Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1909)
- Date
- 1909-10-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 41 'P't Israelit. 14. Oktober 1909 plan für die ungarische Judenschaft an die zu Preßburg tagende jüdische Landesdeputation gesandt. Derselbe ist in S. Löws „Zur neuern Geschichte der Juden in Ungarn" abgedruckt (S. 92 bis 98) und ist in streng traditionellem Sinne gehalten. Derselbe verdiente auch hier ganz abgedruckt und der großen Oeffentlichkeit vorgeführt zu werden, denn er enthält so manche, auch heutigentags noch beherzigenswerte Vorschläge, doch müssen wir uns aus raumökonomischen Gründen auf das Herausgreifen einiger der charakteristischsten Vorschläge beschränken: „1. Sollen zwei Männer aus unserem Lande gewählt werden: redliche, kluge und populäre Männer. Diese sollen an die Spitze der Landesjudenschaft gestellt werden. Im Falle, daß unserer Nation in der Religion etwas fehlen sollte, werde durch sie Abhilfe gebracht. Sie sollen zum allgemeinen Besten Schritte unternehmen.*)" 2. Sollen aus unserem Lande große Talmudgelehrte, kluge, einsichtsvolle, fromme, wahrheitsliebende, uneigennützige Männer gewählt werden. Diese sollen von der Landesjudenschaft einen ihrer Würde angemessenen Gehalt beziehen. Sie sollen ihren Sitz im Mittelpunkte des Landes haben. Ihre Pflicht soll sein: Rabbiner, More Zedek, Dajjanim, Schächter, Vorbeter, oder Lehrer zu approbieren. „14. Die oben § 3 bemeldeten 3 Rabbinen sollen auch verpflichtet sein, jedes Jahr auf ihre Unkosten, und zwar jeder ein Dritteil des Landes zu bereisen, um nachzusehen und zu forschen über die Aufführung der Rabbinen, Dajjanim, Kantoren, Schächtern und Lehrer. Die Fehler, die sie finden, sollen sie verbessern rc."-— „7. In den besonders großen Gemeinden des Landes sollen drei oder vier Jeschiboth errichtet und mit all em Nötig en versehen werden. Diese Jeschiboth sollen von derLandesjudenschaft unterstützt werden." Bemerkenswert ist es, wie dieser einfache N'2 schon vor 8 Jahrzehnten auf den Krebsschaden der ungarischen Judenheit: auf den Mangel an echtjüdischen Schullehrern hinweist; ja, wie er hierbei mit beißender Ironie ausruft: „Die Judenlehrer, welche unsere Schäflein bilden sollen: göttlich, weltlich, menschlich, wissen zumeist selbst nicht Gott zu ehren rc." „Kein Lehrer soll existieren, der nicht das *) D. h. wohl dieselben sollen die Judenheit dem Staate gegenüber vertreten. Unterrichtsverfahren kennet. Dann muß er gottesfürchttg rc. sein rc.**) In derselben Zeit, in welcher Rapoch selnen orthodoxen Organisationsplan der Aufmerksamkeit und Beherzigung der jüdischen Deputation empfahl, erschien'auch der reformatorische Organisationsplan Aron Chorins, Rabbiners in Arad und Schleppträqers der ersten Reformer in Deutschland. Demselben schwebte bei seinem Organisationsplane das Pariser Sanhedrin und die französische Konsistorialverfassung als würdiges Ideal vor (vgl. Löw, ibid. S. 98 u. f.). „Während aber Nassi und" Synode in Paris nur Manifestations-Organe waren, will er (Chorin) sie zu Reformations-Organen erheben." Diese zwei Organisationspläne aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts zeichnen am markantesten die'Richtlinien für all die künftigen Organisationsbestrebungen im Kreise der ungarischen Judenheit. Während die erdrückende Majorität der ungarischen Judenheit, die Orthodoxie, nur von einem, ihren Prinzipien entsprechenden Organisationsptane hören wollte, hätten die ungarischen Anhänger der deutschen Reformbestrebungen Jakobsohns, Kleys, Salomons und wie sie alle heißen, schon damals, in ihrer Sünde Maienblüte, in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als sie noch ein ganz winziges Häuflein ausmachten, ganz gerne die uneingeschränkte Macht und Herrschaft über das ganze ungarische Israel, über die zu damaliger Zeit noch 99/100 der ungarischen Judenheit ausmachende Orthodoxie an sich gerissen, und derselben eine Organisation aufoktroyiert, mit deren Hilfe das Handvoll Neologen die widerspenstigen Orthodoxen hätte knebeln