Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1909)
- Date
- 1909-09-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Auch der „doktrinäre Zopf" sollte nicht alS Kampfmittel, sondern lediglich als wissenschaftliches Requisit dienen. Es ist kein x-beltebiger Zopf, sondern das bekannte Gewächs, das auf dem Kopfe der Professoren von anno 48 zur Blüte kam. Da das Berliner Projekt Von 1851 auch von mir in den einleitenden Bemerkungen als ein höchst unglückliches bezeichnet wird, kann die Ablehnung durch Zm»z mir unmöglich als bezopft erschienen sein. Graue Dokttin schien mir sein Urteil vielmehr deshalb zu sein, weil es nicht auf eine spezielle Prüfung zurückgeht, sondern sich selbst als prinzipielle Behördensa e ausgibt Trotz des zur Erweckung des Interesses eines weiteren Leserkreises gemachten Hinweises auf das „aktuelle Thema" kann ein Zweifel über das Mot v und das Wesen der kleinen Veröffentlichung also nicht möglich sein. Ich darf eine verehrliche Redaktion wohl bitten, im Interesse des „Gesamtarchivs der deutschen Juden" diese, einem Mißverständnis vorbeugenden Zeilen zu veröffentlichen. In vorzüglicher Hochachtung ergebenst Dr. E. Täubler. Wir hatten den „doktrinären Zopf" für das unbestreitbare geistige Eigentum der „Allgemeinen Ztg. d. I." gehaltenals „wissenschaftliches Requisit" scheint uns der Ausdruck nicht gerade glücklich gewählt zu sein. Recht hat in diesem Falle jedenfalls der alte Zunz. Hamburg, 3. Sept. Ein aus den Kreisen der Mitglieder des Synagogenverbandes gebildetes Komitee hatte für gestern abend eine Versammlung der VerbandSmttglieder nach dem Logenheim einberufen, um zur bevorstehenden Wahl des Oberrabbiners Stellung zu nehmen. Der Referent Herr A. Auerbach bemerkte, daß durch den Tod des unvergeßlichen Oberrabbiners M. Hirsch hier eine Lücke entstanden, die nur schwer auszufüllen sei. Der Verdorbene, der weit über die Hamburger Gemeinde hinaus einen Weltruf besaß, habe es während seiner 20jährigen Amtstättgkeit verstanden, die Institutionen des Verbandes zu hoher Blüte zu bringensein größtes Verdienst habe wohl darin bestanden, daß er den Frieden in der Gemeinde gefördert und gefestigt habe. Jetzt gelte es, dem Verewigten einen würdigen Nachfolger zu geben. Allgemein habe es überrascht, daß der Vorstand schon so bald die Neuwahl ausgeschrieben habe. Die Neuwahlen zum Delegiertenkollegium fänden erst im Dezember statt, und vor der neuen Zusammensetzung des Kollegiums dürfte auch die Wahl des Oberrabbiners nicht vorgenommen werden. Ferner müsse in Erwägung gezogen werden, ob es nicht richtiger sei, die Zahl der Wahlmünner zu vermehren - unbedingt müsse aber den Verbandsmitgliedern mehr Einfluß bei -er Wahl eingeräumt werden. In der Diskussion wurde von einem Redner die ftühe Ausschreibung der Wahl als richttg bezeichnet. Die meisten Redner stimmten aber den Darlegungen des Referenten zu. Es wurde abfällig kritisiert, daß die Sitzungen des Delegiertenkollegiums nicht öffentlich stattfinden. Die Zahl der Wahlmänner müsse vermehrt werdennoch besser würde es sein, nach dem Vorbild anderer Gemeinden die Wahl des Oberrabbiners durch Urabstimmung vorzunehmen. Die frühe Ausschreibung der Wahl sei auch aus Gründen der Pietät zu mißbilligen. Schließlich wurde mit allen gegen eine Stimme eine Resolution angenommen, worin der Vorstand und die Delegiertenkommission ersucht werden, die Wahl des Oberrabbiners erst im nächsten Jahre vornehmen zu lassen. Die Resolution soll den betreffenden Körperschaften unterbreitet und zunächst um Antwort bis zu einem bestimmten Termin ersucht werden. An einer später einzuberusenden Versammlung soll dann über weitere Maßnahmen Beschluß gefaßt werden. Ungar«, ein Rabtnerftreif. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 23. Aug. Vor zwei Jahren wählte die jüd. Gemeinde von Nyir-Megyes den jungen Rabbiner Josef Jungreis mit der Bedingung, daß derselbe innerhalb eines gewissen Zeitraumes ein vom Cuszter Rabbiner ausgestelltes Rabbinatsdiplom vorzulegen habe. Als nun dieser Zeitpunkt vorüber war, Jungreis aber das Zeugnis nicht vorlegen konnte, wnrde er abgesetzt und an seiner Statt Anselm Ka tz zum Rabbiner gewält. Jungreis appellierte gegen diesen Beschluß an den Berwaltungsausschuß des ComitateS,und als dieser sein Gesuch abwies, an den Kulturminister, der jetzt die Entscheidungen der Kultusgemeinde und des Verwaltungsausschusses anullierte und die erstere anwies, den neugewählten Rabbiner nicht eher zu installieren, als bis ein friedlicher Vergleich mit Jungreis zustande gekommen ist. Dia „fremden“ Juden in Ungarn. (Bon unserem Korrespondenten.) Budapest, 1. Sept. Aus der neuesten Verordnung des Kultusministers, wonach aus dem Auslande stammende jüdische Glaubensgenossen, die die ungarische Staatsbürgerschaft nicht besitzen, vom jüdischen Gemeindewahlrecht ausgeschlossen werden, drohen auch materielle Gefahren für die „fremden" Juden, da zufolge dieser ministeriellen Verordnung die verschiedenen staatlichen, Komitats- und städtischen Behörden eingehende Nachforschungen darüber anstellen, wer von den Juden ungarischer Staatsbürger ist und wer nicht, und solche welche keine ungarischen Staatsbürger sind, oft ihres Broterwerbes verlustig gehen. Die Antisemiten, die bisher keinen Boden in Ungarn fanden, haben nun für ihren Kampf eine neue, erfolgverheißende Parole: gegen die ausländischen Juden! (Siehe Wochenrundschau.) Nyiregyhaza, 28. Aug. Man schreibt uns: In der festen Ueberzeugung, daß die Spalten des auch hierzulande vielgelesenen „Israelit" Allen offen stehen, die ihre Feder in den Dienst jüdischer Interessen stellen, gestatte ich mir angesichts der hochgradigen Erregung, die durch den neuesten ministeriellen Erlaß in Betreff der. Ausschließung nichtungarischer Staatsbürger aus dem jüdischen Gemeindeleben hervorgerufen worden ist, die Aufmerksamkeit Ihres großen Leserkreises auf die schlimmen Folgen des erwähnten ministeriellen Ukases zu lenken und die Mitwirkung Ihres gesch. Blattes an der unerläßlichen Retrungsarbeit zu erbitten. d Die ttefe Erregung, die sich namentlich der jüdischen Bevölkerung Nordungarns, zumeist Einwanderer aus Galizien, bemächtigt hat, ist leider keine grundlose, sondern vielmehr eine ganz berechttgte. Die aus Galizien eingewanderte Bevölkerung bildet nämlich den Kern der in Oberungarn bestehenden orthodoxen Kultusgemeinden und der Ausschluß der frommen Elemente aus dem Gemeindeleben kann zur Folge haben, daß altehrwürdige Kultusgemeinden den Bestrebungen nichtorthodoxer Elemente zum Opfer fallen und ihren orthodoren Charakter einbüßen werden. Mit diesem herben Schlag, der das konfessionelle Leben arg beeinträchtigen dürfte, geht aber auch btc Gefahr Hand in Hand, daß oie Glaubensbrüder zweiter Güte, die nicht im Besitze des ungarischen Staatsbürgerrcchtes sind, auch auf wirtschaftlichem Gebiete unermeßlichen Schaden erleiden werden. Die Zweiteilung unserer Glaubcnsbrüder in Bürger erster und zweiter Klasse ist ein willkommener Anlaß für jene antisemitische Strömung, die die Juden auf wirtschaftlichem Gebiete zurückzudrängen bestrebt ist, ihrer unlauteren Gesinnung freien Lauf zu lassen. Es wird nachgespürt und nachgeforfcht, wer ungarischer Staatsbürger ist und mer nicht. Wer einen Broterwerb hat, der an die ungarische Staatsbürgerschaft gebunden ist, aber dem ungarischen Staatsverbande nicht angehört, wird unbarmherzig seines alltäglichen Brotes verlstig erklärt, lind auch Glaubensgenossen, die seit Jahrzehnten Bürgerrechte genießen, find unglaublichen Bexationen ausgesetzt, für die nur dann Absolution erteilt wird, wenn sie große Geldopfer bringen. Der eng bemessene Raum dieses Blattes gestattet es nicht, daß hier die lange Kette d^r üblen Folgen des erwähnten Erlasses angeführt werden. Es genügt, wenn wir auf die Verdrängung der Juden aus Rumänien Hinweisen, für die ebendadurch, daß er die Jomim-Noroim-Gebete in den sabbatlichen Vorträgen geist- und Lefühlvoll erläutert. Er muß der Gemeinde zeigen, welche Kleinodien wir in unseren Gebeten besitzen, wie sie gleichsam eine goldene Brücke bauen zum Throne des Allgütigen, der gerade in diesen Tagen von der Sonne der Gnade und Barmherzigkeit umstrahlt ist. Rabbi Jak. L i s s a sagt, wer.einen Acker bearbeitet, um reichen Ertrag zu genießen, muß zuerst wucherndes Unkraut ausjäten, und wer in andachtsvollem Gebet die göttliche Gnade erbitten will, muß zuerst den. Acker des Herzens von den Auswüchsen unreiner Gefühle und Gedanken reinigen. Auf unsere obigen Ausführungen zurückkommend, wiederholen wir resümierend, daß wir einer Renaissance edlen Synagogengesanges das Wort reden möchten. Mit dem Worte pr\ b» -jnPtÖ 'fl HK *122 -pi-US *J3inö wollten ja unsere Weisen nichts anderes sagen, als . daß auch die menschliche Stimme, als ein Gottesgeschenk in den Dienst des Gebers n"2 gestellt werden soll und wir verstehen daher auch die Forderung des Schulchan Aruch: Man sei bestrebt, für diese hochheilige Zeit einen Borbeter zu gewinnen, der hervorragt durch Thorawissen und ourch edle Lebensführung. 