Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449390--65865-2508526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Seite 6. Ni. 37 Israelit. 15. September 1909 gesprochene Wort vorzuhalten vermag?" (Talmud Chagiga Fol. 5 c.) Unter allen Mißbräuchen des Wortes ist aber der verwerflichste wohl derjenige, der sich in. den Dienst der Verführung stellt und das göttliche Geschenk der Sprache dazu benutzt, Menschen von dem graden, gottgewiesenen Pfade der Pflicht abwendig zu machen und sie der sittlichen Verderbnis zuzuführen. Die höchste Stufe der Verwerflichkeit wird uns dadurch veranschaulicht, daß 'Sil unmittelbar folgt: läJTvjnm *2'iyn wir haben (andere) zur Krümme und zur Gesetzlosigkeit geführt! lijjttnm inyn ist die kausale Form des weiterhin folgenden Bekenntnisses i:j/Kn iny, wir haben im Krümme und in Gesetzlosigkeit gehandelt, und bezeichnet somit die Verleitung zur Krümme und Gesetzlosigkeit. Daß die Verleitung zum Unrecht hier zuerst und seine Begehung an und für sich erst später genannt wird hat gewiß nicht seine Begründung in der Rücksicht auf die alphabetische Anordnung des Ganzen, der auch sonst leicht Rechnung zu tragen wäre. Man braucht vielmehr nur die Art und Weise sich zu vergegenwärtigen, wie jedes Unrecht entsteht und bei dem Fehlenden und seiner Umgebung sich ausdrückt, um dieselbe Reihenfolge auch im Leben wiederzufinden. Jeder Schritt, der die gottgewiesene Norm verläßt, hat damit nicht nur den geraden Pfad der Pflicht, sondern auch den geraden Weg zu eigenem Lebensglück verlassen, ist der Krümme verfallen, die auf Umwege erfolglos zu erreichen sucht, was nur auf die von Gott vorgeschriebene Weise zu erreichen ist. Von dieser Wahrheit ist den meisten Gesetzesübertretern nur die erste Hälfte geläufig. Sie wissen, daß sie mit ihrem Unrecht gegen den Willen Gottes handeln, aber daß sie auch ihr eigenes Heil damit untergraben, das glauben sie nicht nur nicht, sondern erblicken gerade in den Anforderungen des Gottesgesetzes lauter Hemmnisse und Erschwerungen, die sie an der Erreichung ihres Lebensglücks hindern und sie glauben in den Besitz alles dessen was sie so sehnlich wünschen, viel leichter zu gelangen, wenn sie die ihnen lästigen gesetzlichen Schranken durchbrechen und nun unbehindert auf das ihnen vorschwebende Ziel ihres Höffens und Sehnens lossteuern können. Wer z. B. um jeden Preis schnell reich werden möchte, dem stehen die Verbote des Diebstahls, der Lüge, die Gesetze von der Heilighaltung der göttlichen Ruhetage, die Ribbisgesetze und viele andere Anforderungen des Gottesgesetzes störend im Wege. Sein sinnlicher Verstand sagt ihm, daß man viel rascher zum Ziele gelangt, wenn man unredlich in Handel und Wandel ist, als wenn man ängstlich darüber wacht, sich nicht durch unrechterworbenes Gut zu bereichern, daß man mehr Chancen hat wenn man 6 und 7 Tage in der Woche arbeitet, als nur 5 oder 6, daß man durch Einstreichen verbotenen Zinses es rascher zu etwas bringt, als durch seine Zurückweisung. Diese Argumente scheinen unwiderleglich, besonders wenn die Leidenschaft den Skrupellosen blind für den dauernden materiellen Segen macht, der in der Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit des geschäftlichen Verkehrs liegt, blind für den Segen, mit dem Gott gerade die von ihm gestifteten Ruhetage ausgestattet hat und blind für den Unsegen, der an jedem unrechtmäßig erworbenen Gute haftet. Wer das Leben in vollen Zügen genießen möchte, und darin sein höchstes Lebensglück findet, der wird in den Gesetzen über Speise und Trank in den Vorschriften, die über unsere geschlechtliche Reinheit und Sittlichkeit Wache halten, die größten Störer seiner Lebensfreude erblicken und sich leichten Herzens über sie hinwegsetzen. Daß der Uebertreter sich damit in Widerspruch mit Gott und seinem ausgesprochenen Willen gesetzt hat, ist ihm nicht zweifelhaft, ebenso sicher ist er aber überzeugt, daß er seinem wahren Lebensglück durch diese Uebertretung gedient hat. Er vertröstet sich vielleicht auch in einer Stunde stillen Borwurfs mit dem Vorsatz, sich dem Regime des Gottesgesetzes