Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1909)
- Date
- 1909-09-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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9tx. 35. Seite 7 2. September 1909. Der JSraelit. Stadtmagistrate, den Bedarf für die christlichen Schulen durch Sonderumlagen, unter Ausschluß der Israeliten, zu erheben, was jedoch abgelehnt wurde. Infolgedessen wurde das verwaltungsgerichtliche Verfahren eingeleitet und hat das kgl. Bezirksamt in Lichtenfels und infolge eingelegter Berufung die kgl. Regierung von Oberfranken in Bayreuth und der kgl. Verwaltungsgerichtshof in München als höchste Instanz zu Gunsten der hiesigen Israeliten entschieden nnd die Stadtgemeinde zur Rückzahlung der für Schulzwecke seit 1903 zuviel erhobenen Gemeindeumlagen verurteilt. Oesteweirh. Wien, 29. Aug. Die Schreckensherrschaft des Einwanderungskommissärs Williams auf der „Teufelsinsel" Ellis Island wird immer unerträglicher. Sie richtet sich jetzt auch gegen jene Gesellschaften, die dem Schutze der Einwanderer dienen und von jeher das Privilegium besaßen in Ellis Island einen ständigen Vertreter zu haben, der im Notfälle sofort eingreifen konnte. Nun will sich Williams der unbequemen Kontrolle dieser ihm verhaßten Gesellschaften entledigen, und er tut es in der bei ihm gewohnten kurzen, brüsken Art. So erhielt, wie ein Newyorker Telegramm meldet, die österreichisch-ungarische Jmmigranten-Gesellschaft vor einigen Tagen einen Brief von Williams, in welchem der Gesellschaft kurzerhand die Mitteilung gemacht wird, daß ihr das Privileg, einen Vertreter auf Ellis Island zu haben, entzogen wird. Gründe für diese Maßregel wurden nicht angegeben. Die Gesellschaft, die auch ein Jmmigrantenheim in Newyork unterhält, protestierte in einem energisch gehaltenen Schreiben gegen dieses Vorgehen, für welches keine plausiblen Gründe vorlägen, sowie gegen die Art, wie Williams die Gesellschaften geradezu von der Insel verjagt. Das österreichische Jmmigrantenheim hatte schon vor -1 Jahren, als Williams zun, ersten Male Einwanderungskommissär in Ellis Island war, einen schweren Konflikt zu bestehen, der mit dazu beitrug, daß Williams seinen Posten verlassen mußte. Das österreichische Jmmigrantenheim gibt den österreichischen und ungarischen Einwanderern, die sich dahin wenden Kost und Wohnung unentgeltlich und bemüht sich, ihnen Arbeit zu verschaffen. Besonders wichtig war die Rechtsschutztätigkeit dieser Gesellschaft, deren Intervention schon sehr viele Einwanderer vor sicherer Deportation bewahrt hat. Die Maßregel gegen die Gesellschaft richtet sich also gegen die österreichischen und ungarischen Einwanderer, gegen welche Williams von jeher eine besondere Aversion bekundet hat. Die österreichische Jmmigrantengesellschaft hat gegen die Verordnung Williams den Rekurs an den Handetsminister ergriffen. Wien, 28. Aug. Angesichts der antisemitischen Tendenzen des „Deutschen Schulvereins" hat die^,Oestr. Jsr. Union" die von befreundeten Seite an pe gelangte Mitteilung, daß der Deutsche Schulverein es mit den antisemitischen Bekundungen seiner Führer vereinbar finde, auch reiche Juden um „Bausteine" für den Rosegger-Wehrschatz" anzugehen, an mehrere Glaubensgenossen eine diesbezügliche Anfrage gerichtet. Herr Maximilian Paul Schiff antwortete auf diese Anfrage, daß ihm allerdings ein derartiges Ersuchen und ein gedrucktes Zirkular, das nicht nur von dem Obmanne Dr. Gustav Groß, sondern auch von den antisemitischen Vereinen: „Südmark", „Bund der Deutschen in Niederösterreich", „Bund der christlichen Deutschen in Bukowina" usw. unterschrieben war, zugekommen sei. Herr Paul Tchiff hat hierauf geantwortet, daß die Aufforderung an ihn irrtümlich ergangen sein dürfte, da er „ein Stammesgenoffe Heinrich Heines sei." Die Leitung des Deutschen Schulvereins richtete nun an Herrn Paul Schiff -das folgende charakteristische Schreiben: „Deutscher Schulcerein, 1., Bräunerstraße 9, Tel.