Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1909)
- Date
- 1909-09-23
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 Nr. 38 Der JSraelit. ^egen ihren Willen oder gegen ihr Andenken gesündigt. — Diese Stunde der Seelenandacht, da wir gedenken der unsterblichen Gtaubenshelden, die sich in ihre weiße Sterbekleider gehüllt und die flammenden Scheiterhaufen bestiegen zur Heiligung deines erhabenen Namensdiese Stunde mit ihren erhebenden Erinnerungen, möge nicht leer und wirkungslos an uns vorübergehen, möge sie auch uns aneifern, treu zu verharren im Bäterglauben, durch Selbstheiligung deinen Namen zu heiligen, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und aller Kraft dich zu lieben, unser Vater, unser König! Amen. — Voll tiefer Demut und Seelenzerknirschung knieten nieder, bückten sich und fielen auf ihr Antlitz die Priester und das Volk, die im Vorhofe des Heiligtumes auf Zion in dichten Scharen versammelt waren, als sie aus dem Munde des Hohepriesters *maro naaan OtPH Ntt den heiligen Namen, den verherrlichten und furchtbaren, ausgesprochen mntMi nunpn, in Heiligkeit und in Reinheit vernommen haben und riefen, wie aus einem Munde: „gepriesen sei der Name der göttlichen Herrlichkeit in EwigkeitDiesen Worten begegnete der Hohepriester mit dem Zurufe an das versammelte Volk: vrnön, ihr sollt rein werden. Diesen hohepriesterlichen Ruf will ich Euch ans Herz legen, Euch Allen, die Ihr hier versammelt seid im Heiligtume Gottes. Ich will Euch in die Seele hineinrufen das eine große, umfassende Wort nnön, ihr sollt rein werden. Ich weiß es wohl, meine geehrten Freunde, daß dieser Ruf aus meinem Munde der Kraft und der Weihe ermangelt und zwar nicht nur deshalb, weil ich kein Priester bin, sondern, weil ich mit dem Propheten Jesaias sprechen muß Ti« DT!Br rwv V'tt T, daß ich ein Mann unreiner Lippen bin und nicht würdig, die Gemeinde Gottes zur Reinheit aufzurufen. Ach, wie tief empfinde ich es heute, daß auch ich der Reinigung und Läuterung bedürftig bin, fern ist es von mir zu Euch mit der stolzen Sicherheit dessen zu reden, der rein dasteht und makellos, und der getrost des Gottesspruches harret, vor dem die anderen zaghaft bangen und beben müssen. Bewahre mich Gott zu jeder Zeit vor solchem Eigendünkel, um wie viel mehr muß mir dieser fernbleiben an dem heutigen Tage, da ich meiner Vergehen inne werde und meine Schuld stets vor Augen habe TK&m JHK '3K 'pVL (k"j o'7nn). Tan Doch nicht ich richte an Euch diesen priefterlichen Zuruf, sondern zwei Gäste sind hier erreißen begonnen, läßt sie sich schwer aufrichten. Meine Ahnung bestättgte sich leider. Rosa erwiderte unsere Argumente mit — Gemeinplätzen aus allen modernen pseudowissenschaftlichen Werken, die sonst so Scharfsinnige wollte unsere logischen Erklärungen nicht verstehen. Ganz kühl schloß sie: „Bemüht Euch nicht, niemals werde ich mich wieder fügen, ich bin ftei!" „Und die Kinder?" „Sollen freie Menschen werden." „Ja, freie Menschen, die sich in Freiheit unserer herrlichen Thora fügendas ist auch meine Ansicht!" „Nun, wir werden sehen." Hocherhobenen Hauptes verließ uns meine Frau. Sie können sich unsere Stimmung wohl denken. Nach längerem Schweigen sagte mein Schwager: „Was denkst du zu tun?" „Das einzig Mögliche ist Trennung - ich dars die Kinder nicht der Mutter überlassen, und, ach, lieber Freund, Rosa und ich sind schon lange innerlich getrenntunmoralisch wäre es, als Gatten zusammen zu bleiben." „Ich sah diese Antwort voraus und muß Dir leider, leider recht geben. Wie hatte ich mich damals gefreut, als ich die Schwester Dir anverra uen durfte." schienen, die ich feierlich und ehrerbietig begrüßt habe, und diese