Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1909)
- Date
- 1909-09-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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29. September 1909 Antrag Friedmarm ist der Punkt, bei dem die .Geister sich scheiden.« Als dann die Abstimmung die Annahme des Antrages ergab, da war es wieder ein Liberaler, der die Tragweite der eben gefallenen Entscheidung mit den Worten zum Austrag brachte: „Ich glaube im Sinne mancher Mitglieder der Kommission zu sprechen, daß wir bitten müssen, daß eine neue Kommission, an der Herr Justizrat Friedemann-Glogau als der Schöpfer der Sache sich wird beteiligen müssen, einen neuen Entwurf vorlegt. Dann sprechen wir uns in weiteren zehn Jahren wieder." Wir glauben, daß sogar Herr Landgerichtsrat Loewe diesen Zeugen gelten lassen muß, denn jener Liberale, der sofort herausgefunden hatte, daß mit der Annahme des Antrages Friedemann dem vorliegenden Gesetzentwurf der Boden unter den Füßen fortgezogen wurde, war — Herr Landgerichtsrat Loewe selbst! Seine Anschauung wurde auf der Seite der Konservativen vollkommen gebilligt; es fand dies seinen prägnanten Ausdruck in den Ausführungen des Herrn Loeb-Frankfurt: „Wir haben doch durch die Abstimmung gezeigt, daß die Majorität nicht der Meinung ist, daß der vorliegende Gesetzentwurf in der Form, wie er vorliegt, akzeptabel ist. Wir können nur beschließen, daß der vorliegende Entwurf als „Material" für einen neuen Entwurf dienen kam», denn wir haben durch die Majorität zürn Ausdruck ge' bracht, daß wir diesen Entwurf nicht als Grundlage verwenden wollen." So konnte denn, nachdem die Bedeutung des angenommenen Antragcs Friedemann allseitig klargestellt war, die Frage nach der weiteren Behandlung der ganzen Angelegenheit, mit Einstimmigkeit . durch folgenden Antrag erledigt werden: „Ich beantrage, den vorliegenden Entwurf der Kommission als Material für weitere Arbeiten unter Berücksichtigung des heute angenommenen Antrags Friedemann zu überweisen." Wer war nun der Antragsteller, der also den Entwurf zur zweiten Lesung künftig nur unter Berücksichtigung der im Anträge Friedemann vertretenen Anschauungen behandelt wissen wollte? Wieder kein anderer als — Herr Landgerichtsrat Loewe!? Seitdem sind gerade 5 Monate in das Land gegangen und derselbe Herr Landgerichtsrat verkündet nun feierlichurdi ei orbi: „Der Antrag Friedemann kann als abgetan gelten." Der verehrte Herr Landgerichtsrat möge es uns verzeihen, wenn wir als gewöhnliche Sterbliche, denen eine solche Wandlungsfähigkeit abgeht, diesen raschen Wechsel der Anschauungen nicht mitmachen, sondern einfach auf dem Standpunkte stehen, den der ganze Delegiertentag einnahm, daß mit der Annahme der Resolution -Der Sfmeiit Friedemann eine weitere grundlegende Verwertung des Entwurfes ausgeschlossen ist. Sollten die Kollegen des Herrn Landgerichtsrat in der gemischten Kommission ihren Umfal inzwischen in gleicher Weise vollzogen haben und für die dritte Lesung einen Entwurf ausarbeiten, der die Zwangsprinzipien des vorliegenden Entwurfes betbehält, so würden wir das zwar im Interesse der notleidenden Landgemeinden au ' das tiefste bedauern, aber erschrecken werden wir darob nicht. Auf jenem Felde, das die letzte Ruhestätte des we.land Rosin'schen Gesetzentwurfes bildet, ist noch viel Platz! wie 9ie Ulfen tungen . . „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft", so denken jedenfalls auch die rumänischen Antisemitenführer, die in letzterer Zeit besonders die akademische Jugend für ihre staatsrettenden Ideen zu gewinnen suchen, um so Rumänien auch in Zukunft den klassischen Antisemitismus, durch welchen es schon eine gewisse traurige Beriihmtheit in der Welt erreicht hat, zu erhalten. Am 18. d. Mts. wurde in Jassy der Kongreß de rrumäni schen Studentenschaft eröffnet, der durch die Beteiligung auch von Vertretern der rumänischen Studenten in Südrußland und Oesterreich-Ungarn gewissermaßen einen großrumänischen Zug erhalten sollte. Die Ausländer stellten sich aber in der erwarteten Zahl nicht ein, denn die Schulbehörden, besonders in Ungarn, wo man den Nachbar zur