Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 18 Nr. 34 Der Israelit. 26 August 1909. nicht verschlungen. Er hatte sich Vorwärts gewagt und hat sich zurückgefunden. Vorwärts und Zurück sind keine Gegensätze. Zu keiner Zeit war das „Zurück" inmitten des rastlos vorwärtsstürmenden Lebens so nötig, wie in der unsrigen. W.chin denn sollen wir als Menschen gelangen, wenn die Zeit uns keine Zeit läßt, Mensch zu sein? Rabbiner Hirsch ■?"X sagt einmal in seinen Sabbathart ikeln ungefähr „hätten wir den Sabbath nicht vor dreitausend Jahren schon empfangen, auf den Knieen müßten wir ihn heure fußfällig erbitten." Je weniger die Sabbathruhe der Allgemeinheit der Judenheit ist/ je weniger Verständnis den Idealen des Judentums entgegengebracht wird, um so notwendiger ist es, an sie zu erinnern. Wie der Arzt aus den Symptomen der Krankheit die Diagnose erkennt, wie die Unfähigkeit des Körpers, Nahrung aufzunehmen, ihn darauf sinnen läßt, wie der Kranke wieder aufnahmefähig wird, so beweist der Mangel an Aufnahmefähigkeit für gewisse Ideen und für Uebernahme bestimmter sittlicher Aufgaben die Verständnislosigkeit für diesen ethischen Gedankengang. Die ganze Lebensrichtung ist zu fremd geworden, als daß sie sich die wahrhaft jüdischen Anschauungen assimilieren und das Lebensblut durch sie ersetzen und auffrischen könnte. Die jüdische Seele ist erkrankt. Und der Kranke bedarf der Ruhe, um sich zu erholen. Gerade aber die Ruhepausen, in denen den Kranken in kleinen Teilen allmählich wieder der Nahrungsstoff zugeführt werden könnte, um ihn langsam wieder an das Lebensbrot, das die Thora uns reicht, zu gewöhnen, gönnt er sich niöht. Und diese fieberhafte Unruhe, von der er ergriffen ist, die ihn nicht zur Ruhe kommen läßt, das stete Drängen nach äußerm Vorwärts und das beständige Widerstreben gegen das innere Zurück, die mangelnde Zeit zu Sabbath und Thora, zu Festtagen und ideellem Streben, ist die traurigste Aeußerung der Krankheit selbst. Ueberall im Leben erkennen wir an, daß eine Ruhe, ein Zurück, ein Rasten, eine Pause nötig ist. Dort, wo sie am wenigsten entbehrt werden kann, sollten wir ihrer am leichtesten entraten? Die Tora, die uns zu Mensch unter Menschen erziehen will, hindert unfern Fortschritt in den Bestrebungen des Lebens nicht. Aber dieser Fortschritt darf auch unsere sittliche Weiterbildung nicht beeinflussen. Sagt doch schon ein altes römisches Sprichwort: „Wer in der Wissenschaft fortschreitet und in der Sitte Rückschritte zu verzeichnen hat, geht mehr zurück als vorwärts." Des Eluls Posaunenton ist das „Zurück", das Gott, unser „Freund", uns zuruft. Möge der Roschhaschonoh uns in dem freudigen Entschlüsse treffen: „Zurück zum Freunde" — vorwärts mit dem Freunde. Bericht über die {Tätigkeit des Vereins zur Währung der religiösen Interessen des Judentums in Westfalen €. U. Vom April 1907 bis August 1909. I. Die Eröffnung eines neuen Tätigkeitsberichtes über die Jahre 1907 bis 1909 knüpfen wir an die frohe Nachricht, daß nach schwierigen, nahezu 3 jährigen Auseinandersetzungen unserer Vereinigung mit Genehmigung des Ministeriums die Rechte einer juristischen Person verliehen wurden. Mit der Eintragung unseres Verbandes in das Vereinsregister, der hiermit erlangten Rechtsfähigkeit und dem gleichzeitigen Inkrafttreten unserer neuen Satzung sind wir in unserer Entwicklung um ein Wesentliches vorwärts geschritten. Wir erachten es nunmehr in historischer Rückschau und zugleich zur Abwehr in jüngster Zeit erfolgter Angriffe gegen unseren Verein für notwendig, daran zu erinnern, wie dieser nur unter den denkbar schwierigsten Verhältnissen vor 13 Jahren ins Dasein trat, aber mit seiner Gründung der gesetzestreuen Judenheit einen Mittelpunkt geschaffen hat, um den sie sich in ihrer