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Der Israelit · 1909-09-29 · Heft 39 (29.9.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 39 (29.9.1909)
Date
1909-09-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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•’Vv y <uy.±' -"r.>, --T^r «ucj:^'". ^T Grtte 4. 29. SepttmVer 1909 9« Wraütt. Rr. 89 Gn Kommentar zum 5chrne>ztlcgelproblem. Bon Dr. Arthur Kahn, Eharlottenbnrg. II. Daß der Religionsunterricht für die jüdischen Kinder eine weit größere Bedeutung als der christliche für die nichtjüdische Jugend hat, ist schon aus den ungleichen numerischen Verhältnissen zwischen den Bekennern des Mosaismus und der Christenlehre genügend geklärt. Ob der Nichljude sich zu einem positiven Glauben in dieser oder jener Form, oder zu keinem bekennt, ob er sich überhaupt vom Christentum ganz lossagt, ist für ihn, für die Christenheit oder eine ihrer Kirchen ganz irrelevant. Und selbst wenn hundcrttausende aus der Kirche ausscheiden, und selbst Millionen, der Bestand des Christentums wird dadurch nicht sonderlich berührt,- es bleibt ein und mehr als nur ein religiös fixierter Be- Begriff, der eben Hunderte von Millionen Individuen umfaßt. Die überwältigende Masse sichert diesem Begriff seinen Bestand. Und wenn der von Kirche, Dogma upd sonstigem positiven Glauben Befreite, aber von christlichen Eltern Geborne sich auch in jeder Form von seimm Christentum lossagt ohne sich einem andern zuzuwenden, so wird er, — konfessionell betrachtet, — doch sich immer Christ nennen können, ohne an seiner Nationalität Einbuße zu erleiden. Die Zugehörigkeit zum Christentum bleibt ihm unverlierbar gesichert. Ganz anders verhält es sich beim Judentum. Seine, numerische Bedeutung ist so verschwindend klein, bemessen an der Zahl der übrigen Religionsbekenntnisse, daß sich der einzelne Jude sofort in der Masse der Nichtjuden verliert und ek als Persönlichkeit in ihr spurlos untertaucht, wo immer er die Fühlung mit seinen Stammesgenossen, auch nur räumlich gedacht, verliert. Und darin liegt eine große Gefahr für das Judentum. Wer als Jude in einem Meer Andersgläubiger allein dasteht, der geht mit größter Wahrscheinlichkeit dem Judentum dauernd verloren. In Amerika ereignen sich solche Fälle sehr häufig. In' den ungeheuren Länderstrecken dieses Riesenkontinents verlieren sich alljährlich Tausende von Juden, die fernab von den Kulturzentren, In den weiten westlichen Territorien ihr Glück suchen. Diese sind in der Tat das „Amalgamierungsmetall für den amerikanischen Schmelztiegel." Das Wort drückt hier eine Erscheinung aus und ist denn doch etwas mehr als ein bloßes Schlagwort. Auch diese Juden wuchsen meist unter Verhältniffen auf, wie sie von Dr. Asche und mir geschildert worden sind. Aber dennoch mit einem ethisch schwerwiegenden Unterschied. Jene waren znmeist innerlich Juden und interessierten sich auch wieder für religiöse Institutionen, sobald sie mit Juden wieder zusammen trafen und wieder auf jüdische Gemeinwesen stießen. Bei der jetzt Heranwachsenden Generation liegen die inneren Verhältnisse aber wesentlich anderssie wächst, schon im Ghetto, dem Judentum abgewandt auf, nimmt in einer großen Zahl der Fälle auch kein Interesse mehr am Judentum, von dem sie kaum mehr die äußerlichen Formen mehr vor sich und beibehalten sehen. Für