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Der Israelit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 8 Nr. 37 15. September 1909 versicherte, daß Niemandem ein Unrecht widerfahren werde. Ungarn. kine kemlnlsren? an 7is?a-kclar. (Bon unserem Korrespondenten). Budapest, 10. Sept. Anläßlich des vor kurzem erfolgten Todes der Frau Solymos, der Mutter des verschwundenen Ester Solymos, welche letztere — nach antisemitischer Luge — von Juden „zu rituellen Zwecken abgeschlachtet" worden sein soll, veröffentlicht der als Verteidiger der in diesem Prozeffe unschuldig angeklagten Juden berühmt gewordene Karl Eötoös einen Aufsatz, welchen wir folgende interessante Stelle entnehmen: ^lls die arme Ester verschwunden war, fiel es Wemanden ein daran zu denken, daß die Juden Pe getötet hätten. Diese Behauptung tauchte erst nach einem Monate auf. Als Frau Solymosi seufzend und weinend dem Josef Solymosi klagte, wie sehr sie der Verlust ihres Kindes schmerze, tröstete er sie mit folgenden Worten: „Fürchten Sie nicht Frau Nachbvrin! Sie werden Ihre Ester noch haben. Als ich in Hajde-Nanas wohnte, ereignete sich auch dort ein ähnlicher Fall. Ein kleines Kind war spurlos verschwunden. Zuletzt entstand sogar das unsinnige Gerede, daß die Juden dem Kinde zu Ostern das Blut abgezapft hätten. Schließlich aber kam das Kind wieder zum Vorschein. Es hatte sich irgendwo verirrt. So w'rd es auch mit ihrer Ester sein." Die Wahnidee vom Ritualmord hatte sich dann bei der Mutter und dem tschechischen Pöbel, der sich bald der Sache bemächtige, unausrottbar festgesetzt." Budapest, 10. Sept. Mit Vorliebe werden von den Antisemiten Nachrichten ausgestreut, daß der österreichische Thronfolger mit ihren Anschaungen und Bestrebungen sympathiesiere und daß ihre Politik an dem zukünftigen Herrscher einen wohlwollenden Beschützer habe. Dieser Mär hat nun Erzherzog Franz Ferdinand selbst ein Ende bereitet, indem er vor wenigen Tagen, als er mit einer politischen Persönlichkeit die ungarischen Verhältnisse besprach, nicht nur feine, namentllch von der Wiener Rathauspartei sehr oft behauptete Ungarfeindlichkeit in Abrede stellte, sondern unter anderem auch folgende seine wirkliche Gesinnung charakterisierenden Bemerkungen machte: „Es ist auch lächerlich zu behaupten, daß ich ultramontan oder klerikal sei. Ich bin, was meine Person betrifft, ein aufrichtiger, glaubenseifriger Katholik. Düs hindert aber nicht daran, sondern verpflichtet mich geradezu, auch die religiöse Ueberzeugung aller anderen in Achtung zu halten. Aus diesem Grunde werden in meiner Politik die konfessionellen Gesichtspunkte niemals eine Rolle spielen." Kutztanr». Petersburg, 10. Sept. Seit einiger Zeit richtet die gesamte Presse der „echten Russen" versteckte Angriffe gegen das russische Handelsministerium. Man wußte nicht recht, wodurch sich Handelsminifter Timirasew bei den Schwarzen so mißliebig gemacht, bis endlich das offiziöse Blatt „Rußkoje Znamja" mit dem Geheimnis herausgeplatzt ist. „Aus sicherer Quelle", klagt das genannte Blatt, „haben wir erfahren, daß der Minister Timirasew die Lage der Moskauer jüdischen Kaufleute erster Gilde sich stark zu Herzen nimmt, die auf Grund des Gesetzes vom Jahre 1899 aus Moskau ausgewiesen werden sollten. Der Minister beabsichtigt, daß das Gesetz auf die Juden, die bisher ungesetzlich in Moskau gewohnt haben, keine Anwendung finde, zweitens will er sich dafür einsetzen, daß dieses Gesetz überhaupt abgeschafft werde und die jüdischen Kaufleure erster Gilde in ihren Rechten den russischen Kaufleuten gleichgestellt werden. Wir hoffen — droht das saubere Blatt — daß dieser freche (!) Plan des Handelsministers im Der JsraeUl. Ministerrat nach Gebühr wird eingeschätzt werden