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Der Israelit · 1909-08-19 · Heft 33 (19.8.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 33 (19.8.1909)
Date
1909-08-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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' '1 * - --—■—---—- Sette 8 Nr. 33_ der Neologie noch einmal zu berühren. Dem Außenstehenden bleibt es ein Rätsel, wie Moses Bloch, der in seiner Jugend sich selbst gegen den Abfall gewendet und in Gutachten diejenigen als gekennzeichnet hatte, die den Gedanken des persönlichen Messias verleugnen, dann bis ins hohe Alter hinein. den offenkundigsten o\TD und und ausgesprochenen Ignoranten Rabbinats-Diplome erteilte. Vor der sühnenden Kraft des Todes mögen die bitteren Gefühle, welche die Herzen der Gesetzestreuen beim Rückblick auf dieses zwiespältige Leben erfüllen, schweigen ‘n N12> jmai. Die Neologie hat übrigens in dieser Woche einen anderen Toten zu verzeichnen, den sie mit größerem Rechte restlos als den ihrigen betrachten darf: Dr. Rosenberg in Arad. Rosenberg ist dadurch berühmt geworden, daß er vor Jahren die „synagogale" Einsegnung von Mischehen zwischen Juden und Christen als Spezialität betrieb. Die neologe Preffe widmet ihm natürlich begeisterte Nachrufe. UuHlcrnd. Petersburg, 14. Au'g. Ist auch die Kinderentführung im allgemeinen keine russische, sondern eine galizische Spezialität, so sind auch hier solche Fälle von gewaltsamer Seligmachung nicht gerade unbekannt. Die Zeitungen berichten über einen interessanten Prozeß, der beim Petersburger Kreisgericht im Oktober stattfinden soll. Am 19. September 1908 sind zwei Töchter eines Peters-, burger Kaufmanns der ersten Gilde, Potschtalis die zwölfjährige Bela und die neunjährige Dora, spurlos verschwunden. Die Mutter der Kinder erklärte der Polizei, daß ihr Dienstmädchen, Daia Szhkurin, die der Sekte der Joanniten angehört, sich an der Entführung zweifellos beteiligte. Nach Verlauf von fünf Tagen erhielt Frau Potschtalis einen Brief von ihren Kindern, in welchem sie ihr schrieben, daß sie schon getauft sind und daß sie nicht nach Hause zurückkehren würden, auch wenn man sie gefunden hätte. Die Pollizei stellte Nachforschungen an, doch ohne Erfolg. Zufällig trafen nach drei Wochen zwei Einwohner von Petersburg auf einem Schiff zwei Kinder mit verhüllten Gesichtern in Gesellschaft eines verdächtigen Mannes und Weibes. Vermutend, daß das eben die genannten Schwestern Potschtalis sind, wandten sie sich an die Polizei. Es ergab sich, daß ihre Vermutung richtig war. Die Kinder wurden von dem erwähnten Dienstmädchen entführt und zu dem Glauben der Joannitesekte bekehrt, die durch ihre demoraliesierenden und wildreligiösen Gebräuche bekannt ist. * * Im Dezember 1907 hat die Charkower Polizei unterlaffen, den jüdischen Kausteuten erster Gllde die ständigen Pässe auszuliefern, auf die jeder russische Untertan ein Recht hat. Die Juden wandten sich mit einer Klage an der Gouverneur, aber der letztere berief sich auf den Text der Senatserklärung, die im offiziellen Organ „Prawietielstwiennyj Wiestnik", der für die Behörden maßgebend ist, abgedruckt wurde. Die Erklärung lautet: „Das Paßgesetz enthält das Verbot der Verleihung ständiger Pässe an die Juden." Ein jüdischer Advokat kam auf den Gedanken, daß hier ein Mißverständnis vorliegen muß. Als er das Original des Textes dieser Erklärung prüfte, ergab sich daß im „Praw. Wiest." das Wort „nicht" fehlte. Bei all ihrer Rechtlosigkeit sind die Juden noch dazu Opfer unglücklicher Zufälle. Frankreich. Paris, 10. Aug. Der neue französische Ministerpräsident Briand hat gleich nach seiner Ernennung einen seiner ältesten und