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Der Israelit · 1909-09-02 · Heft 35 (2.9.1909) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 35 (2.9.1909)
Date
1909-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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v-7 'vVv .. (j Der israelOl Ein Centraloroan fOr das ortfiodoxe Jndentwn 50. Jahrgang. legrünlet oon Dr. Lehmann in fflainz - « m a«. 2. September 1909 Sranhfurta. M.. San—— M SB. Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 8.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn L Kr., Rußland 1 Rab., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten, Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur dirett. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Eolonel-Zeiler Rabatt nach Tarif. Jnferatenannahme nur durch Haasenstein u. Vogler A.-G.. Frankfurt a. M., und derm Filialen. AahtnMUr» können außer direkt au den Verlag erfolgen per: Conto' bet de« Postscheck-Amt Franksnrt a. M. Ao. 344. Conto bet der ft. St. Postsparkasse Wie« Ro. 78 605. Conto bei de« ft. Postfparkaffenamt Budapest Sto. 18424. Conto bei der Sttgaer Comnrerzbank in Riga und deren Filialen. ver Nachdruck Ser nrtlkel unö Correiponöen?en des „Israelit“ iß nur unter genauer Quellenangabe, und, loioeif es Itdi um größere Ruffäfce handelt, nur nadi vorheriger Genehmigung gehaftet. €in Kommentar zum Schmelz tiegelprovlem. Bon Dr. Archur Sahn in CharlottenLurg. ES gibt eine große Reihe von Dingen, die, obgleich ihre Zu- oder Abnahme sich statistisch abmeffen ließe, dennoch nur ihrer inneren Bedeutung nach, nicht aber auf Grund der bloßen Erforschung ihres numerischen Umfanges bewertet werden können. Das „Ding an sich", die Tatsache selbst, muß bei solchen Dingen sprechen, die Ursache muß möglichst gründlichst erforscht werden, um, je nach der Sache, um die es sich handelt, sich mit dem Gegenstand wirksam beschäftigen zu können. Ein solches „Ding ün sich" ist das in Nr. 32 des „Israelit" an leitender Stelle berührte Thema, das „Schmelztiegelproblem"- wichtig genug für die Gesamtjudenheit, gleichviel sb „konservativ" oder „liberal" oder „religiös indifferent". Das Thema berührt eine Existenzfrage der amerikanischen Judenheitvielleicht schon für die erste Hälfte des jetzigen Jahrhunderts. Der Verfasser dieser Zeilen darf die Kompetenzberechtigung, hier mitzusprechen, beanspruchen, weil er über zehn Jahre lang die Zustände im New-Uorker Ghetto in den verschiedensten Phasen, die sie durchlaufen haben, ununterbrochen beobachtet hatwell er sich durch sie zu mancherlei soziologischen, psychologischen und volkswirtschaftlichen Studien angeregt sah und die Psyche des osteuropäischen Juden in ihren oft rätselhaften Wandlungen genau verfolgen konnte. Die Beobachtungsperiode umschließt die Jahre 1889—1900 und einen kurzen Aufenthalt in Amerika 1905, wobei zugleich die Ghetti von Baltimore, Philadelphia und änderen Großstadtzentren vergleichsweise mit dem New-Uorker zu erwähnen wären. Außerdem hat der Verfasser im Jahre 1898 dem am atlantischen Ozean zelegenen^jüdischen Kinderhospiz bezw. Erholungsheim in Rockaway Beach als dirigierender Arzt oorgestanden und dabei Gelegenheit gefunden, mit ca. 4000 jüdischen Kindern im Alter bis zu 15 Jahren zusammenzukommen, die zu 95 Proz. rus deMMew-Uorker Ghetto und zu 5 Proz. aus Brooklyn rc. waren. , Dip Ainder wurden streng rituell verpflegt und # 0*3*0 vor und nach LHch und zum Abendgebet ‘ ‘ Maebalten. Gvcade das eiaWtÜmließ mich mancherlei Rückschlüsse auf das religiöse Leben in deren Umgebung machen und bestimmte mich, die Kinder auf ihre Kenntnisse im Allge meinen und, ohne Beeinträchtigung ihrer Ferien ruhe, in jüdischen Dingen im Besonderen durch meinen Assistenzarzt, einen ehemaligen Religions lehrer russischer Herkunft, etwas eingehender prüfen zu lassen. Ich gebe hier das Resultat, soweit ich darüber noch Aufzeichnungen besitze, wieder, wie folgt: Bon je 100 Kindern im Alter von fünf bis fünfzehn Jahren konnten nur vier