Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1909)
- Date
- 1909-08-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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39. August 1909. Der JSraeltt. Nr. SS Sette 7 Ta aber, als auch in meinem Inneren ein heißer Streit entstand zwischen den gegensätzlichen Gewalten, die um den Besitz der göttlichen Bundeslade, der Seele, miteinander rangen, da war dieses Buch iy meine .Hände gelangt. Die 19 Briefe über Judentum. Ten Eindruck, den dieses Buch auf mich ausiibte, können bloß die Worte Goethes über Shakespeare widerspiegeln: „Tic erste Leite, die ich in ihm las, machte mich anf^ Jeitleben ihm eigen: und wie ich mit dem ersten L-tück fertig war, stand ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt." Tiefe mit unübertrefflicher straft verfaßte P r og r a m m rede des unsterblichen Meisters hat mir die Augen geöffnet, wies mir den beispiellosen Schatz, den ich, den wir in dem Judentumc, in dem uralten, unverfälschten Judentume besitzen. Wie Stimmen aus einer höheren Welt tönten mir die Worte ins Ohr, dort in meiner einsamen Klause in Preßburg, in der ahnungsvolleu Stille einer sommerlichen Mitternacht: „Gehen Sie nun hin, mein Benjamin, und prüfen Sie sich: prüfen Sie sich im Anblick eines Grashalms, eines hinrollenden Donners: und wenn Sie sich nicht, mit all Ihrer Besitzes- und Genussesgrößc äußerer und innerer Güter, schamrot verhüllen vor solchen Geschöpfes Engelgröße, in Ihrer selbstsüchtigen Kleinheit: und wenn Sie sich nicht erheben mit aller Kraft, mit jedem Fünkchen Taseins, solch Engelbewußtscin sich zu erringen — dann gehen Sie hin und jammern Sie über Entartung, die die Zeit Ihnen gebracht." — Und damals tat ich ein Gelübde in dem Heiligtume des jugendlichen .Herzens, daß ich dieses beispiellos erhabene Siegeslied, diesen Triumