Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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29. September 1909. Der Israelit. Sette 9. Nr. 39 vorhanden sind, und daß bei einer ferneren Ausschließung der Juden eine allmähliche Verödung der Universitäten die notwendige Folge sein müßte. Unter Hinweis auf diese Erscheinung haben die Tageszeitungen, nicht nur die ausgesprochen liberalen, die Beseitigung, zumindest Milderung der gegenwärtigen Praxis inbezug ans die Aufnahme jüdischer Studierender gefordert. Tiflis 26. August. In Piatogorsk (Kaukasien) finden gegenwärtig Beratungen von Aerzten und Vertretern verschiedener politischer Gruppen statt, um die Mittel zur Hebung der kaukasischen Kur- und Badeorte zu erwägen. Trotzdem schon mehrere Sitzungen abgehalten wurden, wurde mit keinem Worte des Verbotes Erwähnung getan, das den Juden den Besuch der kaukasischen Bäder unmöglich macht oder zumindest erschwert. Dies veranlaßte den Piatorgorsker Rabbiner, an den Vorsitzenden der Konferenzen ein Memorandum zu richten, in welchem er folgendes erklärt: „Wenn heute ein Jude einen kaukasischen Kurort aufsuchen will, muß er von einem Arzt ein ausführliches Zeugnis über die Art seiner Krankheit besitzen, dessen Beschaffung ihm viel Mühe und Geld kostet. Länger als zwei Monate darf er im Kurorte überhaupt nicht bleiben, obgleich seine Heilung längere Zeit beanspruchen würde. Die Beschränkungen sind jetzt so streng geworden, daß selbst in Kaukasien lebenden Juden der Kuraufenthalt in einem anderen Orte Kaukasiens verwehrt ist. Aus allen diesen Gründen sind die Juden gezwungen, ins Ausland zu gehen und russisches Geld in fremde Bäder zu tragen. Und das alles geschieht trotz der Tatsache, daß die kaukasischen Bäder zum großen Teile von' Juden errichtet und durch Juden gefördert und entwickelt wurden. Unter den ersten russischen Truppen, welche den Kaukasus einnahmen, befanden sich zahlreiche Juden. Viele von ihnen sind auf dem Schlachtfelde gefallen, indem an sie die Ortsbewohner vor den wilden kaukasischen Stämmen schützten. Die ersten Gebäude in den kaukasischen Kurorten sind durch jüdische Soldaten erbaut worden. In ganz Kaukasien gibt es keinen Ort, wo sich nicht Spuren jüdischer Arbeit und jüdischen Kapitals finden würden. -Und jetzt ist es den Kindern dieser jüdischen Pioniere verwehrt, in denjenigen Orten zn wohnen, welche von ihren Eltern geschaffen wurden." Der Rabbiner drückt schließlich die Hoffnung aus, daß die Konferenz, die sich mit der Lage der kaukasischen Bäder beschäftigt, auch der Juden gedenken werde." Das Memorandum des Rabbiners wird den Prstokollakten der Konferenz beigeschlossen und dem Handelsminister unterbreitet werden. Odessa, 20. Sept. Das hiesige Nabbinat wandte sich an die russische Militärverwaltung mit der Bitte, den jüdischen Reservisten, die zu sechswöchentlicher Waffenübung, eingezogen wurden, die drei hohen Festtage, Rosch- Haschonoh und Jomkippur freizugeben. Die Militärbehörde hat das Gesuch abschlägig erledigt. Diese Maßregel trifft die Odeffaer Juden um so härter, als aus Odeffa allein gerade jetzt über 500 jüdische Reservisten, durchwegs Familienväter zur Waffenübung einberufen wurden. 4- * * In der hiesigen Verkaufsstelle der reaktionären Zeitungen ist am Vortage des jüdischen Neujahrsfestes eine Bombe gefunden worden. Der Vorfall hat in der vielgeprüften jüdischen Bevölkerung Aufregung hervorgerufen. Das Organ der schwarzen Hundert „Ruskaja Rjietsch", hat aus diesem Anlaß einen giftigen Artikel gegen die Juden veröffentlicht, worin diese beschuldigt werden, die Bombe in den Zeitungskiosk hineingelegt zu haben. Das echt-russische Blatt droht mit der Veranstaltung von Pogromen gegen die hiesigen Juden. Finnland. 