Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1909)
- Date
- 1909-09-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Gelte 4, 2. September 'l»_. Zn deiner Brust sind deines Schicksals Sterne, Der Maleficus, der einz'ge, der dir schadet, ist v der Zweifel. Diesen Zweifel hat derjenige für alle Zeit und Fähruis siegreich niedergerungen, der über sich und und den eigenen Unfehlbarkeitsdünkel mit dem Bekenntnis 'nNfcn Herr geworden ist. Es ist unmöglich, die knappen, gedrungenen, lapidaren Formen unseres Sündenbekenntniffes so auseinanderzulegen, daß damit die Fülle ihres vielseitigen Inhaltes irgendwie erschöpfend auch nur angedeutet wäre. Jeder Einzelne findet darin sich selber mit seinen Neigungen, Gewohnheiten und Lieblingssünden wieder und erklärt damit die Worte des Sündenbekenntniffes- und jeder ist der beste Erklärer, jeder hat sie richtig erklärt. Und was für den Einzelnen gilt, hat auch für die ganze Zeit seine Geltung. Jede Zeit hat ihre eigenen Fehler, Schwächen, Richtungen und Anschauungen, die sie von anderen Perioden charakteristisch unterscheiden. Die Zeiten kommen und gehen, aber das Sündenbekenntnis steht wie ein unverrückbarer Spiegel da, in dem alle Zeitströmungen ihr Bild wieder finden. Einige hervorstechende Züge unserer Zeit, welchen wir in unserem Sündenbekenntnis begegnen, festzuhalten, möchte diese Darstellung versuchen. UvVte „Wir haben uns verschuldet und haben uns Verödung geschaffen!" Wie charakterisiert doch dieses einzige Wort mit seinem Doppelsinn, das doppelte Gesicht unserer Gegenwart! Auf der einen Seite die in Geringschätzung und Feindseligkeit ausgeartete Gleichgültigkeit gegen das Gottesgesetz, die täglich, stündlich weitere Kreise ergreift und auf der anderen Seite die Unzufriedenheit, der Medergang, das Weh und oer Jammer, der alle Volksschichten ergriffen und bereits eine ganze Literatur geschaffen hat, die in einen Schrei des Entsetzens über die Trostlosigkeit unseres gesellschaftlichen, unseres staatlichen und unseres ' Familienlebens ausklingt. Wir brauchen diese unsere Gegenwart mit ihrer glänzenden Außenseite und ihrem faulen Kern nicht selber zu schildern, wir brauchen bas Wort nur einem beliebigen Kenner unserer Zeit zu geben, der den konventionellen Lügen und dem aus ihnen fließenden Leid der zeitgenössischen Menschheit ein ganzes Buch gewidmet hat, das mit den Sätzen einleitet: „Die Menichhheit, die gleich Faust Erkenntnis und Glück sucht, war vielleicht zu keiner Zeit so wett entfernt wie jetzt, dem Augenblicke zuzurufen: „Verweile doch, du bist so schön!" Bildung und Gesittung breiten fich aus und nehmen von den wildesten Weltgegenden Besitz. Wo gestern noch Finsternis herrschte, da flammen heute Sonnen. Jeder Tag ficht eine neue wunderbare Erfindung emporschietzen, welche die Erde wohnlicher, die Widerwärtigkeiten d s s aseinS eiträglickrr, die das Haupt, als drücke eine schwere Last darauf. Er redete immer noch, obgleich in vielen Städtchen die Zuhörer die Rase rümpften, wenn sie ihn die Kanzel besteigen sahen und sich im voraus den Inhalt der Predigt zuflüsterten. Sie irrten sich nicht; sie konnten die alten Predigten wieder erkennen, wie undeutlich auch Rabbi Chaim sie mit der schon zitternden Stimme und dem zahnlosen Munde vortrug. Aber was schadet das! Das Rechtsgefühl beider, des Predigers wie des Zuhörers forderte, man solle Rabbi Chaim entschädigen dafür, daß er einen so weiten Weg zu Fuß zurückgelegt hatte, um zu ihnen zu gelangen, und sie gönnten einander ihre erbärmlicken Gaben. (Fortsetzung folgt.) »arcrlona. Eine historische Skizze. Aller Augen sind wieder einmal nach Spanien gerichtet, dem einzigen Lande, von dessen politischem Geschicke heute die Juden nicht mehr berührt werden und das trotzdem ein Jude nicht ohne innere Bewegung nennen hört. Im Riffgebiete führen die Spanier einett erbitterten Kampf mit den unbotmäßigen eingeborenen Stämmen. In Barcelona aber sprachen die Kanonen, schoß spanische Artillerie aus Spanier, deren Wut auch vor Kirchen und Klöstern nicht Halt machte. Barcelona, die Metropole Kataloniens, war einst eine der blühendsten und reichsten jüdischen Gemeinden der Welt, eine „Gemeinde von Fürsten" (crai'hi O'D'DJ mp wie sie der berühmte Poet Alcharifiin einem feiner Ge- ~ _ Aß* dem Menschenleben gewährten Befriedigungen