Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1909)
- Date
- 1909-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9 September 1909. Der Israel«. No. 36. Seite 5 Literatur/ die ausgehend von dem Grundsätze, daßj anon mynä eine der Säulen sei, aus der das Weltgebäude ruht. Nach tief psychologischen Motiven, abwägt und bemißt, wie es höher stehe als Almofenspende, der Verarmung vorzubeugen, wie noch höher zu stellen sei die hülfreiche Liebestat, die den Kranken, Hilfsbedürftigen, Armen, Leidenden, Verlaffenen, heilend, helfen-, unterstützend, pflegend, tröstend, tatkräftig besteht, wie es am höchsten stehe, andrere zum Wohltun zu veranlaffen. Wir unterlassen, sage ich, die Aufzählung der vielen hierher gehörigen Talmudstellen, weil es der Raum nicht gestattet, und weil der Wohltätigkeitssinn, durch welchen sich bis auf den heutigen Tage unser Leben auszeichnet, das sprechendste Zeugnis dafür ablegt, daLjenes große Humanitätsideal des Judentums besonders nach dieser Richtung hin, in schönster Weife im jüdischen Leben seine Verwirklichung gefunden. An diese echt jüdische Humanität knüpft Jesajas in seinem 58. Kapitel, in welchem er ganz besonders das Lebensideal des Judentums zum Gegenstände seiner Betrachtung macht, die Veheißung ni2in "JDD »21 Vis ii» *p «npi DDipn im in noio oSiy rovb nmna 22iv>v. „Und von Dir aus baut man auf die Trümmer der Ewigkeit, Grundlagen legst du für Geschlechter, und man nennt Dich Auferbauer, Wegebahner zum friedlichen Wohnen." Es liegt in diesen Worten zugleich ein Zug optimistischer Weltbetrachtung, der ein ganz besonders charakteristisches Merkmal des Judentums und seiner Lehre ist. Jemehr das Judentum anstrebt, in jedem seiner Bekenner das Bewußtsein des Berufes zu kräftigen, durch sein sittliches Leben zu jener großen Vervollkommnung der Menschheit beizutragen, je klarer und bestimmter das Judentum uns eine ideale Zukunft schauen läßt, in welcher Wahrheit, Recht und Frieden herrschen werden, ein großes Endziel aller Menschheitsentwickelung, umsomehr müssen wir die Ueberzeugung gewinnen, daß im Judentum Religion und Humanität sich vereinigen zu einer schönen Harmonie, um in ihrem Bunde die Lösung aller menschlichen Probleme zu geben, damit der Mensch zum wahren Bewußtsein seines Wesens und Lebens gelange, damit er sich als ein Glied der großen Kette fühle, die die ganze Menschheit umschließt, damit er die Ideale von Tugend und Sittlichkeit nicht ahnungsvoll suche in einer früheren, entschwundenen Vergangenheit, sondern im Kampfe mit den wirren Verhältnissen des Lebens mutig ausharre und immerfort ringe und strebe für die Verwirklichung des großen Menschheitsideals, bis zu jener Zeit von der es heißt: „Und Gott wird König sein über die ganze Erde, an jenem Tage wird er einzig sein und sein Name einzig". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentfches MeUtz. Frankfurt a. M., 5. Sept. Bon einem als zuverlässig geltenden italienischen Rabbiner, der in Korfu geboren ist, wird uns mit Bezugnahme auf unseren Esrogim-Artikel folgende Mitteilung gemacht: „Für D»Wllfc die auf Korfu selbst gewachsen find, kann der II'IIV VVN nicht in Betracht kommen, weil es andere Arten zum Propfen dort nicht gibt. Andererseits kommen die sogenannten Korfuer Q'J'HriK gar nicht aus Korfu, sondern aus drei Dörfern an der türkischen Küste, in deren Gärten in der Tat gepropft wird. Doch werden von dort aus die unter zuver« läsfiger Aufficht stehenden D»nriK mit 1V2'Stegeln verkauft. Auf dieses Siegel muß allereings geachtet werben, weil besonders die besseren Sorten häufig gepropften Gärten entstammen." Wir geben diesen Mitteilungen, die wir im einzelnen natürlich nicht prüfen können, Raum und bemerken dazu nur, daß die 7Kitr Ifitr D»1in» jedenfalls auch dann den Vorzug verdienen, wenn in Korfu die Zustände nicht ganz so schlimm sein sollten, wie sie in unserem Leitartikel geschildert waren. Auf alle Fälle ist es Pflicht der zuständdigen rabbinischen Instanzen, bis zum nächsten Jahre volle Klarheit überden wichtigen Gegenstand und womöglich eine ausreichende Organisation zur Befriedigung des Bedarfes zu