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Der Israelit · 1909-10-14 · Heft 41 (14.10.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 41 (14.10.1909)
Date
1909-10-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
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jüdischen Wahlkatasters in der Bukowina kaum noch gestritten werden, so muß doch andererseits das Zusammengehen der Gesetzestreuen mit den Nationalen in dieser Angelegenheit nur als ein vorläufiges betrachtet werden. Ob dieses Zusammengehen auch noch später andauern kann, nachdem die Frage im Prinzips gelöst ist und es an die Wahl und Zusammensetzung der jüdischen Vertretung geht, wird lediglich von der spätern Taktik der Nationalen abhängen. In Galizien, wo sich die zwingende Notwendigkeit einer eigenen jüdischen Vertretung ebensowenig wie in der Bukowina bestreiten läßt, sind bekanntlich trotz der Existenz des jüdischen Klubs, der oft genug für die Politischen Rechte der Juden eintritt, die eigentlichen jüdischen Interessen im Parlamente ungenügen d vertreten. Daran sind in erster Reihe die Galizier selber schuld, die bislang zu wenig organisiert und politisch geschult waren, um Vertreter aus eigener Mitte zu stellen. Daß siein den letzten Jahren etwas in dieser Beziehung gelernt haben, dafür sprechen mehrere sichere Anzeichen. In der Bukowina werden sie bald Gelegenheit haben, zu zeigen, wie weit sie, durch die Erfahrung gewitzigt, nun imstande sind, ihre Interessen zu 'wahren. Gesammelt und richtig organisiert, bilden die Gesetzestreuen auch in der Bukowina eine Macht, welche owohl imstande wäre, den Wahlkataster als auch wie es der Minister wünscht, die jüdischen Minoritätsmandate zu einem Segen für Judenheit und Judentum in der Bukowina zu gestalten. „wenn man anöeren eine 6mde gräbt...“ Ein böses Mißgeschick ist den russischen Behörden in der Türkei passiert, und sie werden neben dem Schaden auch den Spott zu tragen haben. Als nach dem Siege der Jungtürken die russische Regierung das Bedürfnis empfand, vor der neuen Türkei eine Verbeugung zu machen, glaubte es der russische Botschafter in Konftantinopel, Tscharikow, der von Hause aus ein treuer Anhänger und eifriger Förderer des echtrussischen Verbandes ist, am besten und billigsten dadurch zu tun, Haß er durch ein Zirkular die „Kapitulationen" aufhob, d. h. in der Hauptsache das Recht der in der Türkei ansässigen russischen Bürger auf Steuerfreiheit. Natürlich dachte der echtrussische Gesandte dabei an die unzähligen russischen Juden, die in der europäischen Türkei wie in Palästina angesiedelt sind, die nun die Kosten der auf diese Weise erfolgten Anerkennung der neuen türkischen Regierung durch Rußland tragen sollten. Indessen machten diesesmal die russischen Behörden einen Rechenfehler, den die Jungtürken als gute, sichere Rechner sofort herausfanden und sich zu Nutze machten. Sie nahmen das Geschenk des Herrn Botschafters an, dachten aber dabei in erster Reihe nicht an die armen russischen Juden, bei denen so wie so nicht viel zu holen ist, sondern an die steinreichen russischen Klöster, die sich seit Jahrhunderten in der Türkei befinden, oder die in den letzten Jahren zur Verbreitung echt russischer Tendenzen vom Verbände in der Türket gegründet und erhalten werden. An die Türen dieser Klöster klopft nun der türkische Fiskus mit der ihm neuerdings eigenen Unerbittlichkeit, und er scheute auch nicht, wo es not tut, vor einer Konfiskatton des Klostergutes zur Begleichung der Steuerrechnung zurück. Die Mönche protestieren heftig, der Botschafter ist entrüstet über diesen „Akt der Willkür", und die Negierung in Petersburg interveniert. Alles vergeblick. Die türkische Steuerbehörde besteht auf ihrer Forderung und beruft sich auf das bedingungslose Zirkular des russischen Botschafters. Ausnahmebestimmungen für geistliche Orden kennt das türkische Steuergesetz nicht. Man wäre versucht, über diesen Reinfall der russischen Behörden zu lachen, wüßte man nicht, daß immerhin auch die Juden zum guten Teile von demselben mit betroffen werden. Es ist allbekannt, daß gerade die ausländischen Juden, die nicht das Glück haben, zu den Untertanen des Chachambaschi und zur „Jüdischen Nation" von der Alliance-Gnaden zu gehören, die ärmsten und wirtschaftlich