mannigfaltiger und eindringlicher macht. Aber trotz aller dieser Vermehrung aller Bedingungen des Behagens ist die Menschheit unzufriedei er, aufgeregter, rastloser als je. Die Kuliurwelt ist ein einziger ungeheurer Krankensaal, besten Luft beklemmendes Stöhnen füllt und auf besten Betten fich da« Leiden in allen seinen Formen windet. Wende dich von Land zu Land und rufe die Frage hinein: „Wohnt hier Zufriedenheit? Habt ihr Ruhr und Glück?" Ueberall wird dir die Antwort entgegentönen: „Ziehe weiter, wir haben nicht, wonach du fragst." Horche über die Grenzen: der Wind trägt dir überall die wüsten Geräusche von Streit und Kampf, von Aufruhr und gewaltsamer Unterdrückung an« Ohr." Wenn diese Schilderung zum Schluß „nach einem fernen Lichtpunkte, nach einem wohnlichen, rastverheißenden Obdach" sucht, so ist das Heilmittel, dasie vorschlägt, vielleicht noch schlimmer als die Krankheit, die es beseitigen soll. Die dem' alten heidnischen Seher geläufige Wahrheit „Wenn man kein Unrecht in Jakob schaut, sieht man kein Unglück in Israel" (4. B. M. 23. 11), dieser innige Zusammenhang zwischen unserm Lebens glück und unserer Lebens a u f g a b e ist unseren modernen Heiden gänzlich entschwunden. Um so heißer ringt sich solcher zeitgenössischen Verkennung und Verblendung gegenüber diese Wahrheit mit dem Worte uvvtt an der Spitze unseres Sündenbekenntniffes aus der Gott suchenden Brust: Wir haben mit unserem Verschulden gegen Gott und sein Gesetz auch die Ertötung unseres eigenen Lebensglückes verschuldet. Diese Selbstanklaae enthält noch eine Steigerung und schärfere Pointierung durch das nun folgende Bekenntnis: UN22 wir haben treulos gehandelt! Treue ist das feste, unwandelbare sich Gleichbleiben in seiner Pflicht oder in seiner Anhänglichkeit, mit anhaltender, möglichster Aufbietung aller Kraft, auch in den schwierigsten Lebenslagen. Wer das, was er für wahr und recht erkannt hat, unter allen Umständen auch in die Praxis überträgt und durch die Tat seines Lebens besiegelt, der ist sich selbst treu. Daraus ergibt sich, daß keiner, der fich selbst wirklich treu ist, gegen andere falsch und treulos sein kann. Treue ist vielleicht die einzige Tugend, die sogar von Verbrechern hoch gehalten wird, die selbst eine Räuber- und Verbrecherbande zusammenzuhalten vermagselbst in einer solchen Gemeinschaft sind die Treulosen geächtet und versehmt. Seinen Höhepunkt erreicht das Verbrechen der Treulosigkeit, wenn sie sich gegen Wohltäter richtet, die aus Anhänglichkeit und Dankbarkeit einen besonderen Anspruch haben, also in erster Reihe, dichte nennt. König Alfons II., der 1162 den Thron Kataloniens bestieg, war ein Judenfreund, ein Gönner und Förderer der Kunst und Wissenschaft, die damals in Spanien in höchster Blüte standen und besonders unter den Juden unzählige Vertreter hatten, welche sich zugleich aber in der jüdischen Gelehrsamkeit auszeichneten. Bekannt ist der Zeitgenosse des Maimon i d e s und Verfechter seiner Theorien der „Fürst" Ben Bene st i nW# '21 "pDUn) den Alchawisi als „Säule der Welt und Stütze aller Frommen" (□'«TCi ^3 23WD1 obty DlirO schildert welcher 1131—1203 in Barcelona lebte. Viel früher als in den anderen Teilen der pyrenäischen Halbinsel stellte sich der Umschlag zu Ungunsten der Juden in Barcelona ein. wo bereits 1263 auf Betreiben eines dlpostaten, des Dominikaner C h r i st i a n o die resigiöse Polemik und mit ihr die zwangsweisen öffentlichen Disputationen einsetzten. Zur gleichen Zeit lebte auch in seiner Heimatstadt Barcelona der gefeierte Rabi Salomo ben Adereth (ü*"3Bn> dessen Lehranstalt einen Anziehungspunkt für Tausende von Thorajüngern aus aller Herren Länder bildete. Im Maimonidesstreit, der damals allenthalben heiß tobte, nahm er eine gemäßigte und würdige Stellung ein. 1300 fiedelte sich in Barcelona infolge der Judenunterdrückung in Deutschland auch der berühmte Rabbi Osch er ben Jechiel <v"*on) an. Und nun stand die katalonische Handelsstadt am Mittelmeere, wo die zwei Größten von faDV# und -poo Zusammenwirken, als Mittelpunkt der jüdischen Welt da. Auch unter dem Nachfolger Alfons, dem König Szjmi I., der sich durch allzugroße Toleranz nicht gerade auszeichnete, war die Lage der Juden in Barcelona eine leidliche, ihre Stellung eine geachtete. Leibarzt des Königs war der einflußreiche Jude ■ , ' . . «r. 