Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1909)
- Date
- 1909-09-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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rTC- Seite 4. 9. September 18V8 Der Mrarltt. Nr. 86 Die Uurechtfertigkeit der Tat und des Gedankens erfordert zu ihrer Verhüllung einen großen Aufwand von Beredsamkeit, die durch täuschenden Phrasenschwall Gewalt und List mit einem hurtigen Schein von Loyalität umgeben möchte Deshalb folgt im Leben wie in unserer in auf iaV?a: '£11 iai21 Wir haben Verwerfliches geredet! Hierher gehört die große Legion der Zungensünden: das unnütze Reden, sowie das Wort, das im Dienste der Doppelzüngigkeit steht, das anders über den Mund geht als es unausgesprochen im Herzen ruhte, das verschieden lautet, je nachdem der, dem es gilt, anwesend oder abwesend ist, das Wort, das im Dienste der Bösrede, der Verleumdung, der Lüge, der List, der Heuchelei und Schmeichelei, der' Unanständigkeit und der übrigen zahllosen Ausgeburten menschlichen Schwäche und Leidenschaft steht. Diese Zungensünden sind alt wie die Mahnungen unserer großen führenden Geister, die zu jeder Zeit in allen Variationen gegen diesen Mißbrauch die Stimmen erhoben haben. Auch bedarf es keines großen Scharfsinnes, um ihre Verwerfichkeit dazutun, jeder sieht sie ein, und diejenigen am meisten, die ihnen fröhnen. (Fortsetzung folgt.) lllimsnM «Nil Judentum. Aus dem literarischen Nachlasse von Solm Berlin. IV. Alle späteren Kriege Israels waren nur Verteidigungskriege, und selbst der König David sollte den Tempelbau, den er beabsichtigte, nicht ausführen, weil seine Regierung eine kriegerische war.. Dies war dem wirklichen Friedensfürsten Salomo Vorbehalten. Auch das ganze Verhalten Israels gegen die heidnischen Völker war mehr defensiv, als offensiv, mehr auf Abwehr,, als auf Angriff gerichtet. Während die Waffen des Geistes unerbittlich gegen das Heidentum geführt wurden, verfolgte das Gesetz ein Jsolierungssystem wie es schon der heidnische Seher erkannte, Dy 71 2Pin' N*? D'ia2i 712121 -112*?, eine scharfe und strenge Abgrenzung, aber nicht im gehässigen Sinne, sondern lediglich damit Israel von den heidnischen Sitten, Gebräuchen und Gewohnheiten selbst unbeeinflußt lebe und sich entwickele, und in dieser Sittlichkeit im stände sei auf die Völker außerhalb einen bildenden Einfluß zu gewinnen und seine weltgeschichtliche Aufgabe zu lösen. Im Anschluß an diese Betrachtung sei auch noch eine aus Unverstand häufig zum Angriff benutzte Stelle des Talmud erwähnt. Zu dem Gesetze *?11N2 HD' '2 DIN bemerkt nämlich der Talmud DIN D'lip D'122 nVi DIN OHp DIN eine Stelle, die keineswegs, ganz dem Geiste des Judentums und seiner Schriften entgegengesetzt, der nichtjüdischen Welt den Begriff Mensch streitig machen will, sondern in Wahrheit nichts anderes besagt, als daß da, wo es sich um Erteilung von Gesetzen handelt und DIN nicht im Sinne und Begriff des Wortes Mensch, sondern in der Bedeutung ,,Jemand" steht, das Wort nicht auf Nichtisraeliten bezogen werden soll. Denn die Gesetze der min sind nur Israel zur ewigen Verpflichtung erteilt, alle übrigen Menschen find vollkommen Gerechte vor Gott, wenn sie nur die früher erwähnten allgemein menschlichen noachidischen Gebote gewiffenhaft beobachten. In diesem Sinne lehren unsere Weisen: nV? P*?i Dl*? v' 1"N 'i'Di. „Die Frommen aller Völker haben Anteil an der ewigen Seligkeit". In diesem Sinne lehrt auch der NiLO: dun ntry iw# 'Castro iNi Tipi nN omew TO PN D'*?N1tT'l D"1*? 