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Der Israelit · 1909-09-02 · Heft 35 (2.9.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 35 (2.9.1909)
Date
1909-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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2 September 1909. Der Mraeln No. 35. Sette 5 und Großeltern um uns bestellt war. Es hat damals in Deutschland Staaten gegeben, welche nur eine bestimmte Anzahl Juden duldeten, die keine Gründung einer neuen jüdischen Familie gestatteten, bevor nicht eine bestehende ausgestorben war, es gab Orte, an welchen kein Jude wohnen durfte, andere, an denen es ihm verboten war zu übernachten, überall waren ihnen die Zünfte und Handwerke verschlossen, die Erwerbung von Grundbesitz versagt, versagt die Wahl einer Reihe von Berufsarten, nur der Schacher und Handel war ihnen freigegeben und auch das nur innerhalb bestimmter enggezogener Grenzen. Kein noch so scharfer Geist, kein noch so emsiger Fleiß, keine auch noch so zähe Ausdauer, vermochten einen Stein aus den Felsen zu brechen, mit welchen man die Erwerbswege für den Juden verrammelt hatte, und trotz dieses tausendfältigen Druckes blieben die Gedrückten und Entrechteten Juden, gaben die Väter und Großväter nichts von ihrem Allerheiligsten preis, um es gegen geschäftliche Vorteile zu verschachern. Da erhob sich — es sind jetzt 61 Jahre — ein Sturm der Freiheit und Gleichheit, der an allen verjährten Vorurteilen rüttelte, Thron und Altar uwwarf, zahllose Zwingburgen der Gewalt und des Unrechts in Trümmer stürzte, um aus diesen Trümmern eine neue Zeit erstehen zu lassen, welche die verrosteten alten Fesseln sprengte, die Völker frei und mündig erklärte, ihnen die politische Freiheit und die geschäftliche Freizügigkeit brachte und dabei auch an den Ketten rüttelte, die Jahrhunderte lang die Bekenner des Judentums gefesselt hielten. Nicht sofort, aber doch im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte, lockerten sich diese Ketten mehr und mehr, und heute steht der Jude politisch, geschäftlich und sozial gleichgestellt allen anderen Bürgern des Staates ebenbürtig zur Seite. Jener erste wunderbare Umschwung war durch keinen Verrat der Väter und Großväter an ihrem Judentum erfolgt, sie dankten Gott, daß er sie diese Zeit erleben, sie an ihre Höhe heranreichen ließ und sie in ihrer Eigenschaft als Juden auch unter diesem Umschwung aufrecht erhalten hat. Und die Kinder und Enkel! Statt dafür Gott zu danken, daß er sie die trübe, schwere Schreckenszeit nur vom Hörensagen kennen ließ, benützen sie die ihnen von Gott so wunderbar gewährte Freiheit und Freizügigkeit als Vorwand für ihren Abfall von Gott und seinem Willen! Denn in Wirklichkeit war das Leben, war der Erwerb und war vor allem die Erfüllung des Gottesgesetzes unvergleichlich schwerer in jener „guten alten Zeit", als es heutzutage der Fall ist. Wohl ist der Erwerb zu einem Kampf ums Dasein ausgewachsen, dessen Kampffeld die ganze Welt bildet, aber dafür können auch Beyörte auf. Die meisten gingen nach der Türkei, viele aber auch nach Marokko und dem Riffgebiete, wo sie heute noch, nach 400 Jahren, von den Stämmen als Spanier angesehen und verfolgt werden. . . . (Die Juden in Australien.) In sidney, Australien, hielt vor Kurzem Mr. Coleman P. Hymun einen Vortrag über die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Sidney. Dem Bortrage entnehmen wir die folgenden interessanten bistorischen Daten: Tie erste jüdische Funktion in Sidney war ein Leichenbegängnis, das im Jahre 1816 daselbst stattfand. Damals haben 30 Juden, die euphemistisch „Diener der Regierung" genannt wurden, eine Art Ehewra Kadischa gegründet. Da ihnen kein schwarzes Bahrtuch zur Verfügung stand, haben sie mehrere schwarze Halstücher zusammengenäht und damit die Bahre bedeckt. Im Jahre 1830 wurde der erste ständige jüdische Friedhof in Sidney erworben. Auf ^diesem Platze steht heute das Rathaus der Stadt Sidney. Der erste Funktionär der jüdischen Gemeinde war Mr. P. I. Cohen, der sein .Haus zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung stellte und selbst die kontoralen Funktionen versah. 