Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Leuilleton-Beilage zu Nr. 39 des „)sraelit". Var bqfermadl. euilleton. Bon Arthur Kuhn. (Fortsetzung.) Er war jetzt bald ein Sechziger, niemals krank gewesen, aber immer sehr rüstig und fleißig und unermüdlich im Sammeln irdischer Güter, wobei er auch ebenso erfolgreich war. Da er weder studiert hatte, sich noch sonst in seinem Leben mit metaphysischen Problemen abgegeben, so hatte er sich auch nie öfter mit philosophischen Problemen und mit Fragen jenseits unseres irdischen Daseins als nur zweimal im Jahre flüchtig beschäftigt. Diesen ernsten Betrachtungen gab sich Schimme Bär jeweils am Rosch-haschonoh-Morgen nur solange hin, als der Vorbeter im Musafgebet mit tränenerstickter Stimme von der Vergänglichkeit alles Irdischen in wehmutsvollen Melodien sang. Und das ging auch den Schimme an, daß der Mensch der Blume gleich, die am Morgen blüht, des Abends welkt, dem Grase, das grünt und bald darauf dorrt, und der hingleitenden Wolke und dem in Nichts verwehenden Winde/ denn unser Leben ist nicht mehr als ein schnell verfiüchtender Traum. Bevor der Chasen, — am Rosch-Haschono betete übrigens der Jökew, als der älteste Balbos und zugleich der erste Parnes im Dorfe — dieses rührende Gebet verrichtete, hatte der Lehrer Levi schon zuvor die Gemeinde durch seine Predigt gar ernst gestimmt. Er erinnerte seine Zuhörer daran, daß Inder Stunde, in der sie hier im Gotteshause versammelt waren, ihr Schicksal von Gott bestimmt würde über Leben und Sterben/ Armut und Reichtum, friedvolles und ruheloses Dasein nnd Ende, kein lebendes Wesen seinem ihm von der Vorsehung bestimmten Lose entrinne. In einer so bedrohlichen Stunde hätte mancher Andächtige sein bestes Faß Wein, das er im Keller hatte, darum gegeben, wenn er dadurch die Garantie erlangt hätte, daß er in dem kommenden neuen Jahr noch einmal mit heiler Haut davon kommen werde. Konnte man doch durch Buße, Gebet und Werken der Wohltätigkeit möglicherweise noch einmal das böse Verhängnis abwenden. Und wie schön und rührend wußte Levi zu schildern, daß an diesem Tage und in dieser Stunde der Geist der toten Eltern bei den Betern weile. Beim Erwähnen seiner toten Eltern schämte sich Schimme nicht, in Tränen auszubrechen, sowenig wie der Manche, oder der Kiewe, die doch alle feste, harte Männer waren und dennoch sich des Weinens nicht enthalten konnten, wenn Levi daran erinnerte, wie ehemals der Vater und die Mutter am Rosch-Haschonoh in ihren weißen Sterbekleidern fromm und demütig an derselben Stelle gestanden und wohl aus demselben Gebetbuch dasselbe Gebet andächtig verrichtet hatten. Ja, damals gab es nur wenige andächtige Beter in den Synagogen, die nicht an jener Gebetsstelle gerührt und erschüttert der teuren Toten gedacht hätten. Heute nun, wo es zu Rosch-Haschonoh noch weit hin war, dachte Schimme darüber nach, wie er nur mit knapper Not dem Tode entgangen, was er sehr wahrscheinlich der Fürbitte seiner frommen Mutter im Himmel zu verdanken hatte. Dann dachte er darüber nach, was er denn eigentlich im Leben schon einmal besonders Verdienstvolles getan/ außer daß er für sich und sein Veilchen*) ein ansehnliches Vermögen zusammengearbeitet hatte. — „Welchen Menschen hast du schon einmal im Leben zum Glück und zu sorgenfreien Stunden verholfen?" frug ihn eine innere