Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1909)
- Date
- 1909-09-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Der Mraeltt. ' <Nüte 8 Rr. 88 es, die Zuhörer mit seinen tiefdurchdachten Ausführungen völlig in seinen Bann zu ziehen, so daß alle dem eine Stunde währenden Bortrage hingerissen lauschten. Es ist unmöglich, auch nur in gedrängter Kürze den reichen Inhalt der gediegenen Arbeit wiederzugeben. Es ist. jedoch zu hoffen ünd zu wünschen, daß der Bortrag durchs den Druck weiten Kreisen zugänglich gemacht wird. Er ist dazu geeignet, die Widersacher des gesetzestreuen Judentums zu entwaffnen, die im Glauben Schwankenden zu befestigen und die Treuen zu begeistern. Nachdem der Sekretär des Vereins, Herr Charles Nordmann -Basel, das Protokoll der vorjährigen Generalversammlung verlesen batte, erhielt Herr Rabbiner Dr. H o f s m a n n-Randcgg das Wort zu einer Begrüßungsansprache. Mit zündenden Worten legte er Wesen und Art der jüdischen Orthodoxie dar,äderen Vertreter mit den „Dunkelmännern" aller Zeiten und Zonen nichts gemeinsam haben und die ohne Herrschsucht, ohne Intoleranz und in Harmonie mit der wahren Wissenschaft ihr Ziel verfolge, das alte überlieferte Judentum zu erhalten und als kostbarstes Erbgut Kindern und Kindeskindern zu übergeben. Zum Schluß empfahl er dem Verein, sein Hauptaugenmerk auf Talmud Thora zu richten und die Kenntnis der Quellen unserer Lehren und Gesetze aufs eifrigste zu fördern. Lauter Beifall belohnte den Redner für seine zu Herzen gehenden Ausführungen. Hierauf erstattete der Präsident den Jahresbericht. Er gedachte in warmen Worten der im Berichtsjahr gAorbenen Freunde, besonders des in der Blüte seiner Jahre dahingegangenen Kommissionsmitgliedes Jakob Dreyf n s mrs Baden und des ebenfalls in Baden verstorbenen wackeren und treuen Gesinnungsgenossen Michel Bollag, der sich noch im vorigen Jahre an den Diskussionen des Vereinstages lebhaft beteiligt hatte. Der Verein zählt in 41 Ortschaften der Schweiz 383 zahlende Mitglieder. Jedes Mitglied erhält den „Sabbath" und die in kleineren Ortschaften wohnenden auch ben „Jüd. Volksboten" zugesandt. Außerdem wurde die Schrift „Sabbathstimmungen" von Arthur Kahn gratis an alle Mitglieder verteilt. Für die Stellen-Bermittlung zu-Gunsten derjenigen, die den Sabbath heiligen, bemühen sich die Herren Joseph B r a n d e i s-Zürich. und ^N. L ö b-Balel. Der Präsident bittet bringend um wirksame Unterstützung auf diesem so überaus heiligen Gebiete, auf welchem bei allseitigem Zusammenwirken viel mehr geleistet werden könnte und sollte. In der Sabbathheiligung lagen die Wurzeln unserer Kraft. Der Verein hat im verflossenen Jahre mit erheblichen Geldopfern eine den Anforderungen des Religionsgesetzes entsprechende Mikwoh in Genf eingerichtet, und wer die Wichtigkeit dieser jüdischen Institution kennt, wird die Freude des Vereins über das Gelingen dieses Merkes begreifen. Für ben Talmud-Thora-Berein Zürich III, der sich die Aufgabe stellt, die Kinder der aus Polen eingewanderten Juden, welche keiner Gemeinde angehören, im Jüdischen unterrichten zu lassen, hat der Verein einen ansehnlichen Beitrag gezahlt. Ebenso unterstützt er diejenigen Schüler, die um von Zeichnen am Sabbath dispensiert zu sein, einen besonderen Unterricht in diesem Fache erhalten. Auch für die in Zürich aeplante Volksküche hat der Verein einen größer» Beitrag in Aussicht gestellt. Gevlant ist die Einrichtung einer geeigneten jüdischen Restauration auf den Märkten, um es den Marktbesuchern zu ermöglichen, rituell zu leben. In- Aussicht genommen ist auch die Errichtung einer jüdischen Bibliothek, welche den Mitgliedern des Vereins unentgeltlich zugänglich gemacht werden soU. Die von Herrn Lehrer M ü l l e r-Winterthur auf dem letztjährigen Bereinstag angeregte