gedrücktesten Existenzen in der Türkei bilden, die unter nicht gerade günstigen Verhältnissen einen harten Kampf um das tägliche Brot zu führen haben, und die somit die neue Steuerlast am schwersten empfinden werden. Sei dem aber wie es will, so wird man den russischen Juden in der Türkei raten müssen, das von ihnen geforderte Opfer ohne Murren zu bringen, in der Hoffnung, zu der wir gewiß berechtigt sind, daß sie die neuen Verhältnisse, die auch den Ausländern bessere Existenzmöglichkeiten sichern, dafür vollauf entschädigen werden. Hat doch die türkische Regierung übrigens auch bei dieser Gelegenheit gezeigt, daß sie einen Unterschied bei der Behandlung der türkischen Landesbewohner nicht kennt und in dieser. Beziehung . auch von Rußland nichts zu lernen beabsichtigt. Hur der flut der Slntflut-Elteratur. Alljährlich, wenn wir am Freudenfeste der Thora, mit dem wir unsere Herbstfeiertage abschließen, die Thora wieder von Anfang aufrollen, und mit der Schöpfungsgeschichte den Thorazyklus neu beginnen, werden wir von «d. 4t Beve S neuem der bereits im Talmud zum Ausdruck gebrachten Wahrheit inne, daß etwas von der elementaren Gewalt der ehernen Gesetze in Natur- und Menschengeschichte, die der Thora ersten Teil bilden, auch den offenbarten Pflichtgeboten und Vorschriften der anderen Teile der göttlichen Lehre innewohnt. >) Und es ist ebenso begreiflich, wie bezeichnend für unsere vertrauensarme Zeit, daß diejenigen, welche die Göttlichkeit der in der Thora enthaltenen Lebensgesetze nicht erkennen und anerkennen, auch die Grundlage derselben, die Authenticität der im ersten Buche der Thora enthaltenen Berichte über die Welt- und Menschenschöpfung, über die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Geschichte der Stammväter in Zweifel zu ziehen sich anmaßen. Es ist heutzutage eine billige Weisheit, die nicht allein in den Kreisen der Forscher und Fachgelehrten, sondern selbst bei den „Aufgeklärten" im letzten Dorfe sich darin äußert, daß alles, was auf den ersten Blättern der heiligen Schrift von der Entstehung der Welt un d derMenschenfamllie geschrieben steht, mit skeptischem Lächeln ausgenommen wird. Es wäre vielleicht an der Zeit, an Hand eines klassischen Beispiels unserer empfänglichen und allen neuen Ideen zugänglichen Jugend einmal drastisch vor Augen zu führen, wie dürftig und armselig sich all die sogenannten »Ergebnisse der Natur- und Bibelforschung" im Verhältnis zum reinen und klaren Wortlaut des Toraberlchts, im Lichte der Tradition gesehen, ausnehmen. Ein solches klassisches Beispiel bietet uns die Sintflut-Literatur. Daß der biblische Flutbericht schon von Alters her die Natur- und Bibelforschung rege beschäftigte, und daher auch seinerseits eine ganze Flut von Schriften, in denen die Meinungen und Vermutungen, zumeist diametral auseinandergehen, zum Ausdruck gelangen, geschaffen hat, ist bekannt. Klar und verständlich in diesem verwirrenden Komplex von Vermutungen und Aufstellungen ist und bleibt nur die Darstellung des biblischen Berichtes selbst, die die Sintflut als eine überwältigende Kundgebung des göttlichen Willens, seiner strafenden Gerechtigkeit und allumfassenden Gnade erscheinen läßt. Die gesamte Menschheit war vom Ziele ihres Daseins abgewichen. Der Mensch war Fleisch geworden, — 81,1 ruV2 — d. h., daß durch die zügellose Sinnlichkeit das tierische Element über alle geistigen, auf das Ewige gerichteten Bestrebungen oie Oberhand gewonnen hatte. Mit der Wohllust verband sich wie immer Grausamkeit und Gewalttätigkeit. Und wie der Sinn ftir das Geistige und Ewige schwand, so erstarkte der Eigenwille, die Eigenliebe, die sich über Recht und Ordnung 1) Siehe Nascht zur Stelle. komme nämlich im Aufträge der hiesigen Israelitischen Gemeinde mit der Bitte, gestatten zn wollen, das: sie. bei der bedrängten augenblicklichen Lage 120 000 Kronen auf den Altar des Vaterlandes niederlegen darf, die ich mir gestatte, Ew. Exzellenz hiermit zu überreichen. Mit Gewährung dieser Bitte, .würde auch diejenige Ew. Exzellenz die erwünschte Gewährung finden." Bei diesen Worten entnahm Leidersdorf seiner Brusttasche ein großes Couvert mit 120 Eintausendkronen-Noten. Der Minister und der General waren bei diesen: Anerbieten sprachlos und wechselten einen beredten