Stimme. „Welches war dein bestes Werk, durch welches du etwas Dauerndes, über die Länge deines eignen Daseins dich in würdige Erinnerung Erhaltendes geschaffen hast? Wieviele Tränen unglücklicher Nebenmenschen hast du schon getrocknet? Wie oft bist du den Armen und Elenden beigesprungen? Wo und wann hast du einen Verzweifelnden gerettet, getröstet und ihm von deinem reichen Besitz abgegeben?" Schimme stöhnte schmerzlich auf. Sechzig Jahre in Arbeit und Wohlhabenheit alt geworden zu seinjund noch immer nicht ein einzigmal an einen besonders würdigen Menschen eine besonders hervorragende Edeltat verrichtet zu haben, das kam Schimme in dieser Stunde gar beschämend zum Bewußtsein. Was wollte es für ihn, den reichen Mann viel bedeuten, wenn er, der tausende jährlich verdiente, schon einmal da und dort einige Taler spendete? Und wären es ihrer schon ein paar hundert gewesen! „Ein paar Hundert?" frug höhnisch dieselbe Stimme wieder. „Schimme, Schimme! Da zwei, drei, dort vier und fünf, und wieder einmal und, oft nur verdrossen, an arme Verwandte zehn und im allerhöchsteu Falle zwanzig Taler, ist noch lange kein Maßer, wenn du dich am Torawort gehalten hättest! Dann wären Hunderte herausgekommen, womit du wirklich viel Gutes hättest stiften können. Ja das Torawort, das wars eben, das Schimme nur äußerlich geehrt. Die Sefertora beim Aus- und Einheben küffen, hat nicht den mindesten Wert, wenn man den Inhalt nicht befolgt. Bor Schimmes Augen öffnete sich die heilige Lade und ernst und feierlich standen, wie in stummer eindrucksvoller Mahnung die Thorarollen da. „Der Baum des Lebens ist sie dem daran Festhaltenden" klang es in seinen Ohren. Schimme schloß müde die Augen. Eine Vision nach der andern zog an seinem Geiste vorüber und immer war die Torarolle der Mittelpunkt dieser luftigen Traumgebilde, wie sie Wiedergenesenden häufig erscheinen. Dann fiel ihm das Wort sines Mannes ein, den Schimme wie einen Malach verehrte. „Man kann allerlei tun und tut doch nicht genug," hatte Ludwig Lob, bei einem Krankenbesuch bei Schimme gesagt. Und was Ludwig Lob oder sein Bruder Jonas sagte, war bei Schimme Bär so heilig, als ob es in der Thora stände. Nicht nur bei ihm/ bei allen Leuten, welche Ludwig und Jonas Lob kannten, wurde hoch geschätzt, was diese sagten und taten. Ein edleres, herrlicheres Brüderpaar hatte noch nie in der alten Kehille gelebt. Gab es doch nichts Schönes und Gutes das nicht von „den Lobs'" ausging. Und wie stolz war nicht nur die „Kehille", sondern auch, die gesamte Bürgerschaft auf diese beiden seltenen Männer! Sie waren Zierden der Stadt und noch viel, viel mehr, — Zierden der Menschheit. Emsige, unermüdliche Kaufleute, Talmudgelehrte mit ungewöhnlicher profaner Bildung/ Menschenfreunde, die keine schlechte Erfahrung erbitterte, kein Undank erschütterte, überall die ersten und letzten, wo es galt, Edeltaten zu verrichten. Schimme seufzte tief auf. „Och, och, och! Warum konnte er nicht so sein, nur halb so, nur viertel so, wie der Ludwig oder der Jaune!" „Was seufzest du?" frug Veilchen besorgt, *) Lies Bällchen. als sie mit einer Tasse wohlduftender Fleischbrühe eintrat. Schimme machte ein mürrisches Gesicht und antwortete nicht. Wenn er eine solche Miene aufsetzte, drang Veilchen nicht weiter in ihn. „Er schafft jetzt mit'm Kopp/ da darf mer nix mit'm