Krakau, 3. Okt. Ein recht merkwürdiger Fall von Entführung jüdischer Mädchen in Galizien läßt einen Einblick gewähren in das tiefe Elend, in welchem sich die Juden und besonders die jüdischen Mädchen in Galizien befinden. So hatte hier am Vorabend des Neujahrsfestes ein jüdisches Mädchen der Konkurrenz zwischen einem Mädchenhändler und eines Agenten _ 14. Oktober 190» des Klosters der Felicianerinnen es zu danken, daß sie von beiden befreit und von der Polizei zu ihren Eltern zurückgebracht wurde. Der Fall trug sich folgendermaßen zu: Vor einiger Zeit überredeten einige Bauern des Städtchens Nowy-Targ in Westgalizien ein jüdisches Mädchen, nach Krakau zu entfliehen und sich dort taufen zu lassen. Einige Tage vor dem Neujahrsfeste teilte nun der dortige Pfarrer dem Kloster der Felicianerinnen mit, daß ihm sein Vorhaben gelungen und daß das Mädchen in zwei Tagen nach Krakau gebracht werde. So war es auch. Das Mädchen stahl ihrem Vater dessen ganze Barschaft und verschwand. Ihre Eltern suchten noch ihr alle umliegenden Ortschaften ab, konnten sie aber nirgends finden. So kam der Vorabend des Neujahrsfestes; die unglücklichen Eltern waren sich darüber klar, daß das Mädchen sich im genannten Kloster in Krakau befinden müsse und sie begaben sich dorthin. Wie vorauszufehen war, wurde ihnen der Eintritt ins Kloster verweigert. Len ganzen Tag standen sie vor dem Kloftertore, aber man öffnete ihnen nicht und antwortete nicht auf ihre Fragen. Gegen Abend hörten sie, wie die Klosterfrauen sich am Toretngange über das Mädchen miteinander unterhielten und im Gespräche die Lubiczgasse nannten. Die Eltern entnähmen diesem Gespräche, daß das Mädchen sich nicht im Kloster befinde, sondern in der Lubiczgasse verborgen gehalten werde. Sie gingen zur Polizei r nd baten, ihnen Wachleute beizuftellen, um ihr Kind in der genannten Straße aufzusuchen. In der Lubiczgasse befindet sich die Agentur einer Schiffsgesellschast. Hier erfuhr nun die Polizei, daß ein Bauer für einige Mädchen Schiffskarten nach Amerika bestellt habe. Es war nun klar, daß Mädchenhändler im Spiele waren. Die Nachforschung ergab denn auch, daß das Mädchen sich in Dembnik, einem kleinen Dorfe neben Krakau, im Hause eines dortigen Bauern eingeschlossen befinde. Der Vater des Mädchens begab sich in Begleitung von Polizeibeamten nach Dembnik und fand dort das Mädchen. Als sie ihren Vater erblickte, lief sie ihm mit freudigem Aufseher entgegen und dankte ihm, daß er sie aus großer Not befreit habe. Denn sie hatte sich tatsächlich in großer Not befunden. Es stellte sich nun heraus, daß der Bauer aus dem Heimatsorte sie tatsächlich mit der Absicht entführte, sie ins Kloster zu bringen. Unterwegs ließ er sich aber von einem bekannten Bauern in Dembnik überreden, sie ihm zum Verkaufe mit anderen Mädchen nach Amerika zu überlassen, was auch als „Geschäft" einträglicher sei. Die beiden Bauern wurden verhaftet und das Mädchen ihren Eltern übergeben. Diese Affäre führte übrigens zur Aufdeckung einer aus Bauern bestehenden Mädchenhändlerbande. Agraw, 4. Oktober. Für das gute und friedliche Zusammenleben der serbische» und jüdischen Bevölkerung in Kroatien lieferte uns ein schönes Beispiel die zweitägige Anwesenheit des Oberhauptes der serbisch-orthodoxen Kirche, des Patriarchen und Erzbischofs Lucian Bogdanowitsch in Zemun. Eingeladen von der serbischen Kirchengemeinde,beteiligten sich särytliche dortigen jüdischen Körperschaften an den Festlichkeiten zu Ehen des Patriarchen, von dem sie auch in besonderer Audienz empfangen wurden. Bei dieser Gelegenheit erkundigte sich der Patriarch über die Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung und erklärte mit Nachdruck, daß sich seine Beziehungen zu den Juden allezeit sehr freudschaftlich gestaltet haben. Beim Bankett hat die Begrüßungsansprache des Rabbiners (der natürlich nichts genoß) im Aufträge des Patriarchen dessen Sekretär Prof. Dr. Zirtsch mir einer formvollendeten hebräischen Rede beantwortet. Vor seiner Abreise hat der Patriarch dem Rabbiner der aschkenasischen und sephrdischen Gemeinde Besuche abgestattet. Ungarn. Löcse, 10. Okt. Nachdem eS unserm hochverehrten Oberrabbiner Herrn Dr. Gustav L ö w y