Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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26 August 1909. _ hinter diesem devoten Ton versteckt, findet sogar die rechtsstehende Presse, insofern sie nicht gerade vom Geiste Dubrowins und Purischkewitschs geleitet ist, heraus. „Die Odessaer-echtrussischen Diktatoren, schreibt der gemäßigt konservative „Nußk. Wiedemost", begnügen sich nicht mehr damit, die öffentliche Meinung in ihrer Heimat zu ' vergewaltigen, sondern versuchen auch die Politik in Petersburg zu diktieren." Wird man vielleicht bald auch an leitender Stelle einsehen, daß das Treiben des Verbandes notwendig zu eincm Zustande der Anarchie führen muß? Ohne Zweifel! Fragt sich nur, durch wieviel jüdische Opfer diese Erkenntnis erkauft werden wird. Denn vorerst hat man in Petersburg für das wüste Treiben der impulsiven Südrussen nur ein wohlwollendes Lächeln. Irkutsk, 20. Aug. Die hiesige Polizei entfaltet eine fieberhafte Tätigkeit, die sich hauptsächlich auf Haussuchungen bei angesehenen Juden erstreckt. Besonders scheint die Razzia dem Zionismus zu gelten. Denn sämtliche Nationalfondsbüchsen werden erbarmungslos heruntergerissen, ihres zumeist dürftigen Inhalts beraubt, während deren Besitzer eingesperrt werden. Auch alle den Zionismus behandelnde Literatur wird konfisziert. Bei der großen Fachkenntnis der Pristave sind manche groteske Szenen dabei nur allzu begreiflich.'So wurde in einem Hause ein vergibtes hebräisches Büchlein beschlagnahmt, dessen Vorderblatt auch in russischen Lettern den Titel trug: „Schaav e Zion". Der Inhaber dieser verdächtigen Literatur mußte den Besitz des gefährlichen Dokuments mit einigen Stunden Arrest büßen,- er wurde ober auf dem „Gnadenwege" wieder befreit, als sich bald herausstellte, daß es sich urn ein harmloses Ritualwerk handelte. Ueber solche „Reinfälle" der Polizei zu lachen haben wir leider keinen Grund. Denn die Ausweisungen nehmen täglich zu und werden rigoros durchgeführt. Ein dieser Tage eingetroffenes Zirkular des Gouverneurs an die Polizei, eifert die letztere zur energischen Tat an, bedroht sie mit strengster Ahndung, so sie lässig zu Werke gehen sollte und besagt des ferneren, „es wäre grausam mit den Ausweisungen bis zu den kalten Winter tagen zu warten und jedenfalls ist es besser, sie jetzt schon unnachsichtlich zur Ausführung zu bringen." Es geht nichts über die Humanität eines russischen Gouverneurs. England. London, 20. Aug. Sir Matthew Nathan, der bisherige Gouverneur von Natal ist als Nachfolger Sniiths zum Sekretär des Generalpostamtes ernannt worden. Nathan hat obzwar Jude, eine rasche Karriere gemacht. Der neue Generalpostmeister, der erst im 49. Lebensjahre steht, widmete sich zuerst der militärischen Laufbahn, wo er es bereits im Jahre 1898 bis zum Major brachte. Seine Verdienste auf dem Gebiete der Verwaltung waren so hervorragend, daß ihm 1904 der verantwortliche Gouverneurpostcn von Natal und jetzt das höchste Postamt übertragen wurde. Mit Hinsicht auf die in letzter Zeit vielfach geäußerten Befürchtungen, daß die antisemitische Seuche auch im freien England Eingang finden könnte, ist die Berufung eilies Juden auf diesen äußerst wichtigen Posten besonders beachtenswert. Was wohl die Kreuz-Z itung dazu sagen wird, die soviel von den bitteren Erfahrungen gu erzählen weiß, die gewisse Kulturstaaten mit ihren jüdischen Offizieren und Beamten gemacht haben sollen? Türkei. Konsfanfinopler Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) Konstantinopel, 22. Aug. In der jüdischen Welt in Konstantinopel kocht es seit einigen Wochen. Ganz merkwürdige