Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1909)
- Date
- 1909-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ihre Aufgabe wäre, eine mit reichen Geldmitteln versehene „Bolkskanzlei" zu errichten, die allen Unbemitten, die das ungarische Staatsbürgerrecht — das ist das sicherste Präventivmittel gegen die drohende Gefahr — erlangen wollen, unentgeltlichen Rechtsbeistand leistet, und alle Wege ebnet, die zur Erlangung der unerläßlichen Staatsbürgerschaft führen. Groß war dein, 1. Sept. Am verflossenen St. Stefanstag hielt der Bischof Dr. Langi dahier eine Predigt, worin er nicht bloß die Sozialisten und Freimaurer, sondern auch die Juden angriff, indem er dieselben als „Hergelaufene" bezeichnte rc. Das Interessanteste hierbei ist aber der Umstand, daß der Herr Bischof selber seine Besitzungen regelmäßig einem Juden namens Neufeld verpachtet, mit dem er — wie er sich schon schriftlich äußerte — höchst zufrieden ist. Eine eigentümliche Logik dies. Petersburg, 1. September. Zur Judensrage ergreift an leitender Stelle die offiziöse Rossija in ihrer Sonntagsnummer das Wort. Als entscheidenden Grundgedanken wird man aus diesem Artikel herauslefen müssen, daß die Regierung gegenwärtig noch nicht an eine Aufhebung oder Neuregelung der Judengesetzgebnng zu schreiten gedenkt. Diesem Faktum gegenüber ist die journalistische Einkleidung und Motivierung dieser Stellungnahme durch das ziemlich ungewandt geleitete Blatt verhältnismäßig gleichgültig. Natürlich müssen vor allem die „revolutionären" Sünden des Judentums herhalten. Die Notwendigkeit einer Reform der Judengesetzgebung wird nicht geleugnet, auch gegen die antisemitische aggressive Politik des Volksverbandes hat sich der Offiziosus bekanntlich ausgesprochen. Es sei ja richtig, daß die Rechtslage des Judentums äußerst ungeregelt sei und auf veralteten Zirkulären basiere, doch fordere die Durchsicht dieser Zirkuläre viel Zeit und namentlich eine volle Beruhigung des Landes. Vom Judentum selbst hänge es ab,' die guten Beziehungen zum russischen Volk wieder herzustellen und mit Tatsachen den Beweis zu liefern, daß es durch strenge Gesetzeserfüllung und Achtung vor den Rechten der russischen Staatsbevölkerung ein Recht auf Verbesserung seiner Lage erworben habe. „Nicht der Russe hat sich dem jüdischen Typus anzupassen, sondern der Jude mutz zum Russen werden, um die Rechte des russischen Bürgertums zu erwerben". Das sind natürlich nur Phrasen. Staatsbürgerliche Gesinnung, kann erst von Staatsbürgern und nicht von Rechtlosen verlangt werden. Praktisch bedeutsamer ist die zweite Motivierung, die speziell den gegenwärtigen Augenblick für ein Anschneiden der Judenfrage als ungünstig erklärt: „Gegenwärtig ist in Rußland die große Agrarreform in der Durchführung begriffen, die den Zweck hat, den Bauern den Erwerb von Land zu billigen Preisen zu ermöglichen und die Einzelwirtschaft auf Höfen einzuführen. Wenn nun, durch die Aufhebung der Ansiedlungsrayons, die Zulassung von jüdischen Elementen, die sich gerade mit dem Kauf und Weiterverkauf von Land befassen, dekretiert werde, so würde damit der Verkaufswert des Landes erhöht und die Arbeit der Agrarreform illusorisch werden. Auch die Lage der Industrie und des Handels in deu großrussischen Gouvernements ist zurzeit nicht eine derartige, daß ein weiterer Zustrom von Kommissionären und Handelsvermittlern wünschenswert wäre." Werden sich aber solche Gründe nicht immer Der Israelit. __ wieder finden, die eine prinzipiell als notwendig erkannte Reform zur Vertagung ad calendas graecas verurteilen? Als im russisch-japanischen Kriege auch etwa 60 000 jüdische Soldaten unter den russischen Fahnen standen und alle Bitternisse des Feldzuges kosteten, traf die Regierung durch allerhöchsten Befehl vom 20. August 1905 die Verordnung, daß die Kinder der jüdischen Krieger unabhängig von der bestehenden Procentnorm in die höheren Schulen aufzunehmen seien. Augenblicklich gibt nun der Unterrichtsminister bekannt, daß diese Verordnung nur für die Zeit des Krieges Geltung habe, jetzt aber nicht mehr anzuwenden sei! Mit dem Wortlaut des kaiserlichen Erlasses ist wohl die ministerielle Verordnung schwer in Einklang zu bringen. Rumänien. Bukarest, 29. Aug. Wie der „Adeverul" meldet, ist es in Falteceni zwischen dem Militär und den dortigen Juden zu folgenschweren Exzessen gekommen. Zwischen einer vom Hauptmann Papovic kommandierten Abteilung von 20 Soldaten und jüdischen Bürgern von Falticeni kam es auf der Straße zu einem Konflikt, in dessen Verlaufe vier Juden, namens