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Der Israelit · 1909-09-23 · Heft 38 (23.9.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 38 (23.9.1909)
Date
1909-09-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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'' ------ ' GM-S. * infpektor dem Bürgermeister: M. M. G. dient gegenwärtig in der 10. ArtiÜeriebrigade und befindet sich in der Kaserne derselben/ feine Eltern wohnen laut eingeholten Informationen in Petersburg. Der junge Mann M. M. G., der angeblich „von der Assentierung in Lodz ferngeblieben ist", dient also in der 10. Artilleriebrigade die in Lodz selbst liegt. . . . Das Lodzer Konskriptionsamt gibt aber das Suchen der Familie nicht auf und richtet an das Petersburger Bürgermeisteramt die amtliche Aufforderung, „in der dortigen Stadt den alten G. und seinen Sohn L. ausfindig zu machen und von ihnen die 300 Rubel einzutreiben." Da jedoch der Petersburger Magistrat in seinem Reskripte erklärt, daß „laut Mitteilung des Meldeamtes die gesuchten Personen in Petersburg nicht existieren," ist es für das Lodzer Konskripttonsamt sonnenklar, daß nicht nur der „Jude M. M. G., der gegenwärtig bei der 10. Artilleriebrigade dient, sich der Assentierung entzogen hat," sondern daß auch seine Familie sich der Pflicht, die 300 Rubel zu zahlen, zu entschlagen sucht, und ihre Ausforschung wird um so energischer betrieben. Es vergehen zwei Wochen, die ganzer Lodzer Polizei, die öffentliche und geheime, ist auf den Beinen, man sucht und forscht und—man findet nichts. Aus allen Polizeikommissariaten kommt ein und derselbe Bericht, die gesuchte Familie sei nicht aufzufinden. Die Polizei suchte weiter, und wer weiß, wie lange dieses Suchen noch gedauert hätte, wenn nicht noch ein Polizeibeamter plötzlich den „Plan" ersonnen hätte, sich an den Kommandanten der 10. Artilleriebrigade mit dem Ersuchen zu wenden, von dem dort dienenden G. die Adresse seiner Eltern und seines Bruders L. zu erfahren. Diese glänzende Idee hatte auch einen glänzenden Erfolg, wie aus der Antwort des Kommandanten ersichtlich: „Die Eltern des Freiwilligen G. wohnen, nach dessen Angabe in Petersburg, Newski-Prospekt Nr. . . Sein Bruder L. studiert im Auslande und hält sich während der Ferien bei seinen Eltern auf." Nun war die Bahn frei. Was jetzt geschah, hätte man selbst in Rußland für unmöglich gehakten. Nach Erhalt dieser Antwort sandte der Lodzer Polizeimeister an das Petersburger Polizeikommiffariat, in dessen Rayon das angegebene Haus sich befindet, eine Zuschrift, von der genannten Familie die 300 Rubel Strafe wegen „Verletzung der Militärpflicht einzutreiben". . .. Dieser krasse Fall ist jedenfalls ein lehrreicher Beitrag zu dem auch in der europäischen antisemitischen Presse oft behandelten Kapitel über „die russischen Juden als Mrlitärflüchtlinge." Gnslanv. London, 12.September. Aus Montreal kommen sehr betrübende Nachrichten über die Lage, in welcher sich die Juden in Canada befinden. Es ist so weit gekommen, daß die Juden einen Selbstschutz organisieren mußten, um ihr Leben und ihr Gut zu schützen. Sehr verschärft wurde die Lage durch einen Vorfall, der sich vor einigen Wochen zutrug. Ein Jude betrat ein im jüdischen Viertel befindliches Gasthaus, als aus demselben zwei französische Rowdies traten, die den Juden ohne jeden Grund überfielen und ihn niederschlugen. Einige Juden eilten ihrem arg bedrängten Glaubensgenossen zur HUfe. Wie auf Verabredung kamen auch zahlreiche Franzosen herbeigeeilt und es entstand ein förmlicher Straßenkampf. Zeitungen aus Montreal behaupten, daß an dem Kampfe im Juden viertel nahezu 4000 Menschen beteiligt waren, der Verkehr lange Zeit stockte, daß es auch eine Menge schwerer Verletzungen gegeben habe, nur die Polizei war nicht zur Stelle, die es auch in Canada versteht, wenn sie will, abseits vom Getriebe zu stehen. Die letzte Nummer des „Jewish Eagle" enthält eine Aufforderung an die Juden, sich der Selbstschutz-Organisation anzuschließen, um das Judenviertel vor Wiederholungen solcher Ueberfälle zu schützen. Ganz russisch mutet das Verhalten der Polizei an. Die französischen Angreifer wurden unter Bewachung kn ihre Wohnung gebracht, während