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Der Israelit · 1909-09-23 · Heft 38 (23.9.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 38 (23.9.1909)
Date
1909-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 38 -T^rr-—. x Israelit. 83. SepterM« 1903 gegen unsere Mitmenschen folgt, die uns das Bekenntnis abringt: Wir haben feindselig gehandelt." Wer wollte die buntscheckigen Aeußerungen dieser Feindseligkeit auch nur registrieren! Der Haß und nachtragende Groll wegen erlittenen und vermeintlichen Unrechts, die eigenmächtige Rache, der leider so verbreitete und am schwersten zu bekämpfende grundlose Haß, mit allen seinen Ausgeburten, der Verkleinerung unseres Mitmenschen in seinem guten Ruf, in seinem Erwerb und seiner ganzen Lebensstellung, die Bösrede, die Verleumdung, die Mißgunst, die Schadenfreude, der Geiz, die Hartherzigkeit und wie die Aeußerungen der Menschenfeindschaft alle heißen, sie liegen so offenkundig vor aller Welt da, sie verbreiten täglich so viel Leid und Weh im Kreise der Menschen, daß sie Niemand in Abrede stellen und noch weniger rechtfertigen kann. Und trotzdem erkennt sie jeder nur an, wenn andere ihn damit treffen, sich selbst aber spricht jeder von dieser Feindseligkeit frei. Dazu gehört eine Verblendung, ein Eigensinn und Unfehlbarkeitsdünkel, der viele nicht zur Erkenntnis ihrer Lieblosigkeit kommen läßt, weshalb die in dem Selbstgedächtnis unserer Feindseligkeit das Bekenntnis folgen läßt: tt'tpp: „Wir waren hartn äckig." Diese mit Scheuklappen ausgestattete Hartnäckigkeit, die jeden Splitter beim andern, aber nicht den Balken im eigenen Auge sieht, untergräbt im Laufe der Zeit jedes Pflichtbewußtsein, jede Unterordnung unter ein höheres sittliches Gesetz derart, daß sie in absehbarer Zeit in volle Gesetzlosigkeit ausartet. Sie unterstützt keinen Hilfsbedürftigen, nicht aus Feindseligkeit, sondern „aus Prinzip", sie wettet dann ihre Prinzipien und verbohrt sich in sie nicht aus Hartnäckigkeit, sondern aus „Konsequenz". Feindselig und eigensinnig sein ist allerdings nicht schön, eine solche Unterstellung würde entrüstet zurückgewiesen. Aber ohne Prinzip und Konsequenz durchs Leben gehen, wäre charakterlos,- dafür will keiner gelten. Man gibt die Menschenliebe preis und hält sich dafür an sein Prinzip, man verkennt mit eigensinniger Hartnäckigkeit die unabweisbaren Tatsachen und nennt das Konsequenz, verliert aber dabei derart jedes Bewußtsein von Pflicht und Gesetz, daß das Sündenbekenntnis uns erst daran erinnern muß, wie wir, auf dieser Stufe angelangt, der vollen Gesetzlosigkeit verfallen sind: uyttn Gilt dieses von all unseren Obliegenheiten gegen Gort und gegen unsere Mitmenschen, so macht es sich noch empfindlicher in den Pflichten gegen uns selber geltend. Ihre Erfüllung und ihre Verletzung entzieht sich meist der Kenntnis unserer Umgebung, für diese Pflichten haben wir außer in uns selber keinen Mahner. Daß unser Kairo alle Nachrichten über diese Reise, den dadurch veranlagten Bergbau und die darauf begründeten Handelsbezeichnungen zusammengestellt. Die Goldindnstrie Aegyptens muß sich rasch zu einer hohen Blüte aufgeschwungen haben, denn das westliche Asien bezog schon früh große Mengen von Gold und goldenen Geräten aus dem 2and der Pyramiden. Die Pharaonen haben ohne Zweifel über ungeheure schätze geboten, denn itadi den erhaltenen Berichten rvurden auch reiche Tribute von unterworfenen Völkern in Gold bezahlt. Silber tarn in großen Mengen aus Kreta, Attika und wahrscheinlich auch ans Eilicien. Die eisten planmäßigen Anlveisungen für den Goldbelgbau wurden von ägyptischen Behörden der neunzehnten Dynastie (um 1300 o. d. it. Ztr. > gegeben. Später kam mit dein Verfall des Reichs auch der Goldbergbau zum Erliegen, weil die Arbeiter nicht mehr vor räuberische,: Beduinen geschützt werden konnten. Noch heute aber sind bedeiltende