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Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seile 20. Fr 59 Der Israelit. 29 September 1909 in der Großstadt „ausgebildeten ' jungen Mann, der so freundlich ist, auf seiner Geschäftstour am Sabbat Morgen mit seinem Rade vor der Synagoge anzuhalten . . . Natürlich wird der tapfere Jüngling für seinen Hilfsdienst mit einer religiösen Ehren funktion belohnt. Daß dieses nicht angeht, begreift selbst mein Gewährsmann ohne Weiteres und er verspricht mir, wenigstens dem fahrenden Minianmam. von nun ab die Mizwoh Zu entziehen. Ob es der Sabbatradler noch der Mühe wert halten wird, vor der Synagoge halt zu machen? Bielleicht nicht und damit wäre immerhin schon etwas erreicht . . . Und dabei sind die Leute herzensgut, brav, sogar religiös in ihrer Art und der Belehrung sehr zugänglich. Ihre Augen glänzen vor Freude, so inan ihnen ein Wort der Schrift in einer ihnen naheliegenden Weise auslegt und daraus eine Lehre tür das Leben, für ihr mit kleinen Verhältnissen rechnendes Leben zieht. — — * * * Wir kehren vom letzten Spaziergange zurück. Wir haben noch eimnal die idyllische, weltferne Ruhe ge nossen, noch einmal die köstliche rauch- und staubfreie Höhenluft, die von waldigen Bergen weht, in vollen Zügen geatmet, den würzigen Duft aus taufrischen, tiefgrünen Wiesentälcrn cingesogen. In der recht winkligen Waldlichtung am sog. „Bocksprunge" sahen wir aber Bäume, die die ersten gelben Blätt.'r abwarfen und hoch über ihnen zogen dichte Bögelschaaren gen Süden; auf der Wiese, am Bachrande, noch grün und duftend, tauchten bereits vereinzelt H e r b st z e i t - lose aus. In der kleinen Synagoge hatte aber auch einer der Gäste das Elulhorn geblasen, dilettantenhaft schwerfällig, aber doch eindringlich mahnend. Alles mahnt zur Rückkehr, zur Um- und Einkehr . . . Auch wir kehren heim zur Arbeit und zur Pflicht. Wir waren bei Mutter Natur, wo wir Heilung und Gesundung für so manche Wunde, die uns das Leben geschlagen, gesucht uüd gefunden. Noch einmal schloß sie uns liebevoll in ihre Arme, reichte uns den labenden Abschiedstrank. Dann aber sprach sie: „Jetzt ist's genug, Kinder, jetzt kehret heim, da ihr sonst den Anschluß an das Leben, das treibende verpaßt;" Sie sprach es in ihrer eignen holdselig wehmütigen Art, in der Sprache der fallenden Blätter, der heimzichenden Vögel, der blühenden Herbstzeitlose .... Und nun hallt es laut und brausend durch Wald und Feld, daß es den Peitschenknall des Postkutschers weit übertönt, die Mutter ruft es: „Aus frohes Wiedersehen!" *• 3m Condoner Judcntfertel. Ueber die Juden in Whitechapel macht O. A. H. Schwitz (London) in den „Münchener Neuesten Nachrichten" folgende interessante Mitteilungen: Ter Name Whitechapel erweckt noch immer, auch bei vielen Londonern, die Vorstellung eines verruchten Stadtviertels, voll von Elend, Laster und Verbrechen. Noch am Ende der viktorianischen Zeit mag cs dort Gassen gegeben haben, in welche sich selbst die Polizei nicht hineinwagte. Aber seit dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, wurde der Pauperismus mit allen seinen Begleiterscheinungen durch den Ltrom der einwandernden russisch-polnischen Juden immer mehr in die angrenzenden Viertel Hoxtön, Shorevitck, Stepney und Poplar gedrängt. Dadurch hat Whitechapel einen ganz anderen Charakter bekommen. Tie