1832 wurde die erste jüdische Gemeinde in Sidney gegründet, deren erster Präsident Baron Joseph Montefiore war. später wurden mehrere jüdische Wohltätigkeitsvereine ins Leben gerufen. Das erste jüdische Parlamentsmitglied in Australien war Mr. Maurice Asher, der heute noch, 91 Jahre alt, am Leben ist. Ihm folgten bald mehrere, Mr. S. A. Joseph, Sir Saul Samuel, und mehrere andere. Der erste Jude, der an der Universität von Sidney den Doktorgrad erhielt, war Mr. David Myers im Jahre 1866. Die große York Street Synagoge wurde 1844 eingeweiht. Die bei gabung, Fleiß und Ausdauer sich geltend macken und den Kämpfenden leichter die Möglichkeit des Sieges sichern. Bei unseren raschen, leichten heutigen Verkehrsmitteln, bei den Gelegenheiten, die sich allenthalben für die Erfüllung des jüdischen Pflichtlebens bietet, ist es heute ganz entschieden leichter als Jude zu leben, als es vor hundert Jahren war. Unter solchen Umständen im Namen der Freiheit und Freizügigkeit dem Gesetze Gottes den Rücken kehren, ist und bleibt ein unerhörter Verrat, wenn er auch von vieleu begangen und zu entschuldigen versucht wird. Mag man immerhin mitten im heißen Ringen des Lebens sich und andere über diese Verwerflichkeit hinwegtäuschen — wenn uns der Ernst der Zeit das Bekenntnis unserer Sünden abringt, dann mögen wir rückblickend es uns reuig gestehen: 11112 wir — ganze Geschlechter — wir haben treulos gehandelt! (Fortsetzung folgt.) ffninanttSt ««0 Judentum. Aus dem literarischen Nachlasse von Solm Berlin. IN. Der oberste Grundsatz der jüdischen Staatsverfassung war die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, vom König auf dem Thron bis zum niedrigsten Arbeiter und Sklaven durch alle Klassen und Schichten der staatlichen Gemeinschaft und im internationalen Verkehre. Der König war weder wie bei den orientalischen Völkern, ein Despot und vermochte seinen Willen zum Gesetze zu erheben, so daß in ihm der Schwerpunkt des Staates gelegen hätte, noch repräsentierteer, wie bei den occidentalischen Völkern, bei Griechen und Römern, den Gesamtwillen des Volkes, vielmehr war er gleich jedem anderen Bürger dem Gottesgesetze unterworfen, von dem er eine Abschrift stets vor Augen haben sollte und das von Organen vertreten war) die in völliger Unabhängigkeit vom Könige sich befanden. Aus einer im Tractate pnniD mitgeteilten Begebenheit läßt sich ersehen, daß noch die hasmonäischen Könige von den Organen des Gesetzes zur Verantwortung gezogen wurden. Sklaverei in dem Sinne, daß Freier nnd Sklave nach den Gesetzen der Menschenwürde und in einer Reihe bürgerlicher und geselliger Rechte als einander entgegengesetzte Wesen betrachtet wurden, wie bei allen übrigen Völkern der alten Welt, gab es im Judentume nicht. Auch hier ist schon die Bezeichnung wiederum charakteristisch. Die hebräische Sprache hat kein Wort, das einen Teil der Diediesem Anlasse vorgetragenen Gesänge sind die .Kompositionen des seinerzeit berühmten Musikers Isaak Nathan, der auch Byrons hebräische Melodien in Musik, setzte und ein Freund des Dichters war. Einen Rabbiner erhielt die Gemeinde erst im Jahre 1862. Die neue große Synagoge wurde 1878 eingeweiht. (Rach 120 Jahren.) Eine in B. (Rußland) verstorbene Jüdin hat ihrer einzigen Tochter 2500 Rubel vermacht. Die betreffende testamentarische Bestimmung lautet: „Meine Tochter N. N. soll nach 120 Jahren 2500 Rubel erhalten." Die Erbin Hütte also 120 Jahre zu leben und zu warten, bis sie endlich in den Besitz des Geldes gelangen könnte. Als das Gericht die Auszahlung verweigerte, wandte sie sich an den Rabbiner, welcher erklärte, der Ausdruck „120 Aahre" bedeute, „sie (die Erbinsoll lange leben." (?) 'sicherlich zutreffender äußerte sich der gerichtliche Sachverständige, daß fromme Juden seit Alters her sowohl mündlich als schriftlich Ausdrücke vermeiden, welche eine böse Vorbedeutung enthalten können, und deshalb statt der Bezeichnung „nach meinem Tode" die Wendung „nach 120 Jahren" als bie nadj der heiligen Schrift äußerste Lebensgrenze eines Menschen gebrauchen. Das Vorkommnis erinnert an eine Episode, welche sich vor einem galizischen Gerichtshöfe zugetragen haben soll. Bon dem Präsidenten nach seinem Mer befragt, erwiderte der Angeklagte: „Fündig, bis hundert Jahr, und gab auf die wiederholte Frage dieselbe Antwort, ohne