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Der Israelit · 1909-09-02 · Heft 35 (2.9.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 35 (2.9.1909)
Date
1909-09-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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No. 35 Sette 3 88. August . Wir begreifen, daß unsere Kollegin von der Spree diese ihr ganz und gar nicht bequeme Antwort des Berliner Gelehrten als „doktrinären Zopf" bezeichnet! Merkwürdig, daß heutzutage nicht nur Gelehrte, sondern auch ganz und gar nicht „doktrinäre", einfache Äausteute die Gefahr erkennen, die aus den Bestrebungen des Gemetndebundes für die Unabhängigkeit der Gemeinden erwächst. Gleichzeitig geht uns zufällig eine kleine Broschüre zu, die gutgewählte Auszüge aus Artikeln Samson Raphael Hirsch's über Wesen und Prinzipien der jüdischen Gemeinden und über die Frage zwangsweiser Zusammenfassung von Einzelgemeinden zu einer staatlichen Organi ation enthält. Der Herausgeber, Herr Bankier Julius Löwenthal in Eschwege, ist, wie er im Vorwort bemerkt, durch die* Organisationsbestrebungen der letzten Zeit dazu angeregt worden, die Gedanken Samson Raphael Hirsch's einem weiteren Kreise zugängig zu machen und durch ihre Verbreitung in den Gemeinden das Gefühl für das eigentliche Wesen des jüdischen H3X zu beleben und zu klären Es ist unseres Erachtens schon an sich ein erfreuliches Symptom, daß ein einzelner, der offiziellen Gemeinde-Hierarchie fernstehender Mann sich gedrängt fühlt, seinerseits im Sinne seiner innersten Ueberzeugung auf die Gesamtheit einzuwirken, und wir wünschten, daß das kleine Schriftchen recht viele verständnisvolle Leser, namentlich in den kleineren Gemeinden unseres Vaterlandes fände. Jedenfalls deuten all diese publizistischen Aeußerungen daraufhin, daß der Kampf um die Organisation in Preußen keineswegs abgeschlossen ist, sondern in aller Kürze mit erneuter Heftigkeit anheben wird. 3ur krkorsckung des Judenelends. Ein Nebel erkennen, heißt nicht in allen Fällen es abstellen. Denn oft sind die Verhältnisse, aus denen die Uebelstände resultieren, stärker als die Menschen und die ihnen zu Gebote stehenden Machtmittel. Das gilt vielleicht nirgends so sehr als in Galizien, wo die trostlose und ganz unhaltbare Lage der Juden auf ein Zusammenarbeiten der verschiedensten dunklen Mächte und ein Zusammentreffen unglücklicher Konstellationen zurückzuführen ist. Und doch ist es von höchster symptomatischer Bedeutung, daß man jetzt besonders in den Regierungskreisen das ehrliche Bestreben zeigt, der Sache auf den Grund zu gehen und die Quellen des namenlosen, immer größere Dimensionen annehmenden Elends bloszulegen. Die Regierung mußte in der Tat über kurz oder lang zur Erkenntnis gelangen, daß sie bei D«r gfawltt__ der Erfüllung ihrer allgemeinen kulturellen Aufgaben das Gbetto nicht übergehen könne. Und i'o darf man denn hoffen, daß im Widerstreite der nationalen Interessen in Galizien sich noch ein Weg finden läßt, der aus der allgemeinen Notlage hinausführt. Die Not erkennen will die Regierung zunächst durch die für September vom galizischen Landesausschuß angesetzte Enquete über die Lage der Juden. Es handelt sich um einen bereits im März 1907 vom Landtage gefaßten Beschluß, der den Landesausschuß aufforderte, „unverzüglich die Ursachen der jüdischen Proletarisierung in Galizien zu untersuchen und im Einvernehmen mit der k. k. Regierung dem Landtage Anträge zu unterbreiten, die geemnet wären, die Erwerbsfähigkeit der jüdischen Bevölkerung zu heben und den Notleidenden unverzüglich Hilfe zu schaffen." Warum es zur Ausführung dieses Beschluffes einer Frist von anderthalb Jabren bedurfte und die „unverzügliche" Hilfsaktion erst jetzt mit der Rundfrage ein geleitet wird, ist schwer zu ergründen. Vergessen darf man freilich nicht, daß es sich bei dieser Enquete, glücklicherweise, um keinen Akt des Mitleids handelt, sondern um eine sozialpolitische Aktion, und die Staatsmühle, besonders — in den slavischen Kronländern Oesterreichs, sehr langsam mahlt . . . Wir sind nicht so optimistisch, hochgespannte Erwartungen an diese papierene Hilfsaktion zu knüpfen. Erfreulich ist es tnbcffcn immerhin, daß die Regierung eine Judennot in Galizien zugesteht, ihren Grund nicht nach Art der Christlichsozialen in der Wesenart und im Verhalten der Juden sucht und die Mittel zu ihrer Beseitigung öffentlich diskutieren will. Zu wünschen ist vor allem, daß der Landesausschuß bei seiner Umfrage in gerechter, unparteiischer Weise vorgehe und das Elend mehr an der Quelle studiere als bei den zumeist unberufenen und uneingeweihten Vormündern der Ostjuden, deren es heute leider allenthalben in Menge gibt. JTu$ dem Macdror für die D’KTiin Tll ii. WDtPK Wir haben uns verschuldet! In dem Worte QVtr liegt (nach in seinem Thora-Kommentar zu 3. B. M. 5. 