Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 38 (23.9.1909)
- Date
- 1909-09-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. 23. September 1909 ir-' - Set 80todtt. Wackersten sich diesem Einfluß nur schwer entziehen können Und ihm leider so vielfach erliegen, daß e§ vielleicht noch selten eine Zeit gab, in der das Bekenntnis "ipttf li^SCD eine solche Bedeutsamkeit hatte, .als gerade jetzt. Unsere Zeit steht im Zeichen des Mischmasch, des Vereins-, Verbands-, Trust- und Blockdusels. Wo sich heute dritthalb Menschen finden, die ein und dasselbe Ziel erstreben, schließen sie sich aneinander an, bilden einen Verein und suchen mit vereinten Kräften zu erreichen, was die Einzelnen erfolglos angestrebt hatten. Im jüdischen Kreis, wo man nicht erst seit heute und gestern den Segen solcher Vereinigungen kennt, wo seit Jahrhunderten die Chewros blühten und ihre segensreiche Wirksamkeit entfalteten, bei uns hat dieser Zug nach Zusammenschluß und. Verbindung besonders sympathische Aufnahme gefunden. Die Vereine und Verbände schießen bei uns wie Pilze aus dem Boden. Unsere materielle und. nummerische Schwäche führt die Vereinzelten noch leichter zusammen, denn Einigkeit macht stark. Aber der äußere Zusammenschluß vieler Einzelner ist noch keine Einheit und noch weniger eine Einigkeit. Sie müssen ein einigendes Moment haben, das sie wirklich vereinigt. Das ist unsere Thora, die Majestät des Gottesgesetzes, sein Studium und seine praktische, Erfüllung. Deshalb hat es keine Chewro gegeben, sie mochte welchen Zwecken auch immer dienen, die nicht ihre Mitglieder einmal wenigstens in der Woche zusammenfiihrte, um ihre Thorakunde durch gemeinsames Studium zu erweitern und zu vertiefen. So war es bis hart an die Schwelle unserer Gegenwart. In ihr hat die Thora ihre verbindende, verbrüdernde Kraft nicht nur verloren, sondern sie ist in ihr Gegenteil umgeschlagen, sie ist der Erisapfel geworden, der alle in Parteien und Richtungen, in Alte und Neue, in Orthodoxe und Reformer, in Konservative und Liberale scheidet. Im Gegensatz zu den alten Chewros ist für unsere modernen Vereine, Bünde, Logen und Verbände „der Ausschluß alles Religiösen" zur Parole des Tages geworden. Denn die Thora, ihre Anerkennung oder Nichtanerkennung, ihre Erfüllung oder Nichterfüllung ist es ja, was uns in fast so viele Lager und Gruppen scheidet, als es Köpfe gibt. Die bloße Zulassung der Thora würde genügen, um die so mühsam geschaffene äußere Einheit sofort in Brüche gehen zu lassen, man schließt sie also aus. Aber ein Jude ohne Thora, ein jüdischer Verein, der jede Beschäftigung mit der Thora, ja ihre bloße Erwähnung prinzipiell ausschließt, ist ein Unding, gegen welches das bekannte Messer ohne Klinge und Stiel noch eine greifbare Realität ist, ist eine Lüge, ist die große Lüge unserer jüdischen Gegenwart, an der die meisten unserer jüdischen Zusammenschlüsse unheilbar kranken. Wer sich diesen Bestrebungen anschließt, sei es auch aus den reinsten, edelsten Intentionen, hat sich der Lüge angeschlossen. Umsonst bereden sich gesinnungstüchtige, gesetzestreue Juden, sie könnten durch Eintritt in solche Verbände der Lüge entgegentreten, der Wahrheit zur Anerkennung verhelfen, ihrer eigenen Gesinnungstüchtigkeit und Wahrhaftigkeit werde diese Gemeinschaft nichts anhaben. Eine ganze leichtlebige, oberflächliche Zeitgenossenschaft mag diesen Anschluß als toleranten Gemeinsinn bejubeln. Die jüdische Wahrhaftigkeit denkt darüber anders. Wo Erlaubtes und Verbotenes, Lauteres und Unlauteres, wo tid-ki in\n wo HKDUD und mnto sich berühren und vermischen, nimmt die Minorität den Charakter der Majorität an. Auch im geschäftlichen Leben tritt Niemand mit seiner Person und seinem Kapital einem unsoliden Unternehmen in der Hoffnung bei, er könne mit seinem persönlichen Einfluß der Unsolidität erfolgreich entgegentretendas riskiert keiner. Aber «wie w i r auch darüber denken mögen, wie unsere heiligen Urkunden, wie unsere großen Weisen darüber denken, darüber kann kein Zweifel bestehen. Sie machen den rvvay ’pötM den, der sich Gesetzesübertretern anschließt, ganz so wie diese für die erfolgte Gesetzesübertretung verantwortlich (Talmud Makkos Fol. 5d) auch wenn er sich persönlich nicht an ihr beteiligt (sN2 '2*n ryqk). Wer diesen Anschluß