Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 34 (26.8.1909)
- Date
- 1909-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 2t. August 1*09 hr\ 5- % i?- v k f: ■ bi i Dieser „Wille zum Leben", diese Freude am Leben, wie sie in den gehobenen Weihestunden des Jahreswechsels im jüdischen Kreise in allen Variationen nach einem Ausdruck ringen, sind der laute Protest gegen den pessimistischen Zug unserer Zeit, welcher die Abkehr vom Leben und die Verneinung des Lebens als Losung ausgibt und mit dieser griesgrämigen Totenphilosophie zahllose Geister und Gemüter verwirrt und verdüstert und innerlich viele blühende Existenzen geknickt hat. Das Werbende, Bestrickende dieser auf Außerkurssetzung und Umwertung aller sittlichen Werte und Errungenschaften aufgebauten Umsturzphilosophie liegt in der logischen Schärfe ihrer Voraussetzungen und Folgerungen, die ihre Wortführer mit einer Unfehlbarkeit aufstellen und hinausgeben, die von keiner dogmatischen übertroffen werden kann. Und dennoch ist diese Unfehlbarkeit nur eine scheinbare, die von den Erscheinungen des Lebens selber Lügen gestraft wird. Die erklärtesten Verächter des Lebens genießen es mit vollen Zügen, möchten es wenigstens genießen, und erst wenn ihnen dieser Lebensgenuß versagt wird oder schaal und abgestanden erscheint, verneinen sie blasiert das Leben mit ihrem sinnlichen Verstand und seinen Schlüffen und Beweisen. Ein anderes Gesetz erkennen sie nicht an, als das von diesem ihrem sinnlichen Verstand diktierte. Da aber das was Menschenhände bauten auch Menschenhände stürzen können, so ist ihre Stärke ihre Schwäche. Selten hat ein philosophisches System zwei Jahrzehnte ausgehalten, denn der menschliche Verstand, der es geboren, hat es auch zerstört. Die Zerstörer brauchten nur etwas findiger und scharfsinniger zu sein als die Erbauer, und die so sieghaft verkündete Unfehlbarkeit ging in Scherben. Für die jüdische Anschauung dagegen gibt es nur eine einzige Wahrheit und Vollkommenheit, das ist diejenige Gottes und seines Gesetzes. Ihr gegenüber ist, sich selber überlassen, der Mensch mu Geist und Gemüt, mit seinem Denken und Wolleir dem Irrtum, der Fehlbarkeit und Sünde ausgcsetzt, so lange er diese Norm Gottes nicht kennt und anerkennt. Wohl kann auch er dem Reiz der Sinne erliegen und den logischen Irrungen seiner Zeit ihren Tribut zollen, aber er hat jeden Augenblick das Korrektiv, den Talisman, den Rettungsanker in unverlierbarem Besitz, der ihn aus allen ihn umtosenden Brandungen rettend, schützend dem sicheren Port zuführt. Das Licht der Thora hat die Kraft, alle von ihm Erleuchteten dem Guten wieder zuzuwenden. Der erste, schwere Schritt dieser Wendung zu Gott, ist das Bekenntnis unserer Fehlbarkeit, das Aufgeben unseres Unfehlbarkeitsdünkels, an dem so viele leiden, ist das Sündenbekenntnis, der Ausgangspunkt all des Beseligenden und H?n> gleichenden Sprachforschung einen Zusammenhang zwischen den semitischen und indoeuropäischen Sprachen nachzuweisen und so eineW Blick zu tun in die fernste Vergangenheit eines gemeinsamen Zusammenlebens beider Völkergruppen. Allein die Werke der genannten Forscher sind nicht zur allgemeinen Anerkennung durchgedrungen. Ja, ihre Behauptungen werden heute in Fachkreisen mehr als je in der Hauptsache bestritten, man ivill sich resigniert mit dem Resultat begnügen, daß Semiten und Jndogermanen nichts mit einander gemein haben, und so bleibt man beharrlich bei der Auffassung, es sei eine absolute llnmöglichkeit, über die Herkunst des ScmitiSmus mehr zu ermitteln, als die Bibel uns beruhtet. ‘ Eine so entschiedene Resignation ist für die Wissenschaft wenig ehrenvoll. Alle Kulturvölker .haben die Pflicht, ihre geschichtliche und vorgeschichtliche Vergangenheit so intensiv als möglich zn ergründen, allen sich geltend mack^enden Meinungen Gehör zu schenken und na»nentlich keinen Versuch, eine wichtige Wahrheit zu finden, geringschätzig zu ignorieren, von welcher Persönlichkeit er auch immer ausgehen mag Die Ässyriologen nehmen gewöhnlich an, daß Arabien der Ausgangspunkt der semitischen Wanderungen, auch der ins Jordanland gezogenen Israeliten gewesen sei. Aber woher die Semiten nach Arabien gekommen sind, das hat noch niemand zu erklären versucht. Kürzlich hat nun ein dem Judentum sympathisch gesinnter Schweizer (<.inguist) eine Spur gefunden, welche zu großen Hoffnungen berechtigt und vielleicht den Schlüssel liefern wird zur Lösung der vorliegenden, für die gesamte Menschheit so überaus inhaltsreichen Frage, mit welcher wieder andere umfassende Probleme innig zusammenhängen. Es ist selbstverständlich, daß die Erforschung so alter, durch keine direkten schriftlichen Ueberreste bezeugten Bo gänge W4WW D« ISrniÜt M. 84 lichen, das wir von Gottes mächtiger Vaterliebe erhoffen dürfen. Es ist das alles kein Spiel müssiger Phantasie und schwärmerischer Selbsttäuschung. Die beglückende, erlösende Kraft dieser rückhaltlosen Rückkehr zu Gott ist uns aus der Geschichte unseres Volkes verbrieft. Wir wiffen aus dem Leben der Gesamtheit und aus dem individuellen Leben unserer Väter, mit welcher Wundermacht Gott alle zu Ihm Zurückkehrenden für ihr neues Leben ausgestattet hat, wie er das Gesetz von Ursache und Wirkung für sie aufgehoben und den Fluch der bösen Tat gehemmt hat, der ohne göttliches Eingreifen fortzeugend Böses gebären mußte. Wir flüchten deshalb, wenn wir unser Unrecht in dem Sündenbekenntnis uns zum Bewußtsein bringen, -u Ihm, unserem Gott, der auch der Gott unserer Väter ist: urAsn yssh «an „Unser Gott und Gott unser Väter! Es „gelange vor Dich unser Gebet, entziehe Dich „nicht unserem Flehen! Denn wir sind nicht „so kecken, hartnäckigen Sinnes zu sagen „vor Dir, Gott, unser Gott, und Gott „unserer Väter, wir sind Gerechte, die nie- „mals gefehlt haben — in Wahrheit, wir „haben gesündigt". Diese drei Worte uttön un:K bilden, 'Hin np'y, bilden das eigentliche Sündenbekenntnis, zu welchem die nun folgende alphabetisch geordnete Aufzählung Inas, udipk die Ausführung bildet. Aber selbst diese Ausführung beschränkt sich fast ausschließlich auf die Aufzählung ganz allgemein gehaltener Vergehungen, „wir haben uns verschuldet, wir haben treulos gehandelt usw." Die detaillierte Auseinanderlegung der Anlässe, bei welchen wir uns verschuldet und. treulos gehandelt haben, folgt erst in dem mit KDn yp ■ps^ UNIDW einleitenden, großen, nach dem doppelten Alphabet geordneten Bekenntnis. Diese Dreiteilung des Sündenbekenntnisses: Kön /uottw um« jztt dürfte die Bedeutsamkeit der Widdui in ihrer ganzen unermeßlichen Tragweite zu veranschaulichen geeignet sein. Wie bereits bemerkt, bringt jeder Abschluß eines Zeitabschnitts die Mahnung, mit dem Scher den des Tags, der Woche, des Monats und des Jahres unsere Lebensrechnung abzuschließen und zu Gott und unserer vernachlässigten Lebenspflicht zurückzukehren. Aber für den denkenden Menschen sind mit den hier aufgezählten die Abschlüsse nicht erschöpft. Es fehlt hier noch der wichtigste, derjenige, den jederAugenblick unserem ganzen Leien »ringen kann, der Augenblick des Todes. Wenn' »un jeder Zeitwechsel uns mit Gedanken und Vorsätzen der Teschuwo durchdringen soll, in welchem Grade ist das erst bei dem Wechsel zwischen Leben und.Tod geboten, bei dem Schritte von der Zeitlichkeit in die Ewigkeit! In der Tat ist ja für diese Scheidestnnde ‘•Hl uns ganz besonders nahe gelegt. Im Gegensatz zur landläufigen Auffaffung, die in einem schnellen, plötzlichen Ende einen schönen, wünschenswerten Tod erblickt, findet die jüdische Anschauung darin ein strafendes Verhängnis, weil es dem so aus der Welt Scheidenden das Ergreifen des sühnenden Augenblicks erschwert, in dem wir im Sündenbekenntnis mit Gott und der Welt abrechnen. Wie oft sind beim Nahen des Todes die lichten Augenblicke gezählt, die dem Sterbenden noch gestatten, sein Leben durch ein vollkommenes Sündenbekenntnis abzuschließen! FürdiesenFall lehren unsere Weisen, daß die Worte umt? l3Kün oder wie es anderwärts heißt, daß das einzige Wort nwon, die ganze Bedeutsamkeit des Sündenbekenntniffcs in sich schließt und daß keine Kraft im Himmel urO auf Erden Gewalt über denjenigen besitzt, der dieses Wort, von seiner ganzen Tiefe durchdrungen, je ausgesprochen hat. PK 3W 'HNön iQki rrnnm o-ik Ntonir p'3 ron -Q-ID2 mno’) KDimn) in yr1? ‘«an 's Wenn uns mitten im werktätigen Leben die Bätersitte in besonders gehobenen Momenten zu Gott und seinem Gesetz zurückruft, kleiden wir das Bewußtsein unserer Verfehlungen in das kleine Sündenbekenntnis: 13D12W Nur am Jom Kippur, an dem wir alle Gedanken und Sorgen des wachentägigen Lebens abgelegt, um den ganzen Tag ausschließlich der Erkenntnis unserer Verirrungen und der Bitte um ihre Sühne zu weihen, kleiden wir unsere Reue in das große Sündenbekenntnis Man Ebenso in der Neilastunde ihrer Jugend, unmittelbar vor ihrem Eintritt in den Bund der Ehe sprechen Bräutigam und Braut ihr Süiidenbekeniitms in dieser Form aus Die Heiligkeit des Tages und der bloße Anblick ihrer Sterbekleider erinnern denn auch wenig r Ernste an die Vergänglichkeit allen menschlichen Seins und an die Möglichkeit seines plötzlichen Eltdes. Dieselbe Erwägung aber eines jähen Lebensabschluffes, welche die sinnige Sitte bestimmt, schon in dem letzten Minchagebet vor Eintritt des Jomkippur, das große Sündenbeks-ntnis abzulegen, dürfte auch das Motiv dafür sein, daß wir alle drei Formen des Sündenbekenntnisses nach einander sprechen. Es sprechen die zu Gott Zurückkehrenden zunächst das Bekenntnis ihrer Sünden — ehe es zu spät ist — mit den kurzen Worten aus: i3KDn 13N3K. Gibt Gott dann fernerhin Leben und und Zustände einen bedeutenden Aufwand an Zeit und Arbeit erwidert, wofür dem Arbeiter