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Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
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No. 39. Seite 19 29. Sept mb er 190H Me Gegensätze berühren sich. In einer an zwei Baumstämme des stillen Waldes befestigten Hängematte hin und her schaukelnd, gehört nur wenig Phantasie dazu, sich in die Gondel eines zwischen Himmel und Erde schwebenden Ballons versetzt zu fithlen. Welches Hochgefühl, so in freien, schattigen Lüsten umherpendeln zu können. Hoch kommt freilich mein Ballon nicht, und die schlanken Buchen schütteln .bedenklich das Haupt und sagen: „Nicht zu unserer Krone in schwindelnder Höhe erhebe Mensch Deinen Blick, sondern richte Dein Auge nach dem mosigen, feuchten Waldgrund unter Dir und siehe Dich vor den Harten Stämmen und spitzen Steinen vor, die, so Dein unsicher wankendes Schifflein stürzt, Dich zu verwunden drohen . . ." Da fällt mir die noch nicht recht verdaute Reiselektüre nochmals ein, die ja auch durchwegs die spitzen Steinchen behandelt, die auf unserem Lebenswege, von dem wir uns nicht einmal in Hängemattehöhe erheben können, gestreut sind. Was bildet des jüdischen Kurreisenden geistige Kost? Broschüren über Kurplätze, Whandlungen über die Beschaffenheit unserer Verdauungsorgane und ihre Behandlung, Belehrungen über Art und Wert von Er- Der Israelit. „Nun sind chir wieder da. Es ist hier gut fein, und ich wußte, daß ihr wieder kommt! . . . ." Sie sagen es nicht, aber ungefähr so denkt auch die Wirtsfamilie, die mit dem ersten Lockruf des Frühlings aus irgend einem in Schnee verborgenen Torswinkel ins freundliche Häuschen zieht, um, ungeschult und unvorbereitet, wie sie für ihren Beruf sind, ihren Gästen das zu bieten, was in keinem großen Luxushotel mit strahlenden Treppenfassaden und livrierten Dienern, zu erhalten ist: traute Gemütlichkeit, wohlige Heimlichkeit. Wurzelecht, frisch und frei, wie die sie umgebenden Waldbäume, sind die Menschen in diesem Tale; so geben sie sich, und so geben sie auch deni Gaste, der ihr G a st, ihr Freund ist, was des Gastes und des Freundes ist. Ich weiß nicht, wen all die junge Frühlingssonne in diesem gastlichen Hause begrüßt hat, der späte — Sommerregen vereinigte eure buntgemischte Gesellschaft. Vorwiegend war das gesetzestreue Element vertreten und ein weißer — freilich sehr alter - Rabe, ein pensionierter Reformrabbiner einer deutschen Äroßgemeinde, wechselte sofort die Farbe und gab sich als der Schwärzesten einer .... Außerdem waren anwesend: zwei Aerzte, beide prächtige , jZeichenstunde in der holungsreisen und Zeitungsartikel, in denen bittere Klagen über jiidische Restaurat i o n e n geführt werden. Drei Artikel letzten Genres aus dem Sprechsal des „Israelit" interessieren mich, da sie sich direkt um den Magen drehen, am meisten. In dem ersten klagt ein Kurgast, der irgendwo das ungeheuere Mißgeschick hatte, gekochtes Kalbfleisch ausgclischi zu bekommen, über die völlig unzulänglichen jüdischen Hotels. Im zweiten nimmt jemand die jüdischen Wirte liebevoll in Schutz und sucht ihre Unfähigkeit, Gäste zur Zufriedenheit zu bedienen, liebenswürdig mit dein Umstande zu erklären, daß sie zumeist für ihren Beruf unvorbereitet und ungeschult seien. . . Fm dritten Aufsätze kehren jedoch einige Wirte den Spieß um und klagen das jüdische Kurpublikum als kritisch, empfindlich, unbescheiden und anspruchsvoll an ... Gutmütig, wie mich die weiche Waldluft einmal stimmt, finde ich, daß sie alle drei recht haben und nehme mir vor — die ewigen Berge und yimmelanragenden Bäume waren stumme Zeugen meines Vorsatzes — weder empfindlich noch kritisch zu sein, iveder unbescheiden noch anspruchsvoll aufzutret.'n und gegebenen Falls selbst das Schlimmste, das gekochte Kalbfleisch auf mich zu nehmen . . . llnd die väterlich, ja mütterlich um ihre Gäste besorgten Wirtsleute unten