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Der Israelit · 1909-09-09 · Heft 36 (9.9.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 36 (9.9.1909)
Date
1909-09-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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V^1’-'''-'<■:'■/**’■■:*'■■'—-r-'-■* *°* - .-'■ -. - ';'•. ■ '^-V••!-;• f~ //' . .r" «eite L «r. 86 Ttt WmtM S. September LVVÜ jüdischen Kultus. Im Laufe des 19. Jahrhunderts haben jedoch die Klein- und Mittelgemeinden an Boden verloren; wie ihre Zahl von 205 auf 169 herabgegangen ist, so beherbergen sie jetzt nur noch 48,72 PCt. aller hessischen Juden. Dafür ist die Zahl der Grokgemeinden (mit mehr als 500 Juden) von 4 auf 7 und die Zahl der in ihnen lebenden Juden von 3797 auf 10,238 gestiegen. Ueber 2 5 (41,46 pCt.) aller hessischen Juden wohnen in diesen Großgeme nden, während im Jahre 1828 der entsprechende Prozentsatz nur 17,88 betrug. Eine sehr wichtige und für die ganze deutsche Judenheit bedeutungsvolle Arbeit ist durch eine besondere Tabelle (XIV, S. 41) über den Altersaufbau der hessischen Juden geleistet worden. Geschieht es doch zum ersten male, daß' für die Juden eines deutschen Bundesstaates die Altersgliederung festgestellr wird. Welche Bedeutung das hat, muß auch dem Laien klar werden, wenn er sich z. B. der Anklagen erinnert, die von antisemitischer Seite so gern erhoben werden. Darnach seien bei einzelnen Vergehen die Juden mit Ziffern beteiligt, die weit über ihren prozentuellen Anteil an der Gesamtbevölkerung hinausgehen. Gegen diese immer wiederkehrenden Anklagen hat man ja bereits mit Recht darauf hingewiesen, daß es sich hier ausschließlich um Berufs-Vergehen handelt, die wie z. B. Wechselfälschung, Bankerott re. nur innerhalb eines bestimmtes Berufes Vorkommen können. Ein Vergleich sei also nur zulässig, wenn nicht die Ziffern der Gesamtbevölkerung, sondern jene der Berufsangehörigen einander gegenüber gestellt werden. Äun zeigt uns die vorliegende Arbeit, daß in der deutschen Kriminalstatistik, die ja jenen Anklagen als Unterlage dient, noch eine zweite Fehlerquelle verborgen ist. Bei der Berechnung der Kriminalitätsziffer für Christen oder Juden wurde bisher angenommen, daß der Prozentsatz der Strasmündigen*) unter Juden und Christen gleich sei. „Durch diese unrichtige Annahme wurden die Berhältniszahlen, welche ausdrücken, wieviel Verurteilte auf je 1000 strafmündige Christen und Juden entfielen, für d e Juden zu hoch. Bisher konnte jedoch nicht genau entschieden werden, um wieviel sie zu hoch waren. Nunmehr läßt sich, wenn man alle Personen über 15 Jahre als strafmündig und die Verhältaisie in Hessen für ganz Deutschland als, typisch ansieht, sagen, daß die Juden um 7,1 pCt. mehr' Strafmündige unter sich haben als die Christrn und daß die an sich günstige Kriminalität der Juden in Deutschland unter Berücksichtigung dieses Umstandes sich noch erheblich günstiger gestaltet." Das der Schulbildung gewidmete Kapitel zeigt uns das typische Bild der großen Opfer- *) Nach drn §§ 55, 56 St.G.B. können Personen unter 12 Jahren überhaupt nicht und solche von 12—18 Jahren nur dann bestraft werden, wenn sie bei Begehung der strafbaren Handlungen die zur Erkenntnis ihrer Strafbarkeit erforderliche Einsicht besaßen. Willigkeit, das die Juden auf diesem Gebiete von jeher auszeichnete. Der Jude b gnügt sich nicht mit dem Mindestmaß an Schulunterricht, den der Staat heute jedem Vater für seine Kinder zur Pflicht macht, sondern so weit er es irgend zu erschwingen vermag, läßt er ihnen den Unterricht einer höheren Schule zu Teil werden. So ergibt sich für Hessen das Resultat, daß von -den christlichen Schülern nur 10,91 pCt., von den jüdischen 51,80 pCt. einen über die gewöhnliche Volksschule hinaüsgehenden Unterricht erhalten. Mit Rücksicht auf den hier zur Verfügung stehenden Raum müssen wir es uns versagen auf den zweiten Abschnitt, der die Verhältniffe der Juden als Religions- und Kultusgemeinschaft klarftellen will, näher einzugehen. So dankenswert der Versuch sein mag, auch diese Beziehungen statistisch zu erfaßen, so kann man diesen Abschnitt der fleißigen Arbeit nicht gerade als in allen Teilen gelungen ansehen. Wenn wir z. B. erfahren, daß von 200 Gemeinden, 35 täglich, 147 allsabathlich, 18 nur an den hohen Festtagen