-Nr. 1919. Zl. K. 20709. Wien, 25. Juni 1909. Herrn Maximilian Paul-Schiff, Baden b. Wien. Mit einigen Befremden erhielten wir Ihr geschätztes Schreiben und glauben, daß Sie bei Abfassung Ihres Absageschreibens irrig berichtet waren. Daß alle Schutzvereine unseren Roseggeraufruf unterfertigt haben, ist nur ein Beweis, daß zum Gelingen der Rosegger-Stiftung alle Deutsche ohne llnterschied der Parteiungen einträchtig Zusammenwirken sollen. Kommen doch die Schulbauten an der Sprachgrenze allen Aelteren zeugte, auch wenn sie, um mit Ihren Worten zu sagen, Sramniesgenossen Heinrich Heine's sind. In der Hoffnung, daß Sie sich dieser Ansicht nicht verschließen werden, zeichnet Mit Gruß und Hands lag für den Deutschen Schulverein G r o ß." Herr Paul-Schiff schloß nun den interessanten Brief-Wechsel mit folgender Entgegnung ab: Wien, am 29. Juni 1909. An das geehrte Präsidium des Deutschen Schulvereins! „Wien, 1., Bräunerstraße 9. g Ich bestätige init verbindlichen Danke den Empfang der geschätzten Zuschrift Zt. K. 20709 ddo. 25. Juni d. I. Es ist ganz richtig, „daß alle Deutschen ohne Unterschied der Parteiungen einträchtig zusammen wirken sollen," ebenso richtig, daß ich mich voll und ganz als Deutscher fühle und zu fühlen berechtigt bin. llm „Parteiungen" handelt es sich hier keineswegs, vielmehr ttm die Tatsache, daß mit Wissel: der Leitung des Deutschen Schulvercines ein Teil seiner Mitglieder den jüdischen Mitgliedern nicht nur die prinzipielle Zugehörigkeit zum deutschen Volke, sondern sogar die Menschenwürde — die Satissaktionssähigkeit — bestreitet, während mehrere Korporationen, welche den Anruf fertigten, jene Gesinnung statuarisch bekunden. Mit diesen Elementen an einem Kulturwerke mitzuarbeiten, lehne ich als Jude aus Selbstachtung ab, unter selbstverständlichem Perzeichte darauf, daß mir „die Schulbauten an der Sprachgrenze zugute kommen". Mit detn Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung ergebenst Paul-Schiff." Ruht and. Kowno, 27. Aug. Eine Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde hatte, als Vertreterin der jüdischen Wünsche und Angelegenheiten in Lithauen, eine Audienz beim Ministerpräsidenten Stolypin. Der Premier empfing die jüdischen Abgeordneten sehr freundlich und versprach, alle ihre Anträge zur Besserung der jüdischen Lage in den Westprovinzen einer eingehenden Prüfung' zu unterziehen. An einigen väterlichen Mahnungen an die Adresse der jüdischen Jugend ließ es natürlich der Herr Minister auch nicht fehlen, ob er auch, wie er bemerkte, die Juden Litthauens stets als Element der Ruhe und des Friedens zu schätzen wüßte. Ob es in der Macht des Ministerpräsidenten sein wird, die Verbesserungen im Sinne seiner Versprechungen herbeizuführen, muß nach den bereits wiederholt gemachten Erfahrungen stark bezweifelt werden. Weiterer Verschlechterung der Lage könnte allerdings der Minister leicht entgegenarbeiten, und zwar durch endliche Einstellung der Ausweisungspolitik, die eine Üeberfüllung und daher eine ungeheure Vermehrung des Elends im litthauischen Ghetto zur Folge hat. bewaltpolttik unö deren Folgen- Odessa, 29. Aug. Daß der Druck von außen auch die Verhältnisse im innerjüdischen Lager ungünstig beeinflußt, zeigt sich nirgends so sehr wie bei uns in Odessa. nc'N o'-nnci mn fcttm *{ino. Gewaltpolitik, gekennzeichnet durch Ausschluß der Juden aus der Stadtduma; eine Politik der Vergewaltigung und elenden Angeberei — in der jüdischen Gemeindestube, in der zumeist nicht egale Vertreter der in Not und harter Arbeit ich allezeit treu bewährenden jüdischen Massen fitzen, andern ein paar einflußreiche „Gemeindeeroberer". In der Leidensgeschichte der Juden Odessas wird auch General Tolmatschow, der in seinem Zäsarenwahnsinn alles begünstigt, was