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Der Israelit · 1909-09-15 · Heft 37 (15.9.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 37 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
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10. September 1909. Der Israeli! No. 37. Seite 5 liberalen hinter der Schackschen Stimmenzahl (6089 gegen 6985) zurück, und so wurde Schack in der Stichwahl mit 9834 gegen 9509 Stimmen wiedergewählt. Einigen sich diesmal die liberalen Parteien auf einen entschieden freiheitlichen Kandidaten, so ist darauf zu rechnen, daß dieser in die Stichwahl kommt und dann das-Mandat erhält. Späte Sühne. In der ersten russischen Duma saß auch der bekannte Abgeordnete Herzen stein. Damals sah man noch in der Duma den Anbruch eines neuen Morgens für das so lange in Finsternis gehüllte russische Reich. Die Kadetten faßten zu jener Zeit ihre Aufgabe so auf, als müßten sie die in den weiten Schichten des russischen Volkes auf das neue Gebilde gesetzten Hoffnungen und Erwartungen wahr machen, und Herzenstein war der Besten dieser Partei einer. Er war eine Kampfnatur, wie sie die russische Volksvertretung, zumal im Kampfe für die Rechte der Juden, nicht mehr gesehen hat. Aber, und darin lag die Tragik seines Lebens und Wirkens, er war ein Kämpfer von der Art eines Simson, der, den Kleinkrieg für die Juden energisch führend, doch wiederum durch viele zarte Bande mit dem Lager unserer Feinde verknüpft war. Ein Simson-Geschick war denn auch diesem Kämpfer beschickendenn, was er im Leben nie erreichen konnte: die Niederringung des Echtrussischen Verbandes und seines sauberen Anführers, des Herrn Dubrovin, er erreichte es durch seinen Tod. Und das kam so: Der unbequeme Herzenstein wurde eines Tages auf neutralem finnischem Boden durch eine vom Hinterhalte abgegebene Kugel aus dem Wege geräumt. Alle kannten die Mörder, sowohl die Initiatoren, als die Vollstrecker dieses Meuchelmordes, und doch durften sie mehr als vier Jahre ungestraft ausgehen. Denn wer wollte es wagen, gegen die „Stütze des Trones", den Verband, aufzutreten und gegen ihn zu zeugen? Herzenstein hatte sich begreiflicher Weise auch in anderen rechtsstehenden Kreisen, die zum Morde gewiß in keiner Beziehung standen, mißliebig gemacht, und man verspürte daher keine rechte Lust, die Sache, von der man recht unliebsame Enthüllungen befürchten durfte, aufzubauschen. Aber so ganz blind scheint denn doch die heilige Justitia auch in Rußland nicht zu sein. Das vergossene Blut schrie von der Erde und ließ die Affaire nicht mehr zur Ruhe kommen. Sie beschäftige wiederholt die sinländischen Gerichte, die aber bisher zu keinem Resultate kommen konnten, da ein Hauptzeuge, auf dessen Vernehmung es in ersprach sie mit ihrem Mann darüber. Wußte sie doch, daß auch er an der Sache nichts andern konnte: er würde sie ja gar nicht einmal verstanden haben. Ach was, es sind doch Nachbarinnen genug da, die den ganzen Tag über alles Mögliche sprechen und von allen Neuigkeiteil wissen. So hatte seine Mutter, seine Großmutter gelebt. Warum sollte seine Frau nicht so leben können? — Jetzt, als er bei ihrer Leiche saß, wurde es ein wenig heller in ihm, und er begriff nun zu spät, was er früher hätte begreifen sollen. Vor seine Seele trat dieselbe Stube im Frühlingslichte, an einem Pessachfeste. Klar sah er wieder, wie seine Frau ihn mit ihren großen, schwarzen Augen anschaute und ihn bat, er solle doch auf den Vorschlag des reichen Besitzers eingehen, der ihm anbot, unter guten Bedingungen seine Kinder im Talmud zu unterrichten. Es war die einzige Bitte, die sie seit ihrer Hochzeit an ihn gerichtet hatte, aber er konnte sein Wanderleben nicht mehr aufgeben. Eine Zeit lang blieb Rabbi Chaim regungslos wie die Leiche. Die Wächterin hatte unterdessen ihren Schlummer wieder ausgenommen, und ein leichtes Schnarchen rang sick durch ihre Nase. Dann erhob Rabbi Chaim sich und begann das Zimmer zu betrachten: Leer war das Regal, wo das blanke Kupfergeschirr gestanden hatte, leer, ohne Bettzeug das Bett, und selbst das Borr, wo sonst seine Bücher standen, war leer. „Sie ist auch in Not gestorben", durchstach ein Gedanke sein Hirn. „Verzeih mir, meine liebe Frau", murmelten seine Lippen, indem er sich zu der Leiche hinunterbeugte. Langsam hob er die schwarze Decke