Hauptstraße ist breit und hell und gleicht in ihrem Getriebe ein wenig der oberen Friedrichstraße. Abends freilich glaubt man sich in den Süden versetzt. In langen Reihen von Buden werden bei flackernden Lichtern Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände feilgeboten. Der grelle Schein der Bogenlampen vor Theatern und Muiic-Halls fällt auf eine Menge, deren farbig gekleidete, etwas auffallend orientalische . Frauen einen weit fort von diesem Nebelland versetzen. An vielen Läden sieht man hebräische Inschriften, die Plakate der Kinematographen sind hebräisch, in der Armut der Seitengassen steht man wohl auch hie und da russische Schriftzeichen. Hinter einem Ladentisch gewahrt man einen langbärtigen Patriarchen, während zwei üppige junge Frauen vor dem Hause miteinander schwatzen und ihre schwarz- und kraushaarigen Babies festhalten. Schon Ende des 17. Jahrhunderts kamen die ersten spanisch-portugiesischen Juden aus Amsterdam herüber und siedelten sich bei Houndsditch an der Opschwelle der City an, da, wo heute Whitechapel beginnt. Sie gehörten jenem Zweig der Sephardim an, die nach der Zerstörung Jerusalems durch 'Nordafrika im Laufe der Jahrhunderte bis Spanien kamen und niemals die Erniedrigung des östlichen Ghettos gekannt haben. Diese jüdische Aristokratie, welche den westgotischen Königen Spaniens manchen finanziellen Berater geschenkt hat, welche in dem arabischen Andalusien eine späte Blüte jüdischer Wissenschaft und Literatur hervorgebracht, hat sich von den russischpolnischen Glaubensgenossen, wo sie mit ihnen zusammentraf, mehr oder weniger getrennt gehalten. Ehen wurden, wie zwischen Adeligen und Bürgerlichen, verMieden. Diese Sephardim fanden auch in London bM» den Weg auf die Höhen der Gesellschaft und überließen .Whitechapel den armen Askenasim aus Rußland und Polen. Einer dieser sephardischen Juden ist Prime-Minister und Peer von England geworden: Disraeli der Earl of Beaconsfield. ‘ J3& Heute leben in Whitechapel mehr Juden als Jerusalem, ihre Zahl wird auf 70,000 bis 80,000? geschätzt. Wenn sie von Rußland Herüberkommen, sind ) sie die ärmsten und erschöpftesten Wesen, die nur eine systematische Unterdrückung hervorbringen kann. Kaum aber atmen sie die, Luft eines freien Gemeinwesens, so ist es einfach ohne jedes Beispiel, wie schnell sie sich verändern. Ihr ausgesprochener Tatsachcnsinn läßt sie ihre Situation genau erkennen. Für persönlichen Stolz und besondere Ansprüche fehlt vorläufig jeder materielle Grund, und im Gegen satz zu vielen anderen Nationen, „leisten" sie sich vorläufig den Stolz noch nicht. Sie arbeiten unter jeder Bedingung bei irgend einem Meister, um möglichst schnell ein marktfähiges Handwerk zu erlernen. ,Jhre Ansprüche wachsenim richtigen Verhältnis zu ihrem tvachsenden Wert. Lie erkennen ganz genau den Augen blick, wenn sie es nicht mehr nötig haben, für einen dieser „Sweater" genannten Meister zn schwitzen. Eines Tages fehlen 'sie auf ihrem Plan, sie haben günstigere Bedingungen gesundem schließlich werden sie selber Meister, häufig auch „Sweäiers". Die Armenpflege spielt unter einer solchen Be vötkeruna natürlich eine große Rolle, aber wie ver schieden sind ihre Resultate von denen in den übrigen Londoner Armendistrikten, wo der „out «loor ielief" der Armen heute angeklagt wird, den 'Pauperismus geradezu gezüchtet zu