Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-09-23 · Heft 38 (23.9.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 38 (23.9.1909)
Date
1909-09-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449391--65879-2508541
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ßwarz Lauen, r SoltSMUS , wir rsucht, jener dem von Zhr, tner dere t zu sich Pasemi- -eisen nunq das iger z der 1 Gerieten der sollte üffen nten, sein, den pfleh die dentigeen umsr ihr itzen, Berdersdeten uden cden, joben Ligen über Mn. nnen niten ktiert erbsum Ken? lur ein Gebiete risches rseeite, d esen e oder % der Tättgemder g und Hus Rußlands KronlSndem. „Druck erzeugt Gegendruck" ist ein alter Ersahrungssatz. Aber nicht immer wendet sich dieser gegen den Bedränger. Bei innerlich schwachen Völkern kann man es oft beobachten, daß sie in dem Maße, wie sie von oben gedrückt werden, nach unten weiter drücken und, ohnmächtig den verhaßten Gewalthabern gegenüber, ihr Mütchen an dem ihnen zufällig unterworfenen schwächeren Volksstamme kühlen. Beispiele dieser Art bieten die Ruthenen in Galizien, die Serben in Kroatien und selbstredend wissen auch wir Juden davon ein Lied zu singen. Es war leider von jeher das traurige historische Vorrecht des jüdischen Volkes, dessen Schicksal schon von dem Propheten mit den Worten "122 Dn2y„ geschildert wird, diese Art von „Gegendruck" zu erfahren. Heute sind es vornehmlich die Juden in Polen und in Finnland, die die Rache der von der russischen Regierung politisch gedrückten und gedemütigten Polen und Finnen bitter zu fühlen bekommen. Mit den durch das bekannte Oktober-Manifest den Polen gewährleisteten Rechten ging es genau so wie mit denen der Juden. Sie blieben auf dem Papiere und schlummern unter der grünen Decke irgend einer Kanzleistube. Unterdessen fährt der Kultusminister Schwarz fort, ihre selbst unter dem absolutistischen Regime innegehabten Rechte immer mehr zu beschneiden. Ihre Schulen werden geschloffen, ihre Vereine untersagt, ihre Zeitungen, die sich nur ein leises Wort der Klage erlauben, sistiert. Und was unternehmen die Polen zur Abwehr, zu ihrer Verteidigung? Es ist fast unglaublich, aber doch wahr, daß der durch den gewaltigen Druck bei den Polen natürlicherweise erzeugte Gegendruck sich nicht gegen die russischen Zwingherrn, sondern einzig gegen die mindestens in gleicher Weise mitleidenden, wehrlosen Juden richtet. In einer Zeit politischer Verfolgung, wie sie die Polen seit der Regierung Nikolaus I. nicht erlebt Haben, hatten sie nichts besseres und eiligeres zu tun, alsein Städtisches Verwaltungsgesetz auszuarbetten, welches die Juden von der Teilnahme an der Gemeindevertretung prinzipiell ausschließt. Natürlich war man in Petersburg, da wo auf Kosten der Juden ging, nicht so gar engherzig, und man tat den armen Polen den Gefallen, ihr judenreines Selbstverwaltungsgesetz ohne weiteres zu sanktionieren. Man bedenke, in Polen, wo es Städte gibt, deren Einwohner zu 80 und mehr Prozent Juden sind, werden diese auf die Gestaltung der Gemeindegeschicke nicht den geringsten Einfluß nehmen können und den polnischen Gemeindebeamten, die ihre Wahlverwandschaft Kleines Feuilleton Der Zeredlva-Scdneider. ottesc mut Ab- :n der fl am ganz Jude, hl mit : des tdurch t Tag vtrd", reuten;e b$t i> und itr die ze der :samt- 2yN1 2trn et ihr Kulturbild von Max I. Salzberg. (Schluß.) Die Synagoge leerte sich. Rabbi Chaim trat vor die Tür und betrachtete die öde Straße. Die Fensterläden waren schon geschlossen und durch ihre Spalten drang das Licht aus den Häusern und bildete auf dem schwarzen, nassen Boden schräge, helle Streiken. Nur vor der Herberge, wo er stets während seines Aufenthaltes in diesem Städtchen wohnte, war es hell. Denn die Fensterläden waren offen, und das Licht der großen Lampe ergoß sich ungebrochen auf die Straße und lockte, große Behaglichkeit versprechend, die vorübergehenden Bauern und Fuhrleute ins Haus. Rabbi Chaim dachte an die gemütlichen Llbende, die er in dieser warmen, hellen Herberge bei gutem Wendbrod zugebracht hatte, und uue Stimme begann, ihn in fernem Innern zu überceden, zum Wirt zu gehen und ihn um Abendessen lmd Nachtlager zu bitten. Wer er schauderte vor dem Gedanken zu borgen, denn er ahnte, obgleich unklar, daß er seine Schulden nie würde bezahlen können. h kehrte in die Synagoge zurück und bereitete sich :in Nachtlager auf der harten Bank am Ofen. Gleich nach dem Morgengebet trat er den Weg rach Sbolod an. Erst gegen Abend hatte er die vier feilen zurückgelegt und begab, sich, klopfenden Her- Der Qffsaettt mit den Echtrussen immer mehr durch Wort und Tat dokumentieren, auf Gnade und Ungnade ausgeliefert fein. Ganz nach Art der russischen Berbändler haben auch die Polen den wirtschaftlichen Kampf gegen die Juden auf der ganzen Linie ausgenommen. Ueberall in den polnischen Städten und Städtchen tuen sich die von den polnischen Nationalkaffen gegründeten Geschäfte aus, welche den einzigen Zweck haben, den jüdischen Geschäftsleuten Konkurrenz zu bieten. Ueberall wird der Boykott gegen die Juden gepredigt. Bedenkt man nun, daß diese Älen Kämpfer nunmehr von einer judenreinen Selbstverwattuugsbehörde gedeckt werden, die auch Bestimmungen über Ge sch äs tsschluß,Sonntags ruhe rc. zu erlassen haben wird, so begreift man, welchen schlimmen Zeiten die polnische Judenheit entgegengeht. Den Polen aber tut es wohl, für dm Druck und die Verfolgung von oben Rache nehmen zu können, — bittere Rache an den Juden. Ganz ähnlich wie in Polen verhält es sich in Finnland. Die von den Finnen seinerzeit erzwungene Autonomie ist arg ins Wanken ge- .raten, durch einen jetzt in Petersburg erlassenen Gesetzentwurf für Finnland, der, ohne daß Senat und Parlament angehört sind, die finnischen Gesetze von Grund aus einer Aenderung unterzieht. Die Finnen sind über diesen Eingriff in ihre autonomen Rechte entrüstet, aber sie werden sich wohl oder übel der russischen Uebermacht fügen müssen. Allein Rache ist süß, und auch Finnland hat Juden genug, einheimische und ftemde, d. h. aus dem russischen Reiche eingewanderte, an denen man ohne jegliche Gefahr die Wut stillen kann. So werden denn die letzteren, die russischen Juden, in Massen ausgewiesen, den ersteren aber wird durch ein niederträchtiges Gesetz, welches das Schächten verbietet, der Fleischgenuß entzogen. Während nun in Polen die Katastrophe — als eine solche ist die judenreine Städteverwaltung in wirtschaftlicher Beziehung wirklich anzusehen, — unabwendbar erscheint, so ist doch in Finnland noch nicht alles verloren zu geben. Es handelt sich dort wie im Mutterreiche um eine verhältnismäßig nicht allzu große Gruppe von Radaumachern, die, und leider bis jetzt mit gutem Erfolge, gegen die Sache der Freiheit und der Juden arbeiten. Es gibt gerade in Finnland noch Gutgesinnte genug, die die Kampfparole von 1905 „Recht und Freiheit" noch nicht vergessen haben. Diese sind es denn auch, die heute in der finnischen liberalen Presse sehr scharf gegen die RMktionäre ins Feld ziehen und der Judenemanzipation energisch das Wort reden. Auf diese einzuwirken, wird die erste Pflicht der maßgebenden Faktoren, die sich die jüdische Sache in zens in die Synagoge. Ws er aber die Tür. öffnete, erblickte er sofort einen andern Prediger, der sich anschickte, die Kanzel zu besteigen. Nur eine Zufluchtsstätte für die Nacht, das Jeschiwahaus blieb ihm. Er ging dorthin und setzte sich in die Ecke zwischen den: Ofen und den Strohsäcken. Me Uhr schlug elf. Der Aufseher klopfte dreimal mit der flachen Hand auf den Tisch, zum Zeichen, daß die Tagesordnung beendet war. Es entstand ein Gepolter mit den Ständern, ein Geräusch von den zugeschlagenen Folianten und die Schüler, die außerhalb des Hauses wohnten, verließen es „eilig. Die ärmern, denen die Schule auch als Schlafstätte diente, begannen zwischen den Banken umherzulaufen, um ihr dürftiges Abenobrod zu bereiten und dann ihr Nachtlager herzurichten. Rabbi Chaim verließ seine Ecke Und durchschritt den großen, aber mit dicker Luft gefüllten, warmen Raum. Man sah ihn verwundert an, grüßte ihn und kümmerte sich weiter nicht um ihn. Man hielt ihn schließlich für einen Gast, wie man sie oft genug im Jeschiwahaus übernachten sah. Als er in die Ecke zurückkehrte, bemerkte er an der andern Seite des Ofens bei einer Talgkerze zwei junge Leute. Der eine in Hemdsärmeln hielt seinen Rock auf den Knien und bemühte sich, einen Flicken einzusetzen. Wer es wollte ihm nicht gelingen: „Ja", sagte er zu seinem Freunde, welcher sich Knöpfe an ein Hemd nähte, „ich hätte gern zehn Kopeken für das Flicken gegeben und meinen Rock zum Schneider gebracht, aber ich habe keinen andern anzuziehen." Rabbi Chaims Äugen blitzten auf, aber gleich