Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-09-23 · Heft 38 (23.9.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 38 (23.9.1909)
Date
1909-09-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449391--65883-2508545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mv'&r' -i J-f■-i“'»►VS.V. 1;•«,; Mili -. ä3 September 1909. Der Israelit. Nr. 38 Gelte 7 Freude beim Becher Wein, wie Du es mir befohlen .. .." Das sind die Töne, das ist unnachahmlich schön, die Sprache des Kindergemütes. Gemach darum, eh ihr ans unseren Gebetbüchern jeden unschuldigen p>n NT oder |i2i und ähnliches streichet! Ihr frevelt so am Geist unserer N?SN. leget Hand an die Architektur großer Baumeister. Ach, das Einreißen ist ja eine so leichte und bequeme Sache! Und was für Gründe konnte man dafür in's Feld führen? Angebliche Unkenntnis der Gebetssprache auf Seiten der Betenden und demzufolge Unverständlichkeit des Inhalts, kabbalistische Antlange, Mangel an Zeit, Beeinträchtigung der Hauptgebete, u. s. f. Nun, unsere Weisen backten schon an all dies, ohne indessen das Kind mit dem Bade auszuschütten. Ja, sie gestatteten sogar die etwaige Kürzung der Hauptgebete, der regelmäßigen im Inter esse der besseren Andacht und stellten den Satz auf „ruis nanno ,"12122 rspv 21V, besser wenig mit Andacht als viel ohne Andacht." Ei ist aber grundverkehrt, eine Maßnahme der Not wehr als dauernden Zustand zu sanktionieren, eine unter Umständen gerechtfertigte Ausnahme zur Regel erheben zu wollen. So richtig der Satz ist: „Besser wenig mit Andacht als viel ohne Andacht", so richtig und unberührt bleibt auch der andere Satz: „Besser viel mit Andacht als wenig mit Andacht." Man hat sich im Drange der Verhältnisse leider daran gewöhnt die nicht offiziellen mehr und mehr schwinden zu sehen, auch wo Zeit und Umstände deren Verr chtung erlauben. Nur selten — wir sehen hier von nichtrcligiösen Kreisen ab — trifft man noch die jüdische Hausfrau, welche vor dem Challonehmen, vor dem Lichtanzünden eine jener herrlichen m2Pin betet, die heute noch Perlen unseres Gebetsschatzes bilden. Wo sieht man noch einen Mann „seine nvnoyiD" sagen, eine Frau D'?nn „sagen"? Der Wegfall der nicht pflichtgemäßen Gebetsteile ward mit das Wahrzeichen der „neuen Zeit", ein untrügliches Symptom der inneren Wandlung bei dem modernen Geschlecht. Anspruchsvoller und begehrlicher, wo es sich um die Genüsse des Lebens handelt, will man zu dem ipy den gesellen, zu dem nötigen Brot möglichst viele nitoßifi, Leck rbiffen und Zuspeisen; umgekehrtes Verhalten im religiösen Leben, Beschränkung auf das Notwendigste, Abschaffung alles nebensächlich Erscheinenden. Ist das nicht zweierlei Geist, zweierlei Maß? Unsere „Nebengebete" sind und bleiben eine weitleuchtende Ausstrahlung des Geistes unserer Gebete, eine großangelegte Ringmauer für dieselben. In ihnen ssutet das Gold jüdischen Denkens und Fühlens womöglich noch stärker und lauterer als im offiziellen Gebetskompendium. »orrespondenzen und Mlachrichten. Derrtsrhe« fteidj. Ein neuer Pogrom? Berlin, 21. Sept. Die hier erscheinende Zeitung „Der Tag" bringt folgende Alarmnachricht aus Kiew, die ihr über Wien zuging: „Privatnachrichten aus Kiew melden, daß dorr am 20. ds. große Ausschreitungen gegen Juden stattgefunden haben. Namentlich in der Vorstadt Solomka, wo die Juden in dichten Massen ansässig sind, ist arg gewütet worden Bewaffnete Banden des „Verbandes echt russi scher Leute" durchzogen das Judenviertel, und mit dem Rufe: „Da habt ihr die Gleichberech tigung" demolierten sie die jüdischen Wohnuud Geschäftshäuser