haben. Charles Booth stellt fest, daß von den jüdischen Paupers, welche )cr I e w i i li Board of Guardians unterstützt, im folgenden Jahre vielleicht ein Zwölftel wieder Unterstützung verlangt, die übrigen haben sich inzwischen mit den ihnen gespendeten Mitteln emporgeholfen. Dagegen sind die englischen Paupers, welche Unterstützung erhalten, eine ganz und gar parasitäre, hoffnungslose Klasse, deren Mitglieder immer und immer wieder kommen, ohne sich je zu heben, und neue Paupers zeugen. Dagegen kann man von einer-fast völligen Erfolglosigkeit der „Society sor Promoting Christianity among the Jews" sprechen. Sie verspricht dein Konvertiten für die Zeit der Bekehrung Wohnung und Verpflegung in der Anstalt und später Beistand, besonders in der Kindererziehung. Die guten Leute ahnen gar nicht, was für reale Lebenswerte die ärmste jüdische Gruppe solchem atmosphärlosen Puritanerleben gegenüber zu stellen hat: die gemütlichen Bande eines geschlossenen Familienlebens, wie ^'s andere Rassen nur saiusi viel höherer sozialer Ltufe entwickeln, eine uralte, auf langen Wanderungen gerettete Religion, welche Sitte und Sprache, ja den ganzen Alltag durchdringt. Wie armselig wirkt dagegen das „Chapel Life" englischer Non-Konformisten. Erst dann geben Whitechapeler Juden ihr orthodoxes Bekenntnis auf, wenn sie die vollen sozialen Vorteile eines englischen Bürgers, nicht eines Paupers, dagegen eintauschen können. (!) Die letzten Entwicklungsprozesse des Juden spielen sich naturgemäß nicht mehr in Whitechapel ab, denn wenn es ihm gelingt, wirklich hinauf zu kommen, so zieht er in die besseren Stadtviertel oder wenigstens schlagen seine Kinder, sobald sie sich verheiraten, dort ihre Wohnsitze auf. Die Anfänge dieses Steigens kann man bereits in Whitechapel beobachten. Man bemerkt dort sehr viele, welche die bekannten Züge des „wohlsituierten" Juden aufweisen. Man sieht sie in ihren schwarzen, etwas altmodischen Gehröcken an Sommerabenden spazieren gehen, die etwas beleibte Gattin mit auffälligen Schmucksachen am Arm. Halbwüchsige Kinder gehen voran, sie sind bereits mit erheblich besserem Geschmack gekleidet. Der Junge könnte, von einer gewissen Fahrigkeit der Bewegungen abgesehen, schon fast ein Eton boy sein. Das Mädchen in sogar eine richtige kleine Dame und würde nach einem Jahr in einer Pension der französischen Schweiz sich kaum mehr von ihren Glaubensgenossinnen vom Kurfürstendamm oder von der Bockenheimer Landstraße unterscheiden. Man kann diese sozialen Schichten am besten beobachten, wenn man die Vergnügungslokale von Whitechapel besucht. Ich habe bis jetzt nur Simultan-Kinematographen gekannt, in Whitechapel habe ich zum ersten Male einen konfessionellen gesehen: hebräische Ankündigungen, Bilder von romantischen Kämpfen, Entführungen, Verbrechen. In einem kahlen Raum drängt sich eine Masse ärmlicher, meist junger Leute, die wohl alle erst vor kurzem herübergekommen sind. Sie sehen sich die Geschichte des Ewigen Juden an, oder die des Grafen von Monte Christo, dazwischen steht man idyllische Bilder aus dem Buch Ruth, auch historische Szenen interessieren, besonders wenn Napoleon oder der Tower darin Vorkommen. An den Wänden sehe ich einige Farbendrucke und entdecke, daß sie aus der Münchener „Jugend" stammen. Weit interessanter als solche Kinematographen ist das Jiddische Theater „The