können. Gefährlichere Dimensionen begannen die Organisationsbestrebungen von dem Augenblicke anzuzunehmen, da die führende Rolle in der ungarischen Judenheit von der altberühmten Preßb urger Gemeinde an die Pest er überging. Dieselbe hatte noch im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts gar kein Ansehen, sie war eine bloße Filiale der Altofener Gemeinde. Im Beginne der 30 er Jahre aber emanzipierte sie sich gänzlich von Altofen, und schwang sich infolge ihrer täglich wachsenden Seelenzahl und auch zufolge des Umstandes, daß die Stadt Pest immer mehr und mehr der Herzpunkt des ganzen Landes, **) Leider, leider find diese vor 8 Jahrzehn en geschriebenen Worte auch heute noch aktuell. Denn wohl besitzen wir schon eine Anz hl gvtlesfürchriger Lehr erenen gründlichen Wandel aber kann bloß die Errichtung einer selbständigen orthodoxen Lehrerpräparandie schaffen. die Zentrale des Handels, der Kunst und Wissenschaft wurde, gar bald zur Führerin der ungarischen jüdischen Gemeinden empor. Und dies sollte der ungarischen Orthodoxie gar verhängnisvoll werden. Denn schon im Jahre 1827 führt man auf das Betreiben Gabriel Ullmanns die Wiener reformierte Kultusform in eine Vereinssynagoge Pests ein (Löw, ibid., 108)/dieser Ullmann wurde aber i. I. 1830 zum Vorsteher der Pester Gemeinde gewählt, deren Majorität hiermit bekundete, wes Geistes Kind sie sei. Die erste Heldentat dieses Mannes als Vorsteher war, daß er die erwähnte reformierte Vereinssynagoge zur Gemeindesynagoge erhob, dagegen im Jahre 1833 sämtliche orthodoxe Vereinssynagogen Pests behördlich schließen ließ. Auch der neuberufene Rabbiner in Pest, Schwab, neigt den Reformen zu. Derselbe spielte bekanntlich in der in der zweiten Hälfte des Monats August d. I. 1844 in Paks (Tolnauer Komitat) abgehaltenen und von über 30 Rabbinen besuchten Rabbinerversammlung, die von dem damaligen Rabbiner in PapaR. Veiwel Horowitz s. A. behufs Sanierung vieler auf dem religiösen Gebiete sich zeigenden Uebel einberufen worden war, eine mehr als zweideutige Rolle. Während die Mitglieder dieser Rabbinerversammlung, in der sich hervorragende Kapazitäten befanden, schon mit dem Umstande, daß sie auf das Erscheinen des auch weltlich gebildeten Schwab ein so großes Gewicht legten*), genügsam dokumentierten, daß sie der Pflege moderner Wissenszweige nicht abhold waren, ja sogar in dem 7. Punkte ihrer Beschlüsse die Erwartung aussprachen, daß eine einzuberufende große Rabbinerversammlung „ihr Augenmerk — dem Unterrichte der Jugend zuwenden wird, und zwar dem .Unterrichte in der Thora, in Wissenschaften und Sprachen, in Handwerken und in der Landwirtschaft", — konnte sich der Herr Oberrabiner Schwab in Pest nicht versagen, die Rabbinerversammlung mit den „von der Zeit hervorgerufenen öffentlichen religiösen Bedürfnissen in Israel zu regulieren."- Die „jüdische" Gemeinde Pests ward die Führerin, die Tonangeberin, die „Mutterstadt" im ungarischen Israel! Mit diesem einen Worte ist alles gesagt. „Roma wollte herrschen, und schickte Dogmen in die Provinzen." — Die neologen Machthaber in Pest wollten die Judenheit des ganzen Landes an ihrem Gängelband führen, und heckten ununterbrochen Organisationspläne *) Man sehe den Brief Sckwabs in erw. Briefe LöwS, S. 200 u. f. — Ueber diese Rabbtiierversammlung s. m. Löw, i id. 26. Kap., S. 108 u f. — Jost G. d. Jsr. 10. B. Abr. S. 74 u. *. 125 479 Spanier, 93 490 Italiener, 9111 Syrier, 850( Russen, 3823 Franzosen, 2551 Oesterreicher, 2461 Deut;che, 2083 Portugiesen, 1879 Engländer u. a. Nach Konfessionen verteilten sich die Immigranten: 237998 Katholiken, 5444 Juden, 12 268 andere Konfessionen. (Die Stadt Woodbine in New Jersey.) Tie jüdische Gemeinde Woodbine ist bis jetzt das einzige jüdische Gemeinwesen auf Erden, das eine völlig W abhängige kommunale und politische Selbstverwaltung besitzt^ Wer von dem Aberglauben kuriert sein will, die Juden müßten, sich selbst überlassen, einander sofort in bie Haare geraten, der möge nur nach Woodbine im Staate New-Jersey gehen. Er wird da eine