Gottesdienst abhalten, so sind das ja an und für sich ganz interessante Ziffern aber einen Rückschluß auf die Religiosität der betreffenden Gemeinden lassen sie nicht zu. Es kommt hinzu, daß der Verfasser hier nicht überall über die nötige Sachkenntnis verfügte. So erfahren seine Ausführungen im Texte durch Fußnoten öfters Berichtigungen oder gar Widerlegungen (s. S. 70) und so konnte es geschehen, daß z. B. bei dem Abschnitt über die Rabbiner jeder Hinweis auf die Zweiteilung derRabbinate für Starkenburg und Oberheffen (je ein orthodoxes und liberales beflnden sich dort) gänzlich fehlt. So liegt denn der Wert der Arbeit vorwiegend in ihrem ersten, den sozialen Verhältniffen gewidmetem Abschnitt, dem uneingeschränktes Lob gespendet werden darf. y/ LtV KochenrvnSschav. RuffUdie und polniidie Juden. Es ist eine beliebte Art der Antisemiten aller Länder gegen die ausländischen Juden zu kämpfen. In Rumänien sind darunter alle Juden gemeint, auch diejenigen, die Militär- und Kriegsdienst geleistet, und deren Ahnen seit unvordenklicher Zeit im Moldaugebiet ansässig waren. So leicht haben es die Antisemiten in den Kulturländern, da wo die Konstitution auch den Juden Bürgerrechte gewährleistet, nicht. Darum gilt dort die „Propaganda der Tat" zunächst den wehrlosen, außerhalb der Verfassung stehenden ausländischen Juden. Selbst in konstitutionellen Staaten, die über den Verdacht des Antisemitismus erhaben sind, wird in den letzten Jahren gar oft diese wenig rühmliche Taktik den Ausländern gegenüber verfolgt. In England und Amerika, wo Juden Ministerposten bekleiden, konnten Gesetze zustande kommen, die jüdischen Emigranten ohne zwingenden Grund den Weg in die Freiheit versperren, unglückliche Familien quseinanderreißen und Hunderte ins Elend, dem sie eben erst mit knapper Not entronnen sind, zurückdrängen. Jntereffant ist es aber, daß der Antisemitismus, der jetzt, wenn auch noch leise und schüchtern, im freien Ungarn sein Haupt erhebt, sich als erste Zielscheibe für seine Experimente die Ausländer erkoren hat, d. h. die jüdischen Händler und Gewerbetreibenden, die aus der anderen Reichshälfte, in der Hoffnung, dort beffere Existenzmöglichkeit zu finden, über die Leitha gingen. Ihnen werden jetzt Patente und Hausierscheine beharrlich verweigert und damit nicht zufrieden, plädieren gewiffe magayrische Scharfmacher für eine völlige Absperrung der ungarischen Grenze gegen die galizischen Einwanderer. Diese, der nationalen Leidenschaft der dunklen Masse sehr entgegenkommende Politik hat fast überall einen die Antisemiten befriedigenden Erfolg gezeitigt und macht daher auch überall Schule. Daß aber die Judenfeinde in ihrem Verfolgungswahne einmal so weit gehen könnten, die Polen, einschließlich der polnischen Juden, zum Kampfe gegen die dort ansäffigen russischen Juden aufzurufen, hätte gewiß kein Mensch geglaubt, würde man dieses groteske Schauspiel nicht jetzt tatsächlich im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, in Russisch Polen erleben. In dem in Warschau erscheinenden grobpolnischen Organe Dzien werden jetzt täglich Artikel voll Gift und Galle gegen die Litwakt, d. h. die aus Litauen stammenden und in Polen ansäffigen Juden losgelassen, Artikel, die das Volk zum Selbstschutze gegen die alles russifizieren den fremden Juden aufforderen und sich allen Ernstes bemühen, einen Äntagonismus zwischen den russischen und polnischen Juden künstlich hervorzurufen. Und als Anlaß zu diesen Ausfällen dient dem Polenblatt der Besuch, mit dem jüngsthin die tschechischen Abgeordneten Warschau beehrt haben. Die Tschechen kamen nach Polen, um gemeinsam mit den „lieben Brüdern" panslawistische Interessen zu Pflegen. Der Besuch gestaltete sich in Warschau zu einem spontanen Nationalfeste. Was geht all dieses die Juden an? Diese Frage Die Gräne. Betrachtung zu R»sch-Hafcho«pH. Ben der hohen Verehrung, welche man den Frauen in Israel zollt, zeugt die Erscheinung, baß sich der Gottesdienst an dem Beginne eines neuen Jahres in seiner Thoravorlesung mit ihnen beschäftigt. An den ersten Tagen des jüdischen Jahres, die Israel in die Urzeit zurückversetzen, da aus dem wüsten Thohu des Allmächtigen Wort ein Eden erstehen ließ — an dem ersten Tage deS jüdischen JahreS, der als Tag der MenschheitSwerdung und Menschheitsbeurtetlung