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Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 18)
Language
German
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©eie 18 No. 39. 29. Sevtcmber 1909 Der Israelit. men, dann bis Mittags gearbeitet und nach dem Minchogebet werden die Schüler nach Hause entlasten. AÜsabbathlich werden zwei bis drei Stunden Agados aus dem Werke En Jakob gelernt." Gleich nach Eröffnung der Anstalt sind auch aus anderen Orten Palästinas, an denen man sich Nutzen von der Ausbildung tüchtig er Handwerker oder der Einführung neuer Techniken ver¬ *0 Pfennige fünfviertel Stunden lang so ausgiebig gerüttelt und geschüttelt wird, das; man Neigungen bekommt, die sich sonst nur bei einer Hochseesahrt einzustellen pflegen, daß man sich doppelt elend und kurbedürftig fühlt und daß man endlich voll Dankbarkeit zu dem Postkutscher hinaufschaut, der jedem vorübergehenden Bauern etwas zu sagen, in jedem einsanl am Walde stehenden Häuschen etwas zu besorgen hat und so durch fortwährendes Haltmachen in der peinvolleu Seelenwanderung von Zeit zu Zeit eine kleine Ruhe- und Erholungspause eintreten läßt . . Und nun sind wir auf einmal aller Mühsal und Mischrrah-Uttterricht am Sabbat in Darke (5hajim. spricht, Gesuche um Gründung von Schwesteranstalten eingegangen. Doch gilt es natürlich vor allem, die Jerusalemer Anstalt durch Hinzufügung neuer Abteilungen derart auszubauen, daß sie sowohl nach der erzieherischen als auch nach der wirtschaftlichen Seite eine größere Wirksamkeit entfalten kann. Wer sich für die Schule interessiert, wolle sich mit den Pekidim und Amarkalim der Gemeinden des heil. Landes zu A m st e r d a m (N. Amstelstraat 5), mit ihren Gaboim in Deutschland oder mit der Palästina-Kommission der „Freien Vereinigung" in Frankfurt in Verbindung setzen. Im jüdischen Taunus. Sorge los, denn wir sind im Walde. Alles, Inas das Herz so schwer bedrückte und belastete, zerrinnt, zerschmilzt in der wohlig weichen, würzig duftenden Waldlust. „Aus der Enge rief ich Gott, er erhörte mich in der endlosen Weite seines Weltalls."^ Wie viel Heben und Duft und Kraft und Schönheit atmet diese grüne, schattige, weltferne Waldeinsamkeit! Im Norden der zackige Schellen, der sich schilpend über die zu seinen Lüsten friedlich im Nebel schlummernden Talwiese neigt und majestätisch überlegen aus die in südöstlicher Richtung gespenstisch emporstrebenden Ruinen von Oberreifenb n r g herabsieht. „Seht ihr, wir haben euch überdauert. dieweil ihr nur Menschenwerk seid. All die mächtigen Ritter mit ihren Schaaren von Geharnischten und Reisigen vermochten euch nicht vor dem Zahn der Zeit zu bewahren, indes wir, die Wälle Gottes, etwas von der stolzen Ewigkeit unseres Meisters an uns haben und den grünen uranz nnverblühter Juschauen, ja zu beherrschen ... Es ist die Doppelempfindung, der der Psalmdichter so schönen Ausdrmk verleiht, da er beim Anblick der himmlischen Naturwunder ansruft: „Was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest und der Erdensohn, daß Du ihn bedachtest? Allein, Du hast ihn, einem Gotte gleich, mit Ehre und Glanz gekrönt, ihn über Deiner Hände Werk herrschen lassen und alles ihm zu Füßen gestellt."! . . . Und unten in der Talmulde schlummert das Dorf, mit seinen kleinen, wie aus den Felsen gehauenen Häuschen, seinen buckeligen Höfen, seinen dampfenden Misthaufen, vor denen rührige Hühnervölkchen ehrlich ihren Daseinskampf führen. Auch eine Art Klappermühle hat das Dorf, die ihren monotonen Dreitakt bis zur Waldeshöhe hinaufsendet. Von irgend einer Seite ertönt Hundegebell. Durch die Kanonenst r a ß e, auf welcher einst der große Korse mit seinen schwersten Geschützen gen Osten gefahren ist, zieht friedlich eine Schafherde von einem buckeligen Schäfer geleitet. Ein Knhgespann mit frischem Heu holpert vorbei. Die Schäfchen stürzen blöckend zur Seite, der Hund bellend hinter ihnen her. Wieder ist alles totenstill. Nun klingelt und bimmelt es aber von der andern Dorfseite und Staubwolken erheben sich und wirbeln in der Luft. Jetzt kommt Leben ins einsame Tal. Der schwarze gardinenbehängte Postwagen fährt durch die Dorfstraße . . . Das ist alles so glatt, so einfach, so selbstverständlich, so wenig kompliziert, daß man ganz vergißt, eben erst der Kultur, dem hastenden, treibenden Leben mit seinen weltbewegenden Zeit- und Streitproblemen entronnen zu fein. War vielleicht der weise König auf waldumgebener Bergeshöhe, hatte fein forschender Blick auf einer friedlich im grünen Tale weidenden Schafherde, auf einem mit seiner Ernte heimziehenden Bauer, ans einer sich langsam bewegenden Postkutsche geruht, als er den Ausspruch tat: „Gott hat den Menschen gerade gemacht, er aber — der Mensch, der das .Leben komplizirte — stellte viele Rechnungen auf."