verlangen von mir dringend, daß ich in ihrem Namen an Euch den Zuruf ergehen lasse ‘nnttn, ihr sollt rein werden. Diesem Verlangen muß ich willfahren, darum schenket meinem Rufe ein aufmerksames, geneigtes Ohr. Die beiden Gäste, die heute hier erschienen und in deren Namen ich jetzt rede, haben mir folgende Begebenheit erzählt, die ich Euch mitteile und Eurer vollkommenen Beachtung empfehle. Eine aus zahlreichen Mitgliedern bestehende Familie lebte lange Zeit in großer Bedrängnis. Die arme Familie hegte und pflegte in ^chrem Kreise Lehren und Lebensanschauungen, Traditionen und Hoffnungen, die den anderen vielen Familen, von denen sie umgeben war, teils unverständlich, teils mißliebig, teils neidenswert erschienen waren. Die arme Familie wurde deshalb gehaßt, gestoßen, gehetzt, bedrückt, angefeindet, gekränkt, gedemütigt und leidenschaftlich verfolgt. Da die arme Familie aus zahlreichen Mitgliedern bestand, zerstreuten sich diese, sonderten und teilten sich in verschiedene Lebensberufe. Aber auch das half nicht. Alles, was die unternahmen, die zu jener gehaßten und verfolgten Familie zählten, wurde ihnen erschwert. Das Gedeihen und Emporkommen in dem erwählten Berufe wurde ihnen als Verbrechen, die Besiegung der ihnen bereiteten Schwierigkeiten als Laster angerechnet. Der Haß war so gewaltig gegen sie, daß sie sich in die düstersten Gassen, in die engsten Häuser zurückziehen mußten. Und da wurden ihre Häuser oft von den fürchterlichsten Stürmen umtost, und in den inneren Räumen derselben war viel Not und Elend. — Aber die arme Familie hatte auch Freunde und, wer treue Freunde hat, der ist nicht verlassen im Leben. Namentlich zwei ihrer Freunde taten ihr viel Gutes, ttösteten sie, heiterten sie auf, stählten ihren Mut und nährten in ihrem Kreise die Persönlichkeit, die Duldsamkeit, die Hoffnung auf bessere Zeiten, die unerschütterliche Ausdauer unb Standhaftigkeit. Der eine dieser beiden Freunde wohnte in der Nähe, er kam jede Woche zu Besuch So oft er kam, beeilten sich Alle zu seinem Empfange, legten Alle die Arbeit aus der Hand, Speise und Trank war von gestern schon vorbereitet und sie blieben beisammen den ganzen Tag und ergötzten sich an des treuen Freundes reichen Geistesgaben, seine Tröstungen richteten ihren Geist auf, seine Lehren erhöhten ihren Mut, seine Verheißungen vermehrten und belebten ihre Kraft. Der andere wohnte weiter kam nur einmal im Jahre zu Besuch. Da brachte er aber die köstlichsten Gaben mit. Zu seinem Empfange bereitete sich die arme Familie tagelang vor. Als er herankam, hatten Alle die Arbeit bereits aus „Ich ließ mich damals durch meine Sinne überrumpeln, bitter, bitter rächt es sich. Meine armen, armen Jungen!" „Wir bleiben Freunde," sagte mein Schwager warm. Und als solcher stand er mir in den schweren Zeiten zu Seite. Rosa nahm die angebotene Scheidung gern, ihre Eltern hingegen wehrten sich, sie glaubten Rosas Abfall nicht, die sich im Elternhause den dortigen Gewohnheiten fügte. Besonders den von mir verlangten Verzicht auf die Kinder, wollten die Großeltern nicht dulden. Mit Hilfe meines Freundes erreichte ich es endlich und zog mit den Kindern nach Deutschland. Das Vermögen meines Vaters gestattete ein bescheidenes Auskommen, ich hoffte auch bald in Praxis zu kommen. Es ließ sich ganz gut an, die Erzieherin hatte ich von Krakau mitgenommen, und die Jungen gewöhnten sich gut ein. Da zog ich mir nach einigen Monaten eine Infektion zu, die im Verein mit den furchtbaren vorher gegangenen Aufregungen mich so darnieder warf, daß ich manche lange Nacht bewußtlos war und in eine Nervenheilanstalt überführt werden mußte, die dann 3 Jahre meine Hennat war! Die