Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449392--65905-2508568
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 8 Nr. 39 Der JSraeltt. 29 September 1909 aber nicht, denn^üenjEtngeweihten find meine Andeutungen schon genügend . . . Es liegt gar nicht in unserer Abficht, „Erzählungen" von den Kontrollstationen in die Oeffentlichkeit zu bringen. Wir treten für Tausende von Emigranten ein, die durch die Kontrollstatton als notwendiges Uebel gehen müssen. Und nur dieser Gesichtspunkt leitet unser Interesse. Aus unseren Ausführungen wird nun einem jeden klar werden: die jetzigen Zustande in den Kontrollstattonen find schrecklich und unhaltbar. Ordnung mutz baldigst geschaffen werden . . . Und solange die Schiffahrtsgesellschaften nicht selbst an die Säuberung des Augiasstalles gehen und den ganzen Schmutz cus den Kontrollstationen entfernen lasten — werden die Auswanderer sowohl auf dieser als auf jener Grenzseite der Unsicherheit und den größten Gefahren ausgesetzt sein. Was sagt der Norddeutsche Lloyd, die Packetfahrtgesellfchaft und das Ministerium des Innern hierzu? Berlin, 23. Sept. Das deutsche Bureau der Alliance JsraeliteUniverselle teilt mit, daß die in den letzten Tagen verbreiteten (auch von uns unter Vorbehalt wiedergegebenen) Nachrichten von schweren Ausschreitungen, die in Kiew der jüdischen Bevölkerung gegenüber stattgefunden Haben sollen, unzutreffend sind. Telegraphische Berichte aus Kiew stellen in Abrede, daß schwere Unruhen vorgekommen seien. Darüber weiß der Hilfsverein derdeutschen Juden noch folgendes mitzuteilen: Am 23. August, 10 Uhr abends ertönten aus dem Wall der Vorstadt „Slobndka" Hilferufe. Es stellte sich heraus, daß eine Gruppe des Kiewer „Verbandes des russischen Mlkes", 15 an der Zahl, mit dem berüchtigten Nicolai Pawlowsky (mit dem Beinamen Woron) an der Spitze, auf dem Wall erschienen waren und mehrere Juden aus der Slobadka zu prügeln anfingen. Unter anderen wurden David Blachmann und Moses Stellbaum durchgeprügelt. Indem die Hooligans sich mit Erbitterung auf das Publikum warfen, riefen sie: „Da habt Ihr die Gleichberechtigung." In einer Droguenhandlung wurden drei Personen, die bei der Prügelei zu Schaden gekommen waren, die nötige Hilfe erwiesen. Als, durch die Rufe der Geschlagenen herbeigelockt, die Polizei erschien, beeilten sich die Hooligans zu verschwinden. Einige der Hooligans wurden von den Geprügelten nach einer in der „Kiewakaja Jskre" erschienenen photographischen Aufnahme als Mitglieder ' der Kiewer Kampforganisation erkannt. Irgend welchen nennenswerten Umfang haben die Ausschreitungen nicht angenommen, jedoch entstand begreiflicherweise eine grüße Panik. AEand. Amsterdam, 25. Sept. Unter der Cholera, die nunmehr auf dem Gebiet des Königreichs der Niederlande als vollständig erloschen betrachtet werdendarf, hatten die jüdischen Soldaten im Lager vvn Carscamp, wo im Augenblick Truppenübungen abgehalten werden, zu leiden. Unter den im Lager übenden Truppen befanden sich etwa 350 Juden und diese hatten darauf gerechnet, daß sie, wie jedes Jahr, auch dieses Mal den üblichen Urlaub erhalten würden, um das jüdische Neujahr im Kreise ihrer Familie feiern zu können, worauf sie wieder ins Lager zurückzukehren hätten. Da aber am Dienstag vorher wegen eines Falles von asiatischer Cholera in Amsterdam diese Stadt für verseucht erklärt worden war, so wurde den Soldaten, die in Amsterdam zu Hause waren, der Urlaub verweigert. Dadurch entstand unter den zumeist religiös gesinnten jüdischen Soldaten große Bestürzung. Sie verlangten vom Befehlshaber, daß er ihnen den hier in solchen Fällen üblichen „großen" Urlaub gewähren möge, d. h. daß sie nach Hause gehen dürften, ohne wieder ins Lager zurückkehren zu müssen. Dies wurde abgeschlagen, worauf einige im