und daß man dort begreifen wird, daß diese merkwürdige Art der Amnestie (?) unter den beleidigten Russen einen Schrei Hervorrufen wird, der bis an die Stufen des Kaiserthroncs dringen wird." Petersburg, 10. Sept. Die in jüngster Zeit mit der Verschärfung der Ausweisungspolitik zunehmende Taufbewegung unter den Juden Rußlands hat eine ganz eigenartige soziale Notlage der jüdischen Frauen gezeitigt. Sehr häufig kommt nämlich der Fall vor, daß wenn ein verheirateter Jude zum Christentum Übertritt, die Frau ihm nicht in den neuen Glauben folgen will, sondern dem Judentum treu bleibt. Bis vor kurzem pflegte nun der russische Synod in solchen Fällen selbst darauf zu achten, daß ein verheirateter Jude nur dann in die russisch-orthodoxe Kirche ausgenommen werde, wenn er seiner im Judentume gebliebenen Frau den in jüdischen Gesetzen vorgeschriebenen Scheidebrief überreicht hatte. Vor kurzem erließ nun der Heilige Synod e ne Verordnt, ng, wonach verheiratete Juden ohne Rücksicht aus das Schicksal ihrer jüdischen Ehegattinnen in die russische Klrche ausgenommen und ihnen die Bewilligung zur Eheschließung mit einer Christin auch ohne vorherige rituelle Scheidung von der jüdischen Frau erteilt werden kann. „Die Angelegenheit der jüdischen Frau" heißt es lakonisch, „haben die Rabbiner zu ordnen." Die Rabbiner können aber nichts „ordnen", da sie an die Vorschriften der jüdischen Ehegesetze gebunden sind und einer solchen unglücklichen Frau nur nach vorangegangener ritueller Scheidung die Bewilligung zu einer zweiten Ehe erteilen dürfen. Auf diese Weise wird die „Verlassene" eines solchen gewissenlosen Täuflings dem größten Elend, preisgegeben. Abgesehen hiervon ergreift ein solch treuloses Individuum gerne die Gelegenheit, ander armen Frau Erpressungen zu verüben, denen sie mit Rücksicht auf ihre geringen Mittel oft gar nicht nachgeben kann. _ Finnland. Helsingfors, 10. Sept. In der hierländischen Presse wird in den letzten Tagen wieder viel über die Notwendigkeit einer Reform der finnländischen Judengesetze debattiert. Den traurigen Anlaß hierzu bietet die Meldung einiger schwedischer Blätter, daß in nächster Zeit wieder nahezu 200 jüdische Familien aus Finnland ausgewiesen werden sollen. Bekanntlich wurde vor mehrenen Monaten ein Gesetzentwurf ausgearbeitet, durch welches den finnländischen Juden einige Erleichterungen gewährt werden sollten. Der Gesetzentwurf ist eben nur ein Entwnrf geblieben, während inzwischen die judenfeindlichen Gesetze mit aller Strenge gehandhabt werden. Anläßlich der bevorstehenden neuerlichen Massenausweisungen verlangen nun die progressiven Blätter die sofortige Beratung des Gesetzentwurfes, während die konservative Presse einfach erklärt, daß es mit den Judengesetzen „noch lange Zeit habe." * * Die Rabbiner in Petersburg und in Helsingfors find beim Generalgouverneur erneut um die Aufhebung des Schäckrtverbotes in Finnland vorstellig geworden. Die betr. Eingabe wurde seitens des Generalgouverneurs dem Senat überwiesen. Solange die Sache nicht dem Landtage vorliegt, ist leider die Hoffnung nicht groß. gv cmtnreidj. Paris, 10. September. Hier ist jetzt ein Komitee in Bildung begriffen, das die Verteidigung der Rechte der unterdrückten Völker zum Zwecke hat. Eine Gruppe französischer und englischer Gelehrter, unter ihnen viele Historiker und genaue Kenner des internationalen Rechtes, haben sich dem Komitee bereits angeschlossen. Das Komitee wird zunächst eine Deklaration, betreffend die Rechte der einzelnen Völker und Nationalitäten publizieren, ähnlich der Deklaration, welche die französische Revolution seinerzeit über das Menschen- und Bürgerrecht erlassen hatte. Als wichtige Aufgabe erblickt das Komitee die offene Stellungnahme gegen