mehrere schwerverletzte Juden eingesperrt und vor Gericht gestellt werden. Man sieht dem Ausgange des Prozesses gegen die arretierten Juden begreiflicherweise mit gespanntem Interesse entgegen. Rumänien. Allerlei Antisemiten. tBon unserem Korrespondenten). Bukarest, 15. Sept. Die rumänischen hohen Beamten benützen, wie überall, ihren Sommerurlaub zu einem Aufenthalte im Auslande. Daß sie dort oft Journalisten gegenüber eine offenere Sprache führen als in der Heimat, ist bekannt. So gewährte (wie von uns bereits gemeldet. D. Red.) der rumänische Finanzmeister I. Bratianu dem Redakteur der „Neuen Freien Presse" eine Unterredung in Karlsbad, in deren Verlause er natürlich auch auf die jüdische Frage in Rumänien zu sprechen kam. Der Minister äußerte u. a.: „Für uns ist die jüdische Frage nicht eine Sache der Raffe und nicht des Glaubens, sondern vielmehr eine ökonomische Angelegenheit, welche sich auf eine unangenehme Weise entwickelt, wenn wir ein schlechtes Jahr gehabt haben. Jetzt sind die Bauern glücklicherweise beruhigt — wir hoffen eine gute Ernte zu haben. Wenn der Getreidewuchs nun gut ausfällt, wenn die Petroleum-Industrie weiter so blüht und die Verbesserung der Situation der Bauern (durch letztere wurden bekanntlich die Unruhen von 1906 hervorgerufen) andererseits so weiterschreitet, dann wird sich die jüdische Frage langsam verlieren." Nun, die rumänischen Juden werden den Rumänen eine recht gute Ernte für jedes Jahr wünschen, wenn man sie nur in Ruhe läßt und in ihrer physischen und geistigen Entwicklung nicht stört. Das Programm des Herrn Jorga scheint aber doch andere prinzipielle Ziele zu verfolgen, er möchte am liebsten die Juden aus dem Lande ziehen sehen. Und er hat leider Anhänger. So verlangt die „Gazeta Poporulni", ein in Braita erscheinendes national-antisemitischesBlatt, daß die jüdischen Schüler nicht mit den rumänischen zusammen lernen sollen. Der rumänische Schüler verlasse sich auf seinen jüdischen Nachbarn, welcher in der deutschen Sprache bewanderter ist. Kommt nun ein Exerzitium oder Examen, so sage der Jude dem Rumänen vor oder letzterer schaue in die Aufgaben des andern. Dadurch werde der rumänische Schüler faul und bleibe geistig zurück. Und noch weiter sagt das genannte Blatt: „Durch das Hineinsehen in fremde Aufgaben lernt er stehlen und wird noch dazu ein dummer Antisemit." Wie doch unsere Antisemiten immer so spitzfindig sind und was sie nicht alles ausdenken!! Von den internen jüdischen Angelegenheiten ist.die feierliche Einweihung der renovierten Synagoge Marc, die letzten Samstag in Verbinoung mit der Amtseinführung des neuen Oberkantors, Herrn M. Seifert, stattfand, zu melden. AfEa. Johannesburg, 8. Sept. Die „Capetown Jewish Philantropie Society" versendet folgende Mitteilng: „Das Komitee der Captowner Philantrovie Society weist die nach Südaftika Auswandernden darauf hin, daß jeder Emigrant bei seiner Ankunft mindestens 20 Pfund Sterling (400 Mark) besitzen muß. Auch muß er in irgerÄ einer europäischen Sprache gehörig zu schreiben verstehen. — wobei auch das Jüdisch-Deutsch als'Sprache anerkannt wird. Diejenigen, welche nach Transvaal fahren wollen, müssen auch die gesamten Reisekosten bis zum Reiseziel selbst bestreiten können; in Transvaal fordert von ihnen oas Emigrations-Departement den Ausweis von 20 Pfund Sterling. Diese Verordnungen werden streng gehandhabt, und es helfen dabei keinerlei Bemühungen und Bittgesuche; wer den genannten Betrag nicht besitzt, der wird zurückgeschickt." vrrmirkdter. Breslau, 11. September. Beim NebengotteSdtenste im Sammermustkfaal des Konzerthauses fungierte seit 1906 der Chorsänger Hetmann Paglin, welcher russischer Untertan ist, alS Borsänger während der hohen Feiertage. Nachdem durch einen Zufall die Staatsanwaltschaft davon Kenntnis erlangt hatte, erhob fie gegen ihn Anklage auf Grund de- Gesetzes vom 23. Juli 1847, betreffend die Nieder'affung der Juden im Königreich Preußen, wonach ein Ausländer zur Uebernahme eines KulruSamteS erst die Genehmigung deS Ministers des Innern einholen mutz und Zuwider - Handlungen gegen diese Bestimmung mit Geldstrafe von 20 —300 Talern geahndet werden. In der Sache fand, wie wir seinerzeit berichteten, schon