mustergiltige Verwaltung finden, von der gar manche große Stadt noch lernen könnte. Von dem Baron Hirsch-Fund 1893 als Mittelpunkt einer geplanten jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation begründet, konnte der Plan viele Jahre hindurch nicht vorwärts kommen, da der Boden schlecht war und lvrt,?.iel Düngung erforderte. Darauf wurden in Woodbine einige Industrien eingeführt, ohne jedoch .oy.. Ackerbau zu vernachlässigen. Gegenwärtig belchastlgen 8 Konfektionshäuser 492 Personen, an die sie jährlich 566 000 Mark Lohn auszahlen. Dadurch aber haben auch die in der Umgebung der Stadt wohnenden 60 jüdischen Bauern für ihre Produkte einen kaufktrftigen Markt erhalt.'». So ist Woodbine ein wohlhabendes jüdisches Städtchen geworden mit breiten llstt gepflasterten und von Bäumen eingerahmten Strafen, welche d s Abends von Gas- und elektrischen Lampen beleuchtet werden. 1906 zählte der Ort 316 Familien mit 1644 Angehörigen nebst 350 selbständige unverheiratete Personen. Im Jahre 1907 sind weitere 30 Familien jn Woodbine cingewandert. Die Stadt weist zur Zeit 218 Wohnhäuser, 3 Hotels, 4 Schulen nebst einer großen Ackerbauschule und Mustersarm' auf. Die Unterhaltung der Schulen, in denen 556 Kinder unterrichtet werden, erfordert eine Summe von 45 000 Mk., von denen 60 Proz. vom Staate geleistet werden. Das Budget der Gemeinde betrug in diesem Jahre 63 273 Mk. Ein großer Teil der Einkünfte gehen für Wegeunterhaltung darauf. Im 'Vorjahre mußte zu diesem Zwecke sogar eine Kommunalanleihe von 22 000 Mk. ausgenommen werden. (Die jüdische Abstammung des Nordpol Entdeckers.) Als Dr. Cook durch die ersten Berichte über seine Nordpol-Entdeckung über Nacht zu &itcr Weltberühmtheit geworden ist, haben amerikanische A b st a m m u n g s f o r s ch e r flugs entdeckt, daß Cook, alias Koch, einer jüdischen Familie aus Frankfurt a. M. entstamme. Die jüdischen Blätter aller Länder beeilten sich, diese Mitteilung wiederzugeben und als viele Gelehrte bald darauf die Angaben Cooks bezweifeln zu müssen glaubten, sprachen sogar einige antisemitische Blätter von jüdischer Aufschneiderei und Sensationslust. Wir haben von diesem Gerede bisher keine Notiz genommen. Nun aber gerichtet der Newyorker Korrespondent der „Frkf. Ztg." über ein übrigens ganz ergebnisloses Interview mit dem Nordpolentdecker, in welchem auch der Abstammungspunkt berührt wurde: „Ein eigentümliches Interview. Als ich ins Zimmer trat, sprang Dr. Cook, der auf einem mit Stößen von Briefen umgebenen Sessel saß, auf und ging — in die äußerste Ecke des Zimmers. Sein Sekretär, Herr Lonsdale, trat schnell auf mich zu und meinte vorbeugend: „Nordpolfragen kann der Herr Doktor gegenwärtig nicht beantworten." ... <. Vielleicht kann man ihn doch noch dazu bringen, dachte icb und sagte dann: „Es sind verschiedene Versionen über Dr. Cooks Abstammung im Umlauf — war sein Vater oder sein Großvater ein Deutscher, und woher stammt die Familie?" „Ter Herr Doktor möchte darüber gar nichts sagen," war die Antwort. Ich wiederholte die Attacke: . .. „War sein Vater ein Deutscher?" ' „I—a." „Spricht der Herr Doktor Deutsch?" Dr. Cook zog sich noch etwas weiter zurück. „Nein — aber in solchen Sachen möchte der Herr Doktor wirklich nichts sagen", meinte der Sekretär wieder. Das Interview, bei dem der Interviewte kein Wort sagte, war jetzt logischerweise zu Ende. Eine Verbeugung gegen die mittelgroße, breitschultrige Figur in der Ecke, eine Figur, deren behäbige Fülle davon zeugt, daß der menschliche Körper auch die Strapazen einer Nordpolsahrt rasch überwindet, ein Nicken des runden, brünetten Kopfes als Antwort, und ich war an der Türe. Und dort kam mir eine Information, die Herr Lonsdale mir ungefragt kundgab: „Wissen Sie ,einige Blätter haben geschrieben, der Herr Doktor sei israelitischer Konfession — dem ist nicht so." Nach der Entschiedenheit, mit der Dr. Cook den Verdacht des Judentums von sich abzuwälzen sich bemüht, wäre man beinahe versucht, den Angaben der amerikanischen Blätter Glauben zu schenken ... r- - . _ . . . .. . -JJ