anfänglichen Vereinzelung scharen konnte und der nunmehr für eine große Anzahl von Gemeinden eine religiöse Wohltat geworden ist. Seitdem vor mehr als 40 Jahren die Landrabbinerftelle nach dem Heimgang des ehrwürdigen Rabbiners Sutro in Münster nicht mehr besetzt worden war, trat in unserer Provinz fast durchweg eine völlige Verwaisung der religiösen Institutionen ein. Mit Wehmut liest man das letzte Werk dieses Rabbinen „Milchamaus Haschöm" „Kämpfe für Gott", das uns wie ein Mahn- und Weckruf an die nachgeborenen Geschlechter anmutet und Zeuge ist von der bereits eingetretenen Zersplitterung der innerhalb unserer Provinz lebenden Brüder. Wie es 30 Jahre nach dem Tode dieses Mannes in Westfalen aussah — während dieser langen Periode war kein Mann mit umfassendem religiösem Wissen für die Gemeinden als Führer vorhanden — läßt sich ermessen. Die religiösen Institutionen, die den Gehalt und die Grundlage jeder jüdischen Gemeinde bilden, fehlten meist und waren vielfach, wenn sie vorhanden waren, vernachlässigt und zerfallen. Es war keine Persönlichkeit vorhanden, die die zahlreichen religiösen Fragen des Lebens, die an jeden Juden herantreten, beantworten konnte. Die jüdischen Gemeinden, die früher durch ihren Rabbiner zur Erhaltung und Wahrung unserer heiligsten Güter angefeuert worden waren, sanken zu Verwaltungsinstitutionen von der Höhe ihrer religiösen Aufgabe herab. Hierzu kam noch, daß hunderte unserer Kinder in kleinen Gemeinden ohne jeglichen Religionsunterricht aufwuchsen, daß es durchaus nicht zu den Seltenheiten gehörte, wenn die erwachsene Jugend nicht einmal mehr die hebräischen Gebete „lesen" konnte. Daß diesem Verfall Einhalt geboten werden mußte, das fühlte jeder. Daß aber die Lösung dieser schweren Aufgabe nicht darin bestehen konnte, die Schuld für diesen Niedergang des religiösen Lebens dem Judentum und dessen religiösen Institutionen zuzuschieben und nun im Reformeiser das Alte zu stürzen, das hätte die Geschichte des 19. Jahrhunderts zur Genüge lehren können. Es ist tief bedauerlich, daß das verrostete Rüstzeug der Reform hervorgeholt werden sollte, um damit angeblich das Judentum aufs neue zu seinem Kampf zu rüsten. Man blättere nur einmal in den Veröffentlichungen des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens! Anträge wie Resolutionen über Abschaffung d's 2. Feiertages wechseln mit Beschlüssen über Abschaffung unserer Tefilloh. Man setzt das Vogelsteinsche Werk, das wesentliche Grundgedanken des Judentums leugnet, an deren Stelle. Mit solchen Mitteln eine Hebung des religiösen Lebens erzielen zu wollen, das hieß den Bruch innerhalb des Judentums vergrößern. Die Abwehr, die dieser Einrichtung des genannten Verbandes gelten mußte, der hiermit offiziell in das radikal-neologe Fahrwasser lenkte, setzte deshalb unter der Führung einer kleinen Zahl gesetzestreuer Männer ein und bildete den äußeren Anlaß zur Gründung unserer Vereinigung. Wir wollen unserem jüdischen Gotteshause ferngehalten wissen den Staub des Alltags und wechselnde Zeitströmungen. Wir wollen den Gottesdienst in der schlichten, nicht nach anderen Religionen liebäugelnden und den Charakter der Awaudoh verkennenden Weise unserer Väter erhalten! Daß viele unserer Brüder dem Inhalte der Gebete und der Kenntnis der hebräischen Sprache leider fremd gegenüber stehen, legt uns doppelt die Pflicht auf, mit aller Energie den Inhalt unseres Judentums zu verbreiten, das uns von der Zeit Trennende klar zu begründen und das jüdische Wissen bei Alt und Jung zu mehren. Es betrachtete unsere Vereinigung als ihre erste Aufgabe, ein Nabbinat zu begründen. Der Rabbiner sollte die Aufgabe übernehmen, Ort für Ort belehrend, anregend für die Ideen unserer heil. Sache wieder zu gewinnen. Ihm lag es ob, die