Pavillon" am Ende von Whitechapel Road. Hier kann man in den „Stalls" bereits eine bedeutend höhere Gesellschaftsschicht beobachten, denn der Platz kostet eine halbe Krone (2,50 Mk.). Es werden Stücke aller. Art gespielt, am interessantesten sind die modernen, welche Konflikte aus dem Leben der russisch-polnischen Juden selber bringen, z. B. „Das jüdische Herz". Die Probleme sind nicht ohne Interesse: Jemand verstößt seinen Schwiegersohn, weil er die orthodoxen Ideen mit den modernen vertauscht, die Frau aber bleibt ihrem Manne treu, oder: Die Tochter eines armen Rabbiners »eiratet einen reichen Emporkömmling, der sie schlecht Wandelt, so daß sie mit ihrem Kinde wieder zu der Ar- Wut der Eltern zurückkehrt; als der brutale Gatte sie mit Gewalt wieder holt und sie dann in der Betrunkenheit aufs äußerste reizt,, tötet sie ihn m einer wahnsinnigen Judithszene mit dem Schächtmesser. Niemals habe ich ein so hingerissenes Publikum gesehen; als der Wüterich nachher vor dem Vorhang erschien, ahmte das Auditorium die Heultöne nach, mit welchen er in dem Stück seine'unglückliche Frau eingeschüchtert hatte. Die Sprache dieses Theaters, wie des Publikums, ist der jüdische Jargon, ein durch starke hebräische Beimischung entstelltes Alemannisch. Ein Süddeutscher, besonders ein Frankfurter oder Wiener, kann zur Not folgen. Es mögen auch viele slavsiche Einflüsse dazu kommen. Ich höre, daß die Spräche fortgesetzt in Umbildung begriffen ist, auch das Englische hat bereits Spuren hinterlassen. CJO. gnderecke. Berbftlaub. Bunles Laub liegt melk am Wege, Wo der Goldball einsam glüht;' Während über kahl, Felder Heimatlos die Schwalbe zieht. Um des Gartens letzte Blüten Eilig noch das Bienchen schwirrt; Sammelt noch eiri Tröpflein Honig Eh' es kalt und finster wird. Und der Knabe spricht zum Bienlein: „Ariites Ding, was du erwirbst Nützt dir nichts. Es kommt der Winter; Wer lagt dir, daß du nicht stirbst?" „Wer mirs sagt!" erwiderts Bienlein, „Ei mein Kind, wer sagt denn dir, Daß im Himmel dich ein Baker Gütig schützet für und für?" Hin zum Böglein geht der Knabe: „Winn du übers Meer jetzt ziehst, Sagt dir jemand ob du wieder Jemals deine Heimat siehst?" Und das Böglein blickt nach oben: ,stWrnn du in der Ferne bist, Lagt dir niemand, daß zu Hause Wer um dich in Sorge ist?" Zum Bäumlein gehe fetzt der Knabe' „Bitte, schenk ein Sträußchen mir; Unsre Sukkoh steht schon fertig. Harrt nur ihrer bunten Zier." Traurig spracht das Bäumchen: „Gern! Ach, wie des Herbstes Stürnie Wehn! Schon fällt mir Blatt um Blatt zur Erde- Bald ifts ja doch um nrich geschehn." Dararcf der Knab': „Siehst du denn nicht, Wie freundlich dort die Sukkoh blickt! Wie fröhlich an des Herbstes Schwelle Sie sich mit neuem Grün geschmückt? Unser guter Vater droben, Der in Winters 'Angesicht Uns heißt frohe Feste feiern, Will auch dein Verderben iticht. Wenn er heim ruft seine Böglein^ Denen er den T sch gedeckt, Wcnn mit tausend Blütenküssen Wieder er den Frühling weckt, Und zum Fest uns wieder winket, Dann gedenket er auch dein." —- Sprachs, und ging.-Das Bäumchen aber Nickt und schlummert lächelnd ein. R. L. ßebräifcftes Räffel. .':öö inpn 'tPfcn nx .’jarr twxS p •cna inpn 'Sn nx dx ♦cren 'dm 2x *!npn 'mp ox .-rn Dnacöö jro rz iwn xS 2x1 .'wxxsn nxin bz rinn tx A. Srog, Königsbach.

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