Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Ko. 37 «ettt 8 15. September 1909 dir wohltun wird und deinen Kindern nach dir und damit du deine Tage auf dem Boden verlängerst, den '“i, dein Gott dir gibt alle Tage—" Auf diesem Hellen historischen Grund von der konkretesten Erfahrung einer ganzen Nation getragener Fakten steht das Judentum in Wissenschaft uud Leben. Da ist nirgends t Raum für faselndes, phantastisches Träumen und Fühlen, da soll nicht das Gemüt mit dem Kopfe davonlaufen, sondern durch das, was die Hellen Sinne erfahren, der klare Verstand erfaßt, der denkende Geist in Grund und Folge' gewürdigt und stets aufs neue für die treue und immer treuere Verwirklichung zu denken, zu begreifen und für die Würdigung eines jeden gegebenen Momentes als Maßstab im Geiste zu konstruieren hat, soll das Gemüt ergriffen, das Herz bestimmt und der ernste kräftige Wille erzeugt werden, das irdische Leben nach jenem zum Verstände gesprochenen Gottesdiktat zu gestalten. Klcrrer Verstand und tatkräftiger Wille, das sind die Potenzen, auf welche die „jüdische Religion" rechnet- Herz und Gemüt sind ihr nur die Vermittler des Verstandes zur Tat. Nicht „Glauben", sondern „Wissen", nicht „Fühlen", sondern „Wollen und Vollbringen", das sind die Energien, in welchen die „jüdische Religion" zutage tritt. Und eben darum ist sie keine Religion, läßt sich nimmer mit allem dem verquicken, was man auf andern „religiösen" Gebieten als das „Wesen der Religion" präkonisiert. Wer das Judentum zu einem von der „Wiffenschast" getrennten „Glauben" herabzieht, wer die Trennung des Glaubens von der Wiffenschast auch auf jüdischem Gebiete zur Geltung bringen will, wer die „religiösen Gefühle", die Regungen des „Gemütes", die „im Volke lebenden Gefühle" usw., wer diesen ganzen lichtarmen, gedankenscheuen, in andächtigen Regungen, gläubigen Rührungen, begriffslosen Empfindungen sich ergehenden Subjektivismus einer unklaren Seelentätigkeit an die Spitze auch des jüdischen „Glaubens" stellen, und in ihr die Anforderungen auch der jüdischen „Religion" gipfeln lassen will, der gehört nicht zu den „Priestern des Herrn", der gehört zu den Pfaffen des Heidentums, die für die Verehrung ihrer Wahngeburten auch nur auf die Regungen und Rührungen, auf die dunklen Empfindungen und Gefühle spekulierten, deren Erntefeld darum auch vornehmlich der Schmerz und die Trauer, der Jammer und das Elend war, von denen es heißt: „wenn das Volk über sich trauert, dann freuen sich darüber seine Pfaffen, weil damit seine weltliche Ehre in die Brüche gegangen" — '2 to by ft'*' vby morn ioy vby bm '2 13Q0 rfa — und die eben darum auch wohl »er JS»«Ut._- „Q'hdd", „Gefühls-Hiewvhanten" genannt wurden, genauer noch: „Gefühls-Fischer", — 102 heißt Gefühlsregung und Fischernetz — weil auch sie auf die „Gefühle" des Volkes Jagd machten und im Trüben der Gefühle fischten — von seinen Priestern aber fordert Gott: „Wissenschaft habe die Lippe des Priesters zu bewahren und Lehre sucht man aus seinem Munde, denn ein Bote des '1K2X ist er!" — p2 "NSV '2 '■um'iftOD '2 iri'Lv ivpI'' mini njn iivv am denn: ttb 1(itt Dipö2 'ni2i inv2 to p->2 121 'i Itt Iiv?p2 inn 2py yitV 'nio« □ittTO ilv nicht im mystischen Dunkel hat unser Gott