und schleppten alles, was nich niet- und nagelfest war, fort. Die Juden ver steckten sich aus den Dachböden und in den Kellern. Viele, die sich zur Wehr setzten, wurden erschossen, andere blutig geschlagen und lebens gefährlich verletzt. Selbst Frauen und Kinder wurden nicht geschont. Die Polizei sah den Aus schreitungen untätig zu. Erst auf vielfache Bitten einer jüdischen Deputation beim Generalgouver nenr Iwanow wurde Militär requiriert, das in wenigen Stunden die Banden auseinanderlrieb und sämtliche Zugänge zum Judenviertel ab sperrte. Keiner der Huligans wurde verhaftet. Tie Zensur wird mit besonderer Strenge gehand habt, damit das Ausland nichts über die Vorfälle erfahre. Biele jüdische Familien treffen bereits Vorbereitungen, um ins Ausland abzureisen. Ter Weg, den diese Nachrichten genoinnlen haben, sowie der Umstand, daß sonst keinerlei Berichte über diese Vorfälle in das Ausland ge drangen sind, berechtigten doch zur Hoffnung, daß diese Schilderung zum mindesten stark übertrieben ist. Berlin, 15. Sept. Beim jüngst hier abge haltenen zahnärztlichen Kongreß wurde auch über den Ort des nächsten Kongresses beraten, wobei von deutscher SeitePetersburg vorgeschlagen wurde. Einige russische Teilnehmer wiesen aber darauf hin, daß der Aufenthalt in Petersburg für die ausländischen jüdischen Zahnärzte mit Schwierig, keiten verbunden sein würde. Als Beispiel führten sie an, daß zu dem letzten Allrussischen Zahnärzte-Kongreß in Petersburg auch einige ausländische Spezialisten und Professoren eingeladen waren, die den Kongreß mit den neuesten Erfindungen und Fortschritten auf diesem Gebiete bekannt machen sollten. Unter den Eingeladenen befanden sich auch einige Juden, die sich aber am Kongreß nicht beteiligen konnten. Der Kongreß beschloß darauf, den nächsten Zahnärztlichen-Kongreß, der im Jahre 1914 stattfinden soll, in London abzuhalten. Hamburg, 13. Sept. Die Einweihung der neuerbauten Synagoge Hohelustchaussee fand am Sonntag abend in feierlicher Weise statt. Das neue Gotteshaus war in allen seinen Räumen von einer -andächtigen Menge gefüllt. Als Vertreter des Gemeindevorstandes waren die Herren Alfred Levy und M. B eith erschienen, außerdem hatten das Repräsentantenkollegium, das Delegiertenkollegium sowie die übrigen Gemeindeinstitutionen Deputierten entsandt. Eingeleitet wurde die Feier durch einen von Herrn Oberkantor Rosenblatt in Gemeinschaft mit dem Knabenchor vorgetragenen Psalm. Nachdem von Herrn Rabbiner Dr. Nobel die Ewige Lampe unter Segensspruch in feierlicher Weise entzündet worden war und Herr Kantor Josbowsky den Psalm 122 rezitiert hatte, fand unter Psalmgesang der Umzug der mit kostbarem Silberschmuck versehenen Gesetzesrollen statt, die von den anwesenden Rabbinen und Gemeindevorstehern getragen und in die heilige Lade gestellt wurden. Hierauf sprach Herr Rabbiner Dr. Nobel vor geöffneter Lade das Gebet für Kaiser und Reich und für den Senat, um anknüpfend an den Psalm 118 B. 19—23 die Festrede zu halten. In halbstündiger Rede verbreitete sich der Redner über die Bedeutung des Gotteshauses und sprach zugleich im Namen der Verwaltung der „Kelilath Jofi undAgudathJes charim-Vereinigung", den Gemeindebehörden und der Verwaltung des Deutsch-Israelitischen Synagogenverbandes den Dank aus, daß sie durch ihre finanzielle Beihilfe den Bau dieses Gotteshauses ermöglicht und dadurch den Fortbestand der über 100 Jahre alten Institution gesichert hätten. In dieser feierlichen Stunde, am Eingang der ernsten Festeswochen, gezieme es sich, auch der großen Führer der Gemeinde, insbesondere