Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-09-09 · Heft 36 (9.9.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 36 (9.9.1909)
Date
1909-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449389--65845-2508505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

9 September 1909 Der JSratttt. Wo. 36 «eitt 3 müssen wir leider zunächst nicht an die antisemitische polnische Presse, sondern an einen Warschauer Juden richten, der ganz unnötiger und höchst taktloser Weise in einem dort erscheinenden Blatt gegen das Tschechentum auftrat. Daß die polnischen Antisemiten aus der Taktlosigkeit eines Juden Vergehen der Judenheit machen würden, war leicht vorauszusehen. Eines aber ist und bleibt bei dieser brutalen Kampagne gegen die „Fremden" unerklärlich und zeigt, daß das logische Denken nicht gerade Sache der Allpolen ist: Tschechische Vertreter des Panslavismus kommen nach Warschau, um die Polen für ihre großen Pläne zu gewinnen/ sie werden mit Begeisterung empfangen. Als Festesgruß weiß aber das führende Polenblatt nichts Vessers zu tun, als eine Hetze gegen die Juden ins Werk zu setzen und sie der Freundschaft mit den Russen zu verdächtigen, den Ruffen, die ja in erster Reihe als die festeste Stütze des Panslavismus gelten. ... Diese Gesinnungsverwirrung, dieses Tohuwabohu in der Gedankenwelt der polnischen Antisemiten, mag sehr amüsant sein, für die Juden aber auch in vieler Beziehung sehr lehrreich. Sie müssen die erste Gelegenheit ergreifen, um den Polen zu Gemüle zu führen, daß es grundfalsch sei, von polnischen Juden und .rusfisch en Juden zu sprechen, daß es nur eine durch die gleiche Not, und die gleichen Interessen vereinte russisch-polnische Judenheit gibt, diese aber vorerst so viel eigene Sorgen hat, daß sie der Sache der Allpolen oder des Panslavismus nicht das geringste Interesse abzugewinnen vermag. Nu; arm Macbror Kr air . D’KlIil Ü'W- Tn ui. liStt wir haben geraubt. Vom Raub, der sich fremden Besitz mit offener Gewalt aneignet, im Gegensatz zum Diebstahl, der es heimlich tut, mögen sich viele frei glauben, die vor Gott mit dem Bekenntnis hintreten. Aber wie wir im Deutschen die beiden Bezeichnungen nicht scharf von einander trennen und von einem Raub der Zeit, der Ehre u. a. m. sprechen, auch wo es sich nicht um einen brutalen, öffentlichen Eingriff in diese Güter handelt, so schließt auch die Bezeichnung wenn sie auch zumeist Raub bedeutet, doch jede Unrechte Aneignung fremder Güter in sich. Wer jedoch einen Blick auf die Mittel der Konkurrenz in unserem Geschäftsleben wirft, die man täuschend und. beschönigend die „freie" nennt, der stößt auf so viel Beute- und Raubzüge, daß alle, die sie im Laufe des langen Jahres mitgemacht haben, sich wohl vor Gott bekennen mögen: Wir haben geraubt! Die Spekulation auf die Unwissenheit und Unerfahrenheit anderer, die Überredungskünste, die skrupellos angewendet werden, um ein Geschäft zu machen, mögen beim großen Troß immerhin als kaufmännische Tugenden gelten, in Wirklichkeit sind sie eine Beraubung schlimmster Art, eben deshalb, weil sie außerhalb unseres Sündenbekenntniffes nicht mit dem rechten Namen genannt werden. Wer einen Keffel stiehlt, ist ein Keffeldieb, wer eine Million stiehlt, ist ein Millionär. Wer sich das geringste fremde Gut widerrechtlich aneignet, hat gestohlen, wer ein ganzes Land fortnimmt, hat es annektiert. Durch diese Falschmünzerei, die in zahllosen Fällen mit den vom Leichtsinn geprägten und von der Gedankenlosigkeit weiter gegebenen Worten geübt wird, fällt die richtige Kenntnis und noch mehr düs Bekenntnis des von uns geübten Unrechts so schwer. Sie ist eine der vielen Scheidewände, die sich zwischen uns und unseren himmlischen Vater stellen und die heiße Sehnsucht um Sühne unserer Vergehungen aus dem von dieser Täuschung befangenen Herzen so schwer den Weg zu Gott finden lassen, daß das Bekenntnis unserer Verfehlungen eben mit .der Bitte ‘pfiV i:r6sn einleitet, daß unser Gebet trotz dieser Hindernisse zu Gott gelangen möge. Aber selbst wer sein Geben und Nehmen, wer seinen Handel und Wandel bei diesem Bekenntnis vor Gott redlich prüft und Ihn dafür als Zeugen anrufen kann, daß sich in seinem