Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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15. Septcn bcr 1909. Der JSraeltt. Seite 9. Nr. 37. der Presse gewährleistete unbedingte Freiheit denn doch mißbraucht/ energische Maßnahmen treffen würde. Vor allem wollen wir hoffen, daß die hinter Schloß und Riegel sitzenden traurigen Helden aus der Calea Moschilor eine exemplarische Strafe erhalten werden, die ihnen für die Zukunft ihre Anhänglichkeit an das Hetzblättchen vergällen wird. Amerika. New-Yorker öriei. NewAork, 25. Aug. Obgleich das Gewalt-Regiment des Einwanderungskommissars auf Eüis Island dank den Bemühungen angesehener jüdischer Männer etwas gemildert worden ist, steht es doch immer noch schlimm genug um die unglücklichen Einwanderer, die diese „Insel der Seligen" betreten. Am klarsten beweist dies die Ziffer der im Monat Juli zurückttansportierten jüdischen Einwanderer: 327, während im gleichen Monat des Vorjahres nur zwischen 30 und 50 von diesem harten Schicksal betroffen wurden. Im Ganzen brachte der Juli über 8000 jüdische Einwanderer, davon 6000 aus Rußland hierher. Eine Schwierigkeit liegt darin, daß das Einwanderungsgesetz solche Immigranten ausschließt, welche wahrscheinlich der „öffentlichen Fürsorge zur Last" fallen werden. Dieser vieldeutige Ausdruck läßt sich natürlich, wenn man keinen guten Willen hat, auf 90 pCt. der Einwanderer anwenden, die ja alle nicht als Millionäre nach Amerika kommen. Erfreulicher Weise hat nun das Handclsamt ausdrücklich festgestellt, daß eine „Belastung der öffentlichen Fürsorge" schon dann ausgeschlossen erscheinen muß, wenn für den betreffenden Einwanderer von privaten Hülfsgesellschaften gesorgt werden soll. Das weitgehendste Wohlwollen der obersten Behörde nützt aber nichts, so lange der Einwanderungs-Kommissar selbst von einem illiberalen und judenfeindlichen Geiste beherrscht wird. * . * Oscar Straus, der neue amerikanische Gesandte in Konstantinopel, ist dieser Tage auf einem deutschen Dampfer mit Frau und Tochter nach Europa abgereist. New-Aorker Blätter berichten, daß Mr. Straus vor einigen Wochen mit einigen hervorragenden Glaubensgenossen konferiert habe, um sich über die Lage der Juden in der Türkei, insbesondere in Palästina, auszusprechen. -i- * * Ein anderer Gesandter der Vereinigten Staaten, Mr. Rock Hill, der den Posten in Petersburg übernimmt, wird nicht minder Gelegenheit haben, der Sache der Gerechtigkeit, die ja identisch mit derjenigen unserer unterdrückten Glaubensbrüder ist, zu dienen. Mr. Rockhill nimmt das ganze reiche Aktenmaterial mit nach Petersburg, das sich auf die Angelegenheit der Anerkennung amerikanischer Pässe in Rußland bezieht. Die amerikanische Regierung will bekanntlich sich der Disqualifizierung ihrer jüdischen Bürger im Zarenreiche unter keinen Umständen fügen, und der Gesandte hat Weisung bekommen, den Standpunkt des Kabinetts gegenüber den Petersburger Machthabern mit aller Energie zu vertreten. Yermircdier. Frankfurt a. M., 14. Sept. Die infolge unserer Anregung von Herrn Oberrabbiner Kuk uns direkt gesandten r*7Ks®Srogim haben wir der Buchhandlung A. I. 