Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 15. September 1909 Der MratM Nr. 87 mit dem die ny'pn uns zu unferm Herrn und Meister ruft, es ist der Gedanke: „Gott gedenkt!" mit dem njmn uns in niederschmetterndem Selbstbewußtsein unserm Richter zu Füßen wirft und es ist der Gedanke: „Gott ruft uns Alle wieder!" mit dem die Schluß-,'iy'pn uns neubelebend unserm Vater wieder in die Arme führt. Und nicht aus einem unbestimmten Fühlen und Ahnen von innen heraus, als eine schwanke Geburt des subjektiven Menscheninnern, sondern unabhängig von menschlichem Wähnen und Meinen — von außen hinein — als Tatsachen objektivster Gott-Offenbarung in Israels Lehre und Geschichte, stehen diese großen Gedankensäulen des jüdischen Denkens und Lebens an jedem Eingang unserer Jahre. Wir haben sie unS nicht nur durch je zehn Schriftstellen aus den Büchern des Gotteswortes vorzuführen, sondern es ist eben für die Betrachtung, die uns beschäftigt, von entscheidend tiefer Bedeutung, daß es ausdrücklich genügt, aber auch die Pflichterfüllung bedingt, wenn auch die entsprechenden Stellen der Schrift nicht gesprochen, den allgemein ausgedrückten ni'3^v-, niaviDT» und rfnsw* Gedanken nur die Bemerkung beigefügt zu haben: "jmira 3iro3: (Siehe nHK ilfc 591). Denn eben dadurch sprechen wir es uns aus, daß uns diese Wahrheiten nicht als Postulat einer inneren Subjektivität, zur Befriedigung eines Ahnens, Fühlens, Sehnens re., auch nicht als Postulat irgend einer nicht minder subjektiven, spekulativen Gedankentätigkeit — sondern als gegebene Tatsachen objektivster göttlicher Offenbarung dastehen, gegeben, all unser Ahnen, Fühlen, Sehnen, all unser Empfinden, Denken, Wollen gestaltend zu beherrschen. ni333 endlich werden darum ja auch diese rmsiBn niarar nvddö 'pivs, diese von den Schofartönen uns entgegenbrachten, unser inneres Leben konstituierenden Gottesbegriffe genannt, werden uns ganz eigentlich in die Seele geführt, um auf jeden das Gelöbnis 'idi nn« ''Dl 131T zu gründen, aus jedem den Entschluß hervorgehen zu laffen, den neugewonnenen Gedanken unseres Königs, unseres Richters, unseres Vaters in „Segnung Seiner Zwecke", d. i. in Erfüllung seines Willens, in Förderung seines Reiches auf Erden zu betätigen. So wollen mit Nichten die vom Schofar am Theruahtage geweckten Regungen im Bereiche unseres inneren Lebens verrauschen. Die Regung ist nichtig, die Rührung ist Tand, die ganze „Andacht" ist Komödie und Kinderspiel, ja auch der bewußtvollste Gedanke ist bedeutungslos, so er nicht zur ro-Q wird, so er nicht zur „befruchtenden", Welt gestaltenden Tat sich hinauslebt, so daß, was der Verstand erfaßt, was das HeiH gerührt, nicht den Tat erzeugenden Willen schafft, mit unserm ganzen, denkenden, fühlenden und handelnden Leben zu unserm uns gegenwärtig richtenden Herrn und „Meister" zurückrukehren und unserm „Könige" mit jedem Atemzuge zu „dienen" —. nyvtti soll uns rourn bringen, naiwn uns m£D unb mntD gewinnen und auf dem Boden einer, durch mSD und mntt neu geschenkten gukunft uns unsere „Hütten" unter Gottes bhut bauen, und unser „genießendes" und „schaffendes" Leben in „Freuden vor Gottes Angesicht" verwirklichen laffen, wie es riDlD und 3^1*? uns lehrt. Da ist nichts der konkreten Wirklichkeit Abgewandtes, da strebt alles dem wirklichen, wahrhaftigen Leben zu, wie es von dem „wirklichsten" „wahrhaftigsten" Wesen ausgeht, das sich uns nicht in dem Transcendenten und für das Transcendente, nicht in dem die Sphäre der Natürlichen, Erkennbaren, Ueberragenden, nicht i n dem Innerlichen, Jenseitigen und für das Innerliche, Jenseitige, sondern in der konkretesten diesseitigen Welt dokumentiert und offenbart hat, und seine Verehrung nicht in den engen Räumen und den wogenden Wallungen eines erregten Gemütes finden will, sondern auf der weiten, festen, himmelumspannten Erde, in einem sinnlich erfaßten, verständig begriffenen, vernünftig erwogenen, tatkräftig vollbrachten Leben freudig heiterer Tat. Wäre das Judentum eine Kumrim-Religion „gläubiger Gefübre", es wäre nynn „andächtige