selten eine entsprechende Entschädigung zu Teil wird: aber es sind auch Geldmittel nötig, die dem Entdecker der angedeuteten neuen Methode leider fehlen. Ta er überzeugt ist, daß sich positive, unanfechtbare Resultate überraschender Art ergeben müfsen, so kann er auf die Verfolgung der begonnenen Aufgabe nicht verzichten und hofft, es werden sich unter den gebildeten und besitzenden Israeliten selbst ideal denkende Männer finden, welche dieser Ausgabe das ihr gebührende Interesse entgegenbringen und de,n Urheber derselben rnit Rat und ^.al, womöglich durch finanzielle Unterstützung zu Hilfe kommen, damit er in den Stand gesetzt werde, die zu seinem Zwecke notwendigen Studien zu machen und die zahlreichen, meist teuren literarischen Hilfsmittel zn beschaffen. Tie edlen Männer, die sich. entschließen könnten, je nach ihrem Vermögen etwas zum Gelingen des Unternehmens beizutragen, dürften des aufrichtigen Tankes des Jnizianten versichert sein. Tie verehrliche Redaktion ist vielleicht so gütig, auch ihrerseits ein empfehlendes Wort zu Gunsten dieser Angelegenheit von allgemeiner weitreichender Bedeutung einzulegen. Genaueres kann an dieser Stelle noch nicht mitgeteilt werden: nur so viel sei gesagt, daß der von den Verfassern der zu Anfang angedenteten Werke eingefchlagene Weg gänzlich verlassen wird. Interessenten, die weitere Auskunft zu erlangen wünschen, sind höflichste gebeten, sich zu wenden an Herrn Tr. Phil. Schmid-Vtank (Kloster Muri-Schweiz)." (Ein Witzwort Rabbi Wolf Hamburgs,) des berühmten Fnrther Rabbiners, zu dessen Füßen eine ganze Anzahl bedeutender deutscher Talmud-Gelehrter saßen, finden wir in einem interessanten Aufsatz, Dr. Löwensteins, der im neuen Jahrbuch der „Jüdisch- Literarischen Gesellschaft" erschienen ist: Einer seiner Schüler, der sich später eines bedeutenden Rufes als Gelehrter erfreute, blieb im Lernen etwas zurück, weil seine Fassungsgabe nicht so gut war, wie die seiner Mitschüler. Es wurde gerade der Traktat Chulin gelernt. Während aber di anderen schon am Adschn tl bz hielten war jener noch mit denr Abschnit 7kV3N T3 beschäftigt. Einem der Schüler, der das R. Wolf Hamburg meldete, gab dieser die witzige Antwort: „Sein i“I20n *T3 hat in meinen Augen mehr Weit als euer “itrzn bz. (Antisemiten-Andacht.) Fährt da ein Fremder in der Stadt Wiesbaden umher und läßt sich von dein wackeren Rosselenker die nötigen Aufklärungen über Rainen und Bedeutung der einzelnen Bauwerke geben. So fahren sie auch den Michelsberg hinaus. Ter Cicerone weist minder Peitsche nach rechts und sagt mit dem ganzen Lckolz des Mannes, der altes weiß: „Tie Synagog!" Und als der Fahrgast nicht sofort deutliche Zeichen des Verständnisses von sich gibt, fügt er hinzu: „Die Juddekerch!" — „Ach", tönt es ihm aus denr Wagen entgegen, „sind hier so viele Israeliten? Das hätte ich gar nicht gedacht.!" — „Doch, es sinnere genug do!" — „Hm, da haben Sie wohl auch sehr viele Antisemiten hier-" — „Ja, natürlich,," antwortete die Weisheit vom Bock herab, „e ganze Meng. Awer zu ener eigenen Kerch hawwe se's noch net gebracht." (Seltene altjüdische Münze« im British-Mnsenm.) Der soeben ausgegebene Jahresbericht' des Britisy-Musenms erwähnt als die wichtigste Bereiche-