Blick. War es die ungeahnte rasche Beseitigung ihrer ernsten augenblicklichen Sorge, war es die überlegene, feine und hoffähige Art des ganzen Auftretens von Leidersdvrf, war es ein Gefühl der Beschämung, daß er diesem Manne das zweifelhafte Kompliment der Vorsicht in einem so ungeeigneten Moment gemacht batte, oder waren es alle diese Momente zusammen; der Minister und der General standen einige Augenblicke sprachlos da. Ein Fremder, der diese drei Männer jetzt gesehen hätte, hätte den Juden Leidersdorf für den Minister und die beiden höchsten Machthaber Kopenhagens und ganz Dänemarks für Bittsteller angesehen. Dieser Eindruck wurde noch bestärkt, als nun der Minister die Sprache wieder fand und die Verlegenheit schilderte, in der er sich mit dem Oberbefehlshaber von Kopenhagen noch vor wenigen Minuten befand, wie das Vaterland seine Dankbarkeit im Augenblick nur durch Worte bekunden könne, aber dieser patriotischen Tat seiner jüdischen Bürger nicht vergessen werde. „Mich Haben Sie besonders zum Dank verpfl'chiet," sagte General Peymann zu Leidersdorf gewendet, „denn ich bin es, her das Geld so notwendig für die Stadtverteidigung gebraucht und mein Bestich bei Sr. Exzellenz hatte nur diesen Zweck." „Das freut mich doppelt, Herr General,' erwiderte Leidersdorf, „denn Ihnen habe ich in Ihrer Eigenschaft als Oberbefehlshaber von Kopenhagen in der Tat eine Bitte vorzutragen, wofür ich mir unmittelbar nach diesem Besuch bei Sr. Exzellenz eine Audienz, erbitten wollte. Ich wollte Sie nämlich im Namen der hiesigen jüdischen Gemeinde um Erlaubnis bitten, dieses öffentliche Ausschreiben durch Anschlag bekannt zu machen." Dabei überreichte er dem General ein Blatt, das dieser mit Aufmerksamkeit halblaut vorlas: SV Dukaten jagt die jüdische Gemeinde Kopenhagen demjenigen zu, der dem Unterzeichneten ernen Paradiesapfel bis spätestens den 16. Oktober d. I s., Nachniittags 5 Uhr, beschaffte. D i e näheren Bedingungen teilt auf Verlangen mit Kopenhagen, 2. September 1807. A. Leidersdorf, Präses der jüdischen Gemeinde Kopenhagen. Der General nahm vom Schreibtisch eine Feder, schrieb unter den Aufruf die Worte: Genehmigt. Peymann. und gab dann das Papier Herrn Leidersdorf mit den Worten zurück: „Wenn sich nur alle Wünsche so leicht erfüllen ließen, ich wünsche Ihrem Ausschreiben den besten Erfolg." „Und ich gratuliere Ihnen dazu, Herr Leidersdorf," bemerkte lächelnd der Minister, „daß ich nicht militärischer Oberbefehlshaber von Kopenhagen bin, denn von mir hätten Sie die Genehmigung zum öffentlichen Anschlag so rasch nicht erhalten." Der General warf einen fragenden Blick auf den Minister, um sich zu vergewissern, ob er im Ernst oder im Scherz sprach, aber der Zweifel wurde ihm bald benommen, als der Minister fortfuhr: „Ich brauche nicht zn versichern, daß die Ehrenhaftigkeit unserer jüdischen Bevölkerung und ihr patriotischer Sinn von Niemand bezweifelt wird. Aber ob Sie, Herr Präsident, klug daran tun, in einem kritischen Augenblick wie der gegenwärtige, einen solchen Preis auszuschreiben, darüber kann man recht verschiedener Meinung sein. Sie wissen, wie die Teuerung und der Notstand in der Stadt seit Beginn der B.lokade sich von Tag zu Tag steigern. Die gewöhnlichsten, unentbehrlichsten Lebensmittel sind derart in die Höhe gegangen, daß ihr Preis für viele unerschwinglich ist. Wenn in solcher Zeit die Juden für einen einzigen Apfel 50 Dukaten bieten, so muß das die Begehrlichkeit und den Neid großer Volksschichten erregen, und welche Folgen das haben kann, vermag keine« im voraus zu sagen. Wenn Sie nun dieses Risiko für sich mrd Ihre Gemeinde auch übernehmen wollen, so ist es doch ganz unmöglich, den entfesselten Leidenschaften der großen Massen eine Grenze zu setzen. Sie fangen mit den Juden an, aber wo sie enden werben, das weiß keiner. Sie machen vor kernen General-Epauletten, vor keinem Ministersessel und selbst vor keinem Königsthrone Halt. Denken Sie sich einmal, wenn Jemand mit der Beschuldigung auftreten wollte, die Juden haben das Oberkommando der Stadt und den Minister des Auswärtigen mit 120 000 Kronen bestochen, um mit den Engländern zu verhandeln und ihnen schließlich unsere Flotte auszuliefern. Um dies zu ermöglichen, haben

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