msn D'tftfl im Wesentlichen durch die Bemühungen des Herrn Müller verwirklicht worden. Es sind alle nirDDö an die in der Schweiz lebenden Freunde des Lernens verteilt worden, sodaß fortan in jedem Jahre in der Schweiz ganz D'tfr ausgelernt wird. * Hierauf erstattete der Kassierer, Herr Hermann Weil-Zürich, den Kassenbericht, der bei Einnahmen von ca. 3000 Frcs. mit einem Aktivsaldo von 400 Frcs. schließt. Im Namen der Revisoren sprach Herr Bond y-Lausanne dem Kassierer für seine musterhafte Kassensührung Tank und Anerkennung aus. Die Diskussion wmde eifrig geführt. Herr E i s-Zürich regte Sammlungen für Palästina an, eine Anregung, der der Präsident nachzukanmien versprach. Herr G u t-Zürich fragte an, ob der Verein zur Aufhebung des Schächtverbotes etwas tun könne, eine Frage zu der mehrere Herren das Wort ergriffen. Herr Jsaac Erlanger- Luzern sprach den Wunsch aus, daß dafür gesorgt werde, daß die jüdischen Soldaten an den hohen Feiertagen von: Dienst befreit würden. Nach Schluß der Diskussion wurden die Ergänzungswahlen der Kommissionen vorgenommen. Die ausscheidenden Mitglieder wurden für eine neue Amtsdauer einstimmig bestätigt. Nengeewählt wurden die Herren M. Schwarz- Bafel, Louis Wyler-Baden und Berthold R o t h s ch i l d-Zürich. Hieerauf schloß der Präsident mit Dankesworten den Vereinstag, der eeinen schönen und äußerst würdigen Verlauf genommen hatte. Nestevrelrh. Lemberg, 19. September. In Anwesenheit von 100 Delegierten fand in Lemberg die von den Handelskammern einberufene Enquete über die durch die Abschaffung der Propination geschaffene Lage der Schänker statt. Den Standpunkt der jüdischen Schänker, die ja unter der Verfügung am meisten zu leiden haben, vertrat Herr Dr. Frostig, der in längerer Redeanseinandersetzte, daß es sich da um die Existenz von 30000 Familien handelt, die im höchsten Maße gefährdet erscheine. Die Landesregierung, sagte der Redner, hätte die Absicht kundgetan, die materielle Lage der galizischen Juden zu verbeffern. Nun habe die Regierung die Gelegenheit, zu beweisen, daß sie es mit dieser Absicht ernst meine, indem sie bei Verteilung der neuen Lizenzen die berechtigten Wünsche der jüdischen Schänker berücksichtigt. Die von Dr. Frostig in diesem Sinne vorgeschlagenen Resolutionen wurden angenommen. Es sprachen noch Abgeordneter B a t a g l i a, und der Vertreter des Lanoesausschusses, Dr. Jahl, die gleichzeitig versprachen, die Forderungen der Schänker zu unterstützen. Ungarn. vom ungariftfien Antisemitismus. Budapest, 20. Sept. Mit dem Antisemitismus, der jetzt in Ungarn - noch schüchtern fein Haupt erhebt, ist auch sein einstiger Vorkämpfer, der berüchtigte I ft o c z y zu neuem Leben erwacht. Jstoczy war Ende der siebziger Jahre und Anfangs der achtziger des vorigen Jahrhunderts als Führer der damaligen Antisemitenpartei in Ungarn eine in weitesten Kreisen unrühmlichst bekannte Persönlichkeit. Besonders gut blühte sein Weizen zur Zeit des berüchtigten Ritualmordprozesses in Tisza-Eszlar. Nach dem schmählichen Ende, den der Prozeß für die Regisseure desselben genommen, sind auch diese allmählich vom Schau- Platze des öffentlichen Lebens verschwunden. Zu diesen gehört auch Viktor Jstoczy, der einst gefeierte und gefürchtete Antisemitenhäuptling. Er war vollständig in Vergessenheit geraten, und die jüngere Generation kannte seinen Namen nicht einmal vom Hörensagen. Erst anläßlich des jüngsten ungarischen Katholikentages in Szegedin ist er wieder aus der Versenkung emporgetaucht. Aeußerlich reduziert. Physisch herabgekommen, hat er sich in Szegedin bemerkbar zu machen versucht und es scheint, daß er den hochmögenden Aristokraten und Geistlichen, die da versammelt waren, noch gut genug schien, um ihn in seiner alten Art gegen die Juden loszulassen. Und so mußte denn