die Bedrückung einzelner Volksminoritäten in den verschiedenen Staaten. Wenn heute in einem Staate eine Nationalität unterdrückt wird, so nimmt sich ihrer gewöhnlich bloß eine radikale Partei des betreffenden Staates an, die jedoch auf die Anhänger einer gemäßigteren Richtung keineii Einfluß üben kann. Das hat nun zur Folge, daß die große europäische öffentliche Meinung über die unterdrückten Völker nur aus offiziellen Quellen unterrichtet wird. So hatte z. B. Plehwe in Paris ein eigenes Blatt, in welchem er seine Judenpolitik verteidigte usw. Das sind aber stets offizielle Mitteilungen, denen andere parteiische Darstellungen gegenüberstehen. Das Komitee will es nun auf sich nehmen in solchen Fällen im Namen der öffentlichen Meinung mit neutralen, unparteiischen Erklärungen hervorzulreten und da es nicht ein Komitee ist, das gegen eine bestimmte Regierung zu kämpfen beabsichtigt, hofft es, daß Diplomaten und Regierungen seinen Enunziationen Gehör schenken werden. Parteipolitiker und Parlamentarier sind aus dem Komitee von Vornherein ausgeschlossen. Es werden ihm nur Literaten und Gelehrte aller Nationen angehören. Rumänien. Bukarest, 1. September. Wie erinnerlich, ließ sich der rumänische Ministerpräsident Bra' tianu jüngst von einem Berichterstatter der „N. F P." interviewen und widmete den größ' ten Teil seiner Erklärungen der Judenfrage in Rumänien. Der rumänische Premier tat einige rätselhafte Aussprüche, denen Kenner der Verhältnisse deutlich genug entnehme« werden, daß an eine Besserung der Lage der Rumänischen Juden vorläufig nicht zu denken ist. Herr Bartianu vermied geflissentlich, den Berliner Vertrag zu ziteren. „Falls sich die allgemeinen Verhältnisse Rumäniens günstiger gestalten, könnte es sein, daß auch die Lage der Juden eine günstigere wird." Auf bestimmte Versprechungen läßt sich Herr Bartianu nicht einmal in Interviews ein und legt Wert auf die Feststellung, daß die rumänische Judenfrage eine ökonomische Erscheinung ist. Nicht schlecht klingt auch folgendes: „. . . . Wenn die Juden darauf bedacht sein werden, daß diese Frage eine interne bleibt und von fremden Einmischungen nicht berührt wird, dann könnte es sein, daß die rumänischen Politiker ein oder zwei Rechte konzendieren. . Wie wenig Gewicht solchen Aeußerungen rumänischer Regierungsmänner beizumessen ist, geht aus folgenden Vorkommnis hervor: Eine Bande Radaumacher, die sich für Verkäufer des antisemitischen Hetzblättchens „Liga antisemita" ausgaben, fand es für angemeffen, Samstag abend, mit Knütteln bewaffnet, die in der Ealea Moschilor wohnenden Juden zu terrorisieren. Mit bestialicher Wildheit stürzten sie sich auf die Juden, die sie auf der Gaffe antrafe» und hieben unbarmherzig mit ihren Stöcken auf dieselben ein. So z. B. versetzte einer der traurigen Helden der Frau Ekaterina Jsak, die in der Tür ihres Geschäftes stand, einen kräftigen Hieb. Als ihr Bruder intervenierte, wurde er schonungslos mißhandelt, sowie alle Nachbarn, die zur Hilfe herbeieilten. Dem Klempner Welei wurde mit einem Stocke der Kopf eingeschlagen, so daß derselbe zusammenbrach und zur Hilfeleistung in in die Apotheke gebracht werden mußte. Dem Kaufmann Eckstein wurden, nachdem auch er seine iebe erhalten hatte, die Fenster eingeschlagen. s war unmöglich, die rabiaten Kerle zur Ruhe zu bringen, bis die Polizei, die nur sehr spät am Platze war, einige der Rädelsführer verhaftete, die dann nach Aufnahme des Tatbestandes der Staatsanwaltschaft übergeben wurden. Schon seit lange hat das Treiben der Verkäufer der „Liga antisemita" das allgemeine Aergernis erregt, so daß es endlich am Platze wäre, wenn unsere Polizei gegen dies Hetzblatt, welches die

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