15.) nicht nur die Schuld, sondern auch deren Folge, die Verkümmerung und Verödung ausgedrückt, die jede Berschuldnng nach sich zieht. Die Sünde mag individuell von dem Einzelnen geübt werden, ihre Folgen beschränken sich nicht auf denjenigen, der gefehlt hat, sondern ziehen die ganze Gesamtheit in ibr Verhängnis. Sowie man ein einzelnes Glied des Körpers verletzen, dabei aber nicht verhindern kann, daß der ganze Körper von dieser Verletzung in Mitleidenschaft gezogen wird, so ist es auch vei der Verletzung des Gottesgesetzes, deren wir unin unserem Sündenbekenntnis anklagen. Wer z. B. die von Gott eingesetzten Tage der Ruhe und Weihe aus seinem Leben gestrichen und sich so selber zur Rast- und Ruhelosigkeit verurteilt hat, der hat nicht nur sich, sondern allen denjenigen das Leben vergiftet, die sein Beispiel beeinflußt, berückt und verlockt hat, es ihm nachzutun. Wenn Gott uns glücklich machen will und uns dafür sein, alle Beziehungen des Lebens regelndes Gesetz gegeben hat, — na mnt1? n"apn nsn roSöl min orh rann — wir »ber dieses Gesetz von uns weisen, so haben wir nicht nur das Gesetz, sondern unser eigenes Lebensgtück gebrochen. Nicht die Zeiten sollen wir anklagen, daß sie ruhelos, schlecht und haltlos geworden sind, sondern uns allein haben wir dafür verantwortlich zu machen, wenn wir uns bekennen: Mültrtt, wi r haben uns verschuldet und durch diese Verschuldung unser Leben der Verkümmern' g und Zerüttung überantwortet! Diese Folgen der Schuld, die weit hinaus über die Persönlichkeit desjenigen reichen, der sie auf sich geladen, erklären es, daß wir ihr Bekenntnis in die Mehrzahl kleiden. Es liegt aber in diesem Bekenntnis unserer Sünden etwas so ungemein Erhebendes, selbst den gefallenen Menschen Adelndes, daß, wenn es die Gesamtheit ablegt, sein Vortrag beim allgemeinen, öffentlichen Gebete sogar von heiteren Sangesweisen begleitet wird! Wenn wir bekennen, daß wir mit der Verschuldung an dem Gesetz unseres Lebens uns auch an unserem Lebensglück versündigt haben, so haben wir ja auch die andere Seite dieser Wahrheit bekannt: Unser Lebensglück liegt' in unserer eignen Hand, wir brauchen das Gesetz Gottes nur treu zu erfüllen, um die Freude am Dasein, uns unverlierbar aus der Hand deffen zu sichern, der uns auch das Gesetz für dieses Leben gereicht hat. Das ist der tiefe Sinn des bereits erwähnten Ausspruchs, daß keine Schickung fortan über denjenigen Macht habe, der einmal Timon: „Ich habe gefehlt!" gesprochen und daraus die rechte Konsequenz gezogen hat. Wer dieses Zauberwort spricht, der setzt seine Zuversicht nicht in die Zeit, nicht in Menschen, nicht in Zustände und Verhältniffe, die,' keiner nach seinem Belieben gestalten kann. Er findet sein Heil in der eignen Brust: haben und duldeten ihn nicht mehr im Dorfe. Auch in seinem Wohnstädtchen dichte er sein Ansehen ein. Er wußte auch, daß eitler, der einen getauften Bruder hat, nie Rabbiner sein wird ilnd nie eine anständige Partie machen kann: er beschloß daher, den Chaim von der Jeschiwa fortzunehmen, in eine fremde Gegend zu ziehen, um dort zusammen mit ihm, die Schneiderei fortzusetzen. Chaim füllte zwar den Posten seines älteren Bruders treu aus, aber die Sehnsucht nach der Jeschiwa und den Träumen, die er darin hegte, brannte in seiner Brust, und er war sehr unglücklich. Er hoffte zwar noch, aber seine Hoffnungen waren so unbestimmt, so unklar. Allerhand Pläne blitzten in seinem «leiste auf, aber sie erloschen bald wieder, und der junge Mann sah inutlos und niedergedrückt eine wirre Zukunft vor sich. Mit seinem Vater sprach er sehr wenig und dann nie über seine Lage. Nur wenn sie auf ihrem Wege in einem Walde ausrnhten und ihre Mahlzeit einnahmen, sagte Chaim plötzlich zu seinem Vater, indem er ihm seinen träumerischen, in die Ferne