Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Suchen wir eine Erklärung für das Zustandekommen und das Bestehen eines solchen Kompromisses, so findet sie sich darin, daß die Mannheimer einen sehr großen Lokalpatriotismus besitzen. Der echte Mannheimer ist außerordentlich stolz auf seine Stadt, sein Theater, sogar auf seine Häuserquädrate, und ebenso waren die alten Mannheimer mra, sehr stolz auf ihre alte Mannheimer n*?np und es gewährte jedem Einzelnen hohe Befriedigung, daß er sich „noch dazu rechnen" durfte. Dieses in die Irre gegangene „historische" Gefühl, das auch anderwärts manche heroische Wallung paralysierte und noch zu paralysieren psiegt, zeigte sich am deutlichsten darin, daß um die Zugehörigkeit der Gemeinde zu dokumentieren, auch von „Frommen" damals Weihegeschenke für die neue Synagoge mit ihrem unjüdischen Kult gebracht wurden. In der Weihepredigt am 29. Juni 1855 konnte der Stadtrabbiner Präger auch mit Emphase verkünden, daß die ganze Gemeinde für die ganze Gemeinde eine Stätte gemeinschaftlicher Andacht zu gründen bereit war, wo das Herz der Alten, der früheren Richtung angehörend sich hinneigt zu den Gesinnungen „der Jungen", die in der Gegenwart stehen." Fragen wir nun, wie hat sich das Kompromiß bewährt? Das Eine können wir ohne weiteres feststellen. Die neologen Bestrebungen in der Gemeinde Mannheim waren dadurch tite gehemmt oder erschwert worden. Es ist nichts Unjüdisches denkbar, was in Mannheim nicht schon möglich war, und möglich ist. Die Klausleute aber, die jahrzehntelang "ipim my in die Klaussynagoge gegangen sind, wurden immer gleichgültiger gegen das, was in der Gemeinde vorging und zeigten so mit krasser Deutlichkeit, wie wenig dem echten jüdischen Solidaritätsgefühl durch ihr nominelles Verharren in der Gemeinde gedient war. Wenn vor isitp njr>pn am nwn eine Opernsängerin eine Arie sang oder Fanfarenbläser ihre Weisen ertönen ließen, so drangen ja in die Klaus die Töne nicht herüber und man kümmerte sich weiter nicht darum. In der Klaus selbst konnte aber kein Feuer der Begeisterung entflammt werden. Während dieser ganzen langen Zeit gab es immer nur einen unter den Klausrabbinern, der als gesetzestreuer mm zu betrachten war, jahrelang nicht einmal einen. So entstand nach und nach auch in den besseren jüdischen Kreisen Mannheims eine Gleichgültigkeit, die die großen Mängel gar nicht mehr erkennen konnnte oder wollte. Wir hegen nicht die Erwartung, daß durch diese Erörterungen heute in Mannheim eine Besserung angebahnt werden könnte,- wir betrachten Mannheim nur als ein typisches Beispiel für die Unrichtigkeit der dem AustrittsfH pD£ oft entgegengehaltenen Einwände, für die Unrichtigkeit der bis in allerfrömmste Kreise hinein verbreiteten Meinung, daß eine Trennung innerhalb einer Gemeinde — auch dort wo sie religionsgesetzlich notwendig erscheint — ein Unglück sei. Für diese Kreise könnte die Entwicklung der Mannheimer nS"ip ein lehrreiches Exempel bieten. Würde sich vor 55 Jahren eine Religionsgesellschaft in Mannheim gebildet haben, so hätte sich diese sicher zu einer der ersten orthodoxen Gemeinden entwickelt. Die gesetzestreue Gemeinde hätte der Klaus einen Rückhalt geboten, so daß diese ihrer hohen Bestimmung nicht in dem Maße entfremdet worden wäre, wie das während dieser Zeit geschehen ist. iüfcäfii ,_Der Israelit.__ Sicherlich würde aber auch die Gemeinde Mannheim selbst in jüdischer Beziehung heute kein so trostloses Bild des Jndifferentismus bieten. Die Erfahrung hat es schon oft bestätigt, daß dort, wo eine lebenskräftige gesetzestreue Gemeinde besteht, diese der Schwestergemeinde zur beständigen Anregung wird, die jüdischen Jnstituttonen nicht völlig dem Verfall preiszugeben und jüdisches Leben zu erwecken. Selbst wenn diese Sorgfalt nur zu dem Zwecke geübt werden sollte, um zu zeigen, daß die Gemeinde auch noch fromm sei, und um feurige Kohlen auf das Haupt der „Orthodoxen" zu sammeln. Mit schwerem Herzen, aber mit festem Sinne wird der Jude den Frieden zu