Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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W. » ' '-vvom Judentum gelehrten Welt- und Menschheitsanschauung gegeben. Soweit hatten wir es nur mit dem Humanität-ideal zu tunjetzt gilt es zu prüfen, wie weit dieses Ideal nun auch in der Realität des staatlichen Lebens, in der geschichtlichen Wirklichkeit unseres Volkes reale Verwirklichung gefunden, und wir begegnen überall und einheittich der vollen und uneingeschränkten Durchführung dieses Prinzipes. (Forti etzung folgt.) Lfc-Q. orrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Weich. Frankfurt, a. M., 26. Aug. Die „Frankfurter Zeitung" hat vor einigen Tagen in ihrem Feuilleton eine Notiz aus ihrem Leserkreis gebracht, wonach ein französischer junger Mann sich in Deutschland über die obligatorische Kommandierung der deutschen Soldaten zum sonntäglichen Gottesdienste aufgeregt habe. Nicht die Redaktion, sondern der einsendende Leser knüpft an das Vorkommnis selbst einige abfällige Bemerkungen gegen den Zwang in konfessionellen Dingen. Diese Notiz, die von dem Standpunkte der „Frankfurter Zeitung" aus durchaus nicht auffällig erscheint, gibt katholischen Blättern Anlaß zu hitzigen Ausfällen gegen die „jüdische" Presse. So rät z. B. das „Mainzer Journal" der „Frankfurter Zeitung" sich nicht um christliche Einrichtungen zu kümmern, „da sich die Katholiken doch auch nicht um jüdisches Gebet kümmern." Wir möchten gegenüber diesen Anzapfungen zum soundsovielten Male wieder darauf Hinweisen, daß nur die vorurteilsvollste Ungerechtigkeit für Aeußerungen der Frankfurter Zeitung, die zum größten Teil von Journalisten christlicher Konfession bedient und redigiert wird, das Judentum oder die jüdische Presse verantwortlich machen kann. Jahraus, jahrein bringt die „Frankfurter Zeitung" unzählige Artikel und Bemerkungen, die das Gefühl der gesetzestreuen Juden und aller religiös empfindenden jüdischen Kreise aufs tiefste verletzen, unzählige Male befinden wir uns in der Zwangslage, derartigen Ausfällen des Frankfurter Blattes mit Energie entgegenzutreten. Wie man angesichts dieser Tatsachen in billig denkenden katholischen Kreisen antireligiöse Aeußerungen des Frankfurter Blattes immer wieder der Gesamtheit der deutschen Juden in die Schuhe schieben kann, die über solche Geschmacklosigkeiten selber am meisten Entrüstung empfinden und selber darunter leiden, ist uns unverständlich. Dresden, 23. Aug. Zwischen der Reform- Partei und den Konservativen ist es zum offenen Bruch gekommen. Infolge persönlicher Differenzen beschlossen die Reformer von der Abmachung, die Konservativen und Mittelständler bei der kommenden Landtagswahl zu unterstützen, zurückzutreten. Oesterreich. Wien, 20. August. Von dem Rohheitsakt eines Salzburger Wachmannes berichtet Franz Pattermann, Obmann der österreichischen Tabakarbeiterorganisatton, der sozialdemokratischen „Salzburger Wacht": „Als ich heute Mittwoch früh in Salzburg angekommen war, war ich Zeuge folgenden Vorfalles: In der Bahnhofrestauration dritter Klasse unterhielt, sich ein Ter JSraeltt ' 26. August 1909 Mann in Touristenkleidung, anscheinend ein Jude, mit vier Arbeitern. Ein anwesender Feldwebel sowie ein Zivilist begannen den Juden zu hänseln und „Saujud" zu schimpfen. Der Jude verbat sich energisch die Beschimpfung, was zur Folge hatte, daß ein ernster Wortwechsel