'Hofmann, Frankfurt a. Main zum Verkauf übergeben, die auch alle an uns gelangten Aufträge erledigen wird. Hannover, 23. August. Ein trauriges Bild menschlichen Elends bot sich am Sonnabend den im Wartesaal 4. Klasse des Hauptbahnhofs anwesenden Personen. Dort befand sich eine russische Jüdin mit elf Kindern. Die Frau, die nach London reisen wollte, hatte die Kosten falsch berechnetvöllig mittellos war sie hier angekommen. Sie hatte hier auf die Hilfe der jüdischen Gemeinde gehofft, die ja bereitwillig Glaubensgenossen unterstützt. Da sie aber Freitag abend spät hier eintraf, mußte sie die Nacht auf dem Bahnhof verbringen. Am Sonnabend war die Kasse geschloffen, die Frau hatte aber trotzdem eine Altweisung auf Speisen bekommen. Da das eine Kind aber schwer erkrankt war, getraute die Aermste sich nicht, ihre Kinder zuverlassen. In später Abendstunde kam eine Dame des jüdischen Hilfskomitees dazu und versuchte nun. Unterkunft für die Fran mit ihren Kindern zu schaffen. Neustetti«, 31. Aug. Bor!nm hiesigen Schöffengerichte wurde heute gegen den Professor Dr. Carl Tuempel, Lehrer am hiesigen Gymnasium, welcher einen jüdischen Primaner der Unterschlagung beschuldigt hatte, verhandelt. Der Schüler hatte im Januar d. Js ein Buch der Anstaltsbibliothek mehrere Tage über Gebühr behalten, weshalb ihm von dem Beklagten der Borwurs der Unterschlagung königlichen Eigentums vor versammelter Klaffe gemacht wurde mit dem Hinzufügen, wenn sonst im bürgerlichen Leben jemand eine solche Handlungsweise begehe, er ins Gefängnis zu kommen riskiere. Nach mehrstündiger Berhandlung sprach das Gericht den Beklagten frei, da er in Wahrung berechtigter Interessen gehandelt habe. Einen intercffanten Einblick in die Verhältniffe an dem königl. Fürstin Hedwig-Gymnasium in Neustetlin gewährte diese merkwürdige Berhandlung. Bei Vernehmung eines Zeugen, ebenfalls eines ehemaligers Primaners, wurde festgestellk, daß in die an dem Gymnasium bestehenden Vereine (Ruder-, Turn-, Gesangverein) jüdische Schüler nach den statuarischen Bestimmungen nicht ausgenommen werden. Es ist wohl kaum glaublich, daß die Vorgesetzte Behörde von diesen Bestimmungen Kenntnis ha, wenegstens ist dies nicht anzunehmen, denn eine Berfägung des Prov.- Echulkollegiu - s in Stettin vom 8. März v. Js, nach welcher der Herr Minister dem Gymnasium in Neuiiettin aus Zentralfonds eine Bethülfe von 509 Ml. zu den Kosten der Beschaffung eines Ruderboots für den Ruder- und Turnverein bewilligt habe, enthält nichts davon, daß jüdische Schüler von der Benutzung dieses Bootes auszuschließen seien. Es ist — nicht allein in Neustettin — bekannt, daß an dem Gymnasium daselbst ungesunde Zustände beir. der Behandlung jüdischer Schüler im Gegensatz zu denjenigen christlicher Konfession herrschen, daß man aber unter den Augen der Behörde und mit Wiffen des Anstaltsleiters — mit dessen Einwilligung doch wohl die verschiedenen Vereine an dem Gymnasium bestehen — das Gift des Klassen- und Rassenhasses unter den Schülern verbreitet, dürste doch noch nicht allgemein bekannt sein. Koburg, 10. Sept. Zu der Mitteilung der Tagespresse über die Zustände am Gymnasium Neustettin kann, nach dem „Fränkischen Kurier", noch mitgeteilt werden, daß im Gymnasium Casimirianum in Koburg eine erlaubte Schülerverbindung besteht, die mit Wiffen des Rektors und der Professoren ebenfalls keinen jüdischen Schüler aufnimnit. Dieser Verbindung, der ein großer Teil der Lehrer der Schule und besonders der Rektor seinerzeit als Schüler und jetzt noch als alte Herren angehört haben, ist das Recht eingeräumt, ihre Mitglieder an der grünen Schülermiitze ein schwarzes Samtband tragen zn laffen, was Nichttnitgliedern nicht zusteht, sodaß sich die Zugehörigkeit auch Außenstehenden offenbart. Der Rektor des Gymnasiums ist Vorstand des dortigen Nationalliberalen Vereins. Köln, 12. Sept. Für den Stipendienfond des „Vereins für die jüdischen Jntereffen Rheinlands E. B." haben zur Ablösung von der Rosch Haschonoh Correspondenz ferner gespendet: Siegfried Balitzer- Karlsruhe, Lazarus Wolf-Köln,Joseph Heymann- Stommeln, L hrer Oppenheimer-Goch, Benno irsch-Kö!n, Isidor Wolff-Köln, Stadtverordneter . B. I o n a s - M.