schaffen. Frankfurts. M. 7. Septemb. Aus dem Büro der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthdoxen Judentums" wird uns geschrieben: „Auf eine von uns an das Kriegsministertum gerichtete Eingabe, in der für die bevorstehenden hohen Feiertage um Beurlaubung der jüdischen Mannschaften in die nächstgelegencn jüdischen Gemeinden, auch aus dem Manöver, gebeten worden war, hat der Herr Kriegsminister durch Erlaß vom 3. September d. Js. an die König!. Generalkommandos und obersten Waffenbehörden verfügt, daß gegen die Befteiung der jüdischen Mannschaften vom Dienste und gegen ihre Beurlaubung nach der nächstgelegenen jüdischen Gemeinde nichts einzuwenden sei, insofern die Interessen des Dienstes und die Manöververhältnisse die Ausführung dieser Maßnahmen ermöglichen. Wir machen die Herren Rabbiner auf diese Verfügung aufmerksam, in der Annahme, daß es ihnen infolgedessen leichter möglich fein wird, den jüdischen Mannschaften bei den Truppentellen ihres Bezirkes zu den bevorstehenden hohen Feiertagen Urlaub, oder wenigstens Dienstbefreiung zu verschaffen. Der Herr Kriegsminister hat bei diesem Anlässe weiter daraus hingewiesen, daß es dem Ermessen der Truppen-Kommandeure überlassen bleibe, inwieweit auch im Standorte dem religiösen Bedürfnisse der jüdischen Mannschaften dadurch Rechnung zu tragen sei, daß ihnen, soweit es die Interessen des Dienstes gestatten, der freiwillige Besuch des synagogalenGottesdien st es am Sabbat ermöglicht wird. Der Erlaß ist, wie der Herr Kriegsminister mitteilt, auch den Kriegsministerien von Bayern, Sachsen und Württemberg übermittelt worden." Recklinghausen, 6. Sept. Der Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in Westfalen hat durch errn Rabbiner Dr. Marx-Recklinghausen das eneralkommando des VII. Armeekorps im Münster ersucht, den jüdischen Soldaten an den hohen Feiertagen (Rausch-Haschonoh inkl. anschließendem Sabbat, wie Jaum Kippur) freizugeben, sowie sie so rechtzeitig zum Urlaub zu entlassen, daß sie vor den Feiertagen in chrer Heimat sein können. Diesem Ersuchen ist entsprochen worden und wurden die Truppenteile entsprechend angewiesen. Berlin, 6. Sept. Herr Dr. E. Täübler vom „Gesamtarchiv der deutschen Juden" schreibt uns: Nr. 36 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" trägt zu dem in Nr. 35 veröffentlichten Artikel: „Zunz urb Geiger über eine Zentralbehörde für die jüdischen Gemeinden in Preußen" in einer Briefkastennotiz nach, daß dieser Artikel vom,. Gesamtarchiv der deutschen Juden" eingesandt wurde. Die Wiedergabe des Zunz'schen Briefes in Ihrer Zeitung, Nr. 35, S. 2, könnte den Eindruck erwecken, y's hätte das Gesamtarchiv mit der Veröffentlichung sich am Tagesstreit beteiligen wollen. Dem Gesamtarchiv muß viel daran gelegen sein, diesem Eindruck zu wehren. — Das Motiv für die Veröffentlichung der beiden Briefe war lediglich das biographischedas ist iu dem Artikel auch mit den Worten: „Die Antworten interressteren weniger materiell als individuell usw." hervorgehoben Word n. Uorbefer und f>ilf$-Uorbeter. Wenn die ernste heilige Zeit der Jomim Nauroim im Anzuge ist, rüsten sich auch die kleinsten jüdischen Gemeinden, durch die Gewinnung der Minjan-Zahl und das Engagement eines Hilfsvorbeters einen der hohen Bedeutung und Wichtigkeit dieser Tage entsprechenden Gottesdienst zu, organisieren. In den größeren Städten werden auf Jahre hinaus große Festjäle gemietet, die gewöhnlich dichtgedrängt voll sind von Besuchern, welche in glänzendem Zylinder, weißer Kravatte und Glace-Handschuhen die Weihe des Tages schon äußerlich verkünden. Die Initianten dieser gottesdienstlichen Veranstaltungen haben schon Wochen vorher Sorge getragen, eine starke Frequenz zu garantieren durch Heranziehung von guten Hilfskräften auf kantoralem und homiletischem Gebiet. Die jüdische Presse ist mit Inseraten nach dieser Richtung hin geradezu überfüllt. Und auch hier, in diesem schcinbar bunten Gemisch des Inseratenteils sieht der aufmerksam prüfende Beobachter die tiefgrabenden Spuren des über die alljüdischen.'Ideale skrupellos hinwegflatternden Zeitgeistes. Diä 'eine Gemeinde sieht die