Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 35 (2.9.1909)
- Date
- 1909-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«ette 1 Nr. 85. tingegen sieht man alle Straßenbahnen, alle affees, alle Restaurantvon ihnen besetzt. Meine Gewährsleute haben mir versichert, daß, besonders in der Nähe de- Ghettos, in der zweiten Avenue, von Morgens bis zur Nacht am Jom Kippur ausschließlich die Kinder der osteuropäischen Juden die Kaffees dicht besetzt halten, soweit sie keine Ausflüge machen'oder Vergnügungen arrangieren. Um meiner Sache noch sicherer zu sein, habe ich zwei Kaffetters, bei denen ich ehemals Hausarzt war, hierüber befragt. Sie bestätigten, daß dieser Tag der eigentliche Vergnügungs- und Erholungstag der jüngern Ghettobewohner und für die Kaffees und Konditoreien ein Hauptgeschäststag sei. Ja, einem früheren Restaurateur drohten die jungen Leute sein Lokal zu boykottieren, wenn er am Jom Kippur geschlossen halten würde!! Ich nahm auch häufig wahr, daß Eltern, die an den Aufgängen der Hochbahnstationen Zeitungsständer innehaben, am Jom Kippur ihren Kindern den Verkauf übergaben, während sie selber in der Synagoge bis abends verblieben. , Es dürfte kaum ein mit den Newyorker Verhältnissen Vertrauter imstande sein, diese ja auch allgemein anerkannten Tatsachen zu bestreiten. Wie rapide die Eingewanderten ihre religiöse Gesinnung und ihren Lebenswandel, kaum daß sie amerikanischen Boden betreten haben ändern, will ich durch einige Beispiele illustrieren. Bei verschiedenen Ozeanfahrten, bevor noch eine jüdische Küche für die Emigranten eingerichtet war, Pflegte ich zuweilen den Leuten etwas von meinen Konserven oder Fleischvorräten anzubieten. Sie nahmen dieselben wohl an, warfen ne dennoch hinter meinen Rücken ins Meer, weil sie fürchteten, daß sie nicht koscher seien. Wenn ich nach Jahresfrist denselben Leuten wieder beg^net», prahlten sie damit, daß sie sich von diesen .„Narrheiten" längst losgesagt hätten, jetzt weder mehr zuhause noch auswärts koscher lebten und nur noch an den christlichen Feiertagen teilnähmen. Merkwürdig genug, daß dieselben Leute doch noch in der Mehrzahl an der festhalten, obgleich sie ihre Kinder völlig unwissend und geradezu antijüdisch aufwachsen lassen. Man braucht sich daher auch nicht zu verwundern, daß die Mischehen unter dieser Klaffe Juden einen Umfang anaenommen haben, wie nie zuvor und in keinem Lande der Erde wieder,' vielleicht mit Ausnahme von Südafrika, wo die gleichen Erscheinungen zutage treten. ES ist daher nicht nur keine Uebertreibung, sondern eine nicht wegzuleugnende Tatsache, daß die Angaben von Dr. Ascher der Wirklichkeit entsprechen. Zu den von Dr. Ascher gemachten Angaben kann ich aus eigner Erfahrung noch hinzufügen, daß diese Zustände nicht nur etwa in Rewyork allein herrschen, sondern für die jüdischen Verhältnisse in Amerika überhaupt typisch find. Und es ist nicht immer der bittere Zwang, der Kampf um Dasein und Brod, der dies" Erscheinungen allein zeitigt, sondern eine, wie es scheint die russischen oder galizischen Juden mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifende psychische Epidemie, die früher oder später einen religiösen Wandel bei ihnen hervorruft, die auch auf ihre sittliche Lebenshaltung so nachteilig einwirkt. Nur ein einziges, von vielen erlebten Beispielen will ich hier anführen. Ein Emigrant, der, weil er fast ganz mittellos, noch ohne Frau und Kinder nach Amerika gekommen war und um Verschaffung eines kleinen Kredits sich an mich wandte, führte als „Peddlar" (Hausierer) jahrelang einen streng religiösen Lebenswandel, kam allmählich zum Wohlstand, ließ seine Familie zu sich kommen. Weil cr eine sehr schöne Stimme hatte, betete er an den hohen Festtagen in der von mir gegründeten Gemeinde Har Zion in Jersey-City, gegenüber Newyork. Er hatte sich ein gutgehendes Ladengeschäft gegründet, so gut wie keine Konkurrenz in der Nähe. Eines Sabbaths kam er nicht mehr in die Synagoge. Er hatte seinen Laden offen gehalten und stand, während wir Gottesdienst hielten, hinter seinem Ladentisch, hämmerte,nagelte, packte, schrieb und verkaufte. Warum? -- Herr