redde," sagte sie dann. Schimme schaffte jetzt wirklich mit dem Kopf, aber auch mit dem Herzen. Er war, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben, höchst unzufrieden mit sich als Mensch und Jude. Was hatte er im Vergleich mit den Lobs eigentlich schon für seine Mitmenschen und für den „K'lall"*) geleistet? Langsam schälte sich aus dem Chaos von Gedanken, Empfindungen und leisen Selbstvorwürfen ein fester Plan heraus, dessen erster Teil schon bei ihm feststand. Zunächst wollte er eine Sefertora schreiben lassen. Rebb Leib Sulzbach in Darmstadt, der Sofer, sollte ein schönes, feines Sefer schreiben/ an äußerem Umfang proportional der körperlichen Erscheinung Schimme Bär's, des Stifters. Egoistisch, wie die Männer zuweilen sind, dachte Schimme jetzt gar nicht daran, daß Veilchen, seine kleine Frau, doch eigentlich auch ein wenig an dieser verewigenden Stiftung beteiligt werden sollte. Und doch lebten die beiden Eheleute seit vierzig Jahren friedlich und glücklich beisammen. Wenn die Leute behaupteten, das kleine Veilchen sehe zu seinem Schimme wie zu einem Gott empor, so konnte diese allegorische Redensart dennoch ganz wörtlich genommen werden. Denn wenn Veilchen mit Schimme sprach und der nicht gerade auf seinem Sofa saß oder im Bette lag, — es sei denn, daß Veilchen etwa bei der Unter/ Haltung auf einen Stuhl gestiegen wäre — so mußte sie zu ihm hinaufblicken. Was die gütige Vorsehung dem Schimme an Körpermaß in Ueberfülle zugelegt, hatte sie dem Veilchen aus nicht völlig aufgeklärten Gründen vorenthalten. So betrachtet, bildete Veilchen bei weitem nicht die Ehehälfte Schimmes, sondern bestenfalls und reichlich zubemeffen, erst dessen Ehedrittel. Das hatte aber doch nicht verhindert, daß Veilchen eine große Macht auf den auch sonst gutmütigen, ihr an Gewicht, Größe und Verstand . weit überlegenen Ehemann ausübte. Veilchens und Schimmes Eheglück fehlte der Kindersegen. Und wie das bei kinderlosen Eheleuten nicht selten der Fall ist, waren beide, besonders Veilchen, übertrieben ökonomisch veranlagt. Die meisten Leute nannten den ja auch tatsächlich übertriebenen Sparsinn Veilchens, richtigen Geiz, weil sich dieser Sparsinn auch auf die Armen erstreckte, was von Schimme nicht behauptet wurde und auch nicht ganz zutraf. Schimme griff bei manchen Gelegenheiten, wo es galt, Zedoko und Gemilus Chesed zu üben in die Tasche, mit einem versteckten Hinweis, eine solche Bagatelle, besonders nicht in Veilchens Gegenwart, weiter zu erwähnen. So kam es denn, daß Schimmes Reputation weit besser war, als die seiner kleinen Frau. Schimme war ein entschieden reicher Man, vielleicht noch reicher als sein Bruder Samuel, der ihm außerordentlich ähnelte, sowohl an Gestalt, wie an Charakter. Jedoch war Samuels Gattin das denkbar größte Gegennicht aber Seitenstück zu ihrer Schwägerin Veilchen. Samuels wackere Ehehälfte Sette, eine große stattliche Frau war eine wahre Mutter der Armen und Hilflosen und streute Wohltaten aus, ohne nach der Würdigkeit derer zu fragen, die ihre Hand zu ihr ausstreckten. Einzig entscheidend war für sie die Bedürftigkeit. „Unser „Harrjet**) hat zu untersuchen und ich Hab' zu helfen", mar der Wahrspruch der einfachen unwissenden Frau mit dem edelsten Herzen, das ein Weib Nur zu besitzen braucht. _ (Fortsetzung folgt.) *) Harrtet, Herrgott. **) Gemeinde.