Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* Mt. «7. t: b. P' I fc; I- I: ''pW 0127 crmn '22 rrai, ich sann in meinem Sn über das Borgeben der Menschen, als t sie den Gott immer geläuterter zu proben," und ihr schon das Prognostikon stellte, daß sie mit vollendetem, entsitttichendem Materialismus enden, daß sie damit enden werde: onV nan narn ant? niK"»V, zu sehen, daß sie, nachdem sie Gott aus der objektiven Welt gestrichen, auf sich selbst hingewiesen, endlich zu der großen Einsicht gelangen, in dem Menschen nichts als ein höheres „Vieh" zu erblicken, VNV nwi7 DH7 non non2! Man hatte ferner übersehen, daß Gott und Religion in das Bereich des dunkel tastenden Gefühls und des traumarttg ahnenden Glaubens verweisen, diesen dunklen Regionen des Seelenlebens eine Berechttgung zuerkennen heiße, die dann mtt ganz gleicher Entschiedenheit für jede Ausgeburt wähnenden Meinens, empfindenden AhnenS, kurz für jedes Gebilde phantastischen Träumens in Anspruch genommen werden kann, für welches irgendwo und irgendwie Menschen auf ihr subjektives Jnnegewordensein fich berufen möchten, Gott «nd Religion in dieselbe Kategorie des Seins verweisen heiße, in welcher mit eben solcher Berechttgung aller Spuk des Teufels und des Aberglauben--' auf Anerkennung zu pochen sich befugt halten darf. In der Tat sehen wir auch die Zeit -kirchlicher Restauration auf Grund religiösen Fühlens und Glaubens in ebenso üppiger Blüte auch den Glauben an Hellsehereien, Geisterklopfen usw. bis zu leibhaftigen Teufelserscheinungen restaurieren. Wo wäre auch die Grenze, wenn unser Gefühls- und Empfindungsleben nicht unter der Kontrolle unserer hellen Sinne und unseres klaren Verstandes bliebe, sondern Sinn und Verstand fich an Gefühle und und Empfindungen gefangen geben müßten, die Gefühls- und Empfindungsregion ein gesondertes Reich unmittelbarer Erkenntnis bilden sollte, nicht mehr nur ein Gebiet innerer, subjektiver Zustände, sondern als Herold und Kundgebung äußerer, von Sinnen nicht geschauter, vom Verstände nicht begriffener Einflüsse und Wesen verstanden würde! Mit anderen Worten, wo kämen wir hin, wenn man „Glauben" und „Wissenschaft" von einander klüftete und einen Dualismus der „Wahrheit" statuierte, daß etwas von der Wissenschaft gerichtet und doch von dem Glauben als ewige Seligkeit bedingende und bereitende Wahrheit präkonifiert werden dürfte, und statt den einheitlichen Menschengeist zu dem einen Heiligtum der einen, unteilbaren Wahrheit zu laden, wir zwei Altäre sich ewtz befehdender Mächte des Glaubens und der Wissenschaft errichteten und den Menschen zu ewiger Zerrissenbeit des Seins und Lebens trostlos verdammten?! Kleines Feuilleton Sei« gebet. Ein Rosch-Haschonoh-Bild von S. Schachnowitz. W- Es hat sick nichts verändert und doch ist alles anders, must Leibe, der Fuhrmann, fortlvährend denken. Ist er noch der Leibe von gestern, Leibe, der seine Stute füttert und sich mit ihr liebevoll unterhält, Leibe, der stundenlang bei grimmiger Kälte und unerträglicher Hitze auf feinem Bretterwagen sitzt und wartet, Leibe, der sich mit den Konkurrenten täglich um den Bissen Brod balgt und sich vor jedem Polizisten tief, so tief verbeugt, damit er ihn unbehelligt harren und kämpfen läßt ... Er ist es, dasselbe Fleisch und Blut, und doch ist er ein anderer, da er jetzt am Borabend des Roschhaschonohfestes im hellbeleuchteten Gotteshause im Kreise der Betendem steht . . . Dieser heilige Raum — auch er hat sich nicht wesentlich verändert, höchstens der Helle Borhang an der heiligen Lade, der wie das fererliche Weist auf dem Almemorpulte heute auffällt. Und doch ist auch da alles anders. Eine Weihe zieht durch den Raum, still und geheimnisvoll, ein heiliges Flüstern, überall, selbst auf der letzten Bank Leibes vernehmbar' Heilig ist der Tag unserem Herrn! ... Auch dre Menschen, die den Raum füllen, sind heute wie umgewandelt. Er kennt sie alle, aber es sind nicht die von draußen, von gestern, sie haben sich, vwt Wenn aber dieses Ausrichten einer gläubtzen Religion neben einer skeptischen Wissenschaft schon die verderblichste und verwerflichste Lüge selbst in einem religiösen Gebiete wäre, das überhaupt nur ein „Bekennen" gewisser „Heil es Wahrheiten" und ein „Anerkennen" des Inhalts gewisser Bekenntnisschristen fordert, somit überhaupt nur einen Einfluß auf das Innere des Menschen im Anspruch nimmt: um wie viel verderblicher und verwerflicher und von vornherein als Lüge gerichtet muß ein solches Ansinuen erscheinen, wenn es seine Geltung auf einem Gebiete wie dem des Judentums erringen will, das ganz eigentlich seine Mission in Zerstörung der Götter des Wahns und des Glaubens anerkennt, das mit aller Entschiedenheit nicht eine „Religion" aus dem Innern des Menschen für das Innere des Menschen gebären, sondern durch die Erkenntnis und Anerkenntnis objektiv dokumentierter Gotteswahrheit die Religion vermittelst hellster Sinnes- und Verstandes-Erkenntnis des Geistes in das Gemüt des Menschen pflanzen will, damit dann von dort aus die eine und dieselbe Wahrheit Geist und Gemüt, Leib und Leben bis in die äußerste Aeußerlichkeit des körperlichsten Seins und der materiellsten Tätigkeit gestaltend beherrsche!! Wer auch auf dem Gebiete des Judentums eine Scheidung des Glaubens von der Wissenschaft und der Wissenschaft von dem Glauben statuieren möchte, wer auch die „jüdische Religion", wie man es nennt, zu einem Hegen und Pflegen innerlicher Gefühle und dämmernder Gläubigkeit machen will, die mit der Wissenschaft nichts zu tun haben soll, der muß erst all die historischen Tatsachen nattonaler Erfahrung, auf welche, und all die lebengestaltenden Gesetze, für welche Gott sein Judentum gebaut, über Bord werfen, und vom ganzen Welten- und Lebenskomvlex des Judentums nichts übrig lassen, als höchstens den Gott-Einheitsglauben und die Gottesanbetuna, die man allenfalls mit der ahnenden Gefühls Gläubigkeit in Verbindung setzen, aus der ahnenden Gefühls-Gläubigkeit heraus konstruieren und innerhalb einer ahnenden Gefühls-Gläubigkeit zur Verwirklichung bringen vermag. Was auch in aller Welt hätte eine ätherisch dämmernde Gefühlsreligion mtt Tatsachen so konkreter Wirklichkeit wie snv ,D'"»Xa pflv v' nynp /man yn ,rmn, auf welche, und Gesetze für eine so konkrete Wirklichkeit, wie ,ni*ny ,roVp»a pix ,rP37 usw. für welche Gott sein Judentum gebaut, zu schaffen,- wie ließen sich solche Tatsachen aus der Geburtsstätte ahnender Menschengefühle erzeugen, oder solche Anforderungen innerhalb der Sphäre ahnenden Fühlens und Glaubens vollbringen??! In der Tat auch nicht an ein Fühlen und Ahnen appelliert Gott, nicht auf den geheimnisvollen, sputlosen Sand dieses von öen der Träume umkräuselten Ufers Laut Gott unsere „Religion": njn7 nKm nnK, dich habe ich sehen lassen, damit du wissest Km '"i '2 ilIIP pK 'nWi; nicht auf das, was du ahnest und glaubst, sondern auf das, was du gesehen und .erfahren, bist du in deinem Bunde mit Gott verwiesen; in die Welt der konkretesten Tatsachen hinein hat Gott die Grundsäulen deines Bundes mit ihm, deine Erwählung und Verpflichtung gestellt, hat zu dem Faktum der Schöpfung des Himmels und der Erde das von deiner nationalen Erfahrung getragene Faktum seiner Offenbarung gefügt, und spricht zu dir für deine einstige Wiederbesinnung in spätester Zeit — roten warn nnruo —: „Denn ein barmherziger Gott ist 'n dein Gott, er läßt dich nicht fahren, läßt dich nicht ins Verderbnis sinken, und vergißt nicht den Bund deiner Väter, denn er ihnen zugeschworen. Denn frag' doch einmal an bei allen vergangenen Zeiten, die vor dir gewesen, von dem Tage an, da Gott den Menschen auf Erden gesetzt, und von Himmelsende zu Himmelsende, ob irgend dieser großen Tatsache Aehnliches sonst wohl geschehen oder ihr Aehnliches vernommen worden, ob ein Volk Gottes Stimme redend aus dem Feuer gehört, wie du sie gehört und leben geblieben, oder ob sonst ein Gott es versucht hat in die Welt einzutteten und sich ein Volk aus der Mitte eines Volkes herauszugreifen, mit erprobenden, beweisenden und überzeugenden Taten — arnswIi nirroo mDDD — mit Kriegskampf und mit gestrecktem Arme und mtt großen, fruchtbaren Vollbringungen, ähnlich allem dem, was für euch '1 euer Gott, in Mizrajim vor deinen Augen vollbracht hat! Durch sinnliche Erfahrung, durch das, was du gesehen, bist du zu der Erkenntnis gebracht worden — np"i7 nKm nnK, — daß /"l, er allein Gott sei und sonst nichts außer ihm. Vom Himmel herab hat er dich seine Stimme hören lassen, dich in Zucht zu nehmen, und auf Erden hat er dich sein großes Feuer sehen lassen und seine Worte hast du mitten aus dem Feuer gehört, und weil er deine Väter geliebt, erwählt er seine Nachkommen und führte dich mit seinem Angesicht mit seiner großen Kraft aus Mizrajim,. größere und mächttgere Völker als du vor dir zu vertreiben, dich hinzubringen, dir ihr Land zum Erbe geben, wie du es heute erlebst. So erkenne es denn heute und führe es wieder in dein Herz hinein (nicht: so fühle, ahne, glaube es aus dem Dunkel ahnenden Gemütes heraus), daß '7, er allein Gott im Himmel sei in der Höhe und auf Erden in der Tiefe, sonst Nichts, und hüte seine Gesetze undseine Gebote,die ich dir heute gebiete, welches wie er, völlig veränoert. Selbst Bär, sein schlimmster Feind, sein bitterster Konkurrent, der chm den Bissen geradezu vom Munde reißt, der ihn mit Schimpfworten, Beleidigungen und Drohungen — die er allerdings nie ausführt — überhäuft, er ist heute ganz anders. So wie er heute ernst, zerknischt und tränenden Auges da steht, könnte er ihm alles vergeben, könnte er ihn sogar lieben. „Auch er, Bär, hat Frau und Kinder, für die er hart arbeiten und schwer sorgen mich. So erhöre Ribone schel alam (Gott) auch seine Gebete. Gib auch ihm ein gut Jahr, Leben und Verdienst, denn er kann es auch brauchen, für seine kranke Frau, seine vielen kleinen Kinderchen. Denn, siehe großer Gott, schlecht sind sie, deine Kinder, alle nicht. Und so sie, loie heute, die Sorgen und Lasten ablegen und in deine Nähe kommen, sind sie gut und seelenrein, voll Güte und Liebe . . ." Leibe kann auch in den Worten der Gebete nichts Besonderes finden, nichts, was auf die Heiligkeit des Tages hindeutet. Und doch welchen Klang, welchen Zauber enthalten heute die altbekannten, lieben Worte, die er in der gleichen Fassung allabendlich beter: „ L obet Gott, der gepriesen ist immer und ewig! durch dessen Wort der Abend hereindämmert; der mit Weisheit die Himmelspforten öffnet und die Zeiten ändert! . . . ." Aber heute lobt und preist er ihn anders, mit anderem Munde und anderem Herzen, er ist ihm heute ach so nahe, so nahe . . . Und wie ist er sich heute der „ewigen Liebe" bewußt, die Gott auch ihm, dem unwürdigen Leibe, als Zugehörigen zum „Hause Israel" zuteil werden läßt . . . Wenn er auf.das Leben im verflossenen Jahr zurückfchaut, so scheint es wie ein großes anhaltendes Wunder, das sich täglich erneute. Wie oft wußte er morgens nochnicht, wie das Brot für die Kinder zu beschaffen sei, das Futter für seinen Ernährer, sein wackeres Tier, das Leid und Freud in der Familie treu und geduldig miterlebte, wie oft ging er Freitag Morgen an die Arbeit, ohne der stumm fragenden Frau nur einen Groschen für bic Vorbereitung des heiligen Sabbat geben zu können. Und doch, und doch. Sie haben eigentlich nie gehungert, haben stets Sabbat und Festtage würdig gefeiert, die gerade nicht anspruchsvolle Stute hatte noch stets genügend Futter, um weiter zu ziehen und mit ihm zu kämpfen; ja, es blieb auch noch etwas übrig, um das Schulgeld für die Kinder, die fleißig im Cheder lernen, zu bezahlen. -Bedarf cs noch eines besseren Beweises der göttlichen Liebe, deren auch er, Leibe, sich erfreut, der Wunder, die Gott täglich an ihm vollbringt? Wie melodisch süß und zugleich feierlich ergreifend klingt doch heute das Schema. Das Schema, das er dreimal täglich, zu seiner Schande sei es gestanden, oft genug nur so oberflächlich und gedankenlos betet, welchen tiefen Sinn hat doch heute jedes Wort, jedes Zeichen dieses Bekenntnisses, das vor» der Gemeinde so laut und innig im Chore vorgetr:lgeii wird. Auch das sonst nur leise hingemurmelte „ B o - r u ch s ch e m" — darf heute laut und offen ausgesprochen werden. Leibe kennt den Grund, er besucht nicht umsonst allabendlich die En Jaakow- Vorträge. Es ist der Engel-Segensspruch, den sich Moses, als er in Gottes-Spharen weilte, aueignete, um ihn dann seinem Polle zu übermitteln. Allein nur.im Geheimen dursten die sündenbeladenen Erdenbewohner sich dieses himmlischen Schmuckes verdienen, nur leise flüsternd das Wort, das der Engel heilig Vorrecht rst, aussprechen. Heute aber sind auch