Dr. Ascher hat allerdings mancherlei Erklärungen für diese entsetzlichen Entartungserscheinungen gegeben, jedoch nicht alle wichtigen psychologischen Ursachen genügend gekennzeichnet. Wenn mir hier Raum gegönnt wird, will ich versuchen, die Erklärungen Aschers zu ergänzen, was in einem weitern Artikel geschehen soll. SST* MM MochenrmWav. fladihlänge und Präludien. Die Kämpfe um den Entwurf eines preußischen Judengesetzes spiegeln sich in der jüdischen Presse trotz der sommerlichen Stille immer noch mehr oder minder lebhaft wieder. So enthält die letzte Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" an leitender Stelle einen wörtlichen Abdruck des Vortrages, den Herr Amtsgerichtsrat B l u m e n f e l d -Insterburg auf dem Verbandstag der ostpreußischen Synagogengemein- , - '. S. September 1909 den über den Entwurf des Gemeindebunds gehalten hat. Herr Blumenfeld geht mit dem bösen Antrag Friedmann gar fürchterlich ins Gericht. Er schildert mit entsetzten Mienen, was nach dem Antrag Friedmann den Provinzialgemeinden und der Landesgemeinde alles verboten sei und bringt so in einer dem Interesse der Wahrheit außerordentlich yützlichen Weise die ganze Sehnsucht gewiffer Kreise nach den verbotenen Früchten einer Zentralgewalt zum Ausdruck. Zu diesen verbotenen Früchten zählt z. B. nach Herrn Blumenfeld die Gründung eines Lehrerseminars im Osten, die, wenn es Herrn Blumenfeld und seinen Gesinnungsgenossen nachginge, eigentlich in die Kompetenz der Provinzialgemeinde - fallen sollte. Dieselbe Provinzialgemeinde also, von der man unaufhörlich versichert, sie we;de rein administrative Befugnisse haben, soll eine so durch und durch religiöse Institution wie eine Bildungsanstalt für Volksschul- und Religionslehrer gründen und unterhalten! Man braucht einen solchen Gedanken nnr auszusprechen, um zu erkennen, wie absolut verständnislos die Vertreter des Gemeindebund-Entwurfs nach wie vor den Anforderungen der religiösen Gewissensfreiheit gegenüberstehen. Die gleiche Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" bringt den Gegnern der Zwangsorganisation einen wertvollen Bundesgenossen: Zunz. Im Jahre 1850 hatte der Vorstand der Berliner jüdischen Gemeinde, der also schon damals in der Schaffung einer Zentralbehörde ein geeignetes Mittel erblickte, sich zum Obervormunde der preußischen Judenheit auszuschwingen, die Idee angeregt, durch die preußischen Gemeinden führende Männer als „Vertreter und Wahrer ihrer religiösen Bedürfnisse, als Ordner ihrer Institute, als Organe ihrer Interessen vorkommenden Falles den Behörden gegenüber," wählen zu lassen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bielefeld wandte sich nun an Geiger und an Zunz, mit der Bitte, sich zu dem Entwürfe zu äußern. Die Antwort des letzteren lautete: An den geehrten Vorstand der jüdischen Gemeinde in Bielefeld. Auf die Anfrage, mit der Sie mich in Ihrer Zuschrift vom 1. d. M. beehrt haben, bin ich so fr.i, zu erwidern, daß wir meiner Meinung nach bereits Behörden enug haben, so daß jede neue ein neues Nebel ist. Für ie Juden wäre jene schnell zu einer päpstlichen Zwangsmacht anschwellende Zentralbehörde ein wahres Unglück, und die freien selbständigen Gemeinden, die sich diese Kette angelegt, dürften viele Anstrengungen machen müssen, um sie zu brechen. Hier haben Sie meine ehrliche Ansicht. Sie haben aber nicht nötig, sie zur Richtschnur zu nehmen. Berlin, 8. April 1850. Hochachtungsvoll Zunz. Kleines Amilleton. Der Ierebwa-Seblleiiler. Kulturbild von Max I. Salzberg. Alle Schüler der Sboloder Jeschiwa wußten, daß Rabbi Chaim der Magid (Prediger) der Jeschiwa schneider ivar. Für ein paar Kopeken flickte er das Zeug und zwar mit eigenem Stoff, den er sich aus Lumpen heraussuchte. Man wußte aber auch, wie sehr er sich dieses Handwerkes schämte: denn er verhandelte mit den Kunden im Flüstertöne über den Preis und schloß immer mit der Bedingung: „Gut, ich flicke es dir für drei Kopeken, aber du sollst niemandem erzählen, daß ich dir so etwas gemacht habe, daß ich mich überhaupt mit Schneiderei beschäftige; verstehst du? Ich will nicht, daß man es erfährt!" So schloß er selbst