diese jüdische Jugend kommen noch folgende Nachteile hinzu: Die Verfassung der Bereinigten Staaten anerkennt keine herrschende Staatsreligion an, kümmert sich daher auch nicht um den Unterricht in irgend einer Religion und überläßt alles in dieser Beziehung der Privatinitiative. Umso eifriger sorgen alle Konfessionen und Sekten für ihren jeweiligen Religionsunterricht in Abend- und Sonntagsschulen, mit Ausnahme der Juden. Die amerikanische Schule ist vor allem bestrebt, die Kinder für das praktische Leben und für den materiellen Daseinskampf auszurüsten. Wenn nun einzelne jüdische Kongregationen, so z B. die deutschen und die portugiesischen für ihre Kinder, einen wenn auch nur dürftigen Religionsunterricht in den „Sonntagsschulen" einrichten, geschieht im Ghetto nicht das mindeste. Die osteuropäischen Eingewanderten, etwas verwöhnt von der großartigen Munifizenz ihrer amerikanischen Glaubensgenossen, erwarten, selbst wenn sie schon zu einigem Wohlstand gelangt sind, auch hier wieder von außen Opfer und Unterstützung und bringen nur in ganz vereinzelten Fällen für die religiöse Unterweisung ihrer Kinder persönliche Opfer. Wachsen nun die meisten Ghettokinder ohne jeglichen Religionsunterricht im Jüdischen auf, so wirkt auch das veränderte religiöse Verhalten der Eltern nachteilig; die Kinder ziehen eben ihre Schlüsse daraus, stets zu Ungunsten des jüdischen Lebens. Dann krankt auch das amerikanische Familienleben überhaupt noch an einem großen Uebelstand. Schon auf der Schulbank träumt der amerikanische Knabe und das amerikanische Mädchen vom „allmighty Dollar". Das Wort „Dollar" klingt von früh morgens bis zum Schlafengehen an unser Ohr, Alles und Jeder und Jedes wird auf den Dollar taxiert- Menschen, Dinge, Kunst, Wissenschaft, kurz alles, was die täglichen Erscheinungen veranlaßt und begleitet. So wird schon im zarten Kindergemüt Denken und Empfinden materialisiert; diejenigen Fähigkeiten die zum sichersten Erwerb des Dollars beitragen, werden am intensivsten gepflegt, hingegen der Erweckung der sittlichen Eigenschaften gerade nur soviel Sorgfalt zugewendet, als die gesetzliche Sicherung der gesellschaftlichen Ordnung erfordert. Es entwickeln sich hieraus gesellschaftliche Anschauungen und Gepflogenheiten, die vor Jahrzehnten schon von Dubais - Reymonds als „Amerikanismus" bezeichnet w d vor deren Eindringen in andere Kreise seit langem schon gewarnt wird. Dieser Herrschaft des Dollars wird nun noch eine ganz besondere Macht durch die ökonomisch unsichere Lage der breitesten Bevölkerungsschicht insofern verliehen, als sitz die elterliche Autorität gegen die Kinder frühzeitig einschränkt, oft ganz vernichtet. Der bürgerliche Mittelstand, der beispielsweise in unseren europäischen Kulturstaaten gleich.hinter dem Arbeiterstand die stärkste Volksschicht bildet, ist in Amerika durchweg der mindest zahlreiche und ist, wenn man dessen Bedürfnisse und Einkommen mit denen des Arbeiterstandes vergleicht, noch ungünstiger gestellt, als dieser. Aber in beiden Schichten spielt das Mitverdienen der Kinder eine wichtige ökonomische Rolle, ist sehr häufig sogar ein eminent wichtiger Existenzfaktor. Von den verschiedenen staatlichen und gewerkschaftlichen Einrichtungen der arbeitenden Klassen, als Alters- und Invalidenversicherungen, Schutz gegen Arbeitslosigkeit, Krankheiten