Spuren dieses alten Bergbaues vorhanden, die seinen großen Umfang beweisen. In der ostägyptischen Wüste sind ungefähr 90 solcher Stellen ermittelt worden, und es hat wahrscheinlich noch zwanzig weitere gegeben. Sic liegen sämtlich zwischen Minia und der Grenze des Sudan, doch bleiben wahrscheinlich noch viele andere in entlegeneren Wüstengegenden zu entdecken. Bruch mit Gott und unserer Umgebung auch den Bruch mit uns selber nach sich zieht, das legt uns die 'Ni durch das unmittelbar folgende Bekenntnis nahe: linntP wir haben (uns selber) verderbt 133yn wir haben Verabscheuungswürdiges begangen. Unter nntr verderben versteht der jüdische Sprachgebrauch in erster Reihe die sittliche Entartung und sinnliche Ausschweifung mit ihren Folgen. Sie ist ihrer ganzen Natur nach verabscheuungswürdig und wird von Gott in seinem Gesetz als myin bezeichnet. Menschliche Leidenschaft hat zu aller Zeit auch diese Verbrechen beschönigt, aber unser Sündenbekenntnis gedenkt ihrer nicht, ohne sie sofort bei ihrem rechten Namen zu nennen. Sie bilden das letzte Glied dieser Kette von Verirrungen, die mit dem Abfall von Gott und seinem Gesetze beginnt, um in einem Pfuhl von . Verderbnis und Entartung zu enden. Es ist der große folgenschwere Schritt der von 'tt )'« V2: idk zu in'rwn 21D rwy px Viy 12'pn.n führt (Psalm 53,2). Die Schlußworte: iryn Wir haben geirrt und linyn Wir haben im Irrtum verharrt, fassen das Bekenntnis unserer Fehler und Verbrechen als einen großen Irrtum zusammen, der als solcher menschlich ist und auf die göttliche Nachsicht hoffen darf, wenn wir ihn nicht hätscheln und pflegen, der aber zum Verbrechen wird, wenn wir in ihm verharren. Diesem Verharren im Irrtum will unsere 111 entgegentreten, indem sie unsere Verirrungen ungeschminkt darftellt und uns an spornt, ihnen zu entsagen. Der Grundirrtum jeder Gesetzesübertretung, daß die uns von Gott gebotenen Lebenspflichten eine Störung unseres Lebensglückes seien und daß wir uns ihrer nur zu entschlagen brauchen, um das Glück in vollen Zügen zu kosten, ist eine große Täuschung. Wir verscherzen damit die einzige Möglichkeit eines glücklichen Lebens und erlangen es durch die Gesetzlosigkeit nicht nur nicht, sondern verfallen hiermit der Verkennung und Verödung anheim, die das einleitende Bekenntnis UDttW zum Ausdruck bringt. Wenn auf diesen selbstgewäblten Wegen die ersehnte Befriedigung nicht nur ausbleibt, sondern Weh und Leid aus jedem neuen Schritt sich uns entgegenstellen, so sollten wir nicht das über uns waltende Geschick, sondern uns selbst verantwortlich machen. Diesem Gedanken geben die auf die 111 folgenden Worte Ausdruck: ‘pniXöö 1JT>D. Wir sind von Deinen Geboten und Deinen guten Vorschriften abgewichen und es hat uns nichts genützt. Du aber bl"ibst der Gerechte bei allem, was über uns gekommen, denn Du hast die Treue bewährt, während wir uns selber zur Gesetzlosigk eit verleiteten. Decbinotd. Bon A. Mannheimer in Dettelbach Wer ein Haus baut, sorgt nicht nur dafür, daß ein gutes Fundament gelegt werde, daß Gebälke und Mauerwerk aus zweckentsprechendem Material hergestellt seien, daß Licht, Luft und Raumeinteilung den allgemeinen Anforderungen genügen: man wird auch sein Augenmerk auf den sogenannten „Komfort" richten. Mit primitiven Einrichtungen begnügt man sich nicht. Anstrich von Türen und Wänden, Verputz und Verzierung der Decken, geschmackvolle Ornamente im Aeußern und Innern, all dieses zieht der Bauherr in den Kreis seiner Betrachtungender Plan geht weit über den Rahmen des eigentlich Notwendigen und Wesentlichen hinaus. Werfet einen Blick in das bescheidenste Heim eines gewöhnlichen Bürgers. Wie viele Dinge gewahrt unser Auge, die vom Standpunkte des unbedingt Notwendigen entbehrlich erscheinen. Je weiter die Kultur fortschreitet, je entwickelter eine Nation ist, desto mehr verfeinert sich der Geschmack, desto