Besitz kein Heller findet, an dem der Fluch eines Ueberlisteten und Uebervorteilten klebt, selbst der braucht diese Prüfung nur mit jüdischer Gewissenhaftigkeit zu vollziehen, um sich leicht zu überzeugen, daß er bei diesem Bekenntnis nicht mit einer Unwahrheit vor Gott hintritt. Diese Gewissenhaftigkeit findet den Raub bei Beziehungen und Anlässen, bei welchen die große Maffe ihn nicht einmal sucht und bezeichnet ihn als diejenige Sünde, die unter allen zuerst als Anklägerin gegen denjenigen, der sie begangen, auftritt. bn aifcpo w naiy bv ikd lwra.ntepD. Wenn die Sprüche des Weisesten der Weisen von der Beraubung der Armen warnen, weil Gott ihren Streit führt und Gott ihren Räubern das Leben raubt (Mischte 22, 22, 23), so bezeichnet der Talmud im Hinblick auf diese Warnung jeden R i ch t e r als Räuber, der widerrechtlich dem einen einen Betrag abspricht und ihn dem andern zuerkennt (Sanhedrin 7 a). Das Verbrechen des Raubes beschränkt sich jedoch nicht auf die wiederrechtliche Entziehung irdischer Güter. Alles Plagiat, alles Schmücken mit fremden Federn, jeder, der einen Ausspruch tut, ohne denjenigen zu nennen, von dem er herrührt, hat den rechtmäßigen Eigentümer damit beraubt (Midrasch Mischte 22, 22). WKV?2 1DK3V 1tt*?2 121p 11DK DtP2 121 Ivltt Kin *?1 '2 H Wer sich von der Welt einen Genuß gestattet, ohne die dafür bestimmte ,1212 zu sprechen, har gleichsam Gott und die jüdische Gesamtheit beraubt (Talmud Berachoth Fol. 3b d.), denn er schmälert durch diese versagte segnende Gotteshuldigung den Gottessegen. Ja, jeder, der die Massen zu einem Unrecht verleitet, hat damit Gott und. die so Verleiteten beraubt. Er hat Gott die Seinen und diesen die Güte Gottes entzogen. ,i"2p.i? bm D'2in nK K'önon 'Wd '"tsn) ,1212 ono Vroi 1^2 uvv -norw (i"2 n"2. Diese Gewissenhaftigkeit nennt denjenigen, der einen bloßen Gruß nicht erwidert, einen Räuber (Talmud Berachoth Fol. 6 b) und gibt überhaupt dem Begriff des Diebstahls eine Ausdehnung, die man außerhalb des jüdischen Kreises noch bis zur Stunde so wenig kennt, daß es dafür nicht einmal eine Bezeichnung gibt. Wer so spricht oder handelt, daß er bei jemand den Glauben an eine besondere Zuneigung erweckt, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist, das Wort oder die Tat ist eben nur erfolgt, um diesen Schein zu erwecken, sind aber nicht der Ausdruck der wahren Gesinnung, so hat diese Täuschung dem Getäuschten die rechte Meinung über die wirkliche Gesinnung des so Sprechenden oder Handelnden ge stohlen,eine Unredlichkeit, die als npi li2'33 bezeichnet wird und nur sehr unzulänglich als Meinungsdiebstahl in unsere Sprache übertragbar ist. Dazu gehören z. B. Einladungen und Anerbietungen, von welchen man im voraus weiß, daß sie nicht angenommen werden/ wenn ferner jemand ein frisches Faß ansticht und in einem ihn besuchenden Freund die Meinung erweckt, es sei seinetwillen geschehen, während der Anstich auch ohnedies erfolgt wäre, und ähnliche Fälle, die der tägliche Verkehr auf Schritt und Tritt in Hülle und Fülle bietet. Die gewissenhafte Rücksichtnahme auf alle diese kleinen Züge, die der gedankenlosen Leichtlebigkeit kleinlich erscheinen mögen, verleihen unserm Tun und Lassen, unserm Reden und Schweigen, unserm Denken und Wollen ein Gepräge der Redlichkeit, Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, das heute in unserem gesellschaftlichen und geschäftlichen Verkehr so schmerzlich vermißt wird. ohne Wort und ohne Ton, im Auge der stumme Dank blinkte, und so GotteS Güte wiederschten — da ist Sara den spätesten Geschlechtern die Wegweiserin der Dankgebete, die auch Israel gar oft nach den beglückenden Stunden und erhebenden Ereignissen zu Gott emporsandte. Noch heute find fie die Zierde des Menschen, der stch nicht für unwürdig halt, den Dank durch eine Träne abstatten zu können Und von Sara wendet sich unser Blick zu Hanna, der Prophetenmutter! Auch ihre Jugend floß trübe und hoffnungslos gleich SaraS Jugend dahin, zu ihrer Sorge und ihrer persönlichen Betrübnis gesellte .fich aber auch noch die Herachtung und der Spott, denen fie preisaegeben war! Ihr hat kein Engel ein Glück für die Zukunft verkündet, ihr auch keine Ausfichten