rc. gibt es bis zum heutigen Tage kaum noch rudimentäre Ansätze, und Arbeitstosigkeit, ohne Aussicht auf Exi stenzmöglichkeit ist das Los fast aller Arbeiterin Amerika. So suchen denn auch tatsächlich viele Kinder, nicht nur aus rein egoistischen Gründen, so frühzeitig als möglich mitzuverdienen, und es muß zu Ehren der amerikanischen Jugend sogar gesagt werdet», daß sie in vielen Fällen nur deswegen so frühzeitig auf die Dollarjagd geht, weil sie den Kampf ums Brot den Eltern erleichtern helfen will. Gerade hierdurch entstehen aber auch große Schäden für das Familienleben. Die Kinder, die mitverdienen helfen, sichern sich nur allzuhäufig dadurch eine Unabhängigkeit den Eltern gegenüber, die jede Autorität illusorisch macht. Noch in den Kinderschuhen steckend, hemmen die jungen Mitverdiener jede „Freiheitsbeschränkung" mit dem fast geflügelten Worte: „I am my own boss, ich bin mein eigner Herr." Die Eltern, oft in einer Zwangslage, räumen den Kindern ein Mitbestimmungsrechtein, das das elterliche Ansehen sehr häufig bis zur völligen Einflußlosigkeit herabdrückt. Die Eltern stehen diesem mißverstandenen Freiheitsbegriff ziemlich machtlos gegenüber und das veranlaßt naturgemäß in vielen Fällen einen Freiheitsmißbrauch der jungen Leute, der nur zu leicht zu solchen Zügellosigkeiten führt, an denen schlossen, wir können keinen Brief ins Ausland schicken und keinen tftm dort empfangen. Kein Loth £ce, Kaffe. Zucker kann aus dem Ausland bezogen werden. Wo werden wir dieses Jahr Lulof und Esrog her bekommen? In wenigen Tagen ist Rosch Chodcsch Elul. Wie lange die Blokade dauern, wie lange sich die Stadt halten wird, kann heute kein Mensch sagen. Es sind keine sieben Wochen mehr bis Sukkos, und ich weiß keine Mittel und Wege, tun nud) nur ein einziges Lulof und Esrog zu beschaffen. Vielleicht hat einer von Ihnen Rabbaussai (meine Herren) auch schon daran gedacht und weis; hier einen Ausweg." „Gedacht habe ich daran," bemerkte der zweite Vorsteher, Aronsohn. „Als die feindlichen Truppen Mitte August in Seeland erschienen, habe ich sofort den Buchhändler Karsch, von dem die Gemeinde ihre Arba Minim bezieht, aufmerksam gemacht, er solle sofort nach Hamburg an seine Lieferanten schreiben, was er auch sicher getan hat. Ob der Brief von den Engländern noch durchgelassen wurde, weiß ich nicht. Aber daß, selbst wenn dies auch der Fall ist, seit 8 Tagen keine Sendung von Hamburg hierher essektuiert werden kann, das wissen wir alle. Ich weiß daher auch keinen Rat." „Als die Engländer die Wälle zur Beschießung unserer Stadt aufwarfen," bemerkte eilt dritter dieser wackeren Männer, „war die Frage, die unser Präsident hier angeregt hat, Gegenstand meiner angelegentlichsten Sorge. Ich ging sofort zum Hofgärtuer der königlichen Treibhäuser und sah dort einen prächtigen Lulof und ebenso schöne Hadassim, die mir der Gärtner gern überläßt: aber Esrogim gibt es dort nicht. Ich weiß auch nicht, wie der Esrog in der Botanik genannt wird und stellte sofort fest, daß der Hofgär uer die Esrogim nicht einmal denk Aa-i-eu nach lärmte. Wie wir uns auch nur einen Esrog dieses Jahr beschaffen, dazu reicht meine Einsicht nicht hin.", „Ich denke," ergriff darauf der erste Vorsteher wieder das Wort, „es bleibt uns nichts übrig, als durch Anschlag in der Stadt bekannt zu machen, daß wir einen Esrog