-Gladbach, Nathan Kahn-Köl-, S. Wert he im-Marxloh, L. Hamburg (Sulzbach) Arnheim. Strasburg, 10. Sept. Die 3 Klaffen der städtischen israelittschen Volksschule wurden im Schuljahr 1908—09 von 81 Knaben und 82 Mädchen besucht, was, wie im vorigen Jahre, eine Durchschnittsfrequenz von etwa 54 Schulkindern pro Klaffe ausmacht. Beckum, 1. Septbr. Eine sehr weitgehende Auslegung gab die Strafkammer in Münster als Berunfungsinstanz dem Gesetz über die Sonntagsruhe in der Gewerbeordnung. Der Kaufmann Levi Stein von hier hatte im April d. Js. einen Stra befehl über 50 M. wegen Vergehens gegen die Bestimmungen über die Sonntagsruhe erhalten. Der Strafverfügung lag folgender Sachverhalt zugrunde: Am Sonntag, orn 1. Marz d. Js. hatte vormittags gegen 9‘j4 Uhr in dem Geschäft des Angeklagten ein Arbeiter Einkäufe gemacht, hatte aber nur großes Geld, das der allein im Geschäft anwesende Angestellte nicht wechseln konnte, weshalb der Kunde im Laden auf die Rückkehr Steins wartete. Erst gegen 10*|4 Uhr erschien dieser, als die in Beckum auf 9l/2 Uhr festgelegte Sonntagsruhe mithin schon etngetreten war, und wechselte das Geld. Während nun der Angeklagte ausführte, er habe sich um deswillen «ich.- strafbar gemacht, weil das Kaufgeschäft schon lange vor 9% Uhr abgeschlossen gewesen sei und das später unter diesen besonderen Umständen erfolgte Geldwechseln nicht strafbar sein könne, war das Berufungsgericht der Ansicht, daß der Gewerbebetrieb erst mit Rückgabe des Geldes beendet gewesen und diese erst nach 91/» Uhr erfolgt sei. Es wurde deshalb das erste Urteil bestätigt. Kassel, 4. Sept. Der bekannte amerikanische Philanthrop Nathan Straus hat der Stadt Kassel 20) Heim-Pasteurifierungs-Apparate zur Remigung der Milch zum Geschenk angeboren. Er wünschte, daß diese Apparate in den Krankenhäusern, Säuglingsanstalten und sonstwie verwendet werden möchten, falls beim Vorhandensein ansteckender Krankheiten die Milch infiziert erscheine. Bromberg, 10. Sept. Bor ungefähr l1/* Jahren ist hier die Errichtung eines jüdischen Altersheims geplant worden. Für diesen Zweck haben bereits einige Herren größere Summen gestiftet, sodaß der hierzu vorhandene Fond M. 20.000 beträgt. Der Bau ist zur Aufnahme von vorläufig 12 Insassen bestimmt und soll in praktischer Ausführung der Neuzeit entsprechend ca. Mark 50.000 kosten. Da hier ein dringendes Bedürfnis für Errichtung eines solchen Altersheims vorhanden ist, so ist hier Gelegenheit gegeben, ein gutes W.erk duich baldige Zuwendungen weiterer Spenden zu unterstützen. Köniqshütte, 7. Sept. An der hiesigen Synagoge haben sich in neuerer Zeit wieder Risse bemerkbar gemacht, die auf den umgebenden Bergbau zurückzuführen sind. AuS diesem Grunde macht die Synagogengemeinde beim Bergfiskus Schadenersatz-Ansprüche in Höhe von 700 000 Mack geltend. Orauden.;, 1. Sept. Der Vorstand hat be'chloffen, die Synagoge von Grund auf zu renovieren und durch einen groß n 'l^bau bedeutend zu erweitern Prag, 8. Sept. Gelegentlich seines jüngsten Besucheaui dem alten jüdischen Friedhof kam Erzherzog Franz Ferdinand gerade dazu, als der Maler Professor Singer mit der Herstellung einer Skizze einer Partte des Fr edhofes beschäfttgt war der er großes Interesse schenkte. Die Repräsentanz wendete sich an das Oberhofmeisteramt