Vertrauen auf den religiösen Geist und die weitgehende Toleranz allen Konfessionen gegenüber, die gerade die jetzige Regierung auszeichnen, an den Kriegsminister ein Telegramm richteten, worin dieses Gesuch wiederholt wurde, aber unerwarteter Weise lief auch aus dem Haag eine abschlägige Antwort ein. Der Oberst wandte sich darauf an den Oberrabbiner van Gelderland in Arnhem. Dieser sandte alsbald die erforderlichen rituellen Gegenstände, worauf dann die jüdischen Soldaten in der im Lager während der Uebungen errichteten jüdischen Kantine das Fest feiern konnten. <fbeftevveidj. Wien, 1. Sept. Eine fürisrael.Religionslehrer an Mittelschulen als auch für israelitische Mittelschüler gleich wichtige Entscheidung ist seitens des Kultusministeriums am Ende des abgelaufenen Schuljahres ergangen. Bekanntlich bestand an den österreichischen Mittelschulen bis jetzt die Praxis, daß an solchen Anstalten, die nicht von mindestens 20 isr. Schülern besucht wurden, den jüdischen Religionsunterricht als Privatunterricht in jeder Beziehung zu betrachten. Der Religionslehrer hatte einen rein privaten Charakter und durfte an den Konferenzen und namentlich an der Maturitätsprüfung nicht teilnehmen. Mit diesem Zustande konnte man sich in einsichtsvollen einem Zwangsreligionsunterrichte abholden Kreisen zwar zufrieden geben. Allein manche Direktoren wollten nicht einmal gestatten, diesen rein privaten Unterricht in den Räumen der ihnen unterstehenden Schulen ohne weiteres abhalten zu lassen und machten dieses von der Einbringung einediesbezüglichen Gesuches seitens der betreffenden Kultusgemeinde abhüngig, die dann ihrerseits bestimmend und oft genug sehr ungünstig auf den Charakter des Religionsunterrichtes einwirkte. Laut Entscheidung des Ministeriums für Kultus und Unterricht fällt fortan selbst an solchen Mittelschulen, die nicht von 20 isr. Schülern besucht werden, der private Charakter fort. Der Religionsunterricht ist auch in diesem Falle öffentlich, die Religionsnote ist als vollgültig anzusehen und der betreffende Reliaionslehrer ist jeder Konferenz und auch zur Maturitätsprüfung zuzuziehen. Lemberg, 26. September. Der Postmeister von Przemysl hat allen Grund, auf eine hohe Auszeichnung Anspruch zu erheben, denn er hat es verstanden, durch eine eigene Judensteuer dem Staate unerwartete, wenn auch ungesetzliche Mehreinnahmen zuzuführen. Wie überall, wird auch in Przemysl unter den Juden der alten Sitte, Rojch-Haschonoh-Karten zu versenden, in hohem Matze gehuldigt. Nach österreichischem Tarif ist bei solchen Sendungen eine Dreiyellermarke zu verwenden. An den letzten Tagen vor Nosch-Haschonoh war jedoch in ganz Przemysl keine Dreihellermarke zu bekommen. Die kleinste Briefmarke, die erhältlich war, betrug 5 Heller. Auf die verschiedenen Reklamationen der jüdischen Briefaufgeber hatte der schlaue Postmeister bloß die ironische Bemerkung: „Samstag (nach Rosch-Haschonoh) können Sie wieder Dreihellermarken haben." Und tatsächlich gab es nach den Neujahrstagen solche Marken in Hülle und Fülle. Jedenfalls ist dieses groteske Vorkommnis sehr bezeichnend für die Willkür, welche sich galizische Staasbeamte gegenüber den Juden erlauben dürfen. Der echt galizische Postmeister sollte sich diese nur in Galizien mögliche Judensteuer patentieren lassen. Czernowitz, 24. Sept. Der der Regierung vorgelegte Wahlreformentwurf für den Bukowinaer Landtag, der infolge Auftrag des Ausschusses bei Revision der Landtagswahlordnung den Schutz der natioualen Minoritäten zu berücksichttgen hatte, bringt ein höchst bedeutungsvolles Novum, nämlich die Bildung eines besonderen jüdischen Wahlkatasters. Die Juden, die 13 pCt. der Gesamtbevölkerung bilden und bisher immer mit den Deutschen gewählt haben, werden nunmehr, gleich den übrigen Nationalitäten, die