ab. Ein schmales, furchtbar abgezehrtes Gesicht mit scharfen, feinen Zügen wurde sichtbar. Bon dem leichten Wind, den er durch das Lüften der Decke verursachte, flackerten die Kerzen. Nur die obere Hälfte des Gesichts war schwach erleuchtet, während fter Reihe ankommt, trvtz aller Aufforderung, fehlteder edle Herr Dubrovin nämlich, der guten Grund hat, zu befürchten, daß er beim Erscheinen mit sanften Druck von dem Zeugensitze auf die Anklagebank geschoben werden könnte, fand es für gut, sich vom Schauplatze der Untersuchung im „autonomen" Finland möglichst fern zu halten. Nun entstand ein Konpetenzstreit infolge des Rechtsanspruches der finnischen Gerichte auf die Auslieferung dieses unentbehrlichen Kronzeugen. Die Entscheidung ist nunmehr gefallen, und kein geringerer als der Zar selbst hat sie, in diesem Falle kurz entschlossen, getroffen. Am 10. ds. hatte der Ministerpräsident Stolypin Vortrag beim Zaren und legte ihm bei dieser Gelegenheit die Affaire Dubrovin vor. Der Kaiser zeigte sich, zur gewiß nicht angenehmen Ueberraschung der Volksverbändler, die sich verzweifelte Mühe geben, die Regierung von ihrer Treue zu überzeugen, und den edlen Führer trotz aller Kompromittirungen zu halten, zum ersten Male, von dem Treiben des Verbandes sehr gut unterrichtet - er entschied daher, entgegen einem Gesuche der Dubrovin-Partei, das die Kompetenz der finnischen Gerichte in dieser Sache bestritt, en Anstifter des Mordes an Herzenstein, Dubrovin, unverzüglich an die finnischen Behörden auszuliefern. Es ist gewiß nicht Rachgefühl, mit dem wir dieses wichtige Ereignis im politischen Leben Rußlands wiedergeben: wir glauben auch nicht, daß der Judenhaß und die Judenverfolgung in Rußland mit der Unmöglichmachung Dubrovins und seiner Partei mit einem Schlage aufhören wird. Denn längst sind andere antisemitische Parteien und Organisationen aufgetaucht, die schon bei Lebzeiten des Verbandes sein Erbe anzutreten suchten. Aber eine Wandlung in der Gesinnung und im Verhalten am Hofe darf mit Recht in dieser Tat erblickt werden. Sollte sie nicht auch einen Wink für die Kadetten bedeuten, im Geiste und im Sinne der Begründer ihrer Partei und ihrer Führer in der ersten Duma, endlich Farbe zu bekennen und sich offen und eindeutig für die Sache der Gerechtigkeit und der Juden einzusetzen. Aus dem Macdror für die CK-Tisn ■>171 VI. Aber trotzdem har es vielleicht me eine Zeit gegeben, die so von diesem Laster infiziert war, als die unsrige. Je weniger Taten sie aufzuweisen hat, desto ungebundener herrscht das Wort, das gesprochene, das geschriebene und das sich von unten ein Schatten heraufzog, und eine Finsternis aus dem offenen Mund aufzusteigen schien. „Dir entfloh nun der Kummer aus dem Herzen, aber in mich dringt er erst ein." Und er ließ die Decke wieder fallen. Die Trauerwoche über blieb er im Hause. Es meldeten sich jeden Tag Leute mit Rechnungen. Er verkaufte feine Kuh und bezahlte alles, ohne viel zu fragen. Am achten Tage trat er seine Wanderung wieder an, nachdem er Beile gebeten hatte, das Haus zu beaufsichtigen, bis er wiederkommen würde. Es war ein trüber, kalter Tag. Schwere, bleierne Wolken hingen tief über der Erde, ein feiner, dichter Regen siel hernieder, in welchen der Sturm zeitweise heulend hineinstieß und die Tröpfchen aufwirbelte, wie den dünnen, trockenen Sand im Sommer. Mühsam bewegte sich Rabbi Chaim vorwärts, denn die lehmige Landstraße war aufgeweicht, und er^ glitt bei jedem Schritt aus. Dazu schlug ihm der '-sturm jeden Augenblick einen Strom Wasser ins Gesicht, daß er an allen Gliedern zitterte. Es war nicht das erste Mal, daß er sich an einem solchen Tage unter freiem Himmel befand. In seinen vielen Wanderjahren war er oft genug der Laune des Sturms ausgesetzt gewesen, aber nie hatte er es so wie heute empfunden. Wie wenig er auch sonst an sein Haus und seine Frau dachte, waren sie doch in seinem Geiste der Mittelpunkt, um den seine Gedanken kreisten, während er in die Ferne zog. Er wagte es, in den entferntesten Gegenden herumzuwandern, denn vor seiner Seele stand sein Haus, wie ein Leuchtturm am Meere, obgleich er sich dessen nicht bewußt war. Heute war ihm zu Mute, wie einem Einsiedler in der Wüste, der seine sichere Hütte vernichtet fand und nun auszieht, in der unbekannten Wildnis eine neue Wohnstätte