gewaltige Erinnerung zu erwecken vermag — hört Israel nicht die Erzählung dieser Weltentstehung, nicht die Geschichte deS ersten MenfchenpaäreS und seines Falles, nicht jene Gesetze und Vorschriften, durch deren Beobachtung erst Würde und Vollendung erstrebt werden kann! Nein, in Me Frauen Herzen läßt unS das Fest schauen und lehrt unS mit ihnen fühlen und empfinden. Sara und Hanna, jene beiden Jbealgestalten jüdischer Frauen, die durch die Erziehung ihrer Söhne einen neuen Ring an dm starken Bcmm dauernder Erinnerung gefügt, Votm dm Ordnem unserer Andachten reichlichm Stoff, um unS neben allem anderen die Art und Weise unseres Gebetes zu lehren. Ein zweifaches Gebet ist es, das in dieser ernsten Zeil unseren Lippen fich entringt, ein zweifacher Stamm, desien Wurzel „Leben" heißt und dessen Zweige fich in die Vergangenheit und Zukunft erstrecken. Ein Dankgebet für das durch Gottes Gnade im abgelaufenen Jahre erhaltene Leben, ein Bittgebet für das durch Gottes Gnade im neuen Jahre zu erhaltende! Und kündet uns die eine dieser beiden Gestalten, Sara, als die ältere, was es heißt, Gott für die Vergangenheit danken, dann lehrt uns die zweite, Hanna, wie wir für die Zukunst unsere Wünsche aussprechen sollen. Beide aber, Dank und Bitte, bedürfen jenes kostbaren Begleiters, der unserem Innersten entstammt und der sich die Träne nennt. Eine göttliche Gnade ist die Träne, wir bedürfen ihrer in Freud und Leid. Das Glück, es verdoppelt und verdreifacht sich, wenn eine Träne als Zeichen deS Dankes geweint wird, und die am Auge perlende Zähre, fie wirb zur glanzenden Perle, die Begleiterin wahrer Freude. Und das Leid, daS herbe und schwere, es mildert fich, wenn es sich in Tränen ergießt, in Tränen der Ergebung in den göttlichen Willen, in Tränen, die den Schmerz lindern — denn fie sind des Schmerzes heilig Recht (Grillparzer, Sappho 8, 5). Rührung und Freude, Trauer und Schmerz, Begeisterung und Bewunderung, Entzücken und Trostlofigkeit finden gar oft ihren beredten Ausdruck in der Träne, die fich oft unseren Augen entreißt, und an die der Prophet dmkt, wenn er einmal 1K2' '222 einladet, daß man fich mit Tränen zu Gott wendet und das andere Mal auffordert '222 *"jSp '222, daß man i ushöre zu weinen! Solche Tränen waren auch die Begleiterinnen der stillen Worte unserer tapferm Mütter Sara und Hanna, als fie zu Gott beteten. Hören wir einmal ihr Gebet! I. Es war in der Mittagsstunde des Frühlings, um die Zeit, da man Jahrhunderte später den Tag des Auszuges aus Aegypten feierte. Da kamen drei Männer des WegeS, kehrten auf die fteundltche Einladung des gastlichen Hausbefitzers Abraham bet im ein, und nachdem fie gegessen und gettunken, verkündeten fie eine beglückende Botschaft! Ein Lächeln umspielte die immer noch so schönen Gefichtszüge des bald neunzigjährigen Weibes, dem in der Jugend Mutterfreudeu versagt geblieben, ein Lächeln, daS fie über die dem menschlichen Ermessen nach unmögliche Verheißung htnwegtäuschen sollte! Und Tag reihte sich an Tag, und Moment um Moment verrann, und die Stunde, die schwerste Stunde im Leben der Frauen, brach auch für Sara heran, fie genaS eines Kläbletns! Und wieder lachte Sara! Aber das herzliche Lachen ließ Tränen, der Rührung und der Freude entstehen! In ihren Tränen' brückte fie den ganzen Dank aus für das Glück, daS ihr beschieden. Sie betete!! Und die Gewalt des Ereignisses ließ nicht aufkommen des Gebets Worte ober gar den Gesang! Am stillen Aufblick zu ihm, der sein Wort wahr gemacht, und ihrem Gatten den Träger seines Namens, den Erben seiner Güter, den Erhalter seines Stammes, den Fortpflanzer seiner Ueberzeugung geschenkt, stattete fie den Dank ab und sprach im Herzen, während Tränen des DankeS ihren Augen entströmten: „O Gott, der im Alter uns geschenkte Sohn wird auch wirklich unser Sohn werden! Eine Stütze unseres Alters kann er nicht fein, im Gegenteil, unser Alter soll seine Stütze bleiben! Ich danke Dir, baß nun Jsmael nicht mehr stch als Träger des Abrahams-Geistes der Welt preisen kann!" Wie oft mag wohl Sara vor ihrer schweren Stunde gebctet. haben, daß Gott den Sinn deS zukünftigen Sohnes lenke, auf daß er nicht ein Sohn deS Elendes werde! Und jetzt, ba ty der Stunde des Entzückens die Wonne fie wetnenließ, to i .. " ^\

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