am 1 . März dieses Jahres vor dem Schöffengericht eine Hauptver -- Handlung statt. Damals wurde aber Vertagung beschlossen, weil der Verteidiger mitteilte, daß wenige Tage vorher ">endes Urteil in einolgte hier" die Entscheidung. Das Schöffengericht sprach dm Angl klagten frei, indem eS, überetnsttmmmb mit dem Berliner Gericht, anno hm, daß unter etncm Kultusbeamten im Sinne des genannten Gesetzeein ftst angestellter Be - amter zu verstehen sei, der durch seine amtliche Tätigkeit nnd durch sein Zusammenleben mit der Gemeinde einen Einfluß auf derm sittliches und sonstiges Berhalten auszuübm in der Lage sei. DaS treffe aber bei dem Angeklagten, den man lediglich für die hohen Feiertage mgagtert, nicht zu. Hörftei«, 9. Sept. Am 3., 4. und 5. b. M. fand dahier eine feltme Feier, die Einweihung der renoviertm Synagoge statt, an welcher alle Ortsbürger regen Anteil nahmm. Die Häuser der Hauptstratzm hattm Festschmuck angelegt. Bon nah und fem warm zahlreiche Festgäste erschienen, darunter der Herr Kgl. Bezirksamtmann und Herr Kgl. Geistlicher Rat und Dekan von Alzenau. RachmittaaS */«4 bewegte sich der Festzug, an dem fich die ganze KultuSaemeinde, die GemeindeunbKtrchmverwaltung, sämtliche Vereine und eine große Anzahl anderer Bürger HörstetnS, sowie die auswärtigen Festgäste beteiligten, von einem Mufikchor, der Schuljugend und dm Festdamen eröffnet, zur Wohnung des Herrn SultuSvomeher Raphael Rothschild 111., von wo die feierlich geschmückten Thorarollm abgeholt und in die Synagoge getragen wurbm. Bor dem Shnagogeneingang hielt der Kultusvorsteher eine kleine Ansprache, in welcher er Herrn Lehrer Israel Wähler den Dank der Gemeinde zum Ausdruck brachte für die großen Berdtmste, die sich dieser um die Renovierung erworben. Der Bezirksamtmann beglückwünschte nach einem vorgetragmm Prologe die Kultusgemeinde zu ihrem schönm GotteShause, sprach seine Anerkennung über ihre Opferw'lltgkeit aus und übergab hierauf den Schlüssel Herrn Rabbiner Dr. Breuer- Aschaffmburg. Herr Dr. Breuer ging in seiner meisterhaft durchgeführtm Festprebtgt von dem Psalmvers aus: „Kommt in feine Tore mit Dank, in seine Höfe mit Lob, danket und segnet seinen Namen!" und sprach über die Bedeutung des Gebetes. Rach dem FestgetteSdimst begaben fich alle Teilnehmer im Zuge zum Festbankett in die Gartenwirtschaft „Zum Ritter". Hier hielt Herr Lehrer Wähler eine längere Ansprache, in der er alle Anwesmdm begrüßte und allm Mitarbeitern an dem RmovterungSwerk, besonders dem verdimstvollm Leiter des Ganzm, Herm Archttektm Adolf Scholl in Aschaffmburg, dem KulttrSvorstand und dm zahlretchm Spendern den Dank der Gemeinde übermittette. Herr Pfarrer Element wteS auf das harmonontsche Zusammmlebm der hier wohnenden Konfejstonen hin und beglückwünschte die Suuusgemetnde namens der katholischm Kirchengemeinde. Herr Ährer B. Wechsler aus Abzenau überbrachte die Grütze und Glückwünsche unserer Rachbargemeinbe. Herr Sallt Löwenthal brachte etnm Toast auf Herm Lehrer Wähler aus. Würzburg, 30. Sept. Anläßlich des diesjährigen Kaisermanövers in der hiesigen Gegend kam auch König!. Hoheit Prinz Ludwig als Vertreter Se.Kgl. Hoheit des Prinzregentm hierher. Herr DtstriktS-Rabbtner Bamberger hier war am Montag, dm 13. bS. MtS. zrm Empfang am Bahnhof befoblm, sowie auch am Donnerstag, 15. ds. MtS. zur Hoftafel geladen. Beim Cercle nach Aufhebung der Tafel unterhielt fich Prinz Ludwig in längerem Gespräche mit Herm Rabbiner Bamberger. Wie«, 11. Sept. AuS dem Leopolbstäbter tSraelttifchm Tempel in der Tempelgaffe wurde ein 35 Zentimeter hoher silberner Becher mtt achteckigem Fuß, deutschm und hebrätschm Inschriften und dm Ramm Jonas und Johann KvntgSwarter tragend, gestchien. Petersburg. 15. Sept.? US einem Berichte des GmeralgouvemmrS von Turkestan an die russische Regierung ist zu entnehmm, daß in Turkestan 8700 Judm wohnen. Die meisten von ihnm find Kaufleute oder gehen einem freim Berufe nach. Paris, 16. Sept. Wie gut die htefige antisemitische e informiert ist, zeigt der Umstand, daß das hiesige erikale „Joumal" Herm Schack, deffm Affäre sie einend behandelt, ofedepnte fuif (jüdischen Abgeordneten) ahinstellt.

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