aus einen späteren Reichtum gemacht! Da ging fie in den Tempel nach Silo und betete für fich. Und ihrem wunden Herzen erpreßte das Leib und der Kummer Tränen des Schmerzes und ihre Wangen näßten fich von den bitteren Zähren, die dem Auge entfloffen. Und Hanna betete: ,O, Gott, schaue doch oas Eiend Deiner Magd, die stch schwerbctrübten Herzens Deinem Heiligtum genaht! Aus der Fülle der Menschen, die das Erdenrund betreten, solltest Du bloß mir Muttersteuden versagen? Bin ich l icht stets Deine Magd gewesen, die in der gewissenhaftesten Erfüllung der heiligsten Frauenpflichten die Heiligung Deines Namens angestrebt? Und nun gib mir doch als Lohn einen Sohn, b.r ein D'tt in veS Wortes c -elfter Bedeutung wird, einen w.tstn, prophetisch veranlagten, einen großen, b»ffen ganzes Leven D.r und der Berbrettung Deines RamenS geheiligt sein soll!" iJalku z. Stelle.) Wie aufrichtig und herzlich mutz doch dieses Gebet gewesen seit», das mit tränenerstickter Stimme lbrem innersten Empfindenund fühlen Ausdruck verlieh! Die Stimme ihreS GebetS wurde nicht gehört, aber daß fr schluchzen und Mitten kam»/ vor Gott schluchzen und weinen kann. d.s hatte selbst der alte Priester noch nicht gehört. Ec zweifelte daran, daß diese Tränen den tiefsten Tiefen ihres schwererfüllten HerzenS entquollen und hielt fie daher für eine Person, die in einer für daS Gotteshaus unwürdigen Verfassung die Schwelle des Heiligtums betreten. Erst die Aufklärung darüber, daß die Tränen eine Bitte für die Zukunft vortrugen, ließen den greisen Propheten einen Hoffnungsstrahl ausgehenden Glücks in das Herz feiner betrübten Tempelbt sucherin senken. Und ihre Tränen, fie lehren uns aufzumerken auf das, was uns fehtt. Uns fehlt die unserm Borfahren in so reichem Maße verliehene Gabe, weinen zu können. Wir find eben schon so schwer an das Wort gebunden, uns ist oft die Form des Gebetes so zur Gewohnheit geworben, daß wir selbst bei den innigsten und herzlichsten Worten unserer Gebete nicht mehr weinen kö.men. Ein talmudtsches Wort erzählt von jenem ölten Weisen, der erfüllt von heiliger Andacht beim- Gebete gar nicht merkte, daß die TrSnm bet seinem Gebete zu einer Wasseransammlung um ihn geworden waren. Wahrlich, wie muß das Herz dieses Mannes und feine innerste Ueberzeugung fich an der - prache seiner Lippen beteiligt habm! Es ist unser Unglück, wenn wir nicht mehr weinen können, dennoch find die Tranenpforten vor dem Gottesthrone nicht verschloffen. Und ist es nicht die Unwahrheit, die gegen uns zeugen wird, wenn wir in gedankenloser Rebe d.s Paitons Wort nachsprechen, das oft unsere Träne« für uns sprechen läßt? Wah.lich, in den Stunden unserer Wünsche sollten wir un ere Kraft zeigm. und wieder weinen können. Die Träne, welch? die Butze und Bitte vor Gott zum Opfer dringt, baß durch fie der verjährte Trotz milde schmilzt, und die Felsenlast der alten Sünde vom neugeborenen Herzen wälzt, fis allein vermag den ernstm Tagen des Rosch-Haschonoh eine verdoppelt geweihte Kraft zu leihn, um zu erreichen des Lebens Ziele, erfüllt zu seh n o»S Lebens Hoffnungen und segnmde Kraft zu erringen, für die des Psalmisten Wort gilt: iiLp' nms .12212 D'jmn- 1 B. Kleines Feuilleton Oer Zerediva-SclMitlrr. Kulturbild von Max I. Salzberg. (Fortsetzung.) Wann hätte wohl Rabbi Chaim diesen Beruf niedergelegt? Diese Frage schien nie in ihm aufaetaucht zu sein. Vielleicht dachte er, sein Amt erst zusammen mit seiner Seele aufzngeben, aber nicht der Tod entriß ihn seinem Predigerberuf, sondern ein Mann zwang ihn, wieder die Schneiderei zu ergreifen, dieses ihm so verhaßte Handwerk. Ein Mann, der Vorsteher einer kleinen Gemeinde. Mendel Wolfs! Dieser Name entschlüpft oft den dünnen, blassen Lippen, wenn Rabbi Chaim niedergeschlagen in seiner Ecke sitzt, nachdem er das furchtbare Wort „Schneider" von einem gereizten jungen Manne zu hören bekommen hat, oder wenn ihn der Hunger quält, und man ihm keinen Teller Suppe mehr borgt. Aber merkwürdig, der Name entschlüpft ihm, ohne daß Rabbi Chaim dabei zornig wird. Wirre Vorstellungen: eine quälende, unerklärliche Unzufriedenheit, wie sie oft Menschen überkommt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.