Kinder wurden der Mutter ausgeliefert." Dorfzaun schwieg erschöpft. Nach schwer dumpfer Pause fuhr er fort: 33. September 1909. den Händen gelegt, Alle waren sie festlich gekleidet Alle begrüßten den sehnlichst erwarteten Freund mit heißen Zähren in den Augen. War einer der Familie aus dem Leben geschieden, klagten die Ueberlebenden dem treuen Freunde ihren herben Verlust, weinten ihren Schmerz aus an seiner Brust. Waren ihnen im vergangenen Jahre Segnungen beschieden, sprachen sie dem Freunde davon mit Tränen des Dankes in den Augen und der treue Freund gab ihnen weise Ratschläge über den Gebrauch und die Verwendung der erlangten Güter. Sie blieben den ganzen Tag versammelt, Speise und Trank wurde nicht genommen, Alle sättigten sich an der Huld des Freundes. Es trat aber mit der Zeit eine günstige Wendung im Geschicke dieser Familie ein. Der Haß gegen sie hatte an Schärfe verloren, der Neid verminderte sich, Verfolgung und Kränkung, Ausschließung und Zurücksetzung galten als unzeitgemäß, als roh und barbarisch, als häßlich und unmenschlich. Die Verhältnisse der in Rede stehenden Familie änderten sich rasch, nahmen eine ganz andere Gestaltung an. Sie verließ die düsteren, engen Gassen, wohnte nun geräumig in den schönsten Straßen und erfreute sich eines zunehmenden, gedeihlichen, glücklichen und beglückenden Wohlstandes. Die beiden Freunde erhofften daher um so freudigere Aufnahme, um so herzlichere Begrüßung. Sie wurden aber bitter enttäuscht. Der nahe wohnende Freund wurde bei seinem Eintritte gar nicht begrüßt, die Arbeit wurde nicht aus der Hand gelegt, seine Gaben wurden mit Geringschätzung zurückgewiesen. Der weit wohnende Freund, der nur einmal im Jahre kam, wurde wohl noch mit Pietät, aber nicht mehr mit der ehemaligen Seelenergrissenheit ausgenommen. Die beiden Freunde begegneten einander und klagten gemeinsam nicht nur über den schnöden Undank der EmpgxMmmlinge, sondern vielmehr über deren Verilendu^g, über deren Kurzsichtigkeit und Selbsttäuschung. — Wieder erhoben sich gewaltige Stürme gegen die vielgeprüfte Familie. Gespensterartig steigt der alte Haß aus dem Grabe. Mit erneuter Furchtbarkeit wütet der Neid, entfesselt er die wildesten Leidenschaften. Unter neuem Deckmantel erscheint der alte Groll, er gibt sich einen hochtönenden Namen, ward modern, zieht weite Kreise, verleumdet, verlästert, verdammt, macht für alles Verderbliche, das die Zeit aus ihrem Schoße erzeugt, für alles Unheilvolle, das eine verkehrte Zeitrichtung herbeiführt, für alle Mißerfolge und für alles Ungemach allein die Mitglieder der von jeher gehaßten Familie verantwortlich. Die beiden alten Freunde treffen wieder einmal zusammen und treten Hand in Hand mit „Die Fortsetzung können Sie sich denken. Die Mutter erzog die Kinder zu ihrer Freiheit, der Einfluß der geistreichen Frau, die eine glänzende gesellschaftliche Rolle spielte, ließ die Knaben schnell die ersten Jugendjahre vergessen. Mein Nettester wurde Offizier, er lebt nicht mehr, er siel im Duell zur höheren Ehre des Judentums! Der Jüngere ist einer der Führer der Zionisten, eine Zierde seiner Heimatsuniversität, sogar Mitgliedes Reichsrates. Den Gemorohkopf hatte er ja von beiden Seiten. Für mich find Beide tobt samt der Mutter, die noch immer einen glänzenden Salon hat Es sind viele Jahrzeiten, die ich an einem Tage begehe, auch stärkere Nerven als die meinen würden dabei zusammen, zucken." Der junge Mann drückte dem Freunde die Hand. „Die Vaterliebe, die Sie den Kindern nicht widmen durften, schenken Sie Fremden. Möchte die Liebe und die treue Dankbarkeit all' derer, die Sie dem Judentum erhielten, Ihnen Linderung sein in dem unheilbaren Schmerze."