des unvergeßlichen, verstorbenen Oberrabbiners Hirs ch V'St zu gedenken, in bessern Sinne jedenfalls die Errichtung dieser neuen Andachtsstätte geschehen sei. Mit einem Gebet für das fernere Wohlergehen der Gemeinde und des neuerrichteten Gotteshauses insbesondere schloß die wirkungsvolle Rede. Der vom Knabenchor unter Leitung des Herrn Oberkantor Dreiblatt gesungene Psalm 150 beschloß die würdige Feier. Die Synagoge ist nach den Plänen des hiesigen bekannten Architekten S. Engel gebaut und weist, den Anforderungen der Neuzeit entsprechend, hohe luftige Räume auf, die von drei Seiten durch Tageslicht erhellt werden, so daß der Gebrauch von künstlichem Licht auf ein Minimum beschränkt wird. Die finanzielle Seite des Baues ist dadurch gesichert, daß eine große Anzahl der dortigen Anwohner sowie viele Freunde der Sache für die ersten fünf Jahre einen Garantiefonds zur Deckung eines etwa sich ergebenden Defizits gezeichnet haben. Der Deutsch-Israelitische Synagogenverband hat nicht nur einen einmaligen Beitrag zu den Unkosten bewilligt und sich mit einem Betrag bis zu 500 Mk. am Garantiefonds für die ersten fünf Jahre beteiligt, sondern auch der Verwaltung das sämtliche Gestühl der ehemaligen Gemeindesynagoge Elbstraße unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Dadurch ist dieses über ein Jahrhundert alte und einen großen historischen Wert besitzende Gestühl, von dem namentlich der von Samin herrührende heilige Schrein einen besonderen Wert besitzt, der Nachwelt erhalten geblieben. Die Synagoge umfaßt 120 Herrenplätze und 60 Damenstellen und hilft damit einem in dortiger Gegend langempfundenen Bedürfnis ab. Stuttgart, 16. Sept. Im Anschluffe an die neue Schlacht- und Viehhofsordnung hat sich der Gemeinderat heute wiederum mit der Frage des von einem Magistratsmitgliede (wie seinerzeit berichtet) angeregten Schächtverbots befaßt. Der Anregung wurde natürlich keine Folge gegeben, da sich der Gemeinderat aus Grund der Gutachten einhellig auf den Standpunkt stellte, daß das Schächten keine Tierquälerei bedeutet. &0}weit ßeneraloersammlung des Vereins?ur Forderung des gefefresfreuen Judentums in der Sthroei?. (Bon unserem Korrespondenten.) Zürich, 20. Sept. Am ersten Mw^v-Tage fand im großen Saale des kaufmännischen Vereins in Zürich die diesjährige Generalversammlung des „Vereins zur Förderung des gefetzestreuen Judentums in der Schweiz" statt. Trotz der für Viele ungünstigen Zeit nahmen ca. 150 Personen aus allen Teilen der Schweiz am Vereinstage teil. Neben Vertretern der nahegelegenen Gemeinden von Baden, Basel, Endingen, Luzern, Winterthur usw. bemerkten wir auch Freunde, die von weit her gekommen waren, unter ihnetl auch einen Geinnungsgenossen von dem fernen Genf, der die iveite Reise aus dem äußersten Westen des Landes nicht gescheut hatte, um seine Solidarität mit den Bestrebungen des Vereins zu dokumentieren. Auch der Verein jüdischer gesetzestreuer Studenten „Tachkemoni" in Bern hatte in der Person des Herrn cand. phil. Ludwig Krauß einen Vertreter zum Vereinstage delegiert. Herr Rabbiner Dr. Cohn- Basel eröffuete und leitete die Versammlung. Bor Eintritt in die Tagesordnung hielt Herr Dr. M. A scher - Neuschütel einen überaus beifällig aufgenontmencn Vortrag: „Versuch einer wissenschaftlichen Begründung des Judentums". Obgleich das Thema ein abstraktes war, und der Vortragende auf die bei Volksrednern beliebte Art^ durch Bonmots, Witze und Anekdoten das Publikum zu ergötzen, vollkommen verzichtete, verstand er •■vS % ■3 A

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.