?! . . . Des Menschen unermüdlicher Geist strebt rastlos vor- und auswärts, arbeitet und schafft - für die Ewigkeit. Ein Si'EE 'p^5K p^N, ein Teil der göttlichen Ewigkeit vermag er, der Geist, ewige Werte der Menschheit zu schenken. Mer was Hilsts? Er, der einzelne Mensch, der erdenschwcre, hält nicht Schritt mit den Schöpfungen seines Geistes. Und eines Tages hört er wie Grabesstimme aus seinem Innern: „Dein Werk hat gesiegt, es steigt, aber Du bleibst unten, unterliegst!" Dann kehrt er geistesmatt, kulturmüde und gebrochen am Körper zur alten Mutter zurück, an die er im geräuschvollen Getriebe der großen Welt kaum noch gedacht hatte, zurück, zur Mutter Natur. Diese aber schließt ihn, als hätte sie seiner in all den Jahren gewartet, in ihre Arme und läßt ihn aus ihren reichen unversiegbaren Heilquellen Labung und Gesundung trinken. „Ach Kind," sagt die gute Mutter Natur, „was haben sie doch dort in der großen, weiten Welt aus Dir gemacht und wie siehst Du doch aus! Ein verspäteter Reisebrief. Es war eine regelrechte Knttnrentwicktung uaci) rückwärts, die ick> an dem grauen nebelduftenden Septembervormittage, der mich, etwas spät, in die Berge hinausführte, durchwachte. Stolz und sicher mit Propellergeräusch, das wie mächtiger Flügelschlag einer neuen Zeit anmutete, segelte ein lenkbares Motorluftschifk. durch die Lüfte. Ihm folgten weniger sicher, aber desto leichter und höher mehrere Kugelballons, deren einige, willenlos vom Winde durch die Ncbelkette geführt, bald spurlos verschwanden. Wer aber, wie ich, nicht das Glück hat, zu den Vorläufern oder Vorfliegern der neuen Zeit zu gehören und noch bodenschwer an der Erde klebt, mußte sich halt noch eines etwas banalen, bald veralteten Verkehrsmittels bedienen: der Elektrizität. So setzte ich mich, nicht ohne Wehmut, in die E l e k t r i s ch e , die mich zum Bahnhof brachte. Und nun ging es mit Riesenschritten, immer weiter zurück. Von der Elektrizität bis zum Dampf war in der Tat nur ein Schritt. Denn schon schnaubte; und fauchte die Lokomotive des Schnellzuges und blies! Rauchwolken, als wollte sie ihrem Aerger über den hochfahrenden Konkurrenten, der draußen in der Wol- . kenlinie ihr Erbe anzutreten sucht, Lust machen. j „Ein st eigen Homburg, F r i e d b e r g!!.'" j Allein nicht weiter als bis Homburg geht die i Schnellbeförderung. Dort heißt es umsteigen und sich ' der Kleinbahn anvertrauen, die uns unter vierem Ge- ■ rausch und Geklingel an halbgesperrten Barrieren, i verfallenen Bauernhütten, waldumkränzten Wiesenj tälern vorbei, langsam und bedächtig weilerbringt.; Also eine weitere Knlturetappe nach rückwärts —. Eine weitere, aber nicht die letzte. Denn nun sind wir am Ziele unserer Bahnfahrt angelangt, und unserer harrt eine ehrbare *ß o ft f u t j ri} e. Ich betrachte das sonderbare Gefährt mit mißtrauisch forschenden Augen. Es ist nicht jener uns bekannte liebe dickleibige gelbe Postwagen, auf dessen Bock der Postillon seine luftigen Weisen schmettert. Es ist ein Vehikel von ganz eigentümlicher Zusammensetzung und Farbenmischung. Unten ein schwarzer viereckiger Kasten, der einem Leichenwagen verzweifelt ähnlich sieht, hat er noch einen gardinenbehängten Aufsatz nach der Form eines bei den alten Bauern heute noch vielfach üblichen Himmelbettes. Nicht ohne Mühe klettert man in das Himmelbett, wo man für nur v v* ■ de» We»kstiitte der gend aus unserem Haupte tragen." Und auch der Riese ruft aus einiger Ferne. Vom Süden her bringt der Wind einen Gruß vom Fe l d b e r g , eine balsamduftende F-ichtentuft, die unwiderstehlich ruft und höher lockt — steigen, steigen . . .! Ein Gefühl der tiefen Beklommenheit und der stolzen Erhabenheit zugleich beschleicht das Herz. Wie nichtig, klein und hinfällig scheint doch der Mensch angesichts dieser Naturriesen und doch ist er groß und stark mit seinem innerlichen Naturerleben, mit der Gabe, diese endlosen Weiten zu erfassen, zu über¬ Darke Chajim Lchale. Die Wangen hohl, das Auge matt, die Brust eng und gesenkt. Hast Dich lange und weit von Mir entfernt! . . . Nun aber bleibst eine zeitlang bei Muttern, wirst wieder glücklich und froh werden und wie einst aus voller reiner Kindesbrust jauchten . . Und siehe, ich lehre Dich auch beten, beten wie man nur im weiten Tempel des Weltalls beten kann, beten wie einst der königliche Psalmdichter bei meinem Anblicke gebetet hat: „Es lobe meine Seele Gott. O Gott, wie unermeßlich groß bist Du, derDuDichinGlanzundPrachthüllst!.,"

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