Qualifikation zum Hilfsvoxveter in einem voluminösen, möglichst lyrischen Baryton oder Tenor (weshalb zuweilen gerade hier Opernsänger außer Dienst ein willkommenes Feld der 'Betätigung findhnj, eine andere legt das Hauptgewicht auf erprobt? Tüchtigkeit in der Leitung eines Chores (selbstverständlich mit weißgekleideten Damen — jüdischer oder nichtjüdischer Konfession —und eine dritte wieder richtet das Augenmerk darauf, ob der Bewerber es auch verstehe, die Herzen zu rühren und in Weihestimmung zu Ersetzen. Die Position des Cantors hat in der neuzeitlichen Entwickelungsepoche der jüdischen Gemeinden von ihrem einstigen Glanze zweifellos eingebüßt. Der „Chasan" der guten alten Zeit war eine geschätzte Persönlichkeit. Wenn er am Sabbat, den Festtagen, am Jom Kippur-Koton, den S'lichos-Tagen die herrlichen Gebete mit weihevoller Innigkeit gesanglich interpretierte, dann war dies etwas, was auf lange Zeit in den Gesprächen zu Hanse, und auf der Reise und — in den Herzen freudig nachwirkte. Daß diese hohe Bewertung der kantoralen Leistungen in der Gegenwart ungekannt ist, liegt nicht nur in dem Jndifserentismus der großen Menge gegenüber den religiösen Postulaten im allgemeinen, sondern zum Teil auch in der Richtung, welcher der fynagogale Gesang heute zustrebt. Selbst bei Kantoren, welche in Rußland und Polen herangebildet sind, also jenen Ländern, wo die urwüchsigen, ungewöhnlich großen und schönen Stimmen gewissermaßen ein Geschenk der Wiege zu sein scheinen, ist eine Tendenz unverkennbar, die darauf gerichtet ist, das Ehasonus mit opernhaften, kirchlich-stilisierten Elementen zu durchtränken. Der Zuhörer glaubt sich zuweilen ins Theater versetzt, eine Illusion, die noch gestärkt wird in den großen Tempeln, wo die Orchesterbegleitung durch brausenden Orgelton vermittelt wird. Die Noten sind auch im Synagogengesang die Leitsterne geworden, welche am Himmel der Andacht glänzen, während sonst eine warme, von echter Gottesfurcht getragene Interpretation der Gefühle vom Borbeterpult aus die Gemeinde sonnig umflutete. Es ist durchaus nichts Seltenes, daß heute der Kantor mit seinem Notenblatt in der Hand den Kol Nid re oder Jaale zu meistern sucht in jener Stunde, da die Gemeinde die göttliche Gnade und Versöhnung erfleht. Für ein edel angelegtes Gemüt bedeutet dies eine Profanisierung großer und feierlicher Momente, denn der Schliach Zibbur ist ja nach schöner altjüdischer Auffassung der denkbar vornehmste Repräsentant der Gemeinde. Uns kommt solch ein Notenblatt tragender Sänger vor wie der lärmende Phonograph, der am Wirtshaustische sein Pensum mechanisch heruntcrleiert. (In Paranthese sei bemerkt, daß dies Produkt Edisonschen Geistes zu seinem Repertoire auch ausgezeichnete jüdische Gebetstücke zählst. Wer hätte nicht schon eine Lewisse Wehmut empfunden, wenn in einer mit Kartenspiel, politischer und religiöser Kannegießerei beschäftigten Wirtshausgesellschaft plötzlich der Mussaf-Kadisch eines bekannten Berliner Kantors ertönt?) Eine spezielle Kategorie bilden die Hilfsvorbeter in den kleineren ländlichen Gemeinden. Sie rekrutieren sich aus allen Berufszweigen. Der angestrengte Geschäftsmann, der hausierend von Dorf zu Dorf zieht und am Eres Rosch Haschonoh die schwere Bürde seines Musterkoffers ablegt, bildet sich etwas darauf ein, die Funktion eines Vorbeters ausüben zu dürfen. Er ehrt dieses Mandat dadurch, daß er gesanglich sein Bestes darbietet. Da er mit einer hübschen Stimme begabt ist, vermag er in seinem Metier geradezu zu brillieren. Wir hören ein Quodlibet, das sämtliche Drehorgelmelodien der Neuzeit glücklich vereinigt. Wer hätte nicht schon einen M c ch a l k e t Chajim gehört, dem die Melodie: Wenn die Schwalben heimwärts ziehn, dienstbar gemacht ist? Oder einen Hajom Haras aus dem die „letzte Rose" hervorblüht? Und die Gemeinde fällt begeistert ein, denn es sind ja so geläufige Melodien'. Uns fehlt der gebührende Ausdruck für die richtige Kennzeichnung einer solchen, allerdings gut gemeinten Entwürdigung unserer heiligsten Gebete. Zur Verbannung derartiger Improvisationen kann der Knltusbeamte sehr Vieles beitragen. Bor allem