religionsgesetzlichen Entscheidungen zu treffen, die religiösen Institutionen zu schaffen und zu beaufsichtigen, — die Vertretung der Gemeinden und ihrer Interessen bei den Behörden zu übernehmen, — kurz die Fülle der religiösen Aufgaben des Gemeinde- und Einzellebens zur Entfaltung zu bringen. Unsere Rabbiner machten es sich in allererster Linie zur Aufgabe, für die Verbreitung der Kenntnis des Judentums durch Predigten, Vorträge, Schiurim, wie durch Förderung des Religionsunterrichtes zu sorgen. An den zahlreichen kleinen Orten, wo es an Religionsunterricht fehlte, diesen einzurichten war eine unserer schwierigsten Aufgaben. Daß dieser Unterricht nur auf der Basis des auf Bibel und Tradition beruhenden Judentums zu errichten ist, müssen wir das betonen? Leider ja. Denn auch hier hat der genannte Verband gesündigt. Sein erst im Jahre 1908 erfolgter offizieller Beschluß, das Koblenzsche Lehrbuch „Jüdische Religion" als Lehrbuch einzuführen, schließt eine große Gefahr für die jüdische Erziehung unserer Kinder in sich. Wir betonen, daß wir weit davon entfernt sind, in persönlichen Kämpfen den Verfasser des Buches anzugreifen. Uns handelt es sich ja nur um die Konstatierung der Tatsache, daß schwere prinzipielle Bedenken der Einführung des Buches entgegenstehen. Das Buch als literarische Erscheinung kümmert unsere Vereinigung nichts, wohl aber das Buch — als Religionslehrbuch der Schulen unserer Provinz. Uns ist es durchaus nicht gleichgültig, ob unsere Kinder in den Schulen z. B. die Lehre erhalten, es hätte jederzeit die Glaubensgemeinschaft das Recht, Aenderungen unserer religiösen Pflichten vorzunehmen, ob in diesem Buche die Lehre von Gott, die Lehren unserer Pflichten in rein subjektiver und oft in geradezu die Wahrheiten des Judentums verneinender Weise gelehrt werden. Der Verband der Synagogen-Gemeinden Westfalens hat mit dem Beschluß der Einführung dieses Buches unsere entschiedene Abwehr herausgefordert, und wir mußten deshalb, wennwir Synagogengemeinden zum Anschluß an unsere Vereinigung aufforderten und eine Erörterung unseres Verhältnisses zum Provinzialverband uns notwendig erschien, rückhaltlos unsere gegensätzlichen und sich ausschließenden Auffassungen bekanntgeben und klarlegen. Die Wege, die wir wandeln, sind jedoch nicht die des herausfordernden Kampfes — wohl aber, wenn es nötig ist, die der Abwehr. Einer Darlegung unserer Prinzipien gehen wir nimmermehr aus dem Wege. Im übrigen haben wir nicht den Ehrgeiz, durch agitatorische Propaganda die Grenzen unserer Wirksamkeit zu erweitern. Die Gemeinden innerhalb unserer Provinz, die wir, weil sie in ihren Institutionen das gesetzestreue Prinzip nicht verneinen, gerne an unserer Seite wissen, um dem Judentum in der Provinz breite Bahn zu schaffen, suchten und suchen wir allerdings für unsere heilige Sache zu gewinnen. Jederzeit galt es uns aber als unser höchstes Prinzip, dem Zusammenschluß und Anschluß unserer Verbandsgemeinden, die von Jahr zu Jahr steigt, den Charakter der Freiwilligkeit zu erhalten. Keine unserer Verbandsgemeinden wird sich bei aller rührigen Tätigkeit, die wir in ihr entfalteten, darüber beklagen können, daß wir in die Selbstverwaltung eingegriffen hätten. Ratend, anregend, fördernd, die Streitigkeiten innerhalb der Gemeinden schlichtend, gutachtlich in religionsgesetzlichen, wie allgemeinen jüdischen Dingen gegenüber dringenden Gemeindefragen Klarheit bringend — das war die wirksame Hilfe, mit der wir den Gemeindeverwaltungen in zahlreichen Fragen dienlich waren. Die Zeitumstände erfordern es, diesen Charakter der Freiwilligkeit, die den Vorzug unseres Verbandes bildet und cs für die Dauer jeder Gemeinde freistellt, sich anzuschließen, auch aus ihm auszuscheiden, scharf zu betonen (vergl. § 4 unserer