verläßlichsten Mitarbeiter Grünebaum-Ballin zum Bureau- Direktor des Ministeriums des Innern ernannt. M.Grün ebaum-B allin, war im vorigen Ministerium Oberbeamter im StaatSrat und ein Vertrauter Briands, der sich die großen Fähigkeiten Grünebaums hoch einschätzte. Auch andere jüdt- _Der Israelit. sche Mitarbeiter Briands aus älterer Zeit wurden jetzt zu höheren Stellungen berufen. So wurde jetzt Sazias zum Spezialsekretär des Conseilspräsidenten, Maurice Leven, ein Sohn des Präsidenten der Alliance Jsraelite Universelle, zum Sous-Chef des Kabinets des Ministers für öffentliche Arbeiten, Bernard Larroque zum Sous-Chef des Justiz-Ministeriums und Levy Ullmann Professor an der Rechtsfakultät zu Lille, zum zweiten Sekretär des Finanzministeriums ernannt. Bedeutet auch die Förderung dieser guten Franzosen, die Juden kaum dem Namen nach noch sind, keinen inneren Gewinn für das Judentum, so darf doch mit Hinsicht auf die neuerliche Hetze der deutschantisemitischen Presse, besonders der „Kreuzzeitung", die neuerdings in leicht durchsichtiger Tendenz von den bitteren Erfahrungen faselt, die Frankreich mit seinen jüdischen Offizieren und Beamten gemacht haben soll, das Vertrauen, das der neue Ministerpräsident seinen jüdischen Mitarbeitern erwies, besonders hervorgehoben werden. &nglaub. London, 10. Aug. Vorige Woche legte der englische Minister des Innern Mr. Gladstone dem Parlamente einen Gesetzentwurf über die Arbeitszeit in Geschäften vor, welcher auch für die Juden Englands wichtige Bestimmungen enthält. Das Gesetz verfügt auch über die Sonntagsruhe und bestimmt, daß diejenigen Juden, welche ihre Geschäfte am Sabbath geschlossen halten, und von der Arbeit ruhen, das Recht haben, am Sonntag das Geschäft bis 2 Uhr nachmittags offen zu habten und zu arbeiten. Interessant ist es nun, daß diese Spezialbestimmung nur in den notorischen Stadtvierteln, die in dem Gesetze ausgeführt werden sollen, ihre Giltigkeit haben soll, während in anderen Gegenden und Stadtteilen die allgemeinen Bestimmungen über die Sonntagsruhe ausnahmslos auch für die Juden gelten. Dieser Gesetzentwurf soll erst in der nächsten Session zur parlamentarischen Behandlung gelangen. In jüdischen Kreisen Englands wird dieser Gesetzentwurf mit geteilter Stimmung ausgenommen. Obwohl man den liberalen Zug, der sich im Gesetzentwurf geltend zu machen sucht, ohne weiteres zugibt, verhehlt man sich andererseits nicht, daß es gerechter wäre, denjenigen Juden, die den Sabbath halten, den Sonntag ganz freizugeben. Hingegen erblickt man in der Beschränkung der Begünstigung für sabbathhaltende Juden bloß auf das Ghetto, das Bestreben, die gesetzestreuen Juden in ein künstliches Ghetto zu zwingen. Wie verlautet, wird LordSwaithling gegen diese Einschränkung eine ausgedehnte Aktion in Angriff nehmen. London, 10. Aug. In London starb vorige Woche der gewesene Lordmayor von London, Sir Henry Aron Jsaacs im Alter von 79 Jahren. Der Verstorbene, der ein gebürtiger Lonooner war, widmete sich frühzeitig den städtischen Angelegenheiten und wurde 1889 einstimmig zum Lordmayor von London gewählt. Er war der dritte Jude, der diesen hohen Posten innehatte. Der erste war Sir David Salomons im Jahre 1855, dann Sir Benjamin Philipps, der 1866 zum Lordmayor von London gewählt wurde. Sir Jksaacs war ein frommer Jude. Beim Banquett hielt Marquis Salisbury eine berühmt gewordene Rede über den religiösen Frieden. Während seiner Amtstätigkeit war er der Held eines Sensationsprozeffes, indem seine Gegner ihm eine Veruntreuung aufdisputierten, die sich jedoch in einer streng ourchgeführten Untersuchung als Verleumdung herauSstellten. Sir Henry Aaron Jsaacs nahm am öffentlichen