dazu angetan ist, nach innen und außen das jüdische Gemeinwesen zu ruinieren, eine nicht unbedeutende Rolle einnehmen. Heute kehrt sich der Aerger und der Groll der Odenaer Juden nicht gegen ihren sonderbaren General, der unbedingt ihr Vater sein will, sondern gegen seinen „intimen Freund", Herrn Awinowitzki. Awinowitzki ist einer der Führer der russischen Zionisten und seit einigen Jahren als Mitglied des von seinem General gegründeten „Geistlichen Rates der Juden . . auch Leiter der hiesigen Gemeindepolitik. Wer je Gelegenheit gehabt hat, A. beim Zionistenkongreß in Basel zu hören, weiß, wie fdjön und volltönend er von „nationalem Selbstbewußtsein" von Selbstachtung usw. zu reden versteht. Hier in Odessa munkelt man allerlei Denn, daß General Tolmatschow in alle jüdischen und Gemeindeangelegenheiten gut eingeweiht ist und von seinem Wissen ausgiebig Gebrauch macht, das müssen Personen und Institutionen oft genug zu ihren! Schaden erfahren .... Eine Tatsache ist andererseits auch, daß A. persona grata beim Generalgouverueur ist, der Jude, der die, die Regel bestätigende Ausnahm bildet . . Daß böse Zungen diese beiden Tatsachen hartnäckig in Zusammenhang bringen wollten, wurde ihnen von verschiedenen Seite stark verübelt. Nun hat sich Herr Awinowitzki selber verraten und einen Einblick in sein großes, für seine Brüder so warm schlagendes Herz gewährt, er hat es dabei seinen Verteidigern, wenn sich noch solche finden sollten, sehr schwer gemacht. Und das kam so. Das Ministerium des Innern fand den von A. unter dem Patronate Tolmatschows geleiteten „rabbinischen Rat" in Odessa ungenügend und drang auf die Wahl eines legalen Kronrabbiners. Dem hätte sich auch der allmächtige General beugen müssen. Allein Awinowitzki, der allen Grund hatte, bei einer ordnungsmäßig geleiteten allgemeinen Wahl eine Niederlage zu befürchten, wußte Rat. Er verfaßte ein Gesuch, welches durch Tolmatschow dem Ministerium übermittelt werden sollte und das u. a. folgenden Passus euthäit: „Die Rabbinerwahl in Odessa kann zur Zeit unmöglich vor sich gehen, da der revolutionäre Geist, der jetzt alle Kreise der jüdischen Gemeinde erfüllt, sehr ungünstig die Wahl beeinflussen müßte." Zum Glück bedurfte die Eingabe der Mitunterschrift der anderen zwei Mitglieder des Rates, die sie natürlich unter heftigem Proteste verweigerten. Vielleicht gelingt es ihnen denn auch, die gemeine, durchaus unbegründete und in ihren gefahrvollen Folgen ganz unberechenbaren Denunziation noch rechtzeitig zurückzuziehen — d. h. bevor sie noch den Weg zum Ministerium gesunden. Denn dem Herrn Generalgouverneur dürfte sie kaum noch neu klingen. . . . Tschernigew, 25. August. Ein beliebter Trik der echtrussischen Polizeibehörden in unserem Gouvernement ist es von jeher, Städte und Städtchen, ungeachtet der wirtschaftlichen und ökonomischen Nachteile die daraus für die Ortschaften entstehen, als Dörfer zu erklären, um sie aus diese Weise mit Hilfe des Wohnrechtgesetzes von Juden zu befreien. So ist im unweit von hier gelegenen Städtchen Simunowka ein Ukas des Gouverneurs eingetroffen, der verfügt, daß alle Juden, die ihr Wohnrecht nicht Nachweisen können, binnen einigen Wochen das Dorf zu verlassen haben. Wie die Armen ihr Wohnrecht Nachweisen sollen, ist ein Rätsel. Kaufleute erster Gilde oder jüdische Akademiker gibt es begreiflicher Weise an solchen kleinen Plätzen nicht. Die Handwerker sind aber so gestellt, daß sie, um nur ihre Familie kümmerlich ernähren zu können, neben dem Gewerbe auch Handel treiben mußten. So werden von den 150 dort seit undenklicher Zeit ansässigen jüdischen Familien nur sehr wenige im neuen Dorfe bleiben können. Die anderen, denen es zumeist am allernötigsten fehlt, werden zur Auswanderung gezwungen sein, zur Auswanderung nach dem Rayon, um dort die Armut zu vermehren; denn zur Ausreise nach Amerika