Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449390--65869-2508530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
©eite 10. Nr. 37 Ter Jsraein. 35. September 1900 Personalien. Leipzig. 12. Sept. Am letzten Montag haben wir Frau Giti H u r w i tz die Frau des pKJH S"n pnin ]1$ÖW '*1 DDTlfiön/ zu Grabe getragen. Die Verstorbene war nicht nur hier in Leipzig eine bekannte Persönlichkeit, weit, wett hinaus über die Grenzen unserer Sradt war der Ruf der galten Rebbezin" gedrungen und keiner der vielen Fremden, die fie kannten, versäumte eS, ihr feine Aufwartung zu machen und sich mit ihr, der unübertrefflich guten und klugen Frau, zu unterhalten. Und hier erst! Kein Tag verging, der ihr nicht eine Menge Leute ins Haus brachte, di: ste sehen, sprechen, sich bei ihr Rar und tätige Hilfe holen wollten Mld auch wirklich holten. Noch nie hat eine Frau den Ausspruch unserer Weisen, -ons *"Qn bester bestätigt als unsere Rebbezin, denn alle Eigenschaften eines solches, den unsere Weisen durch einen anderen Ausspruch kennzeichnen, N'VITII!W 13ÖÖ pftttf — man erlangt bei ihm Rat und Hilfe — waren ihr eigen. Go viele auch der Hilfesuchenden waren, nie ging einer leer aus; für jeden hatte sie einen Rat, einen Trost, ein gutes Wort. Alle, die heute um fie trauern, wisien, daß sie eine gute, kluge Frau, eine wahre flp'ix verloren haben, alle fühlten den großen Verlust, den ihr Hinscheiden ihnen verursacht, und doch misten sie noch nicht alles, waS fie verloren, noch können sie diesen Verlust nicht in seiner ganzen Größe ermessen. Bon unserem Lehrer Moses heißt es in der Thora: lmiap PIK V'8 rT xSl d. h. richtig übersetzt, niemand wußte, was mir ihm begraben wurde, seine ganze Größe und seinen ganzen Wert hat niemand erfaßt. Dasselbe möchte man von unserer Rebbezin sagen. Nicht jene, die ste nur oberflächlich kannten un^ nicht die, die ne wirklich gekannt zu haben glauben, wist m, was fie an chr verloren haben. Nur wer das Glück hatte, in ihrer Nähe zu leben stets um sie sein zu dürfen, nur der allein weiß, daß der Verlust ein unersetzbarer ist, daß die Lücke, die ihr Tob geristen, unausgefüllt bleiben wird. Unsere„alte Rebbezin" ist iür unS nicht tot; nie werden wir ihrer vergeben und ihr A -denken wird uns hoch und heilig bleiben. n"32C3fl P. J. K. Heidelberg, 12. Sept. In den kleinen Kreis der Gesetzestreuen, die sich im Laufe der letzten Jahre in Heidelberg angefiedelt haben, hat der Tod eine große Lücke geristen. Am Nachmittag des 2. Elul wurde Frau Hermine Deutsch, geb. Rieder Y'J? durch einen Herzschlag aus dem Leben abgerufen. Nicht nur die nun ganz allein stehenden Kinder, die Geschwister und vor allem die hochbetagte Mutter werden den Heimgang dieser braven und frommen Frau, dieser wahrhaften b’H PllPK beweinen, sondern alle, die je mit ihr in Berührung ge kommen find, werden von dieser traurigen Tatsache tief und schmerzlich berührt werden. Es ist kein lichte- und freudevolles Leben gewesen, das nun zum Abschluß gekommen ist. Nachdem dem Baterhause früh der Ernährer entriffen war, mußt auch Frau Deutsch als junges Mädchen gleich ihren Geschwistern aus der ungarischen Heimat nach Deutschland wandern, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Nach einigen sorgenunb arbeitsreichen Jahren hatte ste das Glück, sich mit dem weitbekannten “ieh p’^JC V'X Rabbi M nachem Deutsch in Paks (Ungarn) zu verheiraten. Doch sollte auch dieses Glück nur hon kurzer Dauer sein, denn allzubald wurde er aus diesem Leben abberufen, seine Familie in größter Rot zurücklastend. Mit bewunderungswürdiger Kraft und Ausdauer ging Frau Deutsch nun daran, sich und ihren Kindern den Unterhalt zu verschaffen. Keine Enttäuschung, keine Entbehrung waren stark genug, ihre und nxT zu erschüttern, alle die Prüfungen, die n"2pN ihr sandte, ertrug fie mit vertrauensvollem Blick nach oben zu dem Herrn der Welten, ein