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Der Israelit · 1909-08-26 · Heft 34 (26.8.1909) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 34 (26.8.1909)
Date
1909-08-26
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 34 des „Israelit". ver Scdutr. 'euilleton mm Novelle von S. Lutz, Mannheim. (Fortsetzung.) Am andern Morgen, gleich nach dem Frühstück, als die Tochter in die Schule gegangen und die Frau in der Küche beschäftigt war, trat Daniel in das Wohnzimmer, wo Jsenstein mit dem Ordnen von Papieren zu tun hatte, und sagte an der Türe stehenbleibend: „Herr Jsenstein, wenn mein Monat aus ist, gehe ich." „Warum?" fragte Jsenstein ihn erstaunt ansehend. „Das Zimmer oben gefällt mir nicht." „Wie? willst Du den Schuft spielen? willst Du mich verraten, nachdem ich Dir mein ganzes Vertrauen gezeigt habe? oder willst Du mich pressen?" Daniel schüttelte traurig den Kopf, die Rührung hatte ihn übermannt, das Gofühl von einem liebgewordenen Hause Abschied nehmen zu sollen, schnürte ihm die Kehle zu. „Sag, was Du willst", schrie ihn Jsenstein an. „Ich will nichts, ich will Sie auch nicht verraten/ aber ich will mit der Schmuggelei nichts zu tun haben." „Ich habe Dir nicht zugemutet, daß Du schmuggeln^sollst, dazu giebt es andere Leute." * „Ich will auch von der Hehlerei nichts wissen." „Was t|t für ein Unrecht dabei?" „Würden Sie Ihrem Nachbarn seinen Geldbeutel stehlen?" „Was sagst Du? bin ich ein Dieb? bin ich tzicht ein ehrlicher Mann?" „Geschmuggelt ist auch gestohlen." „So? ei, ei, ei, was Du sagst. Wem tu ich ein Unrecht damit? Die armen Leute verdienen sogar ein schönes Geld bei mir." „Unrecht tun Sie dem Staat, und daß Sie das selbst fühlen, wenn Sie sich auch was anderes Vorreden, das beweisen Sie schon damit, daß Sie sich vor den Beamten und vor der Polizei fürchten." „Warum verlangt der Staat so viel, daß man nicht bestehen kann, wenn man den Zoll bezahlt?" antwortete Jsenstein etwas weniger sicher geworden in seinem Wesen und nach einer Beschönigung seiner Tat suchend. „Wir Juden müssen unter allen Umständen uns streng an das Recht halten, und wenn es auch schwer fällt", antwortete Daniel bestimmt. Jsenstein sah weg und seufzte tief auf. „Uebrigens", nahm Daniel wieder das Wort, „kann man auch mit weniger Gewinn bestehen, wenn man mehr verkauft, mein Vater besteht auch bei demselben Zoll." „Das möcht ich wissen, wie ich mehr verkaufen soll." „Ich wills Ihnen sagen, wenn Sie nich anhören wollen." „Nun sag." „Ich will für Sie mit dem Reff auf die Dörfer der Umgegend gehen, vier bis fünf Stunden weit, und Sie werden sehen, ich verkaufe soviel, daß Sie nicht weniger verdienen als jetzt." „Ich kann mir von Dir nicht in mein Geschäft hineinreden lassen, aber ich will Dir offen sagen, ich verlier Dich nicht gern, überleg Dir die Sach noch einmal". „Bei mir ist nichs mehr zu überlegen, ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, aber überlegen Sie sichs auch noch einmal, ich kann Ihnen sagen, ich geh auch ungern fort." „Meinetwegen, ich will mir die Sache auch noch einmal überlegen." ..Aber ich stell noch eine Bedingung," sagte Daniel ehe er hinausging." „Und das ist?" „Das ist, daß nicht nur keine geschmuggelte Ware mehr ins Haus kommt, sondern daß ich auch eine sichtbare Türe in das Zimmer oben machen darf." Daniel ging ruhig an die Arbeit und Jsenstein ging mehrere Tage nachdenklich und mit gesenkten Blicken im Hause umher. Nach drei Tagen rief Jsenstein Daniel ins Zimmer und teilte ihm kurz mit, er möge eine Tour machen, und sobald sie fertig sei, wollten sie in einer Nacht von Gange aus die Türe in das Zimmer machen. Das geschah und auch ein Reff wurde gekauft, denn von Weggehen war nun keine Rede mehr, das Reff wurde mit Ellen- und Kurzwaren beladen und Daniel fing an hinaus zu gehen, um neue Kundschaft anzuwerben. Er hatte einen Erfolg, der alle Erwartung überstieg, er ward durch sein reelles Wesen bald in der nahen und weitern Umgegend so beliebt, daß der Warenhandel Jsensteins einen raschen Aufschwung nahm. Abgesehen von dem Vorteil, den Daniels Tätigkeit ihm brachte, empfand Jsenstein vor seinm Diener eine Achtung, dle zu dessen Stellung in keinem Verhältnis stand. Daniels moralische Festigkeit hatte einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Jsenstein war zur Ueberzeugung gekommen, daß man auch unter harten Abgaben ehrlich kämpfen kann, und daß Ehrlichkeit nicht nur gegen den Einzelmitbürgcr sondern auch gegen den Staat menschliche und religiöse Pflicht ist. . Das Ansehen, das Daniel in der Familie seines Herrn genoß, hob ihn auch im Kreise der jüdischen Gemeinde Zippelmannshagen über seine gesellschaftliche Stellung hinaus. Wenn diese Gemeinde auch nur aus sechs Mitgliedern bestand, war das nicht gering anzuschlagen, denn im kleinen Kreise ist gesellschaftliche Voreingenommenheit oft schwerer zu besiegen als im grvßen. Im Hochsommer — am 