de- Erzherzogs mit der Bitte, die Widmung des nunmehr fettigestellten Bildes anzunehmen. Darauf ist vom Kammervorsteer Baron Ru m e r s k i r ch die Antwort eingelaufen, daß der Erzherzog die beabsichtigte Widmung mit großer Befriedigung zur Kenntnis genommen und das Geschenk gern annehmen werde. Der Erzherzog spreche dafür sowohl der Gemeinde als auch Professor Singer den freundlichsten Dank aus. Uereiit$we$eit. Frankfurt a. M., 14 Sept. Der ZentraldereinisraelitischerGemeindemitglteber veranstaltet am Montag, 20. September, abends *|,9 Uhr im Saale Kaiserhof, Roßmarkt, einen Vortragsabend. Referent Herr Dr. I. Heinemann. Thema: „Konservatives und liberales Judentum." Berlin, 10. Sept. Im verflossenen Sommersemester hat die »Vereinigung jüdischer Akademiker" (V. J. A.) zu Berlin (im „Bund Jüdischer Akademiker"), oeren Bestreben eS ist, einen Sammelpunkt für die gesetzestreue akademische Jugend zu bllben, eine erfolgreiche Tätigkeit entfaltet. Ihrem Ziele getreu hat sie es sich angelegen sein lassen, vornehmlich durch Beteurung auf jüdischem Gebiet, ihre Mitglieder zu bewußten und überzeigung streuen Jehudim heranzubilden. Anden zahlreichen wissenschaftlichen Abenden bildeten die verschiedensten Gebiete des jüdischen Geistesletens den Gegenstand von anregenden Vorträgen und Diskussionen. Es sprachen die Herren Rabb.Dr. E. Munk über „Die moralische Stellung des Richtjuden in der jüdischen Gesetzgebung"; stuüt. phil. A. M t ch a l s k i über „Das ins talionis",' G. Hildesheimer über „Jüdische Politiker"; sind. med. I. Hes über „Tierschutz im Judenrum"} Dr. E. Biberfeld über „Rabbiner Dr. Israel Hildesheimer? 3t?"; Oberlehrer Dr. I. I. Carleva ch in einem Cyklus von drei Borträgen über „Kulturkümpfe im Judentum einst und jetzt". Besondere Erwähnung veidie« t ferner die Jnstitutton des „Fuxen- Unterrichts", der von Herrn cand Phil. M. M u n k erteilt wurde. Hier werden die jüngeren Mitglieder mit den Grundzügen der jüdischen Welt- und LebenSanschauung vertraut gemacht und erhalten Einblick in die jüdische Geschichte unter besonderer Berückstchtigung der rn der Gegenwart hervortretenden Strömungen innerhalb der Judenheit. Den Zwecken des BereinS dienten in gleicher Weife die cmjNP; neben einem Mitgltederfchiur (“IHP jribtP p) fand unter Leitung des Herrn Rabb Dr. Munk wie in früheren Sememestern ein statt Neben der wissenschaftlichen BeretnStätigkeit kam auch die Geselligkeit zur Geltung, indem außer den allwöchentlichen Ausflügen in die Umgebung iwch Kneipen, Ruderabende und auch, meist im Anschluß an den Vereinsabend, gemeinsame Spaziergänge veranstaltet wurden. Der für das Wintersemester gewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren cand. med. I. Haarburger (Vorsitzender), Rabb. Dr. E. Munk (stellb. Borfitzender, cand. med. I. Levy (1. Schriftführer, cand. med. A. Wttkowskt (2 Schriftführer), cand. phil. Halber- Nadr (Kassenwatt). Der Schriftführer, Herr cand. med. Jacob Levy (Berlin C. 25, Kaiser Wrlhelmftr. 18 E. III), ist gern bereit, gesetzestteuen Akademikern auf Wunsch Auskünfte aller Art zu erteilen. Bafel, 10. Sepr. Der „Verein zur Förderung des gesetzestreuen Judentums in der Schweiz" (Sitz in Basel) ladet seine Mttglieder zu der am Sonntag, den 18. September, Nachmittags 3 V« Uhr, tm großen Saale des kaufmännischen BereinS in Zürich stattfindenden ordentlichen Generalversammlung ein. Der üblichen Tagesordnung voran geht ein Borttag von Herrn Dr. M. Ascher von Neuchatcl: „Versuch einer wissenschaftlichen Begründung des Judentums." ■ ca——