hehres Beispiel für ihre Kinder und unsere ganze Zeit. Als vor etwa drei Jahren Frau Deutsch ihren Wohnsitz von Paks nach Heidelberg verlegte, wußte sie sich in kurzer Zeit durch chr liebreiches Wesen, ihre Klugheit und Lebenserfahrung die Sympathie aller zu erwerben. Denn nicht nur ihrer Familie galt ihre Sorge und Hilfsbereitschaft, sondern ebenso durften die zahlreichen Bedürftigen, die bet ihr Hilfe suchten, und die gesetzestreuen Studentm, welche an chrem Mittagsttsch teilnahmen, jederzeit ihres freundschaftlich mütterlichen Rates gewiß sein. Wenn dieselben jetzt in Bälde aus der Heimat in die Musenstadt am Neckar zurückkehren, dann werden fie im Hause Deutsch die Mutter Deutsch schmerzlich vermiffen. Möge ,Y'2p,"T den verwaisten Kindern helfen, die Bürde des Lebens nunmehr auf eigenen Schultern zu tragen. Mögen ste dabei mit Gottverrrauen dem Boröilde ihrer ftommen Eltern folgen und so ihr Andenken segnen. Y'SSWFl Rendsburg, 6. Sept. An die Stelle des von hier nach Berlin übergesiedelten Kantors Herrn L ö w h, der 17 Jahre an der hiesigen israelitischen Gemeinde amtierte, ist der Kantor, Herr Gerson Schlumper aus Stenschewo in Posen getreten. Breslau, 1. Sept. Herr Löbel Falk, der Sohn des bekannten R. Meier Falk, feierte unter großer Anteilnahme seinen 70. Geburtstag. Wougrowitz, 6. Sept. Am 5. d. M. fand in der hiesigen jüdischen Gemeinde die feierliche Einführung des Herrn Rabbiner Dr. Friedmann aus Grätz statt. In der festlich geschmückten Synagoge tucir nach der Begrüßung durch den erste»! -Vorsteher, Herr Rabbiner Dr. Dünner- Rogasen die Einführungsrede, woraus Herr Dr. Frtedmann mit der Antrittsrede sein neues Amt übernahm. Solo- und Chorgesänge erhöhten die stimmungsvolle Feier. Mit Herrn Dr. Friedmann wird das feit 40 Jahren verwaiste Rrbbtnat neu besetzt. Posen. 2. Sept. Kantor Löwenthal, bisher in Bemschen, ist in Schwersenz und Kantor Bernstein, bisher in Schwersenz, in K o b y l i n gewählt worden. Mailand, 5. Sepl. In der hiesigen Kunstausstellung erhielt die beliebte Malerin, Frau Professor Emma Dessau-Goitein, de den Lesern des „Israelit" durch ihre gelegentliche Mitarbeit auf künstlerischem und belletristischem Gebiete vorteilhaft bekannt ist, die „Stl verne Medaille" für die von ihr ausgestellten künstlerischen Exlibris. Auch auf der Kunstausstellung zu Livorno ist die Künstlerin, deren Gemälde in den Kreisen der Kunstkenner in der letzten Zeit steigende Beachtung fanden, durch eine „Goldene Medaille" ausgezeichnet worden. Die nächste Nummer des „Israelit" erscheint am Donnerstagden 23. September. Redaktionsschluß am 22. d. Mts. Die folgenden Nummern: Mittwoch, 29. September. Kedaktionsschlnß: 28. September, morgens. Dienstag, 12. Oktober. Ue-aktionsschlnst^ 11. Oktober, morgens. Briefkasten. S. L. I. in B. Rabbi Salant V'jtf ist in Bialiftof (Rußland) geboren. Lehrer lOO. Sie erhalten demnächst Bescheid. S. H. in K. Eine solche Fabrik ist uns nicht bekarmt. E. A in B. Kc Das Rätsel eignet sich leider Wegen seines Umfanges nicht für uns. Besten Dank. S. K. Die Israelitische Waisenanstalt Frankfurt a. M., Röderbergweg 87 wird Ihnen gewiß die gewünschte Auskunft erteilen. M. I. H. Wir danken Ihnen bestens für die uns zugesandte Notiz, die wir aber, weil sie absolut kein jüdisches Interesse beansprucht, nicht bringen können. Anderen Berichten sehen wir gern entgegen. Lehrer B. R. in R. Wir müssen Sie, getreu unserem Prinzipe, keine Steckbriefe im Haup.teile zu veröffentlichen, auf den Inseratenteil verweisen. *£ O. W. 1. Richtigstellung nach der Massora, 2. Angabe der Stellen im wo die betreffende Halacha prakttsch verwertet ist. (Iminskalender. Verein Mekor-Chajim, Schützenstraße 2; Samstag, den 18. Septbr. 