gesprochen, nicht in düsterer Erdnacht, hat nicht zu Jakobs Söhnen gesprochen, suchet michim Oeden : 'i bin ich, hat er gesprochen, rede von Recht, verkünde Gerades und Klares — Warum aber dieses alles im Ti sehri? Weit eben dieser Tischrimonat der Erntemonat unserer modernen Kumrim-Wirtschaft zu sein pflegt, weil in keinem Monat wie diesem der größte Unfug mit „Tränen" und „Rührung" mit „andächtigen Gefühlen" und „gläubigen Regungen" getrieben wird, weil man ein paar Tage dieses Monats zu großen Schauer- und Bußparaden des allmächtigen Gottes mit obligaten Herz-Erschütterungen, Tränen-Predigten, Andachts-Rührungen, Buß- und Betgefühlen, Seufzer-Chorälen gemacht hat, sich beredet mit diesen Gefühls-Operationen und Empfindungsmanövern, Gott weiß wie, den „Weinberg des Herrn" bestellt, der „Sache des Serrn" gedient, „Religion" — auf ein ganzes ahr hinaus hinreichend — gemacht zu haben; und es doch keinen andern Monat wie eben den Tischri gibt, der mit all seinen großen, Leben bauenden Institutionen gerade der lauteste Protest gegen all und jede Täuschung wäre, die auch die jüdische Religion mit einem Paar, innerhalb der Gefühlssphäre zu weckenden und innerhalb der Gefühlssphäre verrinnenden Andachtsregungen und sogenannten Erhebungen zu dem Unendlichen und Ewiger: abzufüttern geneigt sein möchte. Ist nicht nyiin eben diese innere Erschütterung, die innere Rührung, auf die es den „Kumrim", den Gefühlsheroen, vor allem ankommt? Und wird nicht diese nynn eben nur durch iLILk-Töne hervorgerufen, die, wie instrumentale Töne überhaupt, nur Empfindungen und Sttmmungen in höchst allgemeiner Unbestimmtheit, nie aber klare und deutliche, zum Verstände redende Begriffe zu wecken imstande sind, und sollten sie da nicht recht haben unsere Tränenprediger und Gefühlshierophanten, daß auch das Judentum nichts als eine „Religion" sei, die wesentlich auf jener Sphäre mächttger, aber durchaus unklarer, durch die verschiedensten Objekte von der Welt anzuregender Stimmungen sie Engel, sündenfrei und der Erdenlast ledig, wozu noch fürchten und zagen und so geheimnisvoll tun; wozu das große Wort, das sich auf die Lippen drängt, gewaltsam unterdrücken? Könnte er immer s o beten! Mer da sind die niederen Gedanken, die sich in sein Gehirn drängen, Gedanken all den Verdienst, an Bär, seinen Rivalen ilnd Totfeind ja selbst an hie grundehrliche, aber etwas altersschwache und langsame Stute . . . Und eine Erinnerung geht Leibe blitzartig durch den Kopf. Es war ein trüber Herbstmorgcn, Er war die Nacht mit seinem mit Passagieren vollbeladenen Wagell durchgefahren. Weit und breit keilte Herberge. Tie Passagiere schimpften über die Langsamkeit der Fahrt und duldeten keinen Aufenthalt. Die Zeit rückte aber vor und es war höchste Zeit. So llahm cr, >vie immer in solchen Fällen, den Tallisbeutel, den er stets für alle Fälle bei sich führte, hüllte sich in Tallis und Tefillin und widmete sich, da die Stute auf dem ihr wohlbekannten Wege jeden Antriebes entbehren konnte, bequem auf bem Bode sitzend, seinem Gebete, ©in vorüberfahrender Holzbauer, dem das sonderbare Gefährt, geführt von einer in Weiß gehüllten unheimlichen Gestalt, plötzlich aus dem Nebel enlgegenkam, erschrak so sehr, daß er vom Wagen