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Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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dje Wart Judentum und Kunst im Leiste $. R. stirscds. Bon I Strom. II. Es gibt natürlich Uebergänge,- auch in der Dichtkunst z. B. erfreut uns eine scharf gezeichnete schöne Landschaft oder Gestalt, rein in der Formgebung und Anschauung, ganz abgesehen davon, wie wir uns zu dem Ganzen stellen. Aber ein Gedicht oder Drama ganz so „interesselos", rein anschauend betrachtet wissen wollen, wie es z. B. F. Th. Bischer haben will, um seine Definition des Schönen auch für diese Künste zu retten, ist eine gewaltsame, nicht in deren Wesen liegende Prokrustestat. Schon Schiller, der, auf Kant fußend, in der „Aesthetischen Erziehung des Menschengeschlechts" als Zweck der Kunst die Schönheit, den rein anschauenden Genuß definiert, will andererseits die Schaubühne als „moralische Anstalt" betrachtet wissen. Dieser Streit beschäftigt uns hier in sofern, als er aufzuhellen geeignet ist, warum wir im Judentum Musik und Poesie haben, aber keine bildende Kunst (mindestens als I'art pour Tart nicht). Eine nur den Sinnen, auch im höheren Sinne —. der aber vielfach nur vermeintlich ein solcher ist —, ohne Beziehungen auf sittliche Wahrheit und Pflicht dienende Kunst konnte auf dem Bo^en des Judentums nie erwachsen. Damit kommen wir der Frage, was ist bildende, was ist Kunst überhaupt vom Standpunkt der min näher. Um diese Frage zu beantworten müssen wir die viel umfassendere stellen: Was ist Welt, Menschheit, was ist Sein und Leben? Es ist ein Fehler vieler Aesthetiker, daß sie das Schöne und die Künste an sich betrachten und definieren wollen, ohne auf das ganze Wesendes Menschen, der sie geschaffen einzugehen. Nun ist dem Judentum die Welt und der Mensch eine Verwirklichung von Gottesgedanken. (Wie herrlich ist Hirsch's Umdeutung des bekannten cartesianischen Satzes eogito ergo snm in eogitor ergo sum). Vielmehr sie soll es sein. Denn dadurch, daß die Gottesgedanken nicht absolut im Menschen verwirklicht, sondern ihm zur freien Verwirklichung in min nahegelegt sind, entspricht er und die Welt, soweit sie von seinem Verhalten bedingt ist, denselben noch nicht. Bereitet war das Paradies, das er Gottdienend „bearbeiten" und „hüten" sollte in einem Leben ohne Mißklang, in reinster Harmonie und Schöne. Er sollte sich als Geschöpf und Diener- Gottes begreifen, der allein ihm sagen kann, was gut sei und böse. Daran, an der freien Verwirklichung seiner sittlichen Aufgabe, scheiterte er und sein Paradieses-Glück. Er selbst könne wissen wäs er zu tun und zu lassen habe, log die tierische Seite in ihm vor. Da siel das Paradies— ein von Gott geleitetes, harmonisch vollendetes Leben aller —hinter ihm zu und die selbstherrliche Menschengeschichte begann — mit einem Brudermord. Aber nicht ewig verschlossen soll das Paradies bleiben, erm-o und nasnnon mnn ton1? sollen den Weg zu ihm hüten, daß die Menschheit ihn finde. Ein Mittel dazu sollte die min unb ihr Volk sein, wegweisend durch Schaffung eines Gesamtvolkslebens unter dem Diktat Göttlichen Willens, zu zeigen, wie man das Paradies gewinne. Das jüdische Volk aber verlor auch das ihm zugewiesene Paradies aus gleichett Gründen wie der erste Mensch und hat es für sich und die Menschheit wieder zugewinnen. So ist dem Juden die Welt- und Kulturgeschichte der zu reinem Paradiesesglücke, für das der Mensch geschaffen, zurückführende Weg. Er sieht, wie die Menschen mit allen auf sich selbst gestellten Aeußerungen und Anstrengungen ihrer geistigen und materiellen Fähigkeiten, Lebensanschauungen und Staatsformen, Lebensrichtungen und Staatengebilde schaffen und damit nicht zum Ziele, zur Vollkommenheit und zum Glücke kommen.. Die höchsten Leistungen der auf sich selbst gestellten reinen und praktischen Vernunft, (Wissen und Technik) erzeugen nicht Glück und Harmonie, bannen nicht Krieg und Mord, Elend und Unglück. Aber er sieht auch, wie all das Baustein ist zu dem Endziel, an dem angelangt, die Menschheit einsehen wird, daß ohtte sich Denken und Leben von Gott gestalten zu lassen kein harmonisches Glück erreichbar