Genüge kennt, und auch weiß, wes Geistes Kind die Versammlung in Jassy nach den dort obwaltenden Umständen sein wird, hielten es für ihre pädagogische Pflicht, die ihrer Leitung anvertraute^ Jugend vor der geistigen Infektion im antisemitisch verseuchte»! Rumänien zu wahren und sie nötigenfalls auch durch Anwendung von Zwangsmitteln an der Reise nach Jassy zu verhindern. Indessen scheint man doch in Rumänien selbst vom Konreffe nicht sonderlich erbaut zu sein. „Jugend at keine Tugend", und man fürchtet in den regierenden Kreisen, daß die jungen Heißsporne so manches frei und offen herausreden würden, was die Alten wohl auch im Innern ihres Herzens renken und in der Politik auch zur Ausführung bringen, aber mit Rücksicht auf die Kulturwelt nicht so offen zur Sprache bringen möchten. So suchte denn auch die Regierung unter allerlei Vorwänden, eine Vertagung des Kongresses j(u erreichen. Auch weigerte sich der Kultus- ' ninister, die staatlichen Internate zur Berügung der Kongreßmitglieder zu stellen. Aber »ll dieses war vergeblich. Denn schon hatte sich tet bekannte antisemitische Professor Cutza der Sache bemächtigtend, unter seiner Aegide konnte Rv. 89 «eite 8 denn auch der Kongreß trotz allen Hindernissen von innen nnd außen stattfinden. Die von der Regierung gehegten Bedenken waren durchaus nicht unbegründet. Denn schon am ersten Verhandlungstag zeigte es sich, daß die rumänische Jugend durchaus nicht gesinnt ist, nach Art der klugen Diplomaten den Antisemitismus zu bemänteln und die rumänische Judenfrage auf die allgemeine Notlage und den derzeitigen Kulturstand znrückzuführen, die vielleicht am Ende der Zeiten, da alle wirtschaftliche Not aufhören wird, auch ihre befriedigende Lösung finden könnte. (Siehe die Aeußerungen des Herrn Ministers Bratjanu einem Redakteur der „Neuen Freien Presse" gegenüber in der letzten Nummer unseres Blattes). Nein, sie wollen das Kind beim richtigen Namen nennen und zeigen, daß sie dem traditionellen Chauvinismus besser und wirksamer Ausdruck zu verleihen verstehen, ohne sich von irgend einer Rücksicht auf den Kredit Rumäniens im'Auslande, den moralischen oder den finanziellen, beeinflussen zu lassen. Ein Redner sprach über die „notleioenoen Rumänen" im Auslande, namenüich in Ungarn, wo sie, obzwar ungarländische Staatsbürger, angeblich verfolgt würden. Man hätte unter normalen Verhältnissen billig erwarten dürft«, daß sich der Redner nun auch gegen die eigene Regierung kehren würde, die gewisse Bürger, welche mit ihrem Gut und Blut dem Lande beisteuern und seit Generationen der Kultur des Landes und dem Staatswohle dienen, als Fremde behandelt und sie in Massen aus der Heimat verjagt. Aber nein, das hieße doch der antisemitischen Logik zu viel zutrauen, wollte man auf eine solche Fotzerung rechnen. In Wirklichkeit scheute sich der Redner nicht, in gleichem Atemzuge auch die heftigsten Ausfälle gegen die jüdischen Einwohner der Moldau zu machen und sie mit Verleumdungen und Bedrohungen zu bedenken, wie sie selbst in Rumänien in solch fanatischer blindwütiger Form nicht oft gehört werden. Der Regierung ist das Ganze, wie bereits bemerkt, unangenehm, ab«: sie schweigt. Im Grunde hat sie den Ausführungen der Akademiker nichts hinzuzufügen, denn sie bilden seit Jahren hr Regierungsprogramm und die ehrenwerten Professoren, die diese Verblendung unter der Jugend großgezogen haben, find heute die mächitzsten, politisch einflußreichsten Männer Rumäniens. Es ist wahrlich schlimm bestellt um )ie Geschicke Rumäniens, wenn dieseJugend dieTrägerin seiner Zukunft bedeutet' eines euilleton Dreibund crf Dukaten für eine krwg. Von JndänS. I. Durch die Segnungen des Friedens, deren wir uns in Deutschland seit vielen Jahren erfreuen, haben viele Zeitgenossen keine rechte Vorstellung von den Leiden und Schrecken des Krieges und noch schwerer vertieft man sich in die unerträglichen Härten von Kriegszeiten, die Staaten und Völker lange Jahre hintereinander heimsuchten, wie dies vor 100 Jahren der Fall war. Damals war der Stern Napoleons I. im Aufsteigen begriffen und hatte fast seinen Höhepunkt erreicht. Im Frieden von Tilsit (25. Juli 1807), hatte Napoleon sich mit Kaiser Alexander von Rußland und dem König Friedrich Wilhelnr von Preußen verbündet, nachdem er letzterem die Hälfte seines Königreichs entrissen hatte. England war der erklärte offene Feind Napoleons, es war die einzige Macht, die den unaufhaltsamen Siegeszug des französischen Eroberers mit Erfolg zu hemmen versuchte. Auf Englands Seite stand Schweden, während Dänemark neutral geblieben war. Dänemark lebte, wie mit allen Staaten, so besonders mit England im besten friedlichen Einvernehmen. Ass aber nach dem Friede»« von Tilsit Rußland und Frankreich ein Bündnis einstegangen waren, das sich i« egfec Reihe gegen England richtete, fürchtete die englische Regierung, daß Dänemark von Frankreich und Rußland gezwungen werde, seine Flotte gegen England und zunächst gegen Schweden zu richten, das .mit Frankreich damals auf Kriegsfuß stand. Die von Napoleon gegen England ins Leben gerufene Kontinentalsperre.hätte sich dann auch auf Dänemark erstreckt und der englischen Schifffahrt auch den Sund verschlossen. Auf diese Erwägungen hin erschien mitten im tiefsten Frieden die englische Flotte plötzlich am. 2. August 1807 im Sund und schiffte am 16. August ihre Truppen in Seeland aus. Dieser Handstreich traf Dänemark völlig unvorbereitet. Das in der Eile gesammelte uird bewaffnete Landvolk wurde von den Engländern auseinander getrieben und diese errichteten rund um Kopenhagen Batterien zur Beschießung der Stadt. Von Napoleon war man solche brutale Gewaltstreiche bereits gewöhnt. Aber als England diesen Raubzug gegen ein Volk unternahm, mit> dem cs in vollem Frieden lebte, empörte sich ganz Europa über diesen Frevel. Die Dänen waren entschlossen, lieber in vergeblichem Kampf mit der Uebermacht ruhmvoll zu unterliegen, als schimpflich zu kapitulieren. Sie hatten ihre Hauptstadt schnell in Verleidigungszustand gesetzt, und Tausende von Bürgern und Studenten hatten sich bewaffnet um die aus nur 5000 Mann bestehende Garnison zu verstärken. Am 1. September begannen die Englänoer das Bombardement, das bis zum 5. September Tag und Rächt fortgesetzt wurde. 28 Straßen wurden in diesen fünf Tagen eingeaschert und 2000 Einwohner der Stadt getötet. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß die Opfer an Gut und Blut, welche diese Belagerung der Bevölkerung Kopenhagens auferlegte, auch von der jüdischen Gemeinde mit derselben heldenmütigen Begeisterung gebracht wurden. Es gibt vielleicht keine zweite königliche Dynastie, die wie dik dänische auSnahmlos den Juden günstig gesinnt war und ihnen diese Gesinnung bei jeden Gelegenheit durch die Tat bekundete. Diese Gesinnung war in jener Zeit etwas so ungewöhnliches, daß man vielfach von einer jüdischen Abstammung des dänischen Königshauses sprach und sie, durch die Lautverwandtschaft unterstützt auf den Stamm Dan zurückführte. Die dankbare Anhänglichkeit der dämschen Juden an ihr Königshaus bewährte sich in dieser schweren Zeit in glänzender Weise. Kurz vor dem Bombardement Kopenhage»rs traten die Vorsteher der jüdischen Gemeinde zusammen und bewilligten freiwillig eine sehr große Summe zur Bestreitung der Kriegskosten außer den Steuern t»nd 'Abgaben, die sie gemeinsam mit allen Einwohnern entrichteten. Daß alle waffenfähigen jüdischen Männer sich mit ihren Mitbürgern an der Verteidigung der Stadt freiwillig beteiligten, war selbstverständlich. Als in jener Borstandssitzung die hohe Stimme ohne Diskussion bewilligt worden war, ergriff der Vorsteher Abraham Leidersdorf das Wort: „Es war mir und getviß Ihnen allen nicht zweifelhaft, daß wir in der Bewilligung dieser Summe einig seien und daß wir damit die ganze Gemeinde hinter uns haben werden, trotz der trüben, schweren Zeit, in der jedes Geschäft ruht und die täglich so große Ansprüche an jeden Einzelnen und an die Gesamtheit stellt. Aber nnr stehen vor einer anderen Schwierigkeit, für deren Behebung ich keinen Ausweg weiß Sie wissen, daß der Feind unsere Häsen blokiert hat und daß ganz Dänemark von den feindlichen Schiffen wie von einer undruchdrrnglichen Mauer umschlossen ist. Wir sind von der ganzen Belt abge-