9. des Monats Ab — wurde in dem als Synagoge gemieteten Zimmer zu Zippelmannshagen die Gedenkfeier an die Zerstörung des Tempels begangen. Anstatt auf ihren gewöhnlichen Synagogenbänken saßen die Äänner, als hätte ihnen der Tod ein Glied der nächsten Blutsverwandtschaft entrissen, auf niedern Schemeln und trugen in klagenden Tönen die Dichtungen vor, welche unter dem Drucke der unaufhörlichen Verfolgungen von den schwermütigen Dichtern des Mittelalters mit tiefer Trauer über all die unheilvollen, nationalen Ereignisse im allgemeinen und mit sehnsuchtsvollem Schluchzen über die Schönheit und den Untergang Zions im besonderen verfaßt worden sind. Den ersten Teil trug Wolf Löwenstein vor, das Mitglied der Gemeinde, welches das ganze Jahr hindurch in Ermangelung eines Lehrers und Gemeindebeamten, den Vorbeterdienst versah. Der zweite Teil dieser Trauerlieder wurde von den Gemeindemitgliedern abwechselnd mit mehr oder weniger Verständnis und Kunst hergesagt. Als die Alten und ihre Söhne sich genug getan und jeder schon zwei oder drei Gesänge vorgetragen hatte, kam auch die Reihe einmal an den ortsfremden Diener Jsensteins, der wie sein Herr nach Zippelmannshagen eingemeindet war. Obgleich diese einfachen Leute nicht genügend Kenntnisse des Hebräischen hatten, um die Schönheiten oder auch nur den Sinn dieser Dichtungen ganz zu erfassen — höchstens war ihnen der- Inhalt im großen und allgemeinen verständlich, soweit ihnen Worte aus den täglichen Gebeten den ungefähren Sinn offenbarten — horchte doch alles auf als Daniel vorzutragen anfing, hörte aufmerksamer zu als bei jeoem andern. Der helle, war ne Tenor gefiel und gar bald empfanden alle, daß da Jemand, von dem Inhalt des Vorgetragenen ergriffen, wirklich empfundene Trauer ausdrückte. Was von Herzen kommt, geht zu Herzen, sagt man, und so erschloß sich durch das Gefühl, auch den Zuhörern das Verständnis des von Daniel Vorgetragenen fast volkommen. „Ich glaub Dein Meschores versteht, was er sagt, bemerkte Wolf Löwenstein zu seinem Nachbar Jsenstein, und der Angeredete nickte schmunzelnd, als ob die Kenntnisse seines Dieners ein eigenes persönliches Verdienst wären. Es ist tröstlich, daß trotz des Uebergewichts, welches Stellung und Habe, welches äußere, materielle, oft nicht persönlich erworbene Verdienste im Leben dem Besitzer verleihen, geistige Ueberlegenheit, sobald sie in ihrem Kreise wesentlich über den Durchschnitt hervorragt, sich unwillkürlich Geltung verschafft. So ging es auch mit Daniel. Sein Ansehen war plötzlich so gestiegen, daß man schon nach wenig Tagen an ihn herantrat und ihn fragte, ob er an den in naher Aussicht stehenden hohen Herbstfeiertagen des Neujahrs- und Versöhnungsfestes mit Wolf Löwenftein abwechselnd den Vorbeterdienst übernehmen wolle. Daniel übernahm dieses Amt mit frohem Stolze, war es doch schon an und für sich eine Auszeichnung, wenn man dieses Ehrenamt einem so jungen, unverheirateten Manne übertrug Und sein Ansehen stieg noch ins Ungemessene, als er den übernommenen Dienst mit einer allgemein befriedigenden, ja angestaunten Kunstfertigkeit geleistet hatte. Man schätzte seine Leistung als Vorsänger so hoch ein wie die Jsensteins als Schofarbläser, und der war doch auf einige Meilen als unerreichbarer Künstler in der Ausübung des Blasens bekannt. Selbst Chaskel Blauschild, oder nennen wir ihn lieber Reb Chaskel, nachdem doch die ganze Gemeinde ihm aus Achtung vor seinem würdigen Barte den Ehrentitel zuerkannt hat, selbst dieser anspruchsvolle, feine Kenner, wie er sich selbst nannte, der in den größten Gemeinden schon die bedeutendsten Sänger gehört hatte, sprach sich lobend über Daniels Gesangsleistung und Vortragskunst aus. Reb Chaskel hatte cs während des Pessachfestes so gut gefallen im Hause Jsensteins, daß er seine Schnorrtour eigens geändert hatte,' um auch die hohen Feiertage Ües Neujahrsfestes wieder als Gast bei ihm einkehren zu können, und diese Autorität verkündete es allen Gemeindemitgliedern mit wichtigem Kopfnicken und minutenlangem Streicheln seines Bartes, daß Daniel ein choschewer Jung, ein vollendeter Vorsänger sei. Er fügte zwar einschränkend hinzu, daß in Rußland es die Vorsänger besser verständen durch tremolierende Präludien — Reb Chaskel sagte es nicht mit Worten sondern führte es praktisch vor um auch zugleich seine eigene Kunstfertigkeit zu zeigen — eine tiefere Stimmung zu erzeugen, aber für einen deutschen Vorsänger, sagte Chaskel herablassend, müsse man Daniel als vollendeten Künstler anerkennen. Nach Beendigung des Gottesdienstes machten die sechs Gemeindemitglieder in Zippelmannshagen im Laufe des verbleibenden kurzen Restes des Vormittags einander die herkömmlichen Neujahrsgratulationsbesuche, aber Nachmittags kamen sie wie alljährlich zu Jsenstein, dem einzigen Glaubensgenossen ihres einzigen Filialdorfes. (Fortsetzung folgt.)

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