fiel, ein einsam des Weges ziehender Handwerksbursche, dessen Gewissen nicht so ganz rein gewesen fein mochte, versteckte sich hinter einen Baum, bis die grauenhafte Erscheinung vorüber war. Die Insassen des Gefährtes aber folgten dem Beispiel ihres Führers und fielen laut in die von Leibe angestimmten Gebete ein, sodaß es durch Wald und Feld dröhnte und Berg und Tal an dem fahrenden Gottesdienste sich zu beteiligen schienen ... Da kam die erste Störung. Am Waldrande hügelan blieb die Stute stehen, schüttelte mit philosophischer Ruhe das Haupt und ging nicht weiter. Die Räder knarrten und krächzten noch einmal und blieben ttmt bewegungslos stehen. „Srhmo-- neessre!" rief ein Spottvogel vom Wagen herab. „Ei ei!" wies ihn Leibe entrüstet zurecht, ohne das Gebet zu unterbrechen. „Ei ei!" feuerte er auch die Stute an. Diese aber sah ihn stumm und doch vielsagend an. Er kannte genau ihre Sprache und er alg-bte. sie, wie die Eeselin Bileams, vorwurfsvoll saMn zu hören: „Bin ich nicht Deine Stute, mit der Du bis auf den heutigen Tag gefahren bist? Bin icb es etwa gewöhnt, Dir so zu machen? — Aber, Du weißt, Leibe, wo nicht geschmiert wird, da geht es, zumal bergauf, halt nicht!" Was blieb Leibe anders übrig? Er mußte sachte absteigen, den Schmiereimer abhängen und, immer noch ,n Tallis und Tefillin gehüllt, sich an die höchst profane Arbeit machen. Da kam ein leichter Einspänner des Weges gefahren. Leibe erschrak so sehr,' daß ihm der Eimer aus der Hand fiel, es war kein anderer als der Rabbi, der große Rabbi Israel, der vorbeigefahren kam und ihn nun bei einer solchen Sünde, bei einer solchen Entweihung des Heiligtums ertappte. Er hätte in dre Erde sinken können vor Scham ob dieser Handlung, für die er nicht einmal, da er mitten im Gebet, just an einer Stelle, die keine Unterbrechung durch Unterhaltung zuläßt, war, ein Wort der Erklärung und Entschuldigung von sich geben konnte. Ter Rabbi aber hielt einen Moment an. Dann hob er seine wunderbar blauen Augen, aus denen eine Welt von Milde und Güte ausstrahlte, gen Himmel und sprach laut und vernehmlich: „Großer Gott, was hast Du dock für ein großes Volk! Schau und Empfindungen basiere, und wie sie mit njmn unsere Jahre beginne, ebenso auch zunächst an diese subjektive Welt innerer Gefühle und Rührungen den ganzen Aufbau und Ausbau ihrer Institutionen anknüpfe? Ein Blick auf eben diesen nyiin DV, auf die gesetzliche Einführung seiner Institution, so wie auf die Verwirklichung desselben im jüdischen Leben genügt, um gerade in ihm den lautesten Protest gegen jede solche Annahme zu vernehmen. Nicht als nynn or, als nyiin p i2r führt das Gesetz ibn zuerst in Israel ein — und mögen wir dies nun als nynn bewirkendes, oder durch nynn zu weckendes pi2t begreifen die Analogie mit nynn av npun 1LV, spricht ohnehin für das Erster« — immer wird nicht nyim, sondern )H2t, Gedächtnis, Erinnerung, Besinnung, also eine durchaus wache, helle, klare, ja die klarste, hellste, Vergangenes und Vergessenes wieder in das helle Bewußtsein zurückrufende Geistestättgkeit, die Aufgabe sein, die den Tag vor allem charakterisiert. Und 1H2M tD)\ nicht njnm OV, lautet die Bezeichnung, welche unserm Nationalbewußtsein die Bedeutung dieses Tages festhält. Es