opfern haben, um die Wahrheit zur Geltung zu bringenaber es ist durch und durch unwahr, daß die Bildung einer Religionsgesellschaft innerhalb einer Gemeinde unter allen Umständen Unfrieden bedeuten mußee. Es können zwei Gemeinden in Frieden und in edlem Wetteifer sehr wohl nebeneinander bestehen und es ist genügend Boden vorhanden zu vielem gemeinsamen charitativen Wirken. In manchen getrennten Gemeinden finden wir ein solch schönes, harmonisches Zusammenwirken, wenn auch die größeren Gemeinde in der Regel leider glaut, keine Rücksicht auf die berechtigten Forderungen der kleineren Gemeinde nehmen zu müssen. Auf der andern Seite aber ftagen wir wo sind die Beweise eines friedfertigen liebevollen Entgegenkommens, die die Führung der einheitlichen Mannheimer Gemeinde ihrer orthodoxen Minderheit in den letzten Jahrzehnten gegeben hat? X. und Machrichten. orrespondenzen Deutsches MeUh. Frankfurt a. M., 20. Sept. Wir haben bereits früher uns mit den Unbilden, denen die jüdischen Durchwanderer aus Rußland an den Grenzstationen ausgesetzt sind, beschäftigt. Neuerdings veröffentlicht die Petersburger jüdische Zeitschrift „Der jüdische Emigrant" einen Notschrei, der ganz offensichtlich von einem Eingeweihten herrührt, trotzdem die Angaben, die er zur Kenntnis der Oeffentlichkeit bringt, auf den ersten Blick kaum glaublich erscheinen. Es ist jedenfalls Pflicht der für diese Zustände verantwortlichen deutschen Schiffahrtsgesellschaften sowohl als auch der zuständigen staatlichen Behörden, in der Oeffentlichkeit zu erklären, was an diesen Anklagen, namentlich soweit die hygienischen Verhältniffe und die Ehrlichkeit der Beamten in Betracht kommt, Wahres ist. Es heißt in dem erwähnten Artikel: „Heme will ich mich nun mit dm Kontrollstationen in Eybtkuhnm, Profilen und Jllowo befassen. Am 1. Januar 1909 find zwar neue Verfügungen für die Konttollstationen ergangen, die unter anderem auch eine Weisung enthalten, wonach die Emigranten in ihrer Freiheit nicht zu beschränken find und das Recht haben, die Konttollstatton jederzeit zu verlassen. Die Konttollstationen kümmern fich aber überhaupt nicht um diese Verfügung. Sie haben in der Praxis bas alte Ge fängnisshstem veibehalten. So hat man in der Konttollstation Jllowo — wie auch in einigen anderen Konttollstationen — auf den hohen Bretterzaun zwei Reihen Stacheldraht aufgeschlagen. Anscheinend vergißt der dortige Verwalter, daß er es mit Passagieren und nicht mit Arrestanten zu tun hat. Die anderen Kontrollstattonen sind diesbezüglich auch nicht viel bessersie bieten den Anblick eines abgeschlossenen Nr. 39. Seite 7 Gefängnisses, das Privatpersonen nicht betteten dürfen. Die Konttollstatton ist — kurz, aber deutlich gesagt — ein Gefängnis für Emigranten. . . Die neuen Verordnungen stehen nur auf dem geduldigen Papier. Können wir also die Konttollstattonm als etwas besseres ansehen als dm düsteren Landstrich an der russischen Grenze? Dort ist der Emigrant in einem fremden Lande, dessen Sprache er nicht kennt, etngesperrt, kann fich in seiner Htlfsbedürstigkett an keinen Menschm wmden. Das muß nun unverhüllt gesagt werden: Solange die Kontrollstationen nicht ihre festverschlossenen Pfotten öffnen, solange fie nicht die einkerkemden Schlösser und Riegel abschaffen und ihre Räume nicht allm öffnen, können unsere Emigranten zu ihnen kein größeres Zutrauen haben als zn jenen „Schwarzen Grenzmachern" und „Fremdenführern". . . Die Kardtnaluntugend dieser deutschen Konttollstationen besteht nun darin, daß fie, wie schon obm erwähnt, sehr — vergeßlich find Sie vergessen eS nämlich ganz, daß sie eS mit Menschen zu wn haben, die fie auch wie Menschen behandeln müssen. Der Emigrant gilt ihnen aber leider GotteS gerade nicht einmal so viel wie ein Stück Fracht, Ware oder Transpottvieh. Und so fehlt dem Emigranten in dm Kontrollstattonen daS Primitivste und Notwendigste. Anscheinend erachttt man auch dies als überflüssig für — Emigrantm. Der Raum der Konttollstattonen ist sogar jetzt sehr beschränkt, obwohl