fließend hebräisch lesen, elf etwa so, wie bei uns in Deutschland die Kinder im ersten halben Schuljahr in ihrer Muttersprache lesen können. Dieselben Kinder der ersten Kategorie verstanden auch das Hebräische genügend zu übersetzen, ebenso auch in jüdischer Kurrentschrift zu schreiben. Alle übrigen Kinder konnten weder hebräisch lesen noch schreiben. Alle dieseKinder wohnten im Ghetto und stammten von osteuropäischen Eltern ab. Die des Hebräischen kundigen Kinder waren insgesamt fünfzehn (von hundert!), darunter neun Knaben und sechs Mädchen. Und diese fünfzehn Kinder waren erst zwei bis drei Jahre im Lande, hatten also ihre hebräischen Kenntiffe noch in ihrer alten Heimat erworben. Bon den im Ganzen 47 Knaben über dreizehn Jahren waren vier nicht Barmizwo geworden, nur zwei hatten einen Abschnitt aus der betreffenden Sidra gelernt, alle übrigen nur die Segenssprüche zur Thora, einer hatte die ganze Sidra und die Haftora gelernt. )as Resultat der Gesamtprüfung an über 3000 Kindern ergab: 81 Prozent Kinder von fünf bis zu fünfzehnJahren waren de-Hebräischen total unkundig. 31 Proz. von der Gesamtzahl hatten überhaupt, teils bei ihren Eltern, teils bei einem Lehrer, resp. in einer Schule hebräischen Unterricht genossen, alle übrigen d. h. neunundsechzig Prozent der Gesamtjugend des Ghetto hatte weder jüdischen Religionsunterricht noch hebräischen Sprachunterricht genossen. Dieses. Prüfungsresultat stammt vom Sommer 1896. Und dieses angesichts dreier täglich in hebräischen Lettern erscheinttlder Tageszeitungen, der «Mosen in hübrässchen Lettern an cmen der vielen hebräischen Firmenschilder usw. Bei rund 50 Proz. der Eltern war absolute Sabbätruhe (bis 1898), bei den übrigen tellweise, d. h. die Eltern hielten noch solche, die Kinder aber nicht mehr. Der größte Teil der Eltern hielt» noch auf „Lichtbenfchen", ging aber am Sabbat seinen Geschäften nach. Am Versöhnungstag hatten von sämtlichen über 12 Jahre alten von uns geprüften Kindern nur 8 Proz. gefastet, alle übrigen wußten von diesem Festtag nur, daß ihre Eltern den ganzen Tag über „nicht zu Hause waren". Bon Mädchen dieses Alters waren bisher nur etwa 15 Proz. in einem Gottesdienst gewesen. Die übrigen hatten überhaupt nur gelegentlich einmal eine Synagoge oder ein „Bes- Hamidrasch" besucht. Fast alle wußten etwas, wenn auch meist nur ganz vage, von Channukka und Purim, von letzterem, daß sich die Leute maskierten, Bälle besuchten und daß man gut esse, wie am „Thanksgivingday", dem nationalen Feiertag der Bereinigten Staaten (dem letzten Donnerstag im November). Die Verhältnisse, die ich 1905, gelegentlich eines drei Monate langen Aufenthaltes in Amerika wiederfand, überzeugten mich, daß das Ghettojudentum sich in einem rapiden religiösen Auflösungsprozeß befand. Konnte ich von 1890 bis 1900 wenigstens die Zahl der an jüdischen Sabbat- und Festtagen feiernden Arbeiter und Geschäftsleute approximativ mit 40pCt. berechnen, so war iese Zahl 1905 nach eignen Wahrnehmungen und den mir als durchaus zuverlässig erscheinenden Angaben einiger mit den Verhältnissen wohl vertrauten Freunden schon auf ca. 20 Proz. gesunken. Wer an Sabbattagen, ganz in der Frühe durch die jüdischen Zentren wandert, wenn die Geschäfte beginnen, und die abertausende von jüdischen Mädchen und Jünglingen durch die Straßen wogen und ihren Büros, Läden, Fabriken und sonstigen Arbeitsstätten zuwandern sieht, kann sich ohne große Anstrengungen überzeugen, daß alle diese Tausende jüdischer junger Leute, bei Berücksichtigung aller übrigen Verhältnisse als Mütter und Väter gedacht, keineswegs mehr eine kommende Generation als Juden erziehen wird. Das bestätigt ein Blick am Jom Kippur in die in Amerika so beliebten Konditoreien, wo weder am Kol Nidre noch am Jom Kippur selbst ein Plätzchen frei, vielmehr jeder Stuhl von jüdischen jungen Leuten besetzt ist. Man kann an diesem Tc Dutzend Synagogen durchwandern, ohne nur zehn vmaer Leute ayz nage ein halbes auch

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