im Tale machten es mir leicht, die frommen Vorsätze einzuhalten, ja sie machten sie gänzlich überflüssig ... Unten im Tale — dort am Dorsende, wo die Straße nach dem Seelenberg anzusteigen beginnt, steht ein winziges, einstöckiges Giebelhäuschen mit breiter, sonniger Veranda, wie ein Kartenschloß. Im Winter, wenn die Berghöhen sich in Weiß hüllen und die dürren Baumsklette gespenstisch von den schneebedeckten Hügeln herabwinken, hält auch das Häuschen seinen Winterschlaf. Türe und Läden fest geschlossen, traumverloren und tief in Schnee versunken, so sieht es der mit seinem Schlitten vorübersahrende Holzbauer oder der vorüberziehende wintersporttreibende Feldbergpilger. Doch sind die schaurigen Schnee-- monate von der Ewigkeit ausgenommen und hat die Erde unter dem ersten Kusse der jungen Sonne im wohligen Schauer die kalte, harte Decke abgeworfen, so erwacht mit den tausend Gräslein und Blümlein auch das Giebelhäuschen am Dorfrande zu neuem Leben. Die Fensterläden tuen sich weit auf, die Türen erschließen sich einladend all denen, die nach frischer freier Bergluft lechzen und auf der breit geöffneten Veranda erscheint die junge Sonne heiter, strahlend und grüßt alte Bekannte und neue Freunde: Darke Chajim Schule. Menschen und vortreffliche Juden, ein noch jugendlicher Seminarlehrer, ein älterer Volksschullehrer, ein ehrbarer Kultusbeamter, Kaufleute verschiedener Branchen — und ein orthodoxer Zcitungsred rkteur. Selbstredend war auch die holde Weiblichkeit in allen Altersstufen und Gesellschastsschichten vertreten, von der eleganten Modedame, die zum Gaudium der Waldvögel ihren riesenhaften Hut mit in die Waldeinsamkeit gebracht, bis zur anspruchslosen russischen Studentin, in einer Gewandimg und Frisur, als wäre sie eben erst mit knapper Not einer Kosakenkugol entronnen. . . . Natürlich fehlte auch der Maler nicht, der mit riesigem Schlapphute auf dem Charakterkopfe, tagsüber im Walde, den er in feinem Skizzenbuche festzuhalten sich bemühte, herumstreifte und des Abends der Studentin große, langwierige Schlachten — auf. dem Schachbrette — lieferte. Und man glaubt es gar nicht, wie gut und verträglich im Grunde die Menschen sind, so sie, von per reinen Berglust angehaucht, die Erdenlaft von sich werfen. Ein Geschäftsreisender, dessen Welt- und Lebensonschauung zu Hause wohl in dem einen Satze besteht: „Der Mensch ist das, was er mir ein* bringt," scherzt harmlos und lacht sogar über die Witze, die sein Konkurrent am Nebentische erzählt. Die Aerzte erteilen — unentgeltlich — Ratschläge über Verhalten bei Ausflügen und .Hochtouren. Ein junger Papierhändler, eine Seele, so rein wie ein unbeschriebenes Blatt, bietet sich den Damen, auch den altern, als Führer auf einer Feldbergtour an, der alte Reformrckbbiner unterhält sich freundschaftlich mit dem orthodoxen Redakteur und die russische Studentin vergißt ihren Nietzsche und Schopenhauer und spielt mit den Kindern Kaminfeger . . . Nur einen Streit setzte es ab, natürlich war es, wie immer und überall, ein Religionsstreit. Es war bei der Tafel, just im Momente, als der kalle Gansbraten auf dem Tisch erschien, da fiel es einer der Modehutdamen ein, sich für die Reform ins Mittel zu legen. Sie sagte: „So ein Gottesdienst m-it Orgel und Chor! — ach wie erbauend, erhebend — Und erst die S e e lense i e r!" „Entzückend, gottvoll!" unterstützten sie zwei ganz junge Dämc^n. „So ein Gottesdienst mit Orgel" — dozierte einer der Lehrer sehr ernst — „ist weiter nichts, als eine Nachahmung fremder Bräuche. Und erst die Seelenfeier ist, sofern es sich nicht um das in Polen und Norddeutschland eingeführte Jskorgebet handelt, eine Nachäffung lächerlichster Art." „Sie sind auch gegen die Seelenfeier und Sie wollen fromm sein?" — Die Dame konnte nichts verstehen. „Entsetzlichl wie kann man so von der Seelenfeier reden?" wunderten sich die beiden jungen