verzog sich sein Gesicht; einen Augenblick kämpfte er mit sich, dann wtonbte er sich dem jungen Manne zu und sagte mit heiserer Stimme: „Ich sticke dir den Rock, ich verstehe es sehr gut, gib mir deine Nadel und die Schere!" ' •_Wo. 88 Cdtt 3 Finnland angelegen sein lassen, sein. Mit doppelter Energie muß aber auch durch Wort und Schrift die Aufklärungsarbeit bezüglich der Schechito-Jnstitution einsetzen, und so der Appell an den bald zusammentretenden finnischen Landtag gehörig vorbereitet werden. H«r dt« MacbZvl für die tnnwr tw. ■mi VI. Wer ursprünglich aus leidenschaftlicher und sittlicher Schwäche das Krumme für gerade erklärt und die Gesetzlosigkeit zum Gesetz seines Lebens erhoben hat, der gelangt unausweichlich dazu, das Gerade aus Prinzip zu krümmen und das Schlechte für gut zu erklären, nicht auS Irrtum und Befangenheit, sondern lediglich deshalb, weil es von Gott für verwerflich erklärt ist. Es gehört mehr als Mut, es gehört Uebermut zu einer solchen Verirrung. Und dieser Uebermut ist das Leitmottv aller derjenigen, welche die Keckheit haben, den klar und bündig ausgesprochenen Willen Gottes für etwas Abgetanes, Rückständiges, Verbesserung- und Reformbedürftiges zu erklären! Unter vvn versteht man nicht die blind zutappende, brutale Gewalt, sondern die mit Schlauheit gepaarte Unredlichkit, die von keiner irdischen Justiz zur Verantwortung gezogen werden kann. Besitzt z. B. jemand irgend einen Gegenstand, der ihm nicht feil ist ein anderer, der ihn aber trotzdem gern haben möchte, wendet alle Mtttel der Ueberredung, der List und selbst des Zwanges an, um diesen Gegenstand, wenn auch gegen volle Bezahlung, zu erhalten, so hat er vvn geübt. Gilt dies schon von materiellen, irdischen Dingen, wie mag es erst auf die höchsten, idealen Güter seine Anwendung haben, die jeder erwerben, aber niemals veräußern soll. Wenn uns in einer schwachen Stunde des Kleinmuts dieser reformierende, liberalisierende Uebermut der Gesetzhöhnung imponieren und uns zu Konzessionen an diesen Frevel bestimmen könnte, wenn wir durch diese unsere Betagtheit auch nur einer gottreuen jüdischen Brust ihr höchstes Gut, ihr Bewußtsein von der Unantastbarkeit und ewigen Verbindlichkeit des Gotteswillens erschüttern und rauben könnten, wie müßten wir bei dem Bekenntnis i2DDn jedem Abbitte tun, dem wir durch diese unsere kluge Konnivenz sein Allerheiligstes verkümmert und entzogen haben! Und dieser A n s ch l u ß an Täuschung, und Lüge liegt heute so in der Luft und infiziert derart die ganze Atmosphäre, daß auch die Besten und Der junge Mann willigte ein, und nach einer halben Stunde fühlte Rabbi Chaim eine Münze in seiner Tasche. Aber er konnte für sein Gelb nichts mehr bekommen, denn es war schon zu spät geworden. Erft gegen Mittag fiel es einem Schüler auf, daß der alte Mann noch immer ausgestrectt auf der Bank hinter dem Ofen lag utrd daß er so merkwürdig aussah. Er rief der» Ausseher herbei. Meser redete den Greis an, und als er keine Antwort bekam, ließ er den Feldscher holen. Rabbi Chaim wurde in das Häuschen gebracht, welches von dem Städtchen als Krankenhaus für arme Leute unter der Leitung des Feldschers eingerichtet war. Einige Wochen später sah man Rabbi Chaim wieder, bleicher und abgezehrter in der Ecke des Jeschiwahauses sitzen, am Tage über einem aufgeschlagenen Folianten und am Abend mit seinem Nähgerät über einem Kleidungsstück, das ihm ein Schüler zum Ausbessern übergeben hatte. Zwar hatte er bÄm Verlassen der Krankenstube beabsichtigt, das Wandern und das Predigen fortzusetzen, aber der Feldscher vermochte nur, ihn vom Fieber zu befreien, nicht von der Schwäche, die er in allen Gliedern spürte. So mußte Rabbi Chaim wieder in das Jeschiwahaus zurück, und da der Hunger ihn dorthin begleitete, war er gezwungen, den Schülern Kleider auszubessern. Freilich sollte der Aufenthalt in der Jeschiwa nur so lange dauern, bis er zu Kräften kommen würde; da er jedoch nur durch das Flicken etwas verdienen konnte, was nicht einmal täglich geschah, wurde die Wanderung von Tag zu Tag ausgeschoben. Allmählich gelangte jene Idee zur Herrschaft, welche bei der Katastrophe der letzten Predigt in ihm aufgetaucht war und die er vergebens zu verscheuchen versucht hatte, die Idee, feine Laufbahn ser abgeschnitten, denn das Wandern mußte mit beut

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.