1909, Mittags 4*J4 Uhr „Mikro- Vortrag" des Herrn Maximilian Michel. Minderecke. Das Scholar. Bon R. L. Vor 300 Jahren lebte in Michelstadt der Ellwarenhändler Chajim Halber stamm. Sonntag früh nahm er seinen Pack auf den Rücken und seinen Zollstab in die Hand und wunderte hinaus; Freitag Abend kehrte er wieder heim. Wo er hinkam war er gern gesehen wegen seiner Ehrlichkeit und seines freundlichen bescheidenen Benehmens. So zog er das ganze Jahr von Ort zu Ort, um den Unterhalt für seine Familie zu verdienen. Kam aber Rosch Chodesch Ellul, so war er zu Hause und blieb es bis nach dem Jomim towim. Denn er war Bal tokea von Michelstadt, und das nahm er sehr genau. Diesmal nun war Rosch Chodesch herangekommen und er befand sich noch eine Tagereise weit von zu Hause entfernt. Den Tag über hatte er in der heißen Sonne schwer gearbeitet, und als es Abend wurde, war er sehr müde. Bahn und Post gabs damals noch nicht und morgen früh wurde zum ersten mal Schofar geblasen. Aber Chajim Halberstamm wußte sich zu helfen. So billig verkaufte er seine Mizwoh nicht. Er ruhte eine halbe Stunde aus; dann nahm er seinen Stock und wanderte fröhlich in die Nacht hinein. Der Weg war ihm wohlbekannt, und als der Morgen graute, sah er von Ferne die Häuser von Michelstadt. Er kam gerade noch rechtzeitig in Schul, wo man voller Aufregung auf ihn gewartet hatte; denn niemand konnte sonst Schofar blasen. Er war zwar sehr erschöpft, als er das Schofar zur Hand nahm; doch klang es heute so hell und geheimnisvoll, daß alle seltsam davon berührt wurden. Ihm selbst aber kams vor, als ob ers heut gar nicht wäre mit seinen schwachen Kräften, und als obs ihm zuriefe so auf seine Art: „Chajim, das vergeh ich Dir nimmermehr." Wie er heimkam, hörte er leider die traurige Nachricht, daß man Moscheh Sulzbach, seinen besten Freund, ermordet am Waldrand aufgesnnden habe. Vom Mörder entdeckte man nachher keine Spur. Zehn Jahre waren inzwischen vergangen Wieder wars Rosch-Chodesch Ellul-Morgen. Der herbstliche Nebel begann sich zu lichten und glänzend schienen die Strahlen der Frühsonne über die tauglitzernden Stoppelfelder. Die Luft war klar und frisch und rötlichgelbes Laub bedeckte die stillen Wege. Durch die Tore von Michelstadt bewegte sich aber ein trauriger Zug. In seiner Mitte bemerkte man Chajim Halberstamm, umgeben von seinen Richtern und Schergen. Er sollte den Buchbinder Johannes Noll ermordet und beraubt haben und dafür jetzt die Todesstrafe erleiden. Freilich glaubte so recht keiner an seine Schuldja es tat ihnen leid, denn es war wohl niemand, dem er nicht einmal einen Dienst oder eine Gefälligkeit in seinem Leben erwiesen hätte. Allein Augustin Schmidt, der Brückenwärter und Korbflechter, hatte es beschworen- und zu damaligen Zeiten hatten es die Juden schwer, ihr Recht zu finden. Vor den Mauern der Stadt stand als letztes Haus die alte Schul. Da mußte man vorbei und dann die Anhöhe hinauf zum Richtplatz. Schritt vor Schritt bewegte man sich vorwärts. Schier lautlos folgte die ungeheure Volksmenge. Erschreckt flogen die Dohlen und Krähen zu beiden Seiten in die kahlen Saatfelder, die von der Sonne mit mitleidiger Schönheit beleuchtet waren. Da — man ging eben am hohen ehrwürdigen Portal der Schul vorbei — öffnete sich das Tor und schaurige dumpfe Schofartöne zogen aus dem düstern Halbdunkeln Gewölben heraus. Der Zug stand still vor Schrecken. Das klang wie die Posaune des Gerichts. Chajim Halberstamm aber, der bis jetzt ruhig und standhaft sein Schicksal hatte über sich ergehen lassen, rannen die Tränen in den Bart. Waren es Weib und Kind, an die er jetzt dachtewar es etwas anderes? Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, sah man einen Mann, bleich wie der Tod, vom uge weg nach dem Städtchen zurück sich schleichen, s war Augustin Schmidt, der Ankläger Chajim Halberstamms. Als auf dem Richtplatz das Urteil vollstreckt werden sollte, zitterte dem Scharfrichter die Hand. Auch die Richter fanden keinen rechten Mut mehr. Dagegen sing das Volk an, i-rffy tf-Mi# *