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Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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39. September 1909 Der Israeli». No. 39. Sette L das öffentliche und Familienleben in Amerika krankt. Gerade in religiöser Beziehung wirkt dieses Unabhängigkeitsgefühl der Kinder oer osteuropäischen Einwanderer vernichtend und zugleich demoralisierend. Wie oft haben mir jüdische Eltern mit Thränen geklagt, daß ihre Kinder ihnen den Sabbat dadurch zerstörten, daß sie die Sabbatkerzen auslöschten, die Gebete der Eltern mit Spott und Hohn begleiteten und fast mit Gewalt jede religiöse Handlung unmöglich machten. Ich bin nirgendwo mehr in der Welt einem brutaleren Sozialismus begegnet, als gerade bei der eingewanderten russischen Jugend, die den ethischen Kern dieser Lehre auf den Kopf stellt und einem Nihilismus huldigt, der einen mit Abscheu vor seinen Trägern erfüllen muß. Es fehlt dem Uebergang von der barbarischen Knechtung in ihrer alten Stiefheimat zur amerikanischen Freiheit eben die erzieherische Zwischenstufe, die in den riesigen Großstadtzentren mit chren sozialen Auswüchsen nicht so leicht geschaffen werden kann. Alle Großstädte leiden nun einmal an Zuständen, die ungleich mehr sittliche Schäden zeitigen, als das Leben in kleineren Städten und das Leben auf dem Lande. Und weil die „Kinder des.Ghetto", wie hier schon eingehend geschildert wurde, ohne jede religiöse Erziehung aufwachsen, der versittlichenden Macht religiöser Selbstzucht entwachsen, so gibt uns sowohl dieser Umstand, als auch das ganze amerikanische Milieu, in dem sie leben, den Schlüffel zu jenen betrübenden Erscheinungen, die unsere amerikanischen Brüder mit ernsten Sorgen erfüllen. Wenn wir-dann noch weiter erwägen, daß das öffentliche Leben, die Polizei, die Politik, und die kommunale Verwaltung von unzähligen korrumpirenden Elementen durchsetzt sind, unter deren Herrschaft eine schimpfliche Beutepolitik als eine ständige Einrichtung erscheint, so erklären uns solche beklagenswerte Zustände auch, wieso mit der Zunahme der jüdischen Bevölkerung New- Uorks und der übrigen großen Städte auch Vergehen und Verbrechen überhandnehmen, die sonst unter den Juden so gut wie gar nicht wahrzunehmen sind. Und wenn es auch eine unerhörte Verleumdung des Einwanderungskommiffars Bingham war, daß die Hälfte aller Kriminalitäten auf jüdische Individuen entfielen, so bleibt es auch, wenn wir dem wahren Tatbestand, daß die von Juden begangenen Vergehen und Verbrechen kaum den zehnten Teil der gesamten Straftaten betragen, ein deprimierendes Gefühl für uns, daß Juden überhaupt zu schimpflichen statistischen Aufstellungen herangezogen werden konnten, bei denen sie früher überhaupt nicht figurierten. Es war der schmerzlichste Tag meines letzten Aufenthaltes in Amerika, als ich am Pesachfest 1905 vor 119 jüdischen Zuchthäuslern in Sing- Sing zu sprechen unternahm. Und wenngleich auch diese 119 männlichen Sträflinge im Verhältnis zur Gesamtzahl der Einwohnerschaft des Staates New-Iork kaum I V, Prozent aller Sträflinge überhaupt repräsentierten, so war der Gedanke, daß eine solche Zahl überhaupt sich straffällig gemacht, für mich wahrhaft niederschmetternd. Indessen muß auch hier ausdrücklich erwähnt werden, haß unter diesen jüdischen Sträflingen viele waren, deren Verbrechen in einem europäischen Kulturstaat mit allergrößter Wahrscheinlichkeit kaum mit Gefängnis geahndet worden wären. Ich erwähne nur, daß Leute, die in der Not eine Kanne mit wenigen Litern Milch gestohlen hatten, einmal mit 6 Jahren Zuchthaus bestraft worden sind. Das war 1899, und 1905 wurde ein anderer Angeklagter wegen versuchter Brandstiftung eines abseits stehenden, unbewohnten Holzhäuschens, dessen Wert auf ungefähr 40 Dollar veranschlagt worden, zu nicht weniger als neun Jahren Zuchthaus verurteilt. Gewiß will ich nicht etwa beschönigen, jedoch muß man zunächst die amerikanischen Zustände erst sehr gründlich kennen, und besonders im Auslande einigermaßen darüber orientiert sein, ehe man sich ein Bild über die Kriminalität im Allgemeinen in diesem Lande macht. Amerika ist nicht nur das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und Gegensätze, sondern auch der unbegrenzten Widersprüche, ganz besonders in der Rechtspflege. Wenn nun die amerikanischen Antisemiten — und deren Zahl ist wahrscheinlich nicht geringer als die in