höhere Ansprüche stellt man an das Leben und die Befriedigung all seiner Bedürfnisse. Empfangen wir den Besuch eines guten Freundes, so wäre es höchst unhöflich, ja direkt beleidigend, wollte man nur das Alltägliche ihm bieten, womit wir uns ebenfalls zu jeder Zeit begnügen könnten. Um nur einigermaßen aufmerksam zu sein, um Liebe und Gastfreundschaft zu beweisen, treffen wir die mannigfachsten Vorbereitungen und Anordnungen. Schon unser Stammvater Abraham hat diesen rein menschlichen Standpunkt vorbildlich betätigt, indem er den drei Engeln viel mehr t ot, als er ihnen angeboten hatte. Auf dem Gebiete des Rechtes, der Gesetzespflege, kennt man neben den strikten und bindenden Paragraphen auch das Moment der Billigkeit, neben dem „21fcD" das „irri". (Siehe Hirschs Pentateuchkommentar). Kein moderner Staat möchte die freiwilligen Gestaltungen der sozialen und philantropischen Fürsorgebestrebungen miffen,' vernünftiger Weise stützt und fördert er dieselben nach allen Kräften. Kann ein Staat überhaupt mit dem streng formalen Recht, das menschlichen Streben und Wirken keinen Spielraum gewährt, auskommen? Schon der Talmud gibt als einen der Gründe, derentwegen Jerusalem und der Tempel untergingen, den Umstand an: „pin onnai lTDyntp, sie stellten sich auf das Prinzip des starren Rechtes." Sollte nun, was in so vielen Beziehungen unseres Lebens gilt, nicht auch auf dem Gebiete unserer rvfen Anwendung finden? Die Frage ist längst in bejahendem Sinne glänzend gelöst. Der Jude kennt neben seinen eigentlichen Pflichtgebeten eine große Menge anderer, die aus dem Geiste der ersteren geboren, diesen Geist ungemein verzweigt und verklärt wiederspiegeln. Gerade in diesen inoffiziellen Gebeten war der heit eine Gaffe geöffnet und der Geist unserer N1*?LN konnte sich unter der Hand großer Meister ausleben bis in die feinsten Nüancen. Die Liebe ist eben erfinderisch, sie sucht und entdeckt. Das Mutterauge sieht vieles, was andere kaum wahrnehmen; es blickt bis auf den Grund der Seele, verfolgt jede Aeußerung des Lebens mit jener Wärme und innigen Hingabe, die das Beobachtungsvermögen mit den schärfsten Waffen ausrüsten. So kam es, daß unsere altjüdische ,1^LN eine ganze Schar von O'ViLv fand; konnte doch der Verfasser der D'Tl ^il-Tefilla bereits mehr als 18 der hervorragendsten Kommentare benützen. Man blieb nicht bei dem kraftvoll aufgeführten Hauptgebäude, dem Rohbau, ruhig stehen. Herrliche Arabesken, Skulpturen und Malereien brachte man an, wo nur immer möglich. Ein Ziergarten entstand, der dem ganzen Bilde Licht und Leben leiht. Das sind unsere inoffiziellen niten, die sich wie Epheu und Immergrün um das Ganze ranken. Wer sie entfernen möchte, beschädigt gar zu leicht die Grundmauern, setzt sie verderblichem Witterungseinfluß aus, beeinträchtigt aber jedenfalls den wohlgefälligen Gesamteindruck. Schlimme Erfahrungen mußte die Reform mit ihrem Kampfe gegen Piutim, Selichaus, Kinnaus u. a. machen. Sie konnte auch nicht annähernd einen Ersatz bieten für Gebete wie beispielsweise den ^2 1121 D'B^iyi am Freitag Abend. Die ganze Poesie dieses Abends, den Zauber jüdischen Familienlebens im Frieden des Sabbathlichtes atmet dieses Gebet. Hier kann die Detailmalerei einsetzen und kindlich naiv, kindlich fromm Worte finden wie: „Ach, König aller Könige! Gebiete deinen Engeln, den Dienern des Höchsten, daß sie mich mit Barmherzigkeit bedenken und mich segnen bei ihrem Eintritt in mein Haus an unserem heiligen Tagedenn ich habe meine Lichter angezündet, mein Lager schön hergerichtet und meine Kleider gewechselt zur Ehre des Sabbattages. Ich kam in Dein Haus, mein Flehen vor Dir auszubreiten, daß Du Seufzen von mir ferne hälft. Ich bezeugte, daß Du in echs Tagen alles Gebilde schufst, ich wiederholte es*) und sage es zum dritten Male in meiner *) in H2I.

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