0\312 0.12 '11 D1N.1 .11112 pDiyn '123'l*?'£NtT lö^ö D1N.1 N*?N JN2 .*?iia 7122 rV'.i D'P'1X ia:i D'yiDN lOitr P"12 ia 'IM ms '12'2;12 Aus allen diesen Sätzen folgt, daß selbst ein Nichtisraelit, der das ihm erteilte Gesetz beobachtet, dem Hohenpriester gleichkommt. Und so sehen wir an diesen Stellen auch dem Nichtisraeliten, allen Menschen ohne Unterschied, ewiges Leben, ntry' itrN, Gottesnähe, LniM 111S Glückseligkeit D'p'is iaai und Heil .12'ttn L2'21L2*? '1 gewährleistet. Aber nicht nur in den Pflichten der Gerechtigkeit und der ausnahmslos geltenden Menschenrechte, sondern auch in der aus. den, sozialen Leben fließenden Menschlichkeit werden wir das Humanitätsprinzip im Judentum zur vollen Durchführung gelangen sehen. Der große Hillel hat einem Heiden, der an ihn gemäß dem Geiste seiner Zeit, wo man die Leere des Heidentums empfand und binnen kürzester Zeit alle vorhandenen Religions- und philosophischen Systeme kennen lernen wollte, die Zumutung stellte, ihm das jüdische Gesetz in der Zeit zu lehren, in der er auf einem Fuße stehe, die Antwort gegeben :iayn N*? ")i21*? *]*? 1D1 HD noa *?'tn nbits ii'Ni n*?i2 ,11111 *72 nm ni Dieser Satz aber, den ein jüdischer Weiser 100 Jahre vor der Tempelzerstörung bereits als Inbegriff der ganzen Lehre aufgestellt hatt, ist nur die negative Form für das in der .1111 erteilte Gebot "7102 "jyi*? 121N1, die in der rich Ligen Auffassung und Begrenzung des Gebotes ihre sofortige Erklärung findet. Die hier geforderte Liebe ist weder jener tierische Trieb, der in dem Genuß des einen durch den anderen besteht, noch die persönliche Sympathie und Zuneigung des einen für den anderen, sondern die Hin- Ö des einen für den anderen rein als . chen. Es heißt daher nicht “jyi IN 121N1, sondern *syi7 was den Nebenmenschen angeht- "pD2 ist hier nicht das Wie des Grades, das würde grade ebenso unmöglich sein, wie jeden Menschen persönlich zu lieben, sondern ist das Wie der Weise, und das Gebot wird daher von Hillel folgerichtig in der negativen Fassung dargestellt. In diesem Umfange und dieser Begrenzung stellt sich dieses Gebot aber als ein allumfassendes Prinzip dar, denn das Wort *]'y'i von nyi „verbunden sein", umfaßt alle Menschen ohne Unterschied der Geburts- und Rangverhältnisse, abgesehen von der persönlichen Zuneigung oder Abneigung, die wir für sie empfinden. Wodurch könnte dies deutlicher zum Ausdruck gelangen, als in den mannigfaltig erteilten Pflichtender Feindesliebe, die nicht bloß jede Untat gegen den Feind verbieten, die dem Haß und der Rache entstammte, sondern auch den Erweis tätiger Nächstenliebe fordern, in den nicht aus Haß und Feindschaft zu unterbrechenden Werken der Wohltätigkeit und der Gerechtigkeit. Daß auch der Heide selbst mit in dem Worte *]yi einbegriffen ist, steht außer aller Frage, es genügt der Hinweis auf die Stelle DJM '3TN2121 'iai inyi injd wni inyi in» it'n