bei den Kunden, die er eben vorher gebeten hatte, ihn andern zu empfehlen. Ihm gehörte die Ecke zwischen dem großen Ofen und den Strohsäcken, welche die armen Schüler nachts auf die Bänke legten, um darauf zu schlafen. Den ganzen Tag saß er dort an seinem wackligen Ständer über einem aufgeschlagenen Folianten und schlummerte. Zwar gedachte er etwas anderes zu tun als zu schlummern; seine Absicht war zu lernen. Gleich nach dem Morgengebet setzte er seinen Ständer in die Ecke, legte den Folianten darauf, öffnete ihn und begann einige Sätze des Talmuds durch die Rase auszustoßen. Mer bald legten sich die Arme auf das große Buch, darauf senkte sich das Haupt und die frommen Töne venoandelten sich in ein leichtes Schnarchen, das nur unterbrochen wurde, wenn Rabbi Chaim sich erhob, um eine Prise zu nehmen. Rabbi Chaim war böse über diesen Schlaf, und er hatte auch guten Grund dazu: nur des Schlafes halber war ihm das Amt eines Totenwächters entzogen worden; denn der Schlaf überkam ihn auch, wenn er sich nicht auf den Ständer stützte. Freilich hatte diese Gewohnheit auch ihre guten Seilen.: An den Tagen, an welchen er die vier Kopeken für die Schüssel Erbsen irr der Jeschiwaküche nichts hatte, und das geschah sehr oft, nbertönte. das Lchnarchen das Knurren des Magens und der Schlaf verdrängte den Hunger. §eine Schneiderzeit war nur am Abend and in der Nacht. Sobald er mit Sicherheit feststellcn konnte, daß niemand mehr aus dem Städtchen in die Jeschiwa kommen würde, um das Gebet zu verrichten, nahm er seine Nähgeräte hervor und begann zu flicken. Dann kam Leben in seine Ecke. „Nein, schrie eine Stimme Rabbi Chaim zu, wie können (2>te denn einen blauen Flicken in meinen hellgrauen Rock setzen und gerade auf den Rücken?" „Tsch, tsch," flüsterte Rabbi Chaim, „regen Sic sich, doch nicht auf, es paßt ja sehr gut. Erstens habe ich keinen andern Flicken, und zweitens werde ich ihn so rund machen, daß es hübsch sein wird. Morgen, am Tage, Sie sollen es sehen, wird es ein ganz anderes Aussehen haben!" Der helle Tag vermochte dennoch nicht, den blauen Flicken hellgrau zu machen, obgleich er beinahe rund aussah, und so gab es oft Streit. Da geschah auch das Furchtbare für Rabbi Chaim. „Schneider", erscholl es aus dem Munde des gereizten jungen Mannes, und dieses Wort wirkte gewaltig auf den Alten. Er wurde noch bleicher als sonst. seine Züge verzerrten sich, und Tränen füllten die Unterlider. Er antwortete dann nichts und schlich gebeugter als sonst in seine Ecke. Eine Zeitlang blieb er dort steif sitzen, die Augen nach dem Fenster gerichtet, ohne jedoch das Licht zn betrachten. Jeder kannte die Wirkung dieses Namens, und man nutzte ihn bei mancher Gelegenheit aus. * * * Der Vater von Rabbi Chaim war ein Dorfschneider gewesen. An jedem Montag nahm er seine Schere, ein Plätteisen und Kreide und ging mit seineni ältesten Sohn, dem Bruder von Chaim in das Dorf, wo sie die ganze Woche. Pellkartoffeln, Heringe und trvcknes Schwarzbrot aßen und dabei den Bauern ihre Kleider anfertigten. Jeden Freitag kehrten sie nach Hause zurück, um in ihrer Familie den heiligen Sabbath zu feiern und auch ein Stück Fleisch zn essen, das sie während der Arbeitszeit entbehrten. Der zweite Sohri, Chaim, sollte kein Schneider werden, denn er war schon als Kind sehr fromm und hielt sich lieber in der Synagoge unter den Talmndisten auf, als im Hause und aus der Straße. Sein Vater schickte ihn daher auf die Jeschiwa, und er hoffte, durch ihn zu Ehre zu gelangen, denn Chaim lernte fleißig, und seine Lehrer meinten, er werde noch ein großer Rabbiner. Aber da geschah das Schreckliche, und der alte Dorfschneider mußte selbst seine Illusionen zerstören: in den ältesten Sohn, den blassen, schwarzäugigen jungen Schneider, verliebte sich die Tochter eines wohlhabenden Bauern, und beide flüchteten nach Amerika, wo, wie das Gerede im Städtchen lautere, sie sich verheirateten. Der alte Dorfschmeiyer "verlor nun auf einmal die Stütze, die er an seinem Sohne gehabt und das Dorf, wo er seit vielen Jahren gearbeitet hatte; denn die Bauern beschuLigten ihn, dem Sohn seine Zustimmung zur Flucht geg^btzn zu.