später wieder unterstellen zu wollen, wenn er sein Schäfchen erst im Trocknen und das Leben bis zur Neige genossen hat. Frägt er sich mit diesem Zwiespalt im Herzen in einer solchen Stunde nach dem Motiv seines gesetzwidrigen Lebens, so kann, falls er die Redlichkeit gegen sich selber noch nicht eingebüßt hat, die wahrheitsgemäße Antwort auf diese Frage nur lauten: Ich bewege mich jenseits von Gut und Bös, von Redlich und Unredlich, von Rein und Unrein, weil mich die Sucht nach Besitz und Genuß in ihren Fangarmen festhält, die den Gottesgeist zur Krämerseele degradiert, und den Gottesfunken in uns in den Pfuhl sittlicher Entartung zerrt. Frägt ihn aber ein anderer, oder fühlt er ungefragt aus dem stummen und dem beredten Vorwurf seiner Umgebung diese Frage heraus, so kann er nicht seine Geldgier und Genußsucht als die Beweggründe seines ungesetzlichen Handelns angeben. Er muß dann die Krümmen für gerade und das Unrecht für recht erklären, er muß seine niedrige Denk- und Handlungsweise als Ausbund aller Bildung, allen Fortschritts und aller Aufklärung hinstellen, daß der Gesetzgeber das alles gar nicht so ernst gemeint habe, daß das Gesetz für ganz andere Zeiten und Verhältnisse berechnet gewesen sei und er wird diese Täuschnng so oft und so lange fortsetzen, bis sie zur Selbsttäuschung geworden ist. So lange sich jemand noch selber auf dem Weg der Krümmen und Gesetzlosigkeit weiß, ist die Möglichkeit einer Besinnung und Wendung zum Bessern nicht ausgeschlossen. Wenn aber Jemand durch seine Täuschung und Verleitung anderer über die wahren Triebfedern seines Handels sich selber derart verblendet und berückt hat, daß er unrettbar der Krümme und Gesetzlosigkeit verfällt und darin verharrt, so hat er den verhängnisvollen Schritt getan, der von uyttr'ni iriyn zu iny uytjn führt. Der Mutwille, mit welchem sich ein solcher Schritt vollzieht, die Rücksichtslosigkeit, die dann vor keiner Gewalttäigkeit mehr zurückschreckt, und selbst Lüge und offenkundige Schlechtigkeit nicht verschmäht, alle diese Konsequenzen werden uns durch das nun folgende Bekenntnis veranschaulicht: i:m wir waren übermütig, HDDn wir waren gewaltätig, "iptr wir haben uns für die Lüge entschieden, jn 122p' wir haben zum Bösen geraten. (Schluß folgt.) und ^Machrichten. orrespondenzen Deutsches ffteidjv Frankfurt a. M., 23. Sept. Der zionistischen „Welt" gefällt es, uns in einer gerat ezu unqualifizierbaren Weise anzurempeln, weil in einer Korrespondenz aus Odessa der von unsrem Korrespondenten als Volksverräter gekennzeichnete §err Awinowitzky als Führer der russischen ionisten bezeichnet und sein Auftreten auf den Zionistenkongressen in Gegensatz zu seinen derzeitigen Machenschaften gestellt war. Die „Welt" stellt fest, daß Herr A. fett dem 7. Kongreß kein Zionist mehr sei und insinuiert dem Verfasser der Korrespondenz wie der Redaktion des Israelit, wider besseres Wissen A. dem Zionismus an die Hand die Zügel an, und mit der andern entriß er schnell wie der Blitz dem Rabbi Chaim das Säckchen. Der Wagen rollte von dannen. Rabbi Chaim stieß einen Schrei aus und begann hinterher zu laufen, aber der Bauer drohte ihm mit der Peitsche. Rabbi Chaim blieb allein im Walde, ohne eine Kopeke, nur mit einem drei Meilen langen, ausgeweichten Weg vor sich und niit matten Beinen. Bespritzt von dem Lehm der Landstraße, hungrig und durchkältet, gelangte Rabbi Chaim erst gegen Abend nach Rogol. Die leeren Taschen, der ‘ leere Magen und die müden Glieder zivangen ihn, zum Synagogendiener zu gehen und ihn um Erlaubnis für eine Predigt zu bitten. Dieser wunderte sich anfangs über die Bitte und wollte sie ihin verweigern. „Was," sagte er, „<-ie wollen wieder bei uns predigen? Sie waren ja erst vor kurzer Zeit hier. Noch ist unsere Synagoge nicht an der Reihe." Als er jedoch das blasse Gesicht des zitternden Predigers sah, willigte er ein, mit dem Abendgebet etwas zu warten, damit Rabbi Chaim vorher eine kleine Predigt halten konnte. Der trübe Tag wich früher als gewöhnlich dem Abend, und die Bewohner des Städtchens begannen, sich in der Synagoge zu versammeln. Ein