entstand. Der Kellner, der ebenfalls den Juden beschimpfte, holte die Polizei. Es erschien der Wachmann Reitmayer, der den Juden arretierte und auf die Wachstube führte. Dort sollte der Verhaftete seine Nationale abgeben, was er jedoch verweigerte. Die Folge der Weigerung war, daß die Wachmänner den Verhafteten in Ketten legten und gefesselt wie einen Raubmörder von der Wachstube in das Rathaus transportterten. Während des Transportes bat und fiehte der Gefesselte, man möge ihm doch die Fesseln abnehmen. Aber alles half nichts, der Wachmann fuhr in seiner Barbarenart weiter. Ein Arbeiter kam dem Wachmann -nachgeloufen und übergab ihm den zurückgebliebenen Stock des Touristen. Infolge der Schmerzen, die der Gefesselte ausstehen mußte, riß er hin und her. Dies veranlaßt dkn Wachmann, den Häftling mit dem Stock über den Kopf zu schlagen, so daß der Stock zerbrach. Ein Teil des zerbrochenen Stockes befindet sich in der Redaktion und wird als Trophäe dem Museum zur Hebung des Fremdenverkehrs angeboten.werden . . ." Lemberg, 20. Aug. In einem beachtenswerten Artikel macht das Organ des Vereins „Machsike Hadas" auf die Notwendigkeit aufmerksam, durch die Gründung einer gesetzestreuen hebräischen Tages-Zeitu n g dem Terrorismus der von irreligiösem Geiste beseelten hebräischen Tagespresse entgegenzutreten. Es sei so weit gekommen, daß es orthodoxen Schriftstellern überhaupt schwer falle, ihre Anschauungen öffentlich zu vertreten, und daß selbst die Rabbiner vielfach nicht mehr wagten, den Ausschreitungen der radikalen Presse entgegenzutreten. Nur die Herausgabe eines Organs, in dem die Leser die Tagesneuigkeiten und die politischen Nachrichten fänden, die sie brauchen, und das auch den Angriffen auf das überlieferte Judentum entgegenzutreten hätte, könne eine Besserung der Verhältnisse herbeiführen. Da ein hebräisches Tageblatt keineswegs auf Galizien angewiesen "wäre, sondern in Rußland und Ungarn Tausende von Lesern fände, so sollte man es eigentlich nicht für schwer halten, den Gedanken zu verwirklichen. Es müßte sich nur ein unternehmender Verleger finden, der die Aufbringung der notwendigen Kapitalien nicht als Mizwa-Angelegenheit, sondern als Geschäftssache ansähe. Auf diesem Wege würde das Problem am leichtesten zu lösen sein. Rußland. Petersburg, 18. Aug. Das Petersburger Auswanderungs-Jnformationsbureau der „Jca" versendet folgendes Kommunique: Mehrere Zeitungen brachten die Nachricht, daß in den Vereinigten Staaten von Amerika die Verordnung des Einwanderungskommissärs Williams, wonach jeder Einwanderer (mit Ausnahme von Frauen, die zu ihren Männern, Kindern, die zu ihren Eltern, und Eltern die zu ihren Kindern fahren) den Besitz von 25 Dollars Nachweisen müsse, bereits aufgehoben worden sei. Im Interesse der Auswanderer bitten wir sestzustellen, daß diese Mitteilung unrichtig ist. Petersburg, 18. Aug. D!e russische Regierung hatte beschlossen in Homel eine Filiale der Reichsbank zu errichten. Obgleich in der Stadt viele Plätze vorhanden sind, die sich als Bauplatz eignen würden, wählte der dortige Bürgermeister Dumbowski dennoch den jüdischen Friedhof als Platz aus, auf welchem die Reichsbank errichtet werden soll. Trotzdem der Gouverneur einer jüdischen Deputation die Zusicherung gab, eine solche Pietätlosigkeit nickt zuzulassen, ließ Dumbowski in der letzten Sitzung der städtischen'Duma einen Majoritätsbeschluß