sei und dann Gottesliebe und Gottesfurcht einzieht in jedes Meuschenherz. Ein solches Mittel zur Zurückgewinnung gesunkener Menschheit zu Gott und damit zu ihrem eigenen vollkommenen Glücke ist ihm auch die Kunst. Die Freude am Schönen ist eine Seite des Menschen geistes, die er auch auf der Paradieseshöhe des Gottes-Ideals haben sollte und haben wird. „Denn Gott ließ wachsen im Paradies jeglichen Baum reizend für den Anblick und gut für den Genuß", heißt es, und der Mensch begann zu sinken, als er den Genuß dem ästhetischen Anblick voranstellte. (S. Kommentar I. B. 11 9) So ist eine Geiftesrichtung, die das Schöne rein um seiner selbst willen pflegt, sicher ein Schritt auf dem Wege zum Paradiese und als solcher ein Mittel zur Erziehung der Menschheit. Sie wäre dies unbedingt, wenn einerseits ein derart objektives Verhalten einer menschlichen Tätigkeit zu ihrem Gegenstand überhaupt möglich wäre, andererseits das Schöne sich als feststehenden, allgemein gültigen Begriff fassen ließe. Da ein Gegenstand nicht schön ist durch greifbare, in seiner Natur liegende Eigenschaften, wie er etwa hart oder weich, glatt oder rauh ist, sondern durch den Schein mit dem er in die schauende Seele fällt, ein Schein, den erst diese zu dem wahren Sein des Schönen erhebt, so hängt die Ansicht über das, was schön ist stets und immer von den schauenden Individuen ab. Der allgemeine Kultur- und Geisteszustand einer Epoche ist für ihr Ideal des Schönen und dessen Darstellung in der Kunjt so bedingend wie für dasjenige des Wahren oder Guten. Wenn der Hellenismus den schönen Menschen zum Ideal bis zur Selbstvergötterung erhob, in ihm selbst den Maßstab alles Seins und Sollens findend und so jede Regung seiner Sinne, in Harmonie und Schönheit veräußerlicht, zum Lebensziel setzend, so fand diese ganze Geistesrichtung ihren Ausdruck in der später nie mehr erreichten griechischen Skulptur. Die christliche Mystik des Mittelalters rang nach Ausdruck und Darstellung in Bildwerken, die zum besten gehören, was die Malerei geschaffen. Die Blüte der Landschaftsmalerei als Darstellung des landschaftlich Schönen datiert erst seit Rousseau, der die Begeisterung dafür geweckt, (seine neue Heloise enthält die erste landschaftliche Beschreibung in eitlem Roman) Daß die Poesie und Literatur der Spiegel ihrer Zeit ist, ist ohne Weiteres klar. Von festen begrifflichen Grenzen kann beim Schönen und der Kunst so wenig die Rede sein, wie bei irgend einer andern geistigen Tätigkeit des auf sich selbst gestellten Menschen. Was die Kunst, die Freude an ihr und am Schönen in allem Wandel und Wechsel ihrer Entwickelung dem denkenden Juden so recht als ein Mittel für die Wiedergewinnung der Menschheit für feine Paradieses Wahrheit erscheinen läßt, ist zunächst schon der Umstand, daß sie ein Ideales ist, über die materiellen Zwecke des Menschen hinauc gehend. Stärker noch als in seinen andern Aeußerungen der Intelligenz zeigt der Mensch, in der Sehnsucht nach dem Schönen rtnd in dessen Darstellung sich als geistig-seelisches Wesen. Die Beschäftigung damit hebt ihn empor über einen rein utilitaristischen Standpunkt, vor dem, was nicht seinem Leib direkt oder in tausendfachster Vermittlung dient, nicht Geltung hat und befähigt ihn in dieser und anderer Beschäftigung des Geistes das Wesen und Hochziel des Lebens zu sehen, dem feine materiellen Bestrebungen nur Mittel schaffen sollen. Sie muß ihn auch dazu befähigen, am Ende der Zeiten zu erkennen, daß auch Ausbau seines Geistes nicht Selbstzweck ist, sondern auch dieser mit allen seinen Aeußerungen dienen soll dem höchsten Geiste und seinem Willen. Er wird es einsehen lernen, daß eine Welt, die von ungefähr geworden ist, nicht so viel Harmonie, so viel Schönheit, nicht Schönheit überhaupt, enthalten könnte. Der Schönheitsbegriff, an deffetl Definition sich so viele Geister versucht, lvird ihm klar und deutlich werden, wenn er seinen Geilt als ebeubildlichen Funken Dom Gottesgeist begriff. Wie der Welteugeist die Welt geschaffen in Harmonie und Schönheit, so hat sein eigener, ihm entstartintter Geist die Fähigkeit, diese Schönheit

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