nach ihrer Bevölkerungsziffer festgesetzte Zahl von Mandaten in einer eigenen Kurie wählen und auch im Landesausschuffe durch einen Besitzer aus der Mitte der jüdischen Abgeordneten vertreten sein. In den jüdischen Kreisen Bukowinas ist man über den Segen oieser neuen Einrichtung sehr geteilter Meinung. Während sie von den Zionisten mit hohem Enthusiasmus begrüßt wird, hat sie namentlich bei den Assimilanten starken Widerspruch hervorgerufen. Wie man hört soll sogar der Allg. Hofrat K uran da Schritte unternommen haben, um das Zustandekommen des Gesetzes zu verhindern. Daß er dabei den Beifall und die Unterstützung der Einsichtigen, die die Lage kennen und ihr Rechnung tragen, nicht finden wird, ist selbstverständlich. Wie die Verhältnisse in Galizien und besonders in der Bukowina liegen, kann die zwingende Notwendigkeit einer eigenen jüdischen Vertretung nicht in Abrede gestellt werden. Fragt sich nur, wie und durch wen diese Vertretung ausgeübt werden wird. Ungarn. Srenräen-Polifift. Budapest, 26. September. Bekanntlich hatten bei Gelegenheit des letzten' Aerztekongresses in Budapest die rumänischen Mediziner beschlossen, dem Kongreß mit Rücksicht auf die „gewalttätige Nattonalitätenpolitik der Magyaren" fernzubleiben. Die ungarische Kulturliga warf daraufhin den Rumänen die Behandlung der Juden in Rumänien vor. Die rumänische Regierung aber kennt keine Judenverfolgung. Sie unterdrückt nur „Fremde", für deren Schutz sie doch nicht verantwortlich ist. So erklärte sie in der offiziösen „Jndependance Roumaine": „Die Juden erfreuen sich in Rumänien, obwohl sie nicht rumänische Bürger sind, aller Freiheiten und sind viel glücklicher als die rumänischen Staatsbürger in Ungarn." Diese schamlose Lüge fand ihren Weg zu derselben Zeit in die Oeffentlichkeit, als aus Falticeni militärische Exzesse gegen die Juden gemeldet wurden, und als in Bukarest am hellen Tage die in der Calea Moschulr wohnenden Juden von rumänischem Gesindel ausgeplündert wurden. Leider aber macht sich auch in Ungarn der Antisemitismus immer mehr bemerkbar, und die Ausweisungen und Abschiebungen galizischer und russischer Juden sind in den Grenzstädten Ungarns nachgerade zur täglichen Erscheinung geworden. Rußland. Petersburg, 20. September. Dem allgemeinen Unwillen und dem Drucke seiner Minister- Kollegen mit Widerstreben nachgebend, hat der Minister der Volksaufklärung Schwarz sich dazu verstehen müssen, eine Erweiterung der Prozent - norm der in die höheren Schulen aufzunehmenden Juden eintreten zu lassen. Auf Grund der neuen Bestimmungen dürfen fernerhin in den beiden Residenzstädten Petersburg und Moskau 10, (statt bisher 5) im Inneren Rußlands 5 (statt bisher 3) und in den Städten des Ansiedlungsrayons 15 (bisher nur 10) Prozent ausgenommen werden. Für die höheren Kunst-, Kunstgewerbe-, Gewerbe- und Zahnarznei-Schulen ist die Prozentnorm gänzlich beseitigt worden, d. h. in alle diese Anstalten werden Juden in unbeschränkter Zahl zugelassen. Was die Universitäten und Hochschulen betrifft, so bleibt zwar der bisherige Prozentsatz bestehen, aber derselbe soll nicht, wie der Minister Schwarz anaeordner hatte, nach der Zahl der Neuimmatrikulierten, sondern nach der Gesamt - zahl der Studenten berechnet werden. Letztere Bestimmung ist deshalb von größter Wichtigkeit, weil, wie vor Kurzem an dieser Stelle dargelegt wurde, anderenfalls für eine Reihe von Jahren den jüdischen Studierenden der Eintritt iu die Universitäten überhaupt verschlossen gewesen wäre. Dieses Zugeständnis kam Herrn Schwarz sicherlich recht schwer an, ist ihm aber durch die Tatsache aufgenötigt worden, daß sich zum erstenmal in diesem Herbst weniger Bewerber zum Eintritt in die Universitäten gemeldet haben, als Vakanzen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.