Nathan Reicher, Adolf Tischner, Josef Ehaimovic und Israel Bo ln ea blutig geschlagen und tätlich verletzt wurden. Der Kriegsminister wurde telegraphisch verständigt und hat auf telegraphischem Wege eine strenge Untersuchung einleitcn lassen, deren Ergebnis noch aussteht. Türkei. Konstantinopel, 1. Sept. Cacham Baschi Haim Nahoum ist zur Zeit damit beschäfttgt, einen großen Rabbinerschub in der Türkei vorzubereiten. Die stellvertretenden Chacham Baschis in den einzelnen Gemeinden, die zum Teil nur durch Dekret ernannt und nicht gewählt sind, sollen entfernt, und durch „aufgeklärte und gebildete" Rabbinen ersetzt werden! Es bedarf keines Kommentars, worin die „Aufklärung" und die „Bildung" der von Herrn Nahoum ins Auge gefaßten Rabbinats-Kandidaten bestehen wird. Nalästtrra. Aus Sem Testamente Rabbi Samuel Salants V» Jerusalem, 2. Sept. Wie Ihnen bereits mitgeteilt (siehe Nr. 35), hat Rabbi Salant V'2Ct ein Testament hinterlassen, das eingehende Bestimmungen über seine Besta tung, die Verwendung seines Nachlasses, die Versorgung seiner Hinterbliebenen usw. enthält. Die wichttgsten Satzungen der hebräischen Urkunde lauten in wortgetreuer Übersetzung: 1. Ich setze zum Verwalter meines Nachlasses meinen langjährigen treuen Sekretär Rabbi Elia Mordechai Eisenstein ein. 2. Meine gesamte Bibliothek vermache ich der Talmudthora und Jeschiwoh „Ezchajim" im Hofe des Rabbi Jehuda Hachossid. Die Bücher mitsamt den dazugehörigen Schränken sollen ins Lehrhaus überführt werden und dort zur Benutzung für Jedermann bereit stehen. Aus dem Hause dürfen die Bücher leihweise nur an die amtierenden' Rabbiner und Rabbinatsassessoren der Gemeinde herausgegeben werden. Es soll ein Katalog über den Bücherbestand angelegt und geführt werden. Die Aufsicht über die Bibliothek übertrage ich dem Schwiegersohn meines verstorbenen Sohnes, Rabbi Jechial Michael Tukozinski.^ 3. Die aus zwei Zimmern bestehende Wohnung, die ich früher inne hatte, habe ich bereits der min TJoVn vermacht, der gleichen Anstalt sollen nun auch die beiden Zimmer meiner jetzigen Wohnung gehören. Diese Räume sollen als Lehrstätte für Talmudjünger _Nr. 36. Sette 7 dienen oder als Lehrhaus für zehn bewährte Thoragelehrte. 4. Für die erste Versorgung meiner Frau, die Kosten der Beerdigung usw., habe ich einen Betrag bestimmt, der mitsamt genauem Verzeichnis sich unter den dem Testamentsvollstrecker eingehändigten Akten befindet. 5. Es ist mein Wunsch, daß keine Reden an meinem Grabe gehalten werden und daß meine Bahre in keiner Synagoge aufgestellt werde, da ich einer solchen Ehrung mich nicht würdig fühle. Auf meinen Grabstein seien nur die Worte zu setzen: VtflDff /m* 3in y'ö V'XT '32 '•) 3"»n p (EMkVd). Ich lege Gewicht darauf, daß, um jede Verwechselung zu Rabbi Samuel Salant S'XT vermeiden, der Familiennamen Salant genau wie im Manuskript eingeklammert auf den Grabstein komme. 6. Ferner bitte ich die Rabbiner, welche darüber zu verfügen haben, meiner Witwe eine lebenslängliche Rente von 20 Fcrs. monatlich auS der Zentralkaffe der Gemeinde auszusetzen. 7. Ich danke herzlich all' Denen, die in den Jahren meiner Wirksamkeit für unsere Brüder in der heiligen Stadt mir treu zur Seite standen. Ihnen allen werde der Segen Gottes zu teil und das Glück, den Wiederaufbau der heiligen Stadt mit zu erleben. Uermiscbttt. Hanau, 1. Sept. Der unfehlbare und unübertreffliche «uqelschu ßapp arat hat fich gestern hier wieder glanzend bewährt. Ein Ochse, der tm hiesigen städtischen Schlachthof gestern damit geschossen worden war, blieb nicht, wie er sollte, bewegungslos liegen, sondern schlug derart um sich, daß alles in der Nähe arbeitende Personal angsterfüllt fliehen mußte. Nach einiger Zeit konnten zwei Gesellen den Kopf beS TiereS halben, fodaßein dritter zwölf biS fünfzehn Beilhtebe führen und so das Abschlachten deS Tieres ermöglichen konnte. Es ist dies nicht der erste, sondern seit Master Zeit mindestens der vierte Fall, in dem im hiesigen Schlachthof der Apparat bei Großvieh nicht die Betäubung herbetführte, beim Kleinvieh find auch wiederholt Versager vorgekommen. Hoffentlich bewirken diese zum Tell auch in der hiesigen Tagespresse berichteten Fälle, daß unseren Gegnern endlich die Augen über die alleinseligmachende Betäubungsmethode aufgeben. Bad Kissingen, 1. Sept. Eine erhebende Feier war es, die am vorletzt« roV uns Kurgästen einen geistigen Genuß verschaffte. Eine neue min *TjDp wurde ihrer heiltgen Bestimmung übergeben und zur Würdigung derselben ein schöner, stirmnungsvoller Gottesdienst äbge-