eine Massmemigration, wie vor zwei Jahren, momentan nicht vor fich geht. Daher müssm die Emigrantm den ganzen Tag auf dem hatten Boden fitzen oder ans ihrem armseligen Reisegepäck hockm. Man bringt eS hier sogar fettig, 150 bis 200 Perfonm in einem oder zwei Ztmmem zusammmzupferchm, in bmm nicht einmal Bänke find, auf die fich die ermüdtten Reisenden setzen könnm. Bon den alten kleinm Konttollstattonen will ich gar nicht redm — aber die neum leiden an den gleichen Mängeln: Raummangel und Unsauberkeit. Die Angestellten der Kontrollstattonen gehen mit dm Emigranten in geradezu empörender Weise um und scheuen fich auch nicht, fie zu schlagen. Außerdem ist ihre Zahl sehr klein, und infolgedeffm find fie immer mtt Arbeit überbürdet, daher so müde und verdtteßlich, daß fie zum Teile entschuldigt werden könnten. Und dann: fie sehen es ja von ihren Vorgesetzten auch nicht besser, von denen die Emigranten nichts als Schelt- und Schtmpfwotte zu hören bekommen. Der leidige Aufmthalt in der Kvnttollstatton wird oft noch durch die Saumseligkeit der Agenten, die gewöhnlich das Geld nicht rechtzeitig absende,, auf Wochen verlängert. Während dieser ganzen Zeit bekommt der Emigrant nichts anderes zu essen als — Kattoffel und Hettnge. Die deutschen Schiffahrtsgesellschaften find wohl zu arm, nm dem Emigranten für billiges Geld ein warmes Essen *u bieten!? In einigen Konttollstationm gibt es zwar eine kleine Abteilung, in der man fich ein warmes Essen kaufen kann. Das kostet aber 80 Pfennig. Natürlich muß deshalb die Masse der Emigrantm mtt Hering und Kartoffel vorlieb nehmen. Tiefes Mitleid muß da jeden ergreifen, wenn er die hageren, ausgehungerten Gesichter erblickt, die unglücklicher Weise wochenlang in der Konttollstatton verbleiben müssen. i! Manchem wird dies alles als eine „Kleinigkeit", unwichtig genug dünken. Dem Kenner der Verhältnisse erscheint es umso wichtiger, als wir mit Recht sagm müssm: die Zeit, welche der Emigrant in der Konttollstation verbringt, ist für ihn eine phhfische und Psychische Qual, ein Unglück, das seine Spuren nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seinem Gedächtnis unverwischbar eindrückm wird. . . Und dann noch eines: wmn das Geld nach langem sehnsüchtigem Watten endlich etngttroffm ist, verliert der Emigrant oft feinen letzten Heller. Und das kommt dann so: Nicht in allm Konttollstattonm wird das Gelb ehrlich dm Emigrantm ausgefolgt und der Bettag für die - chifiskarte ehrlich abgezogen. In etnigm Konttollstationen hat der Vorgang des Schtffskattenkaufes bttekt ein schwindelhaftes Aussehen: der Beamte schreit dm Emigrantm an, er solle schneller daS Geld aufzählm und gibt ihm zur Bekräftigung seiner Aufforderung etnm Schlag auf die Schulter. Der Emigrant wird naturgemäß verwirrt und übergibt sein ganzes Geld dem Beamten. Dieser teilt nun: „Das bleibt dir und daS kommt von dir". . . Und so geht eS dann wetter. . . In etnigm Konttollstationen geht man sogar so weit, daß man dem Emigranten das Geld vorenthält, welches ihm sein Agmt geschickt hat. Bon diesem Gelbe wird eine Summe abgezogen, die der Agmt seit längerer Zeit angeblich schulde. Und was sagm nun zu all dtesm Tatsachen — vor uns liegt noch weit mehr diesbezügliches Material — die deutschen Schiffahrtsgesellschaften? Ihnen unterstehm doch die Konttollstattonm! Garnichts! Sie denken gar nicht daran, in ihren Konttollstationen dm Geist der Ordnung und Kultur einzuführen. Ihr Lettwort scheint Irüsser taire, laisser aller zu sein. Ihnen komuit es hauptsächlich darauf an, möglichst viel „Ware" zur Beförderung zusammenzuvekommen . . . Und so ist daS Berhaltm der Beamten der Konttollstationm gar nicht weiter verwunderlich. m Zum Schluß noch eine Bemerkung über die Verwalter der Konttollstationm. Diese find durchaus nicht immer dazu geeignete Personen. Für einige von ihnm wäre an einem anderen Otte viel eher Platz ... der für gewöhnlich geradeso wie die Konttollstatton zugesperrt ist. Wir könntm auch Ramm veröffmttichm. Tun es