ist ihm vor allem die Tatsache, daß der Allerhöchste unser am n"i gedenkt, daß an der Schwelle unserer neuen Zukunft unsere Vergangenheit mit allen chren, unserem Bewußtsein entschwundenen Einzelheiten von dem prüfenden Richter und Zukunftsspender überschaut, erwogen und für diese Zukunft gewürdigt wird, es ist vor allem diese Tatsache, die dem jüdischen Geiste und Gemüte den,l"l zum njmn or und 1112t EDV macht, die jüdische Geister und Gemüter mit der Allgewalt ihres mächtigen Inhalts aufschüttelt, aufrüttelt und Wachrust — nicht zum inhaltlosen Brüten, nicht zum gedankenlosen Zittern, nicht zur weinerlichen „Unruh", sondern zum hellsten, klarsten, verstandvollsten Geschäft des Selbstaedenkens, der Selbsterinnerung und der Selbstbesinnung, um dem pi2t Oi' in der Höhe mit dem entsprechendsten pi2f Ol' auf Erden zu begegnen. Ja, jene instrumentalen Töne selbst, wie sie im jüdischen Lagerleben nicht eine inhaltlose Sprache an das Gemüt, sondern eine Signal- Sprache an den Verstand gewesen, und „schwellend" zum Führer rieftn, „schmetternd" den Aufbruch geboten, und „wiederum schwellend" zum Fortzug luden, also find es ja ganz bestimmte, in höchster Prägnanz präzisierte Gedanken, die dieser Dreiklang des Schosars mit jedem Beginn eines neuen Kreislaufs des Lebens durch die jüdischen Lager in die jüdischen Geister und Gemüter trägt. In N1'2?v,nuii2t und niisiv interprettert die Wort spräche für den Verstand den Dreiklag des jüdischen Ton- Signals. Es ist der Gedanke: „Gott ist König!" wie treu sie an dir hängen; selbst, wenn sie die Pferde lenken und die Wagenräder schmieren tragen sie die Zeichen Deiner unendlichen Liebe an sich, beten sie zu Dir und lobpreisen sie Dich! . . ." Cs war ein Großer und Heiliger, der weise Rabbi Israel, der, wie kein zweiter, das Volk kannte und liebte und dessen Blick in die tiefsten Tiefen des Herzens drang . . . Tie geläufigen Alltagsgebete sind mittlerweile zu Ende und nun wird das erste, eigentliche Festgebet angestimmt. „Tikuh! . . trällert der Borbeter mit erhobener Stimme und man hört förmlich die Stimme der Posaune schauervoll durch den Raum in die Herzen dringen, „denn es ist — proklamiert der Borbeter mit tiefem Baß ernst und feierlich — Gesetz in Israel; Gericht hält Jakobs Gott!" Dann hebt ein Summen und Brmnmen, ein Murmeln und Flüstern an. Das stille Gebet. — r?lber so gar still kann heute die Zwiesprache mit Gott nicht bleiben, da das Herz so voll und bewegt ist und nack Befreiung ringt . . . Ein seltsames Rauschen, das, wie das ruhige Plätschern der Wogen, steigt und fällt, sich erhebt und wieder sinkt, ein ergreifender Chor gleich Zestimmter Seelen . . . „Uwchen ten pachdcho . . .", betete Leibe, „so lasse dies Beben vor Dir alle beseelen, daß Dich ehrfürchten alle Deine Geschöpfe . . . daß sie alle einen Bund schließen, um Deinen Willen mit ganzem Herzen zu ermllen . . Wie ein Pfeil schießt es Leibe durch den Kopf, wie cs wohl wäre, wenn sie alle, alle den Namen Gottes anbeten, das Unrecht wie Rauck verschwinden ließen und der Herrschaft der Bosheit ein Ercke machten. Alle, er meint, Gott behüte, nicht seinen Konkurrenten Bar. Er ist ein Jude, chn Bekenner des einzigen Gottes, wie^ er selbst. Aber die anderen alle.