mitmacht, wer ihm das Wort redet, hat gerade, wenn er zu den Gesetzestreuen zählt der Sache der Wahrheit so bitterlich geschadet, die er durch dielen verhängnisvollen Schritt fördern wollte. Mag ihn auch diese Lauterkeit seiner Gesinnung und der Beifall seiner Verbandsgenosfen über die Tragweite dieser seiner Handlung täuschen, wenn er an sie in den Stunden der Einkehr und Selbstprüfung den unbestechlichen Maßstab jüdischer Wahrhaftigkeit legt, müffen er und seine Ratgeber es erkennen und bekennen: jn IW und ipv „Wir haben uns für die Lüge entschieden undhaben zum Bösen geraten." Aber auch sonst ist bei der Gewissenlosigkeit, die leichtfertig mit dem gesprochenen Worte spielt, der schlechte Rat viel häufiger als der gute. Aus der großen Zahl der Allesbesserwisser haben auch die wenigsten das Bedürfnis einen Rat einzuholen und noch weniger ihn zu befolgen. Dabei ist es gar nicht leicht einen rechten Rat zu geben, auch wenn Jemand den Willen dazu hat. Es gehören außer den geistigen Fähigkeiten dieWvch schwerer zu erlangenden sittlichen Qualifikationen dazu, die denjenigen, der sich mit dem Studium der Thora in reiner, selbstloser Absicht befaßt, auszeichnen. Von einem solchen . sagt Rabbi Meir: nxy I2vv parui, könne man die Wohltat eines guten Rates genießen.Durch die Seltenheit des min noi1?, derjenigen, welche das Studium der Thora in solch reiner Absicht pflegen, ist auch die Seltenheit eines guten Rates bedingt. Man braucht nur die Art und Weise zu sehen, wie die meisten derjenigen, die um ihren Rat gefragt werden, ihre Ratschläge ohne besondere Ueberlegung in überstürzter leichtfertiger Weise nur so aus dem Aermel schütteln ohne die schweren Folgen zu erwägen, die ein befolgter schlechter Rat fast immer hah. Mein großer Lehrer, Rabbi Israel Salanter V'ST, der in den schwierigsten Lebensfällen oft um seinen Rar gebeten würde, war auch hierin das Vorbild seltener Gewiffenhaftigkeit. Stundenlang konnte er Nachdenken, ehe er die Lippen für den zu erteilenden Rat öffnete. Oft ließ er den Fragenden am andern Tag wiederkommen, -um in der Zwischenzeit die Angelegenheit reiflicher zu überlegen. Einem Bekannten, welcher glaubte, daß ein so bedeutender Mann seine Ratschläge immer sofort bereit liegen habe und sich über die Bedächtigkeit wunderte, mit welcher hier der Rat erteilt wurde, sagte er einmal: „Wenn eine Frau zu mir mit einem Huhn kommt und mir die Frage vorlegt ob es in Folge irgend einer Abnormität zum Genüsse erlaubt oder verboten ist, so will sie im Grunde genommen vor mir nichts als einen Rat haben, was sie mit dem Gegenstand ihrer Frage tun soll. Ich muß dann mein Schulchan Aruch vornehmen und kann unter Umständen eine Stunde und mehr Zeit gebrauchen bis ich die gewünschte Auskunft zu geben vermaa. Irre ich mich in meiner Entscheidung und erkläre das Huhn, das in Wirklichkeit erlaubt ist, für verboten, so hat das für die Frau einen Schaden von 1—2 Mark zur Folge. Und trotz der Geringfügigkeit dieses Betrags würde ich gewissenlos handeln, wollte ich nicht all' mein Wissen und Können zusammennehmen um die rechte Entscheidung zu treffen. Und Sie wollen von mir einen Rat, von dem Ihr Geschäft, Ihre Familie und Ihre Zukunft abhängt und ich habe keinen Schulchan Aruch, den ich darüber befragen könntekann ich da bedächtig und vorsichtig genug sein, wenn ich Ihnen den rechten Rat erteilen möchte?" Diese Gewissenhaftigkeit braucht man sich nur zu vergegenwärtigen, braucht damit nur die Art und Weise zu vergleichen wie die meisten Ratschläge gegeben werden, und sich die Folgen klar machen, die sich an diese schlechten Ratschläge knüpfen um zu begreifen, daß die Ordner unseres Tode seiner Frau eubeu, dieses Wandern, das ihr. Dasein so furchtbar gemacht hatte. So war es gekommen, daß Rabbi Chaim wieder Schneider geworden war. * * * Drei Jahre verstrichen, seitdem Rabbi Chaim Bewohner der Ofenecke in der Jeschiwa geworden war. Er lernte und nähte allmählich weniger, aber er schlummerte viel und hungerte noch mehr. Zwar halte er zu dem Schlummer noch eine zweite Waffe gegen den Hunger bekommen, nämlich die Erinnerung an den vorhergegangenen lind die Sehnsucht nach dem nächsten Schabbos, wo er als Magid immer zwei gute Mahlzeiten in dem .Hause eines Krämers bekani. Dennoch magerte er ab und itt dem