Rührung", nniwn „büßende Zerknirschung", »Tt£D und mnö „wiedergewonnene Ruhe und Gefühlsseligkeit" und es hätten nicht Hütten, die wir bauen, noch weniger der heitere Lebensgenuß und die frische, helle Tat mit der „Religion" etwas zu schaffen, ^a lägen weit seitabwärts von dem Gebiete der „Religion". Der Glaube baute die „Religion", die Wissenschaft unsere Hütten und unser Leben. Allein die jüdische Theruah heißt „Wachwerden", die jüdische Teschuba heißt „Zurückkehren", die jüdische Kapara und Tahara heißt „Freiwerden und Rein werden", und das Ziel dieses Ganzen, der Gipfel der jüdischen Religion heißt: Gott vertrauend die Hütte bauen und mit Genuß und Tat Gott dienend sich des Lebens vor seinem Angesichte freuen, — 13BTI DD1D3 — cdd'p^k onnoan edd1? annp1?? nynn 'jni' oyn 'um*!jid}pp *ps -n#3 'i Kochenrnnöschav. l.» t. Berr Sdiacft und lein Wahlkreis. Tie unseren Lesern durch die Tagespresse bereits bekannte Affäre Schack ist auch für uns Juden insofern von Interesse als der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Schack seine Stellung im öffentlichen und politischen Leben hauptsächlich zur Verbreitung antisemitischer Tendenzen benutzt hat. Wir hatten oft Gelegenheit, uns mit der ehrenwerten Person dieses Herrn zu befaffen, zuletzt in Nr. 12, anläßlich des neuen Satzungsentwurfes des Verbandes der deutschen Handlungsgehilfen, den Herr Schack als Präsident dieses Verbandes damals in der „Deutschen Handelswacht" veröffentlichte, mit einem Geleitworte, in dem er u. a. siegesgewiß ein „ftöhliches Werben" für dieses Jahr in Aussicht stellte und in denk er versprach „die antisemitischen Flugblätter des Verbandes bis in die letzte Handelsgehülfenkammer hinein flattern zn lassen." Um das fröhliche Werben ist es nun geschehen, und der Name des Verbandslciters wirkt ganz und gar nicht mehr werbend. Das hat auch Herr Schack wohl eingesehen und schließlich, trotzdem seine Getreuen ihn um jeden Preis zu halten suchten und in Berlin sogar am 10. d. Mts. eine Versammlung mit einer regelrechten Prügelei ihm zu Ehren veranstalteten, die einzig mögliche Konsequenz seines Handelns gezogen und sowohl sein Reichstagsmandat wie das Präsidium des deutsch-nationalen Handlungsgehilfe nverbandes niedergelegt. Ob der Eisenacher Wahlkreis, der vier Jahre lang durch Schack so würdig vertreten war, wieder einem seiner Gesinnungsgenossen zufallen wird, ist zum mindesten sehr ungewiß. Das Eisenacher Reichstagsmandat ruhte bis 1881 in den Händen der NationaLiberalen, von denen es dann in die der Freisinnigen überging. 1903 wurde wieder ein Nationalliberaler gewählt. Als nach dessen Tode im Jahre 1905 eine Ersatzwahl notwendig wurde, kam Schack als Kandidat der deutsch-sozialen Partei nach einer wüsten Agitation und infolge der Zersplitterung der liberalen Parteien an die zweite Stelle und siegte in der Stichwahl gegen den sozialdemokratischen Kandidaten mit 10,135 gegen 8621 Stimmen. Auch im Jahre 1907 blieben die vereinigten Freisinnigen und Nationalder Natschalnik, (Oberbeamter), der U r a d n i!, die Polizisten, Prachoroto, der Ofenheizer und Chomez-Käufer und noch viele mehr. Der Gedanke scheint ihm fast unfaßbar. Die Polizisten würden ihn dann nicht überall vom Platze drängen, wo Aussicht auf einigen Verdienst ist, der Nimmersatte Uradnik würde ihm dann nicht die mit Schweiß erworbenen Kopeken durch allerlei Schikanen abzwicken, um sie in Schnaps umzusetzen. Prochorow würde sich dann nicht n'ehr sinnlos betrinken und die Fensterscheiben der Juden, feiner Brodgeber, einschlagen. Die wenigen Beamten und Offiziere des Städtchens würden nicht mehr zu ihm sagen: „Leibke, Jud, fahr mich da oder dorthin!", sie würden ihn nicht mit Hunden vom Hofe jagen lassen, wenn er seinen ehrlich verdienten Lohn holen will . . . Höflich »vürden sie seine angebotenen Dienste annehmen und dann sagen: „Leibe, bist ein ehrlicher Mann, sorgst treulich für Weib und Kind, sollst auch darum doppelten Lohn haben, ist besser angebracht als für Spiel und Gelage . . Und die Polizei würde auf