zu suchen. Auf einmal sind Rabbi Chaim alle gedruckte. Unsere Zeit spricht durch den elektrischen Funken und hat die dahin flatternde Schallwelle in ihren Dienst gestellt, sie spricht täglich in vielen Tausenden von Zungen durch zwei und dreimal im Tag erscheinende Organe der Tagespreffe, sie spricht im Theater, im Wirtshaus, in Vereinen und Versammlungen, sie spricht von Kanzeln, Kathedern und Tribünen, sie spricht nicht nur selbst, sondern sie hat leblose Mechanismen beredt gemacht, daß sie mit vollendeter Treue die verklingende Stimme und das gesprochene Wort festhalten und wiedergeben. Wenn wir eine Statistik der ungezählten Milliarden täglich produzierter Worte hätten, geordnet unter die Rubriken gut und schlecht, gleichgiltig und überflüssig, aufklärend und verwirrend, wie würde uns der Mißbrauch des Wortes im Vergleich zu der Winzigkeit des Guten und Wahren, das es fördert, das Bekenntnis von der Berwerflichkeir unseres Redens abbringen müssen! Und eine solche Statistik existiert, auchwenn sie uns nicht zugänglich ist. Gott, der uns mit dem Kleinod der Sprache begnadet und uns damit über alle anderen Lebewesen gehoben hat, wacht auch über ihren rechten Gebrauch und ihren Mißbrauch. Wenn Gott jeden unserer Schritte „bucht" (Job 14, 16), wenn er jedes Wort kennt, selbst als es noch auf der Zunge schwebte (Psalm 139, 4), wenn jede Tat in seinem Buche eingetragen ist (Pirke Aboth 2, 1), dann gilt dies auch von jedem gesprochenen Worte vnsttr nirpy nipyDD ^n. Jedes Wort, die bloße Bewegung der Lippe für das zu sprechende Wort ist eine Tat, die mit ihren Wirkungen und Folgen weit über den flüchtigen Moment seines Verhauchens hinausreicht. Es gibt für unser Bewußtsein kaum etwas haltloseres, vergänglicheres und leichter verschwindendes als der dahin wehende Lufthauch. Und es gibt für unsere Wahrnehmung andererseits nichts stabileres, fester begründetes als den der Erde entwachsenden, zum Himmel hinan strebenden Berg. Und doch wissen wir, daß der zum Sturmwind entfesselte Lufthauch Hügel versetzen und Berge vernichten kann. Dasselbe gilt von dem unscheinbaren Hauche eines jeden gesprochenen Worts, dessen bedeutsame Folgen uns daher das prophetische Wort durch dieses Bild nahe legt: „Als Bildner der Berge und Schöpfer des Windes, kündet Gott dem Menschen,was sein Wort bedeutet" (Amos 4, 13). „Selbst das leichthin gesprochene Wort, das zwischen Mann und Frau fällt, wird zum Gegenstand der Verantwortung in der Stunde des Todes", bemerkt, diesen Vers deutend, Rab, und Rabbi Jla brach, als er aus dem Munde eines Kindes jenen prophetischen Ausspruch hörte, unter Tränen in den Ausruf aus: „Kann ein Knecht bestehen, dem der Herr jedes Plätze fremd geworden, die er doch so oft durchschritten hatte. Ans dem Regen und Nebel tauchte der Wald auf, der nicht weit von feinem Städtchen lag. Der Sturm peitschte die Bäume so heftig, daß Rabbi Chaim eine Art von Furcht empfand. — Käme doch nur ein Fuhrwerk dieses Weges gefahren, dachte er, ich würde von den wenigen Groschen, die mir noch übrig geblieben sind, etwas geben, um mitsahren zu können. — Plötzlich drang ein Pfeifen an sein Ohr. Er blieb stehen und horchte: da vernahm er aus der Ferne das Stampfen von Hufen im Schlamm. Ein Wagen wurde sichtbar; als er näher kam, und Rabbi Chaim den Fuhrmann erblickte, begann er weiter zu gehen; denn es war ein junger Bauer, und Rabbi Chaim wußte, daß man in dieser Gegend nicht mit jungen Bauern allein fährt. Er besann sich jedoch anders, als ihm der Bauer zurief: „Willst du nicht mitfahren, Jud? Das Wetter ist doch so schlecht?" „Wohin fährst du?" fragte Rabbi Chaim. „Nach Rogol." „Wieviel willst du bis Rogol?" „Zwanzig Kopeken?" „Gut," sagte Rabbi Chaim und näherte sich dem Wagen. „Du mußt mir aber im Voraus bezahlen," sprach der Bauer, indem er anhielt. Rabbi Chaim hegte keinen Argwohn mehr, denn dieses verlangen die Bauern in Litauen sehr oft. Außerdem waren zwanzig Kopeken Geld genug, und der Bauer würde wohl nicht so viel verlangen, wenn er böse Absichten gehegt hätte. Er hob daher seinen langen Mantel auf, nahm aus der Hosentasche das Leinwandsäckchen, in welchem ersein Geld hatte, steckte seine Hand hinein, um ein paar Münzen herauszuholen. Aber im selben Moment zog der Bauer mit einer

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