suchen und daß wir einen hohen Preis demjenigen zusagen, der uns einen Esrog verschafft. Wir müssen schon etlvas tiefer in die Tasche greifen, wenn wir dieses Jahr einen Esrog bekommen wollen, ich schlage eine Prämie von 50 Dukaten vor." „Diesem Vorschlag muß ich entschieden widersprechen und zivar aus verschiedenen Gründen," warf eines der jungen Mitglieder des Vorstand Kollegiums namens Hirsch Elkan ein. Warum sollte man erstens einen Schritt tun, von dessen Erfolglosigkeit jeder im voraus überzeugt ist? Jedermann weiß, daß in ganz Kopenhagen kein 'Esrog existiert, und das; von auswärts keines zu haben ist, auch wenn wir den höchsten Preis aussetzen. Würde aber sich wirklich Jemand finden, so halte ich den Preis von 50 Dukaten viel zu hoch für ein Esrog. Dazu sind wir nach dem Din (Gesetz) des Schulchan Aruch nicht verpflichtet. Dort wird (am Ende des Kapitel 656) ausdrücklich gesagt: „Wer keinen Esrog hat oder auch sonst eine andere, selbst vorübergehende Mizwo zu erfüllen nicht in der Lage ist, braucht dafür kein großes Vermögen zu opfern." 50 Dukaten für einen Esrog hinzugeben, sind aber ein ganzes Verulögen. Sind lvird also dazu nicht verpflichtet, so sind wir in dieser harten Zeit auch nicht berechtigt, eine solche Summe aus Gemeindemitteln für einen Esrog zu entnehmen." Diesen Ausführungen folgte ein minutenlanges Schweigen und zwar ein beifälliges, wie man den Mienen der Versammelten auf den ersten Blick entnehmen konnte. Durch seine selbstlose Hingebung für alle Angelegenheiten der Gemeinde genoß ihr erster Vorsteher bei seinen Kollegen eine unbegrenzte Hochachtung, welche viele bestimmte seinen hochherzigen Ansichten und Absichten zuzustimmen, auch ivenn sie persönlich anderer Meinung waren. Hatte sich aber, wie in vorliegendem Falle, Jemand zum Dolmetsch einer andern 'Meinung gemacht, so fanden auch die andern den Mut, sich diesem anzuschließen. Das war dem lebensklugen Gemeindevorsteher wohl bekannt, er trat daher der Auffassung des Redners sofort in seiner milden, überzeugendeil Weise entgegen. „Herr Elkan," führte er ans, „hat im Prinzip gewiß Reckt, doch glaube ich, daß ltnser Fall ein so ungewöhnlicher ist, das; inan allgemeine Prinzipien nicht ohne weiteres auf ihn anwenden kann. Ich muß zngeben, daß ich selber nicht abzusehen vermag, wie ein öffeittliches Ausschreiben den gewünschten Er folg haben kann, dlber wir müssen das einzige, wo-> wir tun können, doch versuchen und das ist eine öffentliche Aufforderung. So ganz ausgeschlossen halte ich die Möglichkeit eines Erfolges doch nicht. Man munkelt bereits davon, daß durch die schon einge tretene Teuerung aller vom Ausland bezogener Le bensmittel sich waghalsige Menschen gefunden haben sollen, die sie heimlich auf Schleichwegen einzuführe» suchen. Ob das wahr ist und ob es bei der strengen Blokade möglich ist, eine solche Einführung mit Er folg irr .die Hand zu nehrnen, bezweifle ich bei aller Waghalsigkeit der Unternehmer. Aber ganz ausge schlossen ist das nicht, warum sollten wir also dn-> unsrige nicht tun und nicht wenigstens einen solchen Versuch wagen, der uns ja irichts kostet, wenn er nichr znm. Ziele führt. Auch den Hinweis auf den Tin halte ich nicht für vollständig zutreffend. Ol' - die Entscheidung des Schnlchan Aruch auch für eine» .

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