Ständer wurde auf die Erhöhung vor der Lade gestellt, in welcher die heiligen Rollen liegen, darauf ein Tatar, und Rabbi Chaim stand wieder aus demselben Platze, wo er vor dreißig Jahren seine Laufbahn als wandernder Prediger begonnen. Schon fing er an, langsam die Boroereitungen zur Predigt zu treffen, denn sie wurden stets auf Kosten der Predigtzcir ausgeführt: Er zog sorgfältig seinen Mantel aus, legte ihn bebutsnin zusammen und hing ihn über den Ständer: dann nahm er den Hut ab, setzte das Käppchen zurecht und breitete das'große, rote Taschentuch über der .Handfläche, um eine noch für die Nase geeignete, halbwegs saubere Stelle zu finden. Schon erhob er seine Augen zu dem Winkel zwischen der Decke und der Wand und begann leise einen Spruch ans der Bibel zu zitieren, als sich die Tinhastig öffnete, und der Vorsteher Mendel Wolfs in Begleitung eines fremden Mannes eintrat. „Was, eine Predigt," schrie er, „heute ist keine Zeit dazu! Bitte, wir wollen beten," wandte er sich an seinen Begleiter. „Beginnen Sie!" und er selbst begann laut den Anfang des Gebetes. Diese Katastrophe hatte der Synagogendiener nicht voraussehen können. Er wußte genau, wann die Besucher seiner Synagoge Jahrzeit (den Todestag ihrer Angehörigen) hatten; aber dies war nicht der Jahrzeittag des Vorstehers, sondern der seines Gastes, der heute plötzlich eingetrosscn war, und den der Vorsteher mit in die Synagoge brachte. Traurig, mit zusammengeschnürter Kehle verließ Rabbi Chaim die Kanzel, denselben Platz, auf welchem er vor dreißig Jahren Mut und Hoffnung auf ein besseres, schöneres Leben, als das eines Torfschneiders bekommen hatte. Es war nicht das erste Mal, daß man ihm die Predigt abgeschnitten hatte, doch verletzte es ihn nie so, wie dieses Mal. Nicht, weil er die paar Kopeken heute nötiger gehabt hätte als je, sondern weil er immer an das Ende seiner Iran dachte, sich der ganzen Schuld, wie an ihrem Todesabend bewußt imir, und cr salv.nun dieses Ereignis als eine Strafe an. Ein fester Glaube entstand allmählich in ihm, seine Laufbahn sei nun zu Ende. Nach dem Gebete trat oer Vorsteher auf ihn zu und wollte ihin ein .Zwanzigkopekenstück geben, aber er wies es schnell zurück mit den Worten: „Ich bin kein Schnorrer, ich nehme nur, was mir zuzukommt." (Fortsetzung so!gt.) Zu den roipTin 'ü' nury- Aus rcurn msbn des L"22*i- In heutiger Zeit, da kein Tempel steht und nur keinen Sühnenltar haben, ist nur d e roijpji, die Rückkehr, geblieben. rcitPfi sühnt alle Bergehungen. Wäre jemand sogar sein ganzes Leben ein Bösewicht und täte am Ende Buße, es wurde ihm nichts von seiner Pflichtvergessenheir angerechnet werderi, denn so heißt es: „Der Frevtzr wird durch st ine Bosheit nicht zu Falle gebracht am Tage, da er von seinem Frevel umkehrt." lind auch nur dem Rückkehr liebenden bringt der -nö'D DT1 Sühne, wie es heißt: „Derm an diesem Tage will Er euch Sühne schaffen." Bei vicrundzwanzig Sünden ist die Rückkehr erschwert. Bier davon sind besonders schlimm, und ner eine von ihnen begeht, den läßt Gott nicht Gelegenheit zu einer Rückkehr finden, die der Größe der Sünde entspricht. 1. Wer die Massen zur Sünde veranlaßt oder sie in der Erfüllung einer Pflicht hindert. 2. Wer seinen Nächsten vom guten Wege auf den bösen lenkt. 3. Wer seinen Sohn entarten sieht und ihm nicht wehrt, so viel in seiner Macht steht, oder wer Fremden ihr Unrecht riicht wehrt, soweit seine Macht reicht, sondern sie ihrer Sünde überläßt. 4. Werda spricht: „Ich sündige und werde schon Rückkehr üben. Ich sündige und der LI' wird es sühnen." Fünf Sünden versperren einem die Wege der Buße. 1. Wer sich von der lRineilide loösagt. 2. Wer gegen die Worte der Weisen streitet. 3. Wer die Gebote bespöttelt. 4. Wer seine Lehrer verachtet. 5. Wer Zurechtweisung haßt. Bei fünf künden ist eine vollkommene Bußeleistung unmöglich, weil die Personen, gegen die sie begangen wurden, nicht ausfindig zu niach n sind, um das Unrecht an ihnen gut zu machen oder ihre Berzeihung zu erlangen. 3. Wer den Blassen flucht. 2. Wer niit dem Diebe teilt. 3. Wer Verlorenes findet und üch nicht bemüht, es dem