bleichen Besicht traten die Züge so scharf hervor, daß selbst die übermütigen Schüler nie mehr Spott mit ihm trieben, wie sie es am Anfang zuweilen getan hatten. Im (Gegenteil, manches helle, fröhliche Lachen verstummte, wenn man abends die hagere, gebeugte Gestalt Rabbi Ehaims längs der Bänke schwanken sah, wenn er seine Runde machte, um zu sehen, ob man ihm nicht etwas zum Flicken anbieten würde. Viele Schüler bemühten sich sogar, ihm Arbeit zu verschaffen, und manche hätten ihm sogar mehr für seine Arbeit bezahlt, wenn nicht der redliche Alte jede Lohnerhöhung verweigert hätte. * Rabbi Chaim befand sirb nun bereits in dein Zustande, wo das Gehirn nicht mehr fähig ist, irgend einen Plan, eine Hoffnung zu verschaffen und wo es zu stumpf, zu starr ist, um etwas auszumalen, was in der Zukunft liegen könnte, und wo nur noch die Erinnerung an Vergangenes es vermag, zuweilen das Herz zu erfreuen. Dennoch wurde Rabbi Chaim gezwungen, noch eine Wanderung, die letzte, zu unternehmen, unbewußt und willenlos, wie alle Taten seiner letzten Jahre. Im Winter wurde das Städtchen vom Typhus heimgesucht. Wie sehr auch der Aufseher des kleinen Jeschiwahauses dieses, wie es im Winter Sitte war, durch Schließen und Verkleben der Fenster vor Kälte und so auch vor frischer Lust absperrte und dadurch auch vor der Epidemie geschützt glaubte, die tückische Krankheit scheute sich dennoch nicht, in die Synagoge einzudringen und unter der zusammengepferchten Jugend erbarmungslos zu wüten. Anfangs begnügte man sich damit, das; man ein Borgebände des Schulhauses für die Erkrankten einräumte, wo sie unter der Behandlung des Feldschers genasen oder starben. Aber als der Kreisarzt von der Epidemie und der mangelhaften Aufsicht erfuhr, befahl er dein Aufseher unter Drohungen, die Schüler für einige Monate nach Hause zu schicken. Die Synagoge leerte sich, und nur ein paar heimatlose Schüler blieben zurück. Zwar erwiderte Rabbi Chaim manches Lebewohl, dvch staunte er, als er am Abend seine Runde machte und die Jeschiwa leer und dunkel fand. Er blieb eine Zeitlang nachdenklich sitzen, doch plötzlich weckte ihn eine Helle, klingende Stimme: „Rabbi!" David Kowner stand vor ihm, der junge Mann, der sehr oft mit dem Rabbi zu sprechen versucht hatte, und von dem er sich manchmal überreden ließ, einen dlpfel anzunehmen. „Rabbi", sagte er, indem er seine Hand ergriff, „Rabbi, wir alle müssen die Jeschiwa verlassen, es bleiben nur noch die .Heimatlosen, wißt Ihr das?" „Ja", klang es gleichgültig aus Rabbi Chaims Mund. „Aber woher werdet Ihr dann etwas zu arbeiten bekommen?" Rabbi Chaims Augen öffneten sich weit und schauten gerade in die großen, feurigen Augen des Jünglings: „Mein Kind, Gott wird schon helfen." „Rabbi, versprecht mir etwas zu tun!" „Was?" „Ihr könnt es. Ich komme ja nach Pessach wieder. Ich habe ja immer etwas zu flicken. . . Rabbi, tut mir den Gefallen, borgt drei Rubel von mir! Ich schenke es Euch nicht!" Er sprach so kindlich, so treuherzig, daß Rabbi Chaim seine zweite Hand ergriff lind sie fest drückte. „Gicb sie mir her, mein Kind!" „Ich danke Euch, Rabbi!" Zwei Tage vergingen. Es war an einem Mittivoch. Rabbi Chaim saß ausrecht in seiner Ecke, seine Muskeln zuckten und die glühenden Augen waren nach dem mit Eis bedeckten Fenster gerichtet. Der Hunger wütete in dem Dürren Körper. Zwar hatte er die drei Rubel im Taschentuch eingebunden, aber die waren fremder Besitz. Schon als er sie annaym, war er entschlossen, sie nie auszugeben. Die Uhr schlug elf. Mechanisch erhob er sich und machte seine Runde durch die Synagoge. Eine ungeheure Dunkelheit füllte sie. Nur in einigen Ecken schossen die brennenden Talgkerzen Lichtstrahlen wie lange Spieße auf die gewaltigen Schatten, die sich wie ungeheure Tiere wanden, und ihre Köpfe zur Decke reckten. Rabbi Chaim kehrte nicht,in seine Ecke zurück, sondern ging gerade zur Tür hinaus. Die Nacht war kalt und finster. Kein Stern war am Himmel sichtbar: der eisige Sturm rüttelte die dicken Schneeschichtcn und wirbelte heulend die kleinen, harten Flocken auf, die Wagenspuren der Landstraße und die Gräben verschüttend. Rabbi Chaims hagere Gestalt durchschritt die eisige Luft.. Seine Pulse und sein Herz schlugen laut und schnell, und jeden Augenblick fühlte er, wie etwas Heißes nach dem