andern Ländern — nun behaupten, daß die Juden an allen Berbrechensrubriken in steigender Progression partizipieren, so verschweigen sie, oder übersehen, daß die Zunahme der Juden in den Vereinigten Staaten über die der von ihnen begangenen Verbrechen um mehr als das achtfache hinausgegangen ist. Die New-Aorker Judenschaft beträgt heute vielleicht eine Million Seelenvielleicht noch etwas mehr, mithin eine Einwohnerzahl, welche die von Hamburg übersteigt, und mehr beträgt, als die von Köln, Frankfurt und Leipzig zusammengenommen. Man sollte nun einmal die Kriminalität dieser drei, sittlich doch sicher hochstehenden Städte mit der des New-Aorker Ghettos vergleichen, dessen Einwohnerschaft zu über 80 pCt. aus blutarmen Menschen besteht, in eine Parallele stellen und dann die Kriminalität unter einander vergleichen. Es kämen dann sicher zu Ungunsten der drei genannten Städte Zahlen heraus, bei denen sie, mit gleicher Zahl von nur Juden, noch sehr ungünstig abschneiden würden. Nichtsdestoweniger muß zugestanden werden, daß die Ghettos in den amerikanischen Großstädten, sowohl von rein jüdischem Standpunkt aus, als auch von allgemein sozialen, das „Schmelztiegelproblem" zu einem Problem für die Juden überhaupt machen. Denn auch der um sich greifenden Prostitution, meiner festen Ueberzeugung nach ebenfalls eine Folge der verwahrlosten jüdischen Erziehung, müssen wir gleichfalls als einen Teil dieses Problems erwähnen. Sie ist ein entsetzlicher Schandfleck auf dem Ehrenschild der jüdischen Frauen, deren unantastbarer Sittlichkeitsstandard unser Stolz war und selbst von unseren Feinden nicht angetastet werden konnte. Ich führe auch diese Erscheinung auf die Vernachlässigung der religiösen Erziehung der Ghettokinder zurück, wenn auch andererseits nicht geleugnet werden soll noch darf, daß auch andere soziale Faktoren hiermitwirken, die mit denen der genugsam bekannten Ursachen unter den Nichtjuden hier identisch sind. Faffen wir nun alle hier zu Tage tretenden Erscheinungen zusammen, so ergibt sich, daß daS „Schmelztiegelproblem" wie gesagt, nicht nur ein Schlagwort, sondern ein sehr realer, wenngleich kein erfreulicher Begriff ist. Dieses Problem existiert, ist ein Schmerzenskind der amerikanischen Judenheit, und drängt, im Jntereffe der gesamten Judenheit zu einer Lösung, einmal schon aus den Gründen der Selbsterhaltuna im Allgemeinen, dann wegen der Erhaltung der Tradition und des Judentums überhaupt. Es kann uns nicht gleichgültig sein, ob uns jährlich Tausende und Abertausende jüdischer Individuen verloren gehen, nur weil ihre sittlich religiöse Erziehung aus verschiedenen vermeidbaren Ursachen vernachlässigt wurde. Ferner, weil es uns auch nicht gleichgültig sein kann, welche Elemente von den Nichtjuden als Juden betrachtet werden, die nur der Geburt nach, nicht aber durch ihr ganzes Leben und Verhalten zum Judentum gezählt werden. Wir dürfen diesen wichtigen Umstand umsoweniger gleichgültig hinnehmen, als hiervon das Schicksal Hunderttausender noch unter dem russischen Despotismus seufzenden Juden abhängt. Für uns europäische Juden kommt aber noch ein anderer Gesichtspunkt in Betracht: Wenn wir auch schon vom rein menschlichen Standpunkte aus uns verpflichtet fühlen, soweit unsere Kräfte reichen, die Evakuierung der russischen Juden zu fördern und ihnen daher die Tore Amerikas offen zu halten bestrebt sein müffen, so sind wir denn doch auch zu der Frage berechtigt, ob wir eine Auswanderung mit unseren ohnehin nur sehr unzulänglichen Mitteln erdolchen Kall gilt, wo es sich nicht um die Mizwa eines Einzelnen, sondern um die einer ganzen großen Memeinbe fyanbelt, darüber müßten wir noch eine Frage an unsern Herrn Rabbiner richten, ich glaube nicht, daß wir kompetent sind, darüber endgiltig zu entscheiden. Aber wie dem auch sei, wer im Talmud die Quelle aufsucht, aus der dieser Din abgeleitet wird, findet es dort ausdrücklich ausgesprochen, daß derjenige, der ein übriges tut und auch für eine solche Mizwa ein großes Opfer bringt, dafür den besonderen Segen Gottes erwarten darf. Auf diesen Segen sind wir aber in unserer trüben, schweren Zeit, mehr als sonst angewiesen und diese Erwägung allein muß uns bestimmen, in der Erfüllung unserer Pflicht ein übriges zu tun, um uns gerade jetzt diesen besonderen Segen Gottes zu sichern." „Ich würde den Ausführungen unseres Präsidenten ohne weiteres zusammen," bemerkte darauf Herr