Er- Der JSraelit. ei gniffe müssen ein treten, um die gänzlich eingeschlafene jüdische Bevölkerung der Hauptstadt für einige Momente wenigstens aufzurütteln.. Elusia Tewfik, einer der Deputierten, die in besonderer Mission dem englischen Parlamente einen Besuch abstatteten, veröffentlicht in seiner weitverbreiteten Zeitung einen „Londoner Eindrücke" überschrieb enen Artikel, in dem er über die ausländischen Juden sich in einer Weise ausdrückt, wie es schlimmer in der „Kreuzzeitung" nicht passieren kann. Das Auffallende dabei ist, daß er sich zur Bekräfügung seiner Aeußerungen auf eine Aeußerung des jüdischen Deputierten Mazliach Essen di beruft. Dieser soll nämlich, so behauptet Elusia, beim Anblick des Herrn Ernest Cassel, der seit Monaten sich mit der Gründung einer Bank in der Tükei beschäftigt, ihm, dem Elusia, zugerufen haben: „Schau her, Elusia, hier hast du den Typus eines ausländischen Juden. Nur seine äußeren Gesichtszüge sind jüdisch. Er hat auch den jüdischen Verstand,' aber das Herz ist nicht jüdisch,' wenn ein folcher in unser Land kommt, so wird er uns aussaugen, wir werden alle seine Diener werden. Im Namen des Vaterlandes, hütet Euch vor diesen ausländischen Juden. Ganz anders sind die ottomanischen Juden oder die jüdischen Ottomanen. Sie haben das jüdische Herz sich bewahrt. Nur von ihnen ist Heil fürs Vaterland zu erwarten!" Mazliach Effendi dementiert zwar in seiner Zeitung „Jttitad", sich so geäußert zu haben. Aber Elusia behcnrt in einem zweiten Artikel darauf, daß er noch nie gelogen habe und verteidigt sich damit, daß er unter dem Worte Jehudi nicht die jüdische Nation verstanden habe, sondern — einen „Wucherer", „Aussauger". Dieses Ereignis rief gerechten Zorn unter den Juden hervor,- das alte jüdische Herz regt sich, und in großen Artikeln, die die Spalten fast sämtlicher hiesigen Zeitungen füllen, wird Elusia in gebührender Weise gebrandmarkt * * * Aber etwas anderes ereignete sich, das viel beschämender für das Judentum ist, als der ephemere Artikel eines ausgesprochenen Antisemiten. Gelegentlich der Jahresfeier der Konstitution gaben Freunde der Jungrürken ihnen zu Ehren am Freitagabend in den Gemächern des Sultans Abdul Hamid ein Festessen, wozu auch die religiösen Oberhäupter der verschiedenen Nationalitäten eingeladen wurden. Weder der armenische, noch der griechische Patriarch leisteten der Einladung Folge, erfterer mit der Begründung Feste nicht feiern zu können zu einer Zeit, wo er und sein Volk um die großen Opfer in Adana trauere. Der griechische Patriarch entschuldigte sich in seiner Weise. Nur dem Chacham Baschi, Chaim Nahoum, gebrach es an dem Mut, sich des rQltf wegen zu entschuldigen. Unbekümmert um den großen rDtP Slbn und Slbn UWn fuhr er öffentlich im Wagen hin und zurück und ließ sich dort — bv D’ötP 1V1V DK? — das von einem armenischen Hotelier ausgestellte Essen gut munden! Freunde des Chacham-Baschi behaupten zwar, er habe dort nur Eis und Früchte gegessen. Aber die Aussage eines jüdischen Augenzeugen, der als Vertreter einer Zeitung bei dem Bankett zugegen war, widerspricht dem entschieden. Die Tatsache selbst wurde hier erst durch den bekannt. Der Chacham-Baschi liest den dSiph, und es wäre seine Pflicht gewesen, wenn er wirklich nicht gegessen haben sollte, es öffentlich zu sagen. Leider ist dies bis jetzt nicht geschehen. Herr Fresko beschimpft zwar den Korrespondenten des Haolam und beschuldigt ihn, daß er selbst Regen und Sturm unter zioni stifcher Brille betrachtet und nur deshalb in der letzten Zeit den Chacham-Baschi angereife, weil dieser die Notwendigkeit der Erlernung der