die ungarische Gesellschaft vorige Woche ein Manuskript dieses Mannes über sich ergehen lassen, das ein ^Erdiges Pendant zu der jüngst veröffentlichten Deklaration des „Russischen Volksverbandes" bildet. Jstoczy will die alte Antisemitenpartei zu neuem Leben erwecken, doch soll sie aus moderner Grundlage aufgebaut werden. Zunächst soll sie sich in den Namen „Sozialpolitische Partei-Koalition" hüllen und mit ihrem Programme bei der nächsten Wahl in 200 Wahlbezirken eigene Kandidaten aufftellen, um auf diese Weise zu demonstrieren, daß das ungarische Volk antisemitisch gesinnt sei. Die ernstere ungarische Presse macht sich über das Gefasel des alten Kämpen weidlich lustig. gtaftlcmfr. Petersburg, 11. September. DerMtnifterrat hat soeben eine Maßregel getroffen, die im schroffen Widerspruch zu seiner Gesamtpolitik steht und infolgedessen begreifliches Aufsehen erregt. Er hat nämlich in Abweichung von den bestehenden Bestimmungen etwa zweihundert jüdischen Familien, die in Moskau ihren ständigen Wohnsitz haben, ohne daß sie hierzu eine „einwandfreie Berechtigung" haben, gestattet, ihren dortigen Wohnsitz beizubehalten. Es hat damit folgende Bewandtnis. In Moskau dürfen von Gesetzwegen nur solche Juden wohnen, die Hochschulbildung haben oder aus Moskau selbst stammende Kaufleute sogenannter erster Gilde sind. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich aber dort viele Juden niedergelassen, die zwar Kaufleute erster Gilde, nicht aber Moskauer Herkunft sind. Anfangs wurden sie geduldet, dann aber begann man sie zu schikanieren. Sie wehrten sich dagegen mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln, ohne indes einen anderen Erfolg zu erzielen, als daß die Sache durch verschiedene Instanzen geschleppt wurde. Endlich kam sie an den Ministerrat und dieser traf seine Entscheidung nicht im Sinne der starren Gesetzesbestimmung, wie er es sonst zu tun pflegt, sofern sich diese mit seiner politischen Tendenz deckt, sondern er stellte sich diesmal ausnahmsweise auf den Zweckmäßigkeitsstandpunkt. Da die jüdischen Unternehmer in Moskau in der Regel Besitzer von großen Fabriken und Handelsgeschäften sind, so konnte sich der Ministerrat der Einsicht nicht verschließen, daß ihre Ausweisung dem wirtschaftlichen Gedeihen Moskaus einen schweren Schlag versetzen würde. Besonders der Finanzminister bestand darauf, daß die reichen jüdischen Kgufleute in keinem Falle aus Moskau aus gewiesen werden dürfen, und der Ministerrat schloß sich dieser Ansicht an. So selbstverständlich diese Haltung des Minjsterrats war, so klar ist es/ daß sie mit feiner ganzen bisherigen Politik in der Judenfrage in vollen Widerspruch steht. Die den Moskauer jüdischen Großkaufleuten erwiesene Milderung der herrschenden Praxis ist daher leider nicht als eine Kursänderung, sondern nur als eine Ausnahme zu betrachten, vielleicht sieht man aber bald ein, daß eine völlige Kursveränderung in der Behandlung der Juden ebenso im Interesse des Staates und des Landes läge? keine NnekSole. Lodz, 10. September. Unter der Ueberschrift „Keine Anekdote, sondern wahre Begebenheit" bericyten die Petersburger und hiesige Zeitungen über folgenden krassen Fall russischer Justiz gegen Juden. Auf Grund des Artikel 395 des Gesetzes über die Militärpflicht, hat das Lodzer städtische Konskriptionsamt folgendes Strafmandat erlassen: „Bestrafung der Familie des Juden M. M. G., der im Jahre 1908 von der Assentierung in Lodz ferngeblieben ist: der Vater, die Mutter, der leibliche Bruder, jeder besonders und solidarisch mit 300 Mubel." Am 15. Januar d. I. erhält der Lodzer Polizeimeister die Aufforderung, die Strafe bei der „schuldigen Familie" einzutreiben. Und nun beginnt eine förmliche Jagd auf die jüdische Familie. Zwei Tage später meldet ein dortiger Polizei-