zu begreifen, weshalb der Präsident darüber so in Harnisch gerate. Schon sollte „wegen Verhöhnung des Gerichts" eine Ordnungsstrafe über ihn verhängt werden, da nenden durch eine erniedrigende Bezeichnung brandmarkte und als Sklaven von den übrigen unterschied, sondern nur einen Ausdruck für alle, welche in dienenden Verhältnissen stehen. Dieser ist 121), Kunstdiener, eigentlich Arbeiter für die männlichen, nnsv, von nfittf, aufnehmen mit nnStttD zusammenhängend, Dienerin, für die weiblichen. Bei einem Volke, dessen Hauptbeschäftigung die Arbeit auf dem Felde war, dessen Propheten und Könige von den Heerden und dem Pfluge zum höchsten Berufe emporstiegen, konnte in einer von der Arbeit hergenommenen Benennung nichts Entehrendes liegen, und das um so weniger als ja doch otrn I2y der Ehrentitel des größten aller Propheten war. Auch die Gesetzgebung zeigt eine umfassende Rücksichtnahme auf das Gemüt und Gefühl der Dienenden, überliefert sie nicht der Willkür der Herren, wie in anderen alten und neuen Staaten, wo Sklaverei und Leibeigenschaft herrschend war und ist, nimmt überhaupt menschliche Würde, das Gefühl und die Empfindungen des Dienenden in so weitgehendem Maße in Schutz, daß ein talmudischer Spruch lautet: '0 löltyV pi« nip 12)) nipttf Die Frauen ferner, die bei den gebilde sten Völkern des Altertums nicht viel mehr als niedere Sklavinnen waren und eine herabgewürdigte Stellung einnahmen, oder einnehmen sollten, gelangten im jüdischen Altertum unter dem Einfluß dieser Grundprinzipien der Rechtsgleichheit und Würde aller Menschen zu einer Stellung, in welcher dem Werte und der Bedeutung ihrer Wirksamkeit die gebührende Würdigung gezollt wird. Die Worte der heiligen Schrift: 2iTy p Vy inn iboV imi intwc2 p2ii id« n«i i'2« n«sr« bestimmen das ganze jüdische Eherecht. Treue Liebe und Anhänglichkeit ist der bestehende Charakter des Verhältnisses zwischen Mann und Frau, die jenem nicht etwa untergeordnet, sondern nty eine Gehülfin ist 11112, die ihm als freie ebenbürtige Persönlichkeit gegenübersteht. „Wer seine Frau liebt wie sich selbst, sie aber ehrt mehr als sich selbst, von dem sagt die Schrift: Du weißt, daß in deinem Zelte Frieden ist." mriKi ,12,1« nijni DiW Liebe, Berschwisterung, Friede und Freundschaft sollen zwischen Mann und Frau bestehen, und wenn sie so leben, wie sie leben sollen, wohnt Gott zwischen ihnen DiVl'2 niwirt So konnten zu allen Zeiten die Frauen in fteier Entwicklung ihres Geistes und Wesens Mitarbeiten an der Verwirklichung der erhabensten Ideale ihres Volkes, es gingen Richterinnen und Prophetinnen aus ihnen hervor, und als Erzieherinnen ihrer Kinder, in bescheidenster Zurücklegte sich der jüdische Verteidiger in's Mittel mit der Bitte, seinerseits die Frage stellen zu dürfen. „Wie alt seid Ihr bis hundert Jahr?" wandte er sich an den Angeklagten. Und nun lautete die prompte Antwort: „Fünfzig". (Die Riff-Juden.) Im Riffgebiet, das jetzt und ^Kabylen ist, befindet sich auch eine zahlreiche der Schauplatz erbittertster Kämpfe zwischen Spaniern jüdische Bevölkerung. Die Juden unterscheiden sich äußerlich von den Eingeborenen weder in ihrer Kleidung noch in Gesichtsfarbe und Sprache, leben aber innerhalb ihres Kreises treu den Traditionen ihrer Väter, die einst auf der Flucht vor der spanischen Inquisition sich im schwarzen Erdteil ansicdelten. Im Gegensätze zu den anderen marokkanischen Inden erfreuen sich die Riff-Juden einer gewissen Achtung und Bewegungsfreiheit. Sie sind als Handwerker nnd Vermittler von Handel und Wandel den Riffstämmen unentbehrlich. Die meisten sind Arbeiter und Handwerker und als Schmiede, Schneider, Gotdarbeiter usw. sehr gesucht. Die Landwirtschaft ist ihnen verschlossen, da ihnen, wie allen Juden Marokkos, der Erwerb von Grund und Boden verboten ist. Die Schrecken des Krieges treffen die Juden besonders hart, da Handel und Gewerbe ruhen und außerdem die Spaniolen, von jeher als Vertreter der spanischen Kultur in Marokko geachtet, nun als spanisches Element von den Kabylen beargwöhnt werden, während sie andererseits von den siegenden Spaniern kaum eine bessere Behandlung erwarten dürfen als die eingeborenen Empörer.

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