fassen, wonach die Reichsbank auf dem jüdischen Friedhof erbaut werden soll. Der Homeler Friedhof gehört 511 den ältesten jüdischen Friedhöfen Rußlands. - in demselben liegen auch zahlreiche Märtyrer des Zarismus begraben. Petersburg, 19. Aug. Die russische Regierung bereitet ein neues Gesetz über die Regelung der Auswanderung aus Rußland vor. Als Behelf zu diesem Gesetz hat das Handelsministerium eine Statistik der Auswanderung aus Rußland seit dem Jahre 1903 veröffentlicht. Es ergibt sich hieraus, daß die Auswanderung im Jahre 1903 136093 Personen betrug, im Jahre 1904 145141 Personen, im Jahre 1905 184 897 Personen, im Jahre 1906 215 655 Personen, im Jahre 1907 258 943 Personen und im Jahre 1908 156 711 Personen Am meisten emigriren Juden, Polen und Littauer. Die Zahl der auswandernden Russen beträgt nur 3 bis 4 pCt. Im Jahre 1907 sind über 16000 Russen ausgewandert. Auf Vorschlag des Handelsministers sollen den Vorberatungen für das Gesetz die folgenden Punkte zugrunde gelegt werden: 1. Begrenzung der freien Auswanderung. 2. Erleichterungen bei Ausfolgung voll Auslandspässen an Emigranten sowohl hinsichtlich der zu entrichtenden Gebühren, wie auch der an die Ausfolgung geknüpften Formalitäten. 3. Regelung der Konzessionserteilung an Auswandernngskontors und die Ueberwachung derselben. 4. Regelung des Konzessionswesens betreffend die Schiffahrtsgesellschaften, welche den Emigrantentransport betreiben. 5. Wahrung der Jriteressen der Auswanderer während ihrer Fahrt auf hoher See. ihre medizinische Fürsorge, Verpflegung zc. 6. Das Verhalten zu den Angestellten, welche sich mit der Auswanderung befassen, ihre Rechten und Pflichten und 7. Feststellung der Strafeil wegen Uebertretung dieses Gesetzes. K i s ch i n e w, 17. Aug. Hier wurden auf Verordnung des Gouverneurs von Bessarabien sämtliche Nationalfondsbüchsen durch die Polizei konfisziert. In manchen Wohnungen wurden angeblich aus Versehen, auch die Sammelbüchsen anderer jüdischer Wohltätigkeitsanstalten konfisziert. Die konfiszierten Sammelbüchsen wurden samt ihrent Inhalt an die gouvernementale Gendarmerie-Verwaltung abgeschickt. Die öemalfpolifih der Edtifruifen. Odessa, 20. Aüg. Die Verbändler in Odessa führen einen verzweifelten Kampf gegen die Liberalen und Juden und sind mit dem Generalgouverneur T o bnatschow, der, launisch und wankelmütig wie er ist, keine feste Stütze des Verbandes bilden kann, sehr unzufrieden. Nachdem sie sich mit dem Wahlgesetze der Reichsduma, das jüdische Vertreter im Prinzips nicht ausschließt, wohl oder übel zufrieden geben mußten, bemühen sie sich, wenigstens dieOdessaer Stadtduma so reaktionär als möglich zu gestalten. Einem von ihnen verfaßten Wahlgesetze, das die Beteiligung von Juden an der Leitung der zu 70 pCt. von Juden bewohnten Stadt unmöglich machte, ist die Sanktion von Petersburg versagt worden. Allein die energischen Verbändler geben den Kampf nicht auf. Sie verlegen sich zunächst aufs Bitten. Ihr blutrünstiges Organ enthält einen Aufruf an das „e ch t r u s s i s ch e V 0 k", in welchem sich u. a. auch folgende Ausbrüche der Leidenschaft befinden: „Kniet ihr russischen Männer vor dem Träger der Krone und flehet ihn an, daß er das Land, oder wenigstens unsere Stadt von der jüdischen Revolution befreie. — Möge der Zar das heilige Rußland vor der jüdischen Gefahr bewahren usw." Wieviel Frechheit und Unverschämtheit sich