iwi, wo die Aegypter mit diesem Ausdruck bezeichnet werden, und wenn in den gesetzlichen Bestimniungen eine volle Gleichstellung nur hinsichtlich der Pflichten der Gerechtigkeit gemacht wird, der Erweis tätiger Menschenliebe dagegen als Pflicht nur für solche nichtjüdische Menschen gcforbeit, wird, die den von der Bibel gelehrten Gott des Himmels und der Erde anerkennen und sich zur Erfüllung der allgemein menschlichen Gebote verpflichtet bekennen, für den wirklichen Götzendiener aber nicht als Pflicht, sondern nur "ibtr '211 'aso, j so ist dies unter dem Gesichtspunkte der allgemein gültigen Regel zu fassen, daß in Colissionsfällen, j die höhere Pflicht stets die niedere verdrängen soll, grade so wie der Talmud lehrt, daß bedürftige Frauen eher versorgt werden sollen, als Männer, Würdige eher als Unwürdige. Es kann also auch hierin keine Beschränkung des allgemein anerkannten und durchgeführten Humanitäts-! prinzipes gefunden werden. Wir sehen ab von der wahrhaft Staunen erregenden Durcharbeitung der Wohltätigkeitsgesetze in der talmudischen die nie über den Zweck ihres Treibens nachgedacht haben und mit ihrer Lebensweise sich und andern halb unbewußt großes Unrecht zufügen, Gewissensgual durch unerkannte Schuld, Reue über selbst zerstörtes Glück treten Rabbi Chaim vor die Seele zulammen mit den Ereignissen jenes Tages. Er fühlt, daß der Vorsteher Mendel Wolfs ihm nichts getan hat: jemand anders ist sein Feind gewesen, aber er begreift nicht, wer der Feind war. Die Geschichte war so: An einem Nooemberabend, als er eine Predigt beendet hatte und schon mit frohem Herzen das Klappern der Vöünzen im Teller vernahm, kam eiligst ein Jude aus seinem Geburtsstädtchen auf ihn zu und überreichte ihm einen Brief. Rabbi Ehaim erschrak, als er den Boten und den Brief sah. — Ein Brief! Von wein konnte der denn sein? Doch nur von seiner Frau, und die hatte ihm doch nicinals geschrieben! Wie sollte sie es auch, da er doch stets nur kurze Zeit an einem Plast verweilte! Er pflegte ja auch keine Briefe nach .Hause zu senden. — Gekonnte nichts Geschriebenes lesen: der Snnagogendiener las ihm den Brief vor: Der Bader seines Städtchens teilte Rabbi Chaim mit, er solle sofort nach Dause kommen, seine Frau liege im Sterben. Sogleich mietete er eilt Fuhrwerk und fuhr ab. Die Wege aber waren ausgeweicht, und erst am dritten Tage gelangte er in sein Städtchen. "Müde, hungrig und durchnäßt trat Rabbi Chaim in den dunkeln Vorraum seines Häuschens. Es war schon nach Mitternacht. Er erschrak, als er dasselbe offen fand, denn es pflegte abends abgeschlossen zu sein. Einen Moment stand er im Dunkeln an der Tür seiner Stube und horchte, aber er hörte nichts. Nur von der andern Seite des Vorraumes, lvo der Stall für seine Kuh war, vernahm er das tiefe, schnelle Atmen und das Fletschen des Tieres beim Wiederkäuen. Rabbi Chaim drückte die Türklinke nieder. Mit dem ersten Blick sah er alles: In der Mitte der Stube, auf dem Boden, wie es in Rußland Sitte ist, barg eine schwarze Decke etwas, wie die Gestalt eines langen, hagern Körpers. Aus dem obern Ende guckte ein weißes Kopfkissen hervor. Einige fast niedergebrannte Talgkerzen standen in denMessingleuchtern