3um veirenkein-proretz. Helsingfors, 23. Sept. Wenn es auch den finnischen Richtern gelungen ist, der langen Verschleppungskünste und Widerstände Herr zu werden, die sich der gerichtlichen Verfolgung der an der Ermordung des Dumaabgeordneten Herzenstein beteiligten Personen entgegenstellten, so ist doch nur wenig Aussicht vorhanden, daß in dem gestern zu Kymmenepää eröffneten Prozesse der intellektuelle Urheber des Mordes zur Rechenschaft gezogen wird. Trotz der von Ihnen bereits mitgeteilten Entscheidung des Zaren ist der Vorsitzende des Verbandes echt-russischer Leute, Dr. D u b r o w i n, dem man allgemein die Schuld an dem Verbrechen beimißt, nicht an Gerichtsstelle erschienen. An seiner Stelle traten die Rechtsanwälte Bulazel und Samislowski, beide Mitglieder des „Verbandes echt-russischer Leute, vor, um für den Abwesenden die Verteidigung zu übernehmen. Da das finnländische Gesetz die Vertretung eines abwesenden Angeklagten nicht kennt, ließ das Gericht die Verteidigung nicht zu. Hiergegen protestierte Bulazel in so auffälliger Weise, daß der Richter Sellin seine zwangsweise Entfernung aus dem Sitzungssaal beantragte und veranlaßte. Als die Polizei eingreifen wollte, schrie Bulazel in den Saal, lebendig ergebe er sich nicht, denn man dürfe einen russischen Edelmann nicht anrühren, und griff in die Tasche, um einen Revolver hervorzuziehen. Ein Polizeioffizier nahm ihm jedoch die Waffe ab und legte sie auf den Tisch vor den Richtern. Der Staatsanwalt kündigte Bulazel sofort eine Anklage wegen Ruhestörung und bewaffneten Erscheinens vor Gericht an. Der Fall ist fürdie terroristische Taktik des Verbandes sehr bezeichnend. Bulgarien» Sofia, 22. Sept. Heute wurde im Beisein des Königspaares, des gesamten Kabinetts und der Spitzen der Gesellschaft die Zentralsynagoge der hiesigen spanioltschen Judengemeinde feierlich eröffnet. Das in etwas modernisiertem maurischen Stil durch den Architekten Risch ausgeführte Monumentalgebäude, erinnert an die Synagoge der türkischen Judengemeinde in Wien. Landesrabbiner Dr. Ehrenpreis legte in schwungvoller Rede die . Geschichte der Sofianer Gemeinde dar, die bis auf das zehnte Jahrhundert zurückführt. Der König zog den Landesrabbiner in ein längeres Gespräch und versicherte ihm, daß ihm das Wohl der Judengemeinde dauernd am Herzen liege. Spanien. Madrid, 28. Aug. Der einstige spanische Minister Manuel Ruy Zorilla äußerte sich dieser Tage einem Redakteur gegenüber über den Antisemitismus wie folgt: „Die Vertreibung der Juden ist der größte Frevel in unserem Lande gewesen, ein unverzeihliches Verbrechen an der Zukunft unseres Volkes. Mit den Juden hat man vertrieben die Industrie, den Handel, alle Mittel der bürgerlichen Wolfahrt. Dieser selbstmörderischen Wut danken wir das unsägliche Elend unseres Volkes. Rur wenig Juden sind damals geblieben, und dieser schwache und geringe Rest ist ganz in den anderen Bolksstämmen aufgegangen. So fehlte bei uns jede Begründung deS Antisemitismus, den ich aufrichtig gestanden, niemals begriffen habe. Daß jemand heute noch aus religiösen Trieben hassen kann, ist mir ein Rätsel. Es scheint mir so sehr eine Verleugnung aller Kultur, aller Vernunft, alles Rechtes, überhaupt des modernen Geistes unserer Zeit, daß ich gar kein Wort der Entrüstung finde, das stark genug wäre. Daß es überhaupt noch möglich ist, daß man sich nicht schämt, antisemitisch zu empfinden und daß