1. F. (Auf Ellis Island.) Die Gefangenen auf Ellis Island haben seit kurzem eine interessante Leidensgenossin in ihrer Mitte. Eine Engländerin, Miß Betsey Hill, welche an Bord des Dampfers „Philadelphia" die Fahrt von Southampton nach Newyork zuruckgelegt hatte, durfte, obzwar weder Russin noch Jüdin, den amerikanischen Boden nicht betrete»:, weil — weil sie auf dem Deck des Dampfers Zigaretten geraucht hatte. Heute ist sie eine Gefangene auf Ellis Island und sieht dem Verdikt der Beamten darüber entgegcir, ob ihr die Landung gestattet oder ob sie als eine — Irrsinnige nach England zurückgeschickt werden soll. Die Mitreisenden stellen der 60jährigen Damed das Zeugnis aus, daß sre gebildet, von tadellosem Benehmen und auch sonst eintvandfrei sei. Sie hat die Gewohnheit, jeden Tag auf ihrem Deckstuhle Zigarette»» zu rauchen; sie rauchte auch, als der Dampfer an der Quarantäne-Station ankam, und die entsetzten Beamten stürzten sich sofort auf ihren Handkoffer, wo sie tatsächlich vier Pakete Zigaretten vorfanden und konfiszierten. Trotz aller Proteste der Danre blieben die Beamten, vielleicht auch mit Recht, dabei, daß es für eine Da»ne im höchsten Grade ungehörig sei, zu rauche»». Daß aber Miß Hill von den Behörde»» aus diesem einzigen Grunde als eine „vermutlich Irrsinnige" zurückbehalten und nach Ellis Island transportiert wird, bleibt doch sehr merktvürdig. Vielleicht haben die Engländer jetzt Gelegenheit, z»t sehen, tvohin eine fanatische Absperrungspolitik führen kann. (Ein tapferer Soldat.) DetlevvonLiliencron, der verstorbene liebenstvürdige Poet, schildert in seinem biographischen Roman „Leben und Lüge" u. a. auch das mutige Verhalten eines jüdischen Soldaten: „Mitten in der Stadt schloß sich der Gefreite Lewin von der zwölften Kompagnie unserm Halbbataillon an. Er hatte eine Patrouille geführt und war seiner Kompagnie abhanden gekommen. Eine Stunde später lag er, mitten durchs Herz getroffen, im Gras ... Der kleine Jude war auch in meinem Zuge. Er gab Lang und mir einen güten Schnaps. Er zeigte sich als tapferer, umsichtiger Soldat." (Die Juden in Australien.) In Sidney, Australien, hielt vor kurzem Mr. Colemän P. Hyman einen Vortrag über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Sidney. Dem Vortrage entnehmen »vir die fol genden interessanten historischen Daten: Die erste jüdische Funktion in Sidney war ein Leichenbegängnis, das im Jahre 1816 daselbst stattfand. Damals haben 30 Juden, die euphemistisch „Diener der Regierung" genannt wurden, eine Art Chewra Kadischn gegründet. Da ihnen kein schwarzes Bahrtuch zur Verfügung stand, haben sie mehrere schwane Hals tücher zusammengenäht und damit die Bahre bedeckt. Im Jahre 1830 »vurde der erste ständige jüdische Friedhof in Sidney erworben, stuf diesem Platze steht heute das Rathaus der Stadt Sioney. Der erste Funktionär der jüdischen Gemeinde »var Mr. P. I. Cohen, der sein Haus zu gottesdienstlicheu Zwecken zur Verfügung stellte und selbst die kantoralen Funktionen versah. 1832 wurde die erste jüdische Gemeinde in Sidney gegründet, dessen erster Präsident Baron Joseph Montefiore tour. Später wurden mehrere jüdische Wohltätigkeitsvereine ino Leben gerufen. Das erste jüdische Parlamentsmitglied in Australien war Mr. Ma»rrice A s h e r, der heute noch, 91 Jahre alt, am Leben ist. Ihm folgten bald nrehrere, Mr. S. A. Joseph, Sir Saul Samuel, u. m. a. Ter erste Jude, der an der Universität von Sidney den Doktorgrad erhielt, war Mr. David M y ers im Jahre 1866. Die große Jork Street Synagoge wurde 1844 eingeweiht. Die bei diesem Anlasse vor getragenen Gesänge sind die Kompositionen des seinerzeit berühmten Musikers Isaak Nathan, der auch Byrons Hebräische Melodien in Musik setzte und ein Freund des Dichters war. Einen Rabbiner erhielt die Gemeinde erst im Jahre 1862. Die »reue große Synagoge »rmrde 1878 eingetveiht.