Damen. „Seelenfeier?" warf ein sonst stiller Herr, den der ungewohnte Rischonlzion-Wein etwas geistreich gestimmt hat, ein, „und da sage noch jemand, daß dem Reformjudentum die Seele abgehe!" Ter Ton, auf den der Geistreiche die Unterhaltung gebracht hatte, gefiel auch, einem andern Tischgenossen und er sagte: „Erlauben Sie, meine Gnädige, um.welche Zeit geh: denn die Seelenmusterung bei Ihnen vor sich?"" ,,^ie kommen ja doch nicht hin, wo moderne Menschen beten,"" gab die Gefragte ziemlich gereizt zurück. „Das wohl nicht," sagte der Spötter ruhig, „aber, wie, wenn so eine arme Seele die Stunde verpaßt. Kommt sie dann unwiderruflich um ihr Heil und, was noch schlimmer, um den geistlichen Segen?" Alles lacht laut auf; auch der Rabbiner. Me Dame aber, welche den ganzen Streit leichtfertigeriveise beraufbeschworen hatte, ruft erregt: „Fanatiker!" Und dann beißt sie wütend in ihren Gänsebraten hinein. In der kleinen, blitzblanken Synagoge, mitten in der Häuschengruppe der Talmulde, wo wir bei offenem Fenster eine Art Feldgottesdienst abhalten, gibt es natürlich weder Orgel noch Seelenseier. Der Frankfurter Minhag dominiert, nicht weil die Frankfurter in der Mehrzahl sind, sondern weil sich die Religionsgesellschafter am Main bekanntlich in solchen Dingen am besten auskennen und die Leitung des Gottesdienstes sofort an sich ziehen. Alles ist improvisiert, unvorbereitet, und doch klappt es vortrefflich, ec und die wenigen Einheimischen quittieren jede unserer Leistungen mit den charakteristischen Worten: „So ’nen könnte mir 's ganze Johr brauchen!"" Einer von Zunft, ein Seminarist, trägt am Freitag Abend mit selten seiner Stimme, in welcher noch alle Hoffnungen der zukunfksfrohen Jugend mitsingen und Mitschwingen, geschickt das Lechodaudi vor. Am Morgen aber tritt der Dilettantismus in sein Reckt. Einer fertigt rasch Schachris ab, ein anderer „leient"", natürlich „völlig unvorbereitet"", wie er behauptet, und singt Tropsehler zum Fenster hinaus, daß sich die Berge erstaunt ansehen und sich schümen, sie im Echo weiterzugeben . . . Wieder ein anderer trägt das M u s s a f g e b e t vor, würdig und verständnisvoll, mit einem Paradekaddisch Frankfurrer Tonart am Schluß. Den Frankfurtern lacht das Herz in der Brust ob dieser holden Heimatsklänge. Die Kölner und andere fragen: „Was ist Hür ein Jomtow?"" Bei dieser Gelegenheit erfährt man aber so manches Unerquickliche aus dem geissigen Leben im jüdischen Taunus, erfährt man, welche Aufgaben der Kreise, die sich die religiöse Belehrung und Aufklärnng der Landgemeinden angelegen sein lassen, unter den Bergiuden dieser gottgesegneten Gegend harren. Es ist ein guter gesunder Kern in diesen tlcinui Gemeinden, und eine ungeheure Summe jüdischer Kraft ist in ihnen aufgespeichert, die aber nur selten auf richtige Weise nutzbar gemacht wird. Solche kleine blitzblanke, unter großen Opfern gut erhaltene Synagogen gibt es mehrere in den Taunnsdorfcrn, in denen aber, wie man mir öizählt, nur abwechselnd am Sabbat Gottesdienst abgehalten wird, da die jüdischen Bewohner in den einzelnen Ortschaften die Minjanzahl nicht erreichest. Um jedoch ihr religiöses Bedürfnis zu befriedigen, versammeln sie sich, zum Teil einen Weg von zwei Stunden zurücklegcnd, allsabbatlich auf einem andern Platze unb halten öffentlichen Gottesdienst ab. In der Schmiede Meinen Vorhaltungen, daß ein solcher mit Sabbatentweihung verbundener öffentlicher Gottesdienst eine rrrsjn mxa ßt und ihm das Alle tGebet zu Hause entschieden vorzuziehen sei, stehen sie genau so verständnislos gegenüber wie jene Dame unserer Nichtachtung der heiligen Seelenfeier —. Von der Eruwinstitution, deren Ausführung auf dem Lande gar nicht so unmöglich wäre, erinnern sie sich nicht, jemals etwas gehört zu haben . . . Eine Landgemeinde verdankt ihr Minjan einem '

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