gerichteten Blick zuwandte: „Höre, zu, ich will dir etwas Tauro sagen!", und er begann Agadas aus denk Talnrud zu erklären mit demselben ron und Pathos wie der Stadtmaggid, von dem man io viel hielt. Der Vater hörte zu, ohne ihn zu verstehen, sah ihn an, dachte an seinen älteren Sohn und an die verlorene Zukunft seines jüngeren und seufzte. Mit dem achtzehnten Lebensjahre heiratete Chaim ine Tochter eines Fuhrmanns, welche für einige Rubel Kolonialwaren und ein Buch voll Forderungen hattei>ic sie nie einkassieren konnte. Die Partie entsprach sucht den Träumen, die Chaim in der Jeschiwa gehegt hatte. Es aab keinen Schwiegervater, der Wohnung und Kr»st für zehn Jahre versprach, keine Mitgift, und so auch keine frohen Stunden, die im Bethhamidrasch beim aufgeschlagenen Folianten im Wettstreit der Geister verbracht werden konnten. Genug, die Eltern beiderseits kannten sich längst und gefielen sich, und die Kinder würden sich wohl auch mit der Zeit gut gefallen. Die schweigsame, schüchterne junge Frau gab ihre Krämerei auf und nahm ihrer Schwiegermutter die Sorge um das Hauswesen ab, während Chaim mit seinem Vater die Schneiderei fortsetzte. Nach dem Tode seines Vaters wurde Chaim sein Beruf unerträglich. Der hagere, blasse Schneider in Hemdsärmeln mit dem schmutzigen „Ärbakanfauß", mit dem Käppchen auf dem Haupte, zog die übermütigen Bauernknechte au. Bis jetzt hatten sie nur gespottet und sich an Chaim nicht herangewagt aus Respekt vor dem Alten. Jetzt jedoch wurde Chaim der ^Gegenstand ihrer Belustigung: Man übergoß seine armseligen Kartoffeln mit Fett, steckte ihm mit Gewalt Speck in den Mund, undderartige Spässe mehr wurden mit ihm getrieben. So geschah es, daß er einmal zur Verwunderung seiner Frau schon an einem Mittwoch nach Hause zurückkehrte. Während der nächsten Tage stöberte er in Folianten des Talmuds und in andern heiligen Büchern, zitierte und deklamierte bald leise, bald laut, mit Pathos. Am Montag verließ er wie gewöhnlich sein Haus, aber ohne Schere und Plätteisen, im Hochzeitsrock, statt der Mütze den alten schäbigen Hut auf dem Kopfe, unter welchem das fettige Käppchen herausguckte, den großen Talisbeutel unter dem Arm. Er ging die drei Meilen zu Fuß bis zum nächsten Städtchen. Dort erbat er sich von dem Synagogendiener die Erlaubnis, vor dem Wendgebet eine kleine Predigt zu halten. Freilick waren in der Synagoge nicht mehr als 15 Menschen, die gewöhnlichen Synagogenbesuchcr, darunter auch einige Frauen,- aber Chaim gab sich so viel Mühe, als stände er vor der größten Gemeinde. Er redete gut, gewandt, trotzdem es seine erste Droscho war. Um sich, und auch aus den kleinen Fenstern der Frauenschul sah er begeisterte Gesichter. Nach der Predigt hörte er Münzen in einem Teller klappern, deren Klang in seiner Seele freudig widerhallte, und eine Hoffnung stieg in ihm auf. Als das Abendgebet beendet war, reichte ihm ein Mann vierzig Kopeken und lud ihn zum Abendbrot und Nachtlager ein. Vierzig Kopeken, welch eine Summe! Soviel hatte er mit seiner Schneiderei in einem ganzen Tage nie verdient. Und so wurde Chaim toandernder Maggid (Prediger). Zwar mußte er sehr viel wandern, denn sein Vorrat bestand nur aus drei Predigten, und er konnte daher nicht länger als drei Tage an einem Ort zubringen. Wer sein neuer Berus befriedigte ihn dennoch: er verstand, das Geschäft zu seinem Vorteil auszuüben. Ab und zu gelang es ihm. .jemanden zu finden, der für ihn eine Runde durch die Stadt machte, um auch von denjenigen für ihn zu sammeln, die seiner Predigt nicht beigewohnt hatten, und dies brachte ihm viel ein. Wenn er auf der Durchreise in einem Städtchen gerade einen Leichenzug sah, erkundigte er sich gleich) was für eine Persönlichkeit der Verstorbene war. Erfuhr er, daß dieser einigermaßen zu den bessern Familien des Ortes gehörte, so folgte er dem Zuge und hielt auf dem Friedhof die LeicAnrede, die er am Anfang seines Wanderns einftudiert hatte. Daheim bei seiner Frau, verbrachte er jetzt nur die größeren Feiertage. So redete er und wanderte, bis sein Bart und sein schwarzer, langer Schoßrock ihre Farben änderten. Der erstere wurde grau, der letztere schließlich auch grau, aber zunächst grün. Der Hut und das Käppchen waren noch dieselben, und dennoch beugte sich

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