Leben der Juden Englands hervorragenden Anteil. Denkwürdig sind besonders zwei Taten von ihm. Die eine war das von hm im Jahre 1872 im Mansion House einberufene Protestmeeting gegen die Judenverfol- _ 19 August 1909 gungen in Rumänien. Die zweite war dieVe-1 eitlung des Auftretens des verstorbenen antisemitischen Hofpredigers Stoeck er, der in London gleichfalls im Mansion House eine antisemitische Agitationsversammlung abhalten wollte. Auf Betreiben Jsaacs wurde die Versammlung verboten und Stoecker durfte in London nicht sprechen. Amerika. Die Vorgänge auf Ellis Island auf Sem amerihanifdien Kongresse. Newyork, 10. Aug. Nun hatte auch der Kongreß Gelegenheit, sich mit der Herrschaft des neuen Einwanderungskommissars Williams auf der Einwanderungsinsel Jllis Island eingehend zu befassen. In einer der letzten Sitzungen des amerikanischen Kongresses in Washington verlangte die Regierung die Bewilligung größerer Ausgaben zur Durchführung von Verbesserungen auf der Landungsinsel. Diesen Anlaß nahm Congreßman Bartholdi, einer der angesehensten Politiker der Vereinigten Staaten wahr, um die Vorgänge auf Ellis Island in einer scharfen Kritik zu unterziehen. „Wie kommt Williams dazu, von jedem Einwanderer ausnahmslos die Verweisung von 25 Dollars Bargeld zu verlangen? frug Congreßman Bartholdi. „Steht das etwa im Einklang mit den Gesetzen? Ich muß gegen dieses selbstständige Vorgehen eines Beamten hier öffentlich protestieren. Dieser Vorgang mit den 25 Dollars ist bloß ein Schwindel, eine Praktik ins Gesetz hineinzuschmuggeln, welche die Feinde der Einwanderung schon seit Langem durchzusühren bestrebt sind, aber vom Kongreß immer abgelehnt wurden. Dieser Vorgang ist ebenso schädlich wie schändlich. Hätte eine solche Praxis vor Jahren bestanden, so hätten wir zahlreiche unserer besten Bürger, die selbst Einwanderer oder Kinder von Einwanderern sind znm Schaden des Landes entbehren müssen. Wir würden die Gründer unserer Nation und die Kämpfer für unsere Freiheit heute nicht im Lande haben." Congreßman Kistermann schloß sich diesem Proteste an und sagte mit gehobener Stimme: „Wäre die Tyrannei Williams vor mehreren Jahren auf Ellis Island in Praxis gewesen, so wäre ich selber heute nicht in Amerika, denn ich kam hierher mit viel weniger als 25 Dollars in der Tasche . . ." Die Regierung versprach schließlich, die Angelegenheit gründlich zu untersuchen und dem Kongreß zu berichten. New-Aork, 8. Aug. Wir haben bereits in letzter Nummer über manche tragische wie komische Erscheinung berichtet, die die rigorose Handhabung der „Aliens Bill" zeitigt. Wie erfinderisch die Not die Aermsten häufig macht, welche, so nah dem Ziele ihrer recht bescheidenen Sehnsucht, erbarmungslos zurückgestoßen werden, zeigt die immer zunehmende Zahl der „Expreß"-Trauungen, die in den Räumen der Einwandererstation vorgenommen werden, um den nachgekommenen Bräuten die Landung zu ermöglichen. Die Fälle, in denen junge jüdische Leute sich von der Seite ihrer Bräute reißen, um sich und ihrer Erwählten unter unsäglichen Entbehrungen in der Neuen Welt eine bescheidene Existenz zu gründen, zählen zu den rührendsten Szenen in der gewaltigen Tragödie der jüdischen Wanderung und finden durch dieses neue Produkt des „Amerikanismus" einen recht prosaischen, unwürdigen Abschluß. Während im allgemeinen die unwirtlichen Einwandererhallen nur Zeugen der profanen, standesamtlichen Trauungen wurden, bildet eine solenne synagogale Trauung hie neueste Sensation im Leben der Insassen von Ellis Island. Ein junger Jude, Sam. Maislik, der vor ein oder zwei Fahren hier landete, war kürzlich in

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