man mit einem Strich die ganze Arbeit der Vergangenheit und alle Errungenschaften des Geistes tilgt, man müßte an der Menschheit verzweifeln! Ich finde es unsinnig, erst Gründe gegen den Antisemitismus zu suchen/ er richtet sich selbst. Wer überhaupt fähig ist, jener wüsten Hetze zu folgen, muß krank, muß geistig entartet sein und hat jedes Recht verwirkt, in ernsten Fragen vernommen zu werden." Türkei. Im 5eldien Ser Coleran?. Konstantinopel, 25. Sept. Im Sinne der neuen türkischen Wehrbestimmungen, werden von nun ab in die Militärerziehungsanstalten auch Nichtmohammedaner ausgenommen. Für diese hat, wie aus Konstantinopel berichtet wird, der Ministerrat folgende Bestimmungen erlaffen: 1. Die nichtmohammedanischen Zöglinge der Militärerziehungsanstalten genießen den Freitag als reglementären freien Tag, gleich allen mohammedanischen Zöglingen. 2. Es wird ihnen zu Weihnachten und Ostern ein je zweitägiger Urlaub gewährt werden, ebenso ein eintägiger Urlaub am Neujahrstage. An Sonntagen werden ihnen zwei Stunden freigeeben, um an dem Gottesdienste ihrer Gemeinen teilnehmen zu können. Den isra-elitischen Zöglingen werden fünf Tage im Jahre freigegeben und überdies die Erlaubnis erteilt, an Samstagen an ihrem Gottesdienste in einer Synagoge teilzunehmen. (Und wie ist's mit der Entweihung des Sabbaths? Red.) * * Wie aus Salonichi berichtet wird, wurde das bisherige Mitglied des dortigen Tribunal Correctionel I. Israel zum Chef des neuen Polizeikommandos in Pera, einer Vorstadt Konstantinopels ernannt. Die Zustände in Pera haben die Errichtnng einer eigenen Polizeidirektton für diese Vorstadt notwendig gemacht und es ist ein Zeichen besonderen Vertrauens zu den Fähigketten des als Kriminalisten auch über die Grenzen der Türkei bekannten Mr. S. Israel, wenn er auf diesen verantwortungsvollen Posten gesetzt wird. Polizeichef Israel hat sich auch als Fachschriftsteller mit Erfolg betättgt. Ein anderer jüdischer Bürger namens Vitalis Effendi Stroumza, bisher Beamter im Finanzministerium, wurde von der Regierung zum Generalsekretär der neu geschaffenen Türkischen Reichsfinanzkommrssion ernannt. Konstantinopel, 10. September. Sir William Willcocks, der, wie erinnerlich,von der türkischen Regierung den Auftrag erhielt, in Mesopotamien Studien über die Möglichkeit neuer Bewässerungsanlagen und ihre wahrscheinliche Rentabilität zu machen, hat seinen Bericht an die Regierung ferttggestellt. Sir William legt in seinem Berichte dar, daß die vorzunehmenden Arbeiten dringend notwendig geworden sind, nicht nur, um dem Reiche neue unschätzbare Einnahmen zu sichern, sondern auch, um ein Land, das alle Bedingungen besitzt, ein Paradies auf Erden zu werden, vor der drohenden vollkommenen Verwüstung zu retten. Willcocks legt einen detaillirten Plan über die durchzuführenden allerwichtigsten Arbeiten vor, die sich zunächst hauptsächlich auf Dammregulierungen erstrecken und den Ausgangspunkt für die weitere Ausführung größerer Jrrigattonsanlagen bilden sollen. Nach genauer Berechnung würden sich diese nach drei Richtungen vorzunehmen Arbeiten auf rund 312000 türkische Pfund belaufen. Diese Summe ist deshalb von Wichttgkeit, weil die ersten Berechnungen Willcocks aus dem Jahre 1908 mit einer Bedarfssumme von 600000 türkische Pfund schloffen. Diese Reduktion schreibt Willcocks einer genauen eingehenden Untersuchung des Euphrat Dammes zu, welche ergab, daß der Euphrat an der Stelle des gegenwärtigen Dammes sich noch in vorzüglichem Zustande vefinde, so daß auch die Kosten der Herstellung eines neuen Dammes sich S-i.-,«