Recht und Sitte halten und ihn, Leibe, Vor lleberfällen rauflustiger Bauern schützen, die zuchtlosen Straßenjungen zurcchtweisen, die seine arme Stute plagen and mit Steinen bewerfen. Ja, ob es noch überhaupt rauflustige Bauern und zuchtlose Straßenjungen geben werde? Ob sie nicht alle, ja alle, selbst der Trunkenbold Prochorow, wie er, stehen werden und in Demut beten zu Ihm, dem Gotte Israels . . . Welch herrlicher, unfaßbar großer Gedanke! .... Da schleicht sich etwas wie Eifersucht in des Fuhrmanns Herz. Er möchte ihnen so viel Glück gar nicht gönnen: sie verdienen es, wie sie jetzt sind, wirklich nicht. Denn im Grunde ist es doch, was ihn bei^allen Plagen und bittern Kämpfen erhebt und auftecht «hält, der Gedanke, anders, so ganz tffcStfirtri» '.j_, _. ^..., anders ist wie sie ... Bauern mißhandeln ihn, Polizisten drangsalieren ihn, Straßenjungen plagen ihn und hohe Herren behandeln ihn wie einen Hund . . Was will dies alles bedeuten? Wenn er bedenkt, daß alle diese Menschen doch eigentlich nur dieses eine Leben, diese eine Welt haben, während er, ein Jude, doch nod\ eilte ganz andere Welt, ein ganz anderes Leben hat, das mit dem auf der Straße nichts gemein hat . . . Was wissen all diese von einer Stunde beim En I a a ko w-Schiur ans der warmen Ofenbank in Beshanridrasch? Welchen Begriff haben sie von seinem Freitagabend, da er, der geplagte Fuhrmann, wie ein Fürst in seinem hellerleuchteten Familienhause sitzt, am reichen Mahle, das gewürzt ist durch den Hellen Kindergesang; von einem Sabbatnachmittag, da er nach erquickendem Schlaf mit den Jungen den Wochenabschnitt durchnimmt? Was wissen die da draußen von jüdischer Simcho, von einem jüdischen Feiertage? Wird doch selbst das neueJahr mit Saus und Braus, unter Lärmen und Toben und Trinkgelagen empfangen ... Neujahr. Ro sch - heschonoh und lärmendes Trinkgelage! - Der Gedanke scheint ihm so schrecklich, so entsetzlich und dabei so komisch Ii^nsaßbar, daß er fast lachen möchte, würde er nicht andererseits etwas wie Mitleid mit diesen armen Menschen empfinden, die nichts, so gar nichts von der Welt haben .... Das Flüstern, Brummen, Surren und Summen hört auf. Die Herzen haben sich erleichtert und eine beruhigende Ermüdung tritt ein. Dann intoniert der Vorbeter, erst feierlich gehoben, dann freudig jubilierend, das Kiddusch-Gebet. „Gelobt unser Gott, der uns auserwählt hat von allen Völkern, uns erhoben von allen Zungen und uns geheiligt durch seine Gebote; uns in Liebe Feste eingesetzt hat . . Leibe greift sich an den Kops. Er hat nicht andächtig gebetet und sich von unreinen Gedanken ablcnken lassen. Was hatten auch die Polizisten und Beamten, die Bauern und Straßenjungen mit seinem Gebete zn tun? Wollten ihm die Bösewichte und Judenfeinde auch heute keine Ruhe lassen? Mußten sie, die Ruchlosen, auch am heiligen Roschhaschonoh ihm in den Weg treten und ihn in seiner Andacht stören? Und doch, lnuß er wieder denken, verdienen diese Menschen, von Prochorow bis zum hächsten Rats ch a link, die so arm an wahrem Glück und echter Freude sind, die doch so wenig, so wenig vom Leben haben . . . unser Mitleid. Ein Jude darf nicht eigennützig und selbstsüchtig sein und muß auch anderen von seinem Glucke etwas gönnen . . . Auch er, Leibe, will heute für sie, seine unglücklichen Feinde, inbrünstig beten: „ M e l o ch a l k o l h o o l a m ... Regiere, o Gott, die ganze Welt — — — das; erkenne jedes Geschöpf, daß Du es geschaffen hast, begreife jedes Gebilde, daß Du es gebildet hast und alles, was Odem hat, sage und bekenne: Gott, der Gott Israels ist König und sein Reicherstreckt sich über alles . . . Der Zr5edl«a-Scd«eiaer. Ruttuzhilb von Max I. Salzberg. (Fortsetzung.) Seiner Frau war die Einsamkeit während der ganzen Zeit seiner Abwesenheit fast unerträglich. Für sie war Chaim alles. Die beständige Sorge um ihn der immer öde Landstraßen und unbekannte Strecken durchwanderte, veroflgte sie. Sie hatte keine Ablenkung, denn ihre Ehe war kinderlos; auch hatte sie keine Verwandte rm Städtchen. Niemals aber