Aronsohn, „wenn mich nicht eine andere Erwägung zurückhielte. Wie Sie wissen, fällt dieses Jahr der erste Tag Sukkos aus einen Schabbos, an dein Mizwas Lulof ja fortfällt. Für die anderen Tage ist die Lulafpflicht nur von den Chachomim (Weifen) geboten, wir würden also das schwere Opfer nicht einmal für eine durch die Thora geforderte Mizwo bringen, sondern nur für eine rabbinische Anordnung und dazu sind wir — — — Der Redner konnte nicht zu Ende sprechen, ein furchtbarer Knall übertäubte das gesprochene Wort. Erschreckt erhoben sich die Versammelten und eilten an die Fenster. Die Engländer hatten eine Batterie aufgestellt, und ohne daß die eigentliche Beschießung der Stadt begann, hatten sie einen Probeschnß abgegeben. Dieser schlug wenige Häuser von dem Sitzungszimmer entfernt ein und ein Granatsplitter hatte eins der angesehensten Mitglieder der Gemeinde Samuel Heckscher, getroffen, den man blutüberströmt in das nächste Haus trug. „Meine Herren," sagte der Vorsteher unter dem Eindruck dieser Schreckensszene, „Sie sehen wie der Tod in den Straßen wütet und wie einer unserer teuersten Genossen das erste Opfer dieses frevelhaften Kriegs ist. In einer solchen Lage, wo jeder für sein Leben zittert, wollen wir inniger als sonst uns an die Quelle halten, aus der wir unser Leben schöpfen, ich meine unsere Weisen gesegnet sei ihr Andenken, aus deren Mund wir das Leben gewinnen und erhalten. In einer Zeit, wo der Tod so rasch und unvermittelt an jeden Einzelnen herantreten kann, wollen wir mehr als sonst die alte Mahnung beherzigen, daß jeder totesschuldig ist, der die Worte der Weisen Übertritt und mit doppeltem Ernst gerade für ihre Einrichtungen jedes Opfer bringen. Ich zahle die Hälfte der 50 Dukaten aus meiner Tasche." „Und ich die andere Hälfte," rief einer der Vorsteher. „Dagegen muß ich wieder Einspruch erheben," rief Herr Elkan dazwischen. „Es ist nicht recht und billig, daß zwei Vorstandsmitglieder die große Mizwo allein besitzen, und wir anderen leer ausgehen sollen. Ich schlage vor, daß sich alle Anwesenden rn gleicher Weise an der Aufbringung der 50 Dukaten beteiligen." „Bravo!" rief der Präsident Leitersdors und drückte dem Gegner die Hand. „Eine solche Opposition lasse icb mir gern gefallen. Aber ich bitte Sie, zu erwägen, daß wir mit unserem Aimebot ein richtiges Neder (Gelübde) ausgesprochen haben, oas schwer auf uns lasten würde, wenn wir es nicht erfüllen. Ich glaube jedoch sicher, daß wir für 50 Dukaten dieses Jahr keinen Esrog bekommen und daß wir die ausgefetzte Prämie nachträglich noch derart erhöhen müssen, daß der . Betrag noch nicht reicht, auch wenn jeder von uns sieben hier Versammelten 25 Dukaten beisteuert. Deshalb gedulden Sie sich, Herr Elkan, Sie werden Ihren Beitrag noch sicher für diese Mizwo beisteuern können. Sollte es aber wider Erwarten nicht der Fall sein, so wollen wir beim Rabbiner anfragen, ob unser Gelübde gelöst werden tarnt und ich werde mich bejahenden Falls dann gern bereit er. klären, jeden von uns in gleicher Weise an der Mizwo zu beteiligen." Damit erklärten sich alle einverstanden und einige Herren schickten sich bereits zum Gehen an, um sich nach dem unglücklichen ersten Opfer des Bombardements selber umzusehen. Doch Herr Aronsohn hielt sie zurück und meinte, er könne sich mit der ganzen Idee eines öffentlichen Anschlags nicht befreunden, weil dabei sicher nichts herauskomme. Es falle ihm in diesem Augenblick ein anderer Ausweg ein. Man solle sich durch Vermittelung des Kopenhagener Oberbefehlshabers Peymann direkt mit den Engländern in Verbindung setzen und diese um Uebermittetung eines Esrog aus London oder wo her auch immer, ersuchen. Das dürfte noch am ersten zum Ziele führen. Präsident Leidersdorf runzelte bei diesen Worten die Sttrne und sprach mit ernster, bedächtiger Stimme: „Mit diesem Antrag kann ich mich nicht einverstanden erklären. Wir nehmen alle Teil an den schweren Sorgen, die unser Vaterland und unser Königshaus augenblicklich heimsuchen und cs gibt Niemanden, der an unserem Patriotismus zweifelt. Aber wir sind nicht besser und nicht patriotischer als unicre Altvorderen zu allen Zeiten waren. Und doch hat es viele Kriege und Belagerungen gegeben, bei welchen man uns Juden geheimer Beziehungen zu den Feinden verleumderischer Weise beschuldigte. Wir müssen daher jeden Schein vermeiden, der einer solchen Un-

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