türkischen Sprache für die Juden betone und das Hebräische nicht genügend favorisiert. Es ist zum Staunen, daß das hiesige JTO gar keine Stellung zu diese m himm elschrienden _Rr. 34 Seite 7 Dtfn blbn nimmt, wenn es auch bei der unbeschränkten Macht, die von der Regierung dem Großrabbiner eingeräumt wurde, einigermaßen zu entschuldigen ist. onT 'n. Konstantinopel, 15. Aug. Hiesige Blätter teilen mit, daß der jetzt zurückgetretene Minister des Innern, Ferid Pascha, dem Statsrat den Entwurf eines Gesetzes vorgelegt habe, das darauf hinauslief, Palästina sowohl ottomanischen als ausländischen Juden vollkommen zu verschließen. Der Uebergang von Grund und Boden in jüdischen Besitz sollte grundsätzlich inhibiert werden. Der Staatsrat hat jedoch diesen Gesetz-Einwurf abgelehnt, und es ist zu hoffen, daß er unter dem Nachfolger Ferid Paschas, dessen liberale Gesinnung man rühmt, keine Auferstehung erleben wird. * * Der Großrabbiner von Adrianopel hat infolge eines nicht ganz geklärten Streites in Demotica, der zu einem Zusammenstoß zwischen Herrn Chajim Nahoum' und dem Adrianopler Rabbinate führte, sein Amt niedergelegt. Herr Chajim Nahoum scheint seine Autorität als Vorgesetzter sämtlicher türkischen Rabbinen mit aller Energie geltend nrachen zu wollen. -i- * Inzwischen haben die Versuche zur Bildung einer einheitlichen aschkenasischen Gemeinde in Konstantinopet zu einem Ergebnis geführt. Die verschiedenen Gruppen der Deutsch-Oesterreichischen Gemeinden schlossen sich unter einem 12 gliedrigen Vorstande zusammen. Da der Rabbiner der aschkenasischen Gemeinde, Dr. Marcus, aus gesetzestreuem Boden steht, so kann diese Stärkung der aschkenasischen Elemente durch engeren Zusammenschluß nur freudig begrüßt werden. Das Großrabbinat wird wohl gute Miene zum bösen Spiel machen und die neue Gemeinde anerkennen müssen, wenn nicht eine völlige Trennung der Aschkenasim von den Sefardim eintreten soll. Eine solche Trennung wird allerdings schließlich doch unvermeidlich sein, wenn Herr Chajim Nahoum auch weiter die religiösen Interessen des Judentums in so empörender Weise preisgibt, wie er dies in Angelegenheit des jüdischen Militärdienstes getan hat. gUttevUta. Bus dem 6asf-End. New-Aork, 13. August. Der Schneiderstreik, der jetzt 30000 Menschen im East-End zur Untätigkeit verurteilt, übt natürlich auf die jüdische Bevölkerung, die im Schneidergewerbe fast ausschließlich vertreten ist, eine sehr traurige Wirkung aus. Wenn die Einigungsverhandlungen zu keinem Ergebnis führen, so wird die öffentliche Wohltätigkeit eingreifen müssen, um den Schiffbruch zahlloser Existenzen zu verhindern. Die Arbeiter des größten Konfektionshauses haben sich dem Streik angeschlossen, und noch bevor die Woche zu Ende geht, werden auch sämtliche unorganisierten Schneider im Streike stehen. * Das vor Kurzem in Kraft getretene Gesetz, das die Fabrikarbeit, sowie jede Art von gewerblicher Beschäftigung von Kindern unter 16 Jahren verbietet, hat zu einer starken Erhöhung des Schulbesuches geführt. Infolgedessen gilt es auch, ausgedehntere Vorkehrungen dafür zu treffen, daß die Kinder während der Ferien und während der freien Zeit nicht beschäftigungslos in den Straßen umherirren, während Vater und Mutter ihrem Beruf nachgehen. Dieser dankenswerten Aufgabe widmet sich die sogenannte „Playground-Associatio n". Die Gesellschaft sammelt Knaben und Mädchen auf großen Spielplätzen und beschäftigt sie durch allerlei Spiele und Körperübungen. Da die Spiele zweckmäßig organisiert und gut beaufsichtigt werden, so tragen sie dazu bei, in den Kindern auch wünschenswerte sittliche Qualitäten zu för-