88 wenn sie gegen Gott selber geübt wird. Freilich gilt Treuwsigkeit als etwas so Schändliches, daß sich niemand offen zu ihr bekennt. Sie umgibt sich daher mit einem Schwall von Phrasen, Ausreden, Standpunkten, Gesichtspunkten und wie, die Feigenblätter ^ur Verhüllung dieser häßlichen Blöße alle heißen, um ihr wahres Gesicht nicht zu zeigen. Frägt man diejenigen unter uns, deren Leben sich nicht mehr in den Bahnen bewegt, die Gottes Gesetz vorgeschrieben hat, warum sie sich über die Lebenspflichten hinwegsetzen, die den Eltern und Großeltern in heiliger Unverletzlichkeit dastanden, so sind die Gefragten nach Antworten nicht verlegen. Mit ihrer herablaffenden Ueberlegenheit belächeln sie die Einfalt des Fragers und Mahners, der sich so schlecht auf die Zeit versteht und keinen Dunst davon zu haben scheint, wie sich denn doch die Welt seit den Zeiten cher Eltern und Großeltern geändert habe. Der Vater und der Großvater, die nicht über die Bannmeile ihres Dorfes und seiner Umgebung hinausgekommen seien, die hätten es leicht gehabt, in der Umschränkung der Gesetze zu leben und früh und spät, bevor sie ihrem Handel nachingen und wenn sie von ihm nach Hause kamen, ie Stätten des gemeinsamen Gebets aufzusuchen, für sie und ihren engen Verkehr hätte die Heilighaltung der Sabbate und Festzeiten kein Ovfer bedeutet. Aber heute, wo dem Juden wie jedem anderen die ganze Welt offen steht, wo er den Kamps mit einer Weltkonkurrenz auszukämpfen habe, heute sei das alles viel schwerer, heute sei es eine Zumutung, die strikte Erfüllung aller Gesetze zu verlangen, die für ganz andere Zeiten und Verhältnisse berechnet waren, heute sei es beim besten Willen einfach nicht möglich, so zu leben, wie man in früheren Zeiten lebte. Man könne das alles bedauern, man könne die Altvordern um ihr ruhiges friedliches Leben beneiden, aber ändern ließe sich das nicht. Das sind doch die letzten Trümpfe, die der religiöse Abfall unserer Tage ausspielt, um sein Spiel mit Anstand weiter spielen zu können. Das sind doch die Argumente, welche gerade von den besseren, religiös Empfindenden geltend gemacht werden, von denen, die das Judentum selber nicht als rückständigen Köhlerglauben zum alten Plunder und Trödel werfen, die es pro forma wenigstens bedauern, ihm heute nicht mehr gerecht werden zu können. Und welche treulose, wenig verschämte Krämergesinnung verraten diese Gründe, selbst wenn sie keine Scheingründe wären, wenn selbst ihre Voraussetzungen den Tutsachen entsprächen! Unsere Zeit lebt so rasch und ihre Kinder vergessen so schnell, daß viele gar nickt mehr wiffen, wie es zur Zeit unserer Eltern Bachial ben Mosche. Auch stand damals der berühmte Gelehrte und Forscher Abraham b e u C h i s d u i in höchster Gunst bei Hofe. Der erste blutige Tag, den die Juden Barcelonas erlebten, war der 5. August 1391, genau hundert Jahre vor den allgemeinen Judenaustreibungen aus Spanien. Bereits am 6. Juni hatte eine furchtbare Judenmetzelei (die erste. in Spanien) in Sevilla stattgefunden. Am 17. Tamus .folgte eine Judenschlacht in T o l e d o. In Barcelona, dem Sitze des jüdischen Geistesadels, kam das Unglück am 5. August an einem warmen, sonnigen Sabbathtage. Die Juden Barcelonas galten, und nicht mit Unrecht, als sehr reich, die Mord- und Berwüstungsarbeit war daher besonders lohnend. Mit dem heute noch ganz modernen Rufe „Juden raus!" zogen, von Geistlichen und Mönchen geführt und angespornt, die Pöbelhaufen ins jüdische Viertel, wo sie nach gründlicher Plünderung sengten und mordeten und keine einzige jüdische Seele am Leben ließen. Selbst diejenigen, die in der Festung des Stadtpräfekten Schutz fanden, sielen in die Hände der Mörder. Tausende nahmen die Scheintaufe an, die sie aber einem Leben voll Angst und Pein entgegenführte und nur in den seltensten Fällen vor dem Scheiterhaufen schützte. Genau beschrieben sind die Schreckenstage von Barcelona in einem Merkchen des berühmten Forschers Rabbi Chisdai Kreskasch, der. damals i n Saragossa lebte und bei den blutigen Ereignissen seinen einzigen Sohn, welcher sich zufällig in Barcelona aufhielt, verloren hatte. 1492 zogen dann mit den anderen Juden Spaniens auch die letzten Inden aus Barcelona aus. Die jüdische Metropole, von der man Jahrhundertelang sagte, „ihre Luft macht weise" fQ’onp n;)Vtfl2TNTlit)/