herum, in welchen seine Frau am Sabbath die Kerzen zu entzünden pflegte. Reben dem Fenster auf der Holzbank saß eine alte Frau, die Tvtenwächtcrin, und schlnininerte. Die Flammen der Kerzen bogen sich von der geöffneten Tür iveg, indem sie ihre roten Köpfe zeigten, als wichen sie vor dem Eintretenden zurücl, und die alte Wächterin sprang schnell von ihrem Sitze auf- Rabbi Chaim chlieb starr an der Schwelle stehen. Sein Kopf wurde ihm auf einmal so schwer, als wäre er mit Blei gefüllt. „Wann?" stammelte er. „Gegen Abend", erwiderte die Wächterin, mit ihrem zwar dumpf traurigen, aber teilnahmslosen Ton, der Leuten solchen Berufes eigen ist. „Bis zum letzten Augenblick war sie bei vollem Verstand", fuhr die Alte fort, „ihre letzten Worte waren: „Chaim, wo ist Chaim?" Sie warvier Wochen <rank, die Nachbarin Beile fand sie ohnmächtig alt einem Abend vor der Schwelle, seit der Zeit konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Beite hat sie gepflegt, und der Bader kam dreimal am Tage. Beite ist wirklich eine goldene Frau. Sie paßte auf, als ob die Kranke ihre Mutter lvärc. Erst vor einer halben Stunde habe ich sie kaum überreden können, nach Hause zu gehen, um sich eilt' wenig auszurnyen." Rabbi Chaim sah zwar die Erzählerin -mit weit geöffneten An gen an, aber er hörte nicht alles. Er begriss nur eins, in welch unglücklicher Gnsamkeit und Verlassenheit seine Frau gelebt hatte und gestorben war. . Und wer war schuld an diesem furchtbaren Lebert? Rabbi Chajim hatte geheiratet, weil es sich nicln schickte, nach der Ansicht seiner Mitmenschen, nnvor heiratet zu sein. Aber er war innerlich seiner Frau ganz fremd geblieben. Auch als er noch Dortschnci der war und nur den Sabbath und Sonntag im Hause zubrachte, hatte er sich nicht viel mit seiner Frau ab gegeben. Zu erzählen wußte er nichts; die Gemüt lichkeit der warmen Stribe und das Behagen nael! dein schmackhaften, wohl zubereiteten Mittag ssen er weckte in ihm nur die Lust nach dem Talmud unb den heiligen Bücherrr. Er saß imrner über einem Folianten, oder er ging ins Bethhamidrasch und bracht dort fast den ganzen Tag zu. Rabbi Chaim merkre nie, wie ilurig die großen, dunkeln Augen seiner schmächtigen Frau ans ihn schauten. Welln er seine Augen auf sie richtete, saß sie über ihrem Gebet buch oder strickte eifrig an einenr Strumpf. An dem Tage jedoch, an dem er fick' von ihr in Prediger tracht, als Magid verabschiedete, öffneten sich ihrc Augen so weit, und sie schauten so traurig, daß sicb in Rabbi Chaiins Herzen etwas zu regen begann. „Wann sehe .... ich . ..", wollte sic sagen, aber sic saßte sich und fragte: „Wann kommst du wieder?" Ihre Stimme zitterte, als sie die Worte sprach, aber Rabbi Chaim verstand sie nicht und antworteten „So Gott will, zu Pessach, nach einem viertel Jahr." Starr und verständnislos sah sie ihm zu, als er' das Geld zählte, um es ihr zu lassen. Seit der Zen kain er nur noch an jedem größeren Feiertag; aber auch dann war sein Aufenthalt ebenso, wie damals, als er noch Dorfschneider war. Während er bei Tiscl"' saß, wußte er jetzt zwar etwas zu erzählen. Tie meiste Zeit jedoch brachte er immer noch mit Lernen in der Synagoge zu. (Fortsetzung folgt.)