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Der Israelit · 1909-09-09 · Heft 36 (9.9.1909) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 36 (9.9.1909)
Date
1909-09-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr 36 des „Fsraelit". $- r Der Schutt. euilleton. g I l' \\ h p- ~ £:• fö ■ £ t - ■?>■ fc- Novelle von S. Luft, Mannheim. lSvrtfetzung.) Dieser Mißerfolg wurde wohl unangenehm empfunden, aber die Juden waren unter jahrhundertelangem Druck an Widerstandskraft gewachsen und hatten eine Zähigkeit und Elastizität des Charakters erworben, die sie unter den schlimmsten Bedrückungen nicht zusammenbrechen ließ. An ein leichtes Erreichen des Zieles hatte Uenstein keinen Augenblick geglaubt, er wußte sehr wohl, daß die Regierung einem fünften Sohn nicht so leicht den Schutz erteilen werde. „Vorwärts, an die Arbeit, wir werden das Ziel schon erreichen," sagte Jfenstein und fügte das aus den fabbatlichen Tischliedern ihm bekannte Wort hinzu: „selbst der böse Engel muß gegen seinen Willen Amen sagen, wenn er Israels Segnung hört." Die Zeit floß in angestrengter Arbeit hin, das Geschäft vergrößerte sich täglich und gestaltete sich immer eindringlicher, nachdem Daniel seinen Herrn veranlaßt hatte, wie er es im elterlichen Hause vor sich gesehen, auf kaltem Wege aus Spiritus und Waffer, Zucker und Essenzen allerlei feine Liköre zu fabrizieren und in schön etikettierten Flaschen an Wirte und Kaufleute zu verkaufen. Diesen Verkauf besorgte Jfenstein in der Hauptsache selbst, indem er auf größere Entfernungen herumkutschierte, während Daniel diesen Teil "des Geschäfts in den Orten der Umgegend, in welchen er bekannt und eingeführt war, zu fördern Gelegenheit hatte) denn noch immer ging er fünf Tage der Woche, sein Reff hoch mit 'Waren beladen, auf den Handel aus. Ein Zufall brachte Daniels Namen in den Mund aller Leute in der Umgegend nnd sollte .sein Ansehen, besten er sich bei seinen Glaubensgenoffen schon so lange erfreute, auch bei allen seinen christlichen Bekannten außerordentlich heben. An einem kalten Wintermorgen ging er lange vor Tagesgrauen mit seinem schwer beladenen Reff vom Hause fort. Sein Marsch führte ihn in einer Bergschlucht aufwärts. Der Weg war durch die vielen Schlitten, auf welchen die Bauern das Holz aus dem Walde fuhren, glatt geworden, so daß das Gehen sehr beschwerlich war. Fast eine Stunde von feinem Dorfe entfernt, hörteer in einem nach der Sette steil aufwärts führenden schmalen Fußpfade, auf dem man nach einem vereinzelt gelegenen Gutshofe gelangte, ein feines helles Glöckchen klingen. Dieser Ton war Daniel wohl bekannt, es mußte auf dem Gutshofe ein Sterbender sein, dem der Pastor seines Dorfes den letzten Trost des Glaubens gebracht hatte. Daniel ging etwas rascher, um möglichst an der Stelle, wo der Fußpfad in den brettern Waldweg einmündete, vorbeizukommen ehe der Pastor sie erreichte, damtt er einer erzwungenen, seiner religiösen Ueberzeugung widersprechenden Reverenz entginge. Plötzlich vernahm er ein lautes Schreien und Stöhnen von dem Fußpfade her. Er warf das Reff schnell von der Schulter, lehnte es einige Schritte seitwärts im Walde gegen einen Baum und eilte nach der Stelle, woher das Geschrei ertönte. Dort fand er den Pastor auf dem Boden liegen, er hatte im Fallen auf dem glatten Wege den Knöchel gebrochen und der Meßner, der daneben stand und laut um Hilfe rief, konnte, da er ein älterer, schwacher Manne dem wohlbeleibten geistlichen Herrn nicht helfen, Daniel, der durch sein langjähngeS Wandern mit dem schweren Warenpacken ein kräftiger, muskulöser Mann geworden war, nahm, ohne sich lange zu besinnen, den Pastor auf die Arme, trug ihn trotz dessen ahnsehnlicher Leibesfülle die Stunde Wegs nach seinem Dorfe zurück und machte sich sofort, nachdem er ihn im Pfarrhaus auf das Bett gelegt, auf den Rückweg, um sein im Stich gelaffenes Reff mit Waren wieder aufzunehmen. Daniel hatte seine Tat als ganz selbstverständliche Erfüllung einer Menschenpflicht und für gar nichts Besonderes gehalten, aber im Dorfe und der Umgegend sprach man sehr viel von der „schönen christlichen Hilfsbereitschaft Daniels") sogar der Landrat geruhte einmal anzuhalten, als er auf der Landstraße Daniel begegnete, rief ihn an seinen Wagen heran, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Er ist ein braver Bursche, er hat wahrhaft christlich an dem Herrn Pastor gehandelt." „Das müssen wir benützen," rief Jienstein sofort, als Daniel von der herablassenden Jovialität des Landrats erzählte, „sofort machen wir eine neue Eingabe um den Schutzbrief für Dich und ich gehe persönlich hin und rede mit dem Landrat, diesmal muß es gehen." „Aber ich habe doch gar nichts besonderes getan, es hätte doch jeder andere an meiner Stelle auch nicht anders gehandelt." Jfenstein ließ sich aber nicht abhalten durch Daniels Bescheidenheit und brachte das Gesuch um den Schutzbrief selbst auf das Landraisamt. Als der Landrat den Einwand machte, daß Daniel kein selbständiges Geschäft habe, teilte Jfenstein offen mit, daß er beabsichtige Daniel als seinen Schwiegersohn einzusetzen und ihm sein eigenes Geschäft zu übertragen. „Ich werde es befürworten," antwortete der Landrat verbindlich „utib hoffe daß insbesondere schon mit Rücksicht auf die verdienstvolle Hilfeleistung für den Herrn Pastor auch der Schutz erteilt wird." Man wartete im Hause Jsensteins mit Ungeduld aber mit fester Zuversicht auf die Entscheidung. Monate lang dauerte es, ehe der sehnlickst erwartete große Brief ankam. Das Landratsamt bedauerte, daß dem Gesuche nicht entsprochen werden könne, da in diesem Jahre schon so vielen Juden im Kreise der Schutz erteilt worden sei, daß es unmöglich sei das Gesuch des Daniel Rosenberg, Dieners des Schutzjuden Jakob Jsenstein zu erfüllen. Im darauf folgenden Sommer, an einem schwülen Abend, saßen Familie Jfenstein und Daniel auf der Bank vor der Haustüre, als sie ein Kind aus dem ersten der gegenüber liegenden Häuser herauskommen sahen, das in der Hand ein rundes Stück Holz hielt. An dem Holze war mit zwei dickköpfigen Schutznägeln ein viereckiges Stück Papier befestigt. „Na, was ist denn da Merkwürdiges passiert", sagte Jfenstein verwundert, „daß noch so spät am Abend der Knüppel herumgeht?" „Das werden wir gleich erfahren" sagte Frau Jfenstein, „wir kommen ja gleich an die Reihe." Richtig, soeben kam schon ein Kind aus dem zweit n Hause und trug „den Knüppel", das damalige Organ öffentlicher Bekanntmachungen auf dem Dorfe, in das dritte Haus, das dem Jsenstein'schen am nächste» lag, und nach einigen Minuten wurde Jfenstein vom Kinde des Nachbarn „der Knüppel" gebracht. Es war eine kurze Bekanntmachung, die Jfensteinschnell gelesen hatte. „Narrischkeit heißt eine Wichtigkeit", sagte er wegwerfend und gab „den Knüppel" seiner Frau. Sie las ihn lächelnd und reichte ihn Daniel, denn Necha hatte schon aus Neugier über bas seltene, überraschende Ereignis das Schriftstück über die Schulter der Mutter hinweg gelesen. Daniel las die Bekanntmachung ohne besondere Erregung und trug „den Knüppel" stillschweigend ins nächste Nachbarhaus. „Der Mühe wert, daß man so spät abends extra „den Knüppel" herumschickt", sagte Daniel, als er zurückkam und sich wieder auf die Bank setzte. „Ja, der Hund der Frau Landrat ist wichtiger, als wenn es sich um das Wohl und Wehe eines Juden handelt" bemerkte Jfenstein kopfschüttelnd. „Es ist ein schönes Hündchen, ich kenn's", sagte Daniel, „ich hab's schon oft gesehen, wenn's beim Landrat in der Chaise saß." „Nun, vielleicht begegnet es Dir auf Deinen Gängen, dann kannst Du den Taler Belohnung verdienen". „Liegt mir auf", sagte achselzuckend Daniel. So gern er einen Taler verdiente, der Unterschied in der Behandlung seines letzten Gesuches um den Schutzbrief, wo man monatelang auf Bescheid warten ließ, während man wegen eines Hundes einen eiligen „Knüppel" herumschickte, hatte den geduldigen Daniel zu sehr erbittert. Aber man soll auch von einer unbedeutenden Sache nicht gering denken, wer weiß, welchen Einfluß sie auf unser Schicksal und unfern Lebensweg haben kann. Am andern Tage hatte Daniel für seinen Herrn eine Besorgung in Stahlheim zu machen. Der Weg führte eine Stunde lang durch Wald, und da Recha eine große Liebhaberin von Sträußchen aus Feldblumen war, ging er abseits vom Wege quer durch den Wald, wo er verschiedene Lichtungen kannte, auf denen die schönsten Waldblumen blühten. Auf einer dieser Lichtungen sah er einen Scherenschleifer im Grase liegen und an dem daneben stehenden Karren demselben ein schönes, weißes Bologneserhündchen angebunden, das unruhig an dem Stricke zerrte, mit demes angebunden war. „Sie haben ja das Hündchen der FrauLaichrat", sagte Daniel. „So? Das weiß ich nicht, ich Habs hier im Walde gefunden." „Das ist merkwürdig, gestern ist es der Frau Landrat gestohlen worden." „Wieso wissen Sie das?" „Weil gestern Abend in unserm Dorfe und sicher auch in allen Dörfern des ganzen Kreises „der Knüppel" herumgeschickt wurde, wo dem Wiederbringer eine Belohnung versprochen wird, und sicher sind auch alle Gensdarmen des Kreises auf der Suche nach dem Hündchen und dem Diebe." „Ich bin froh, wenn ich es los bin, ich gehe aber nicht in die Stadt. Wenn Sie es mitnehmen wollen, soll es mir recht sein." „Geben Sie her, ich nehme es mit." Daniel ergriff den Strick, und siehe da, das Hündchen, das ahnen mochte, daß der neue Besttzergreifer es gut mit ihm meinte, da er in der Richtung nach der Stadt mit ihm ging, folgte freudig bellend. Eine Stunde später drückte der Landrat Daniel freudig die Hand, als er den vermißten Liebling wieder sah, und als ihm der Ueberbringer erzählte, wie er dazu gekonlmen sei. „Ja, er ist ein braver Bursche" sagte der Landrat leutselig, „ihm will ich keinen Taler geben, für ihn weiß ich etwas Befferes. Geh er ruhig nach Hause, er wird bald von mir hören." Daniel machte seine Besorgungen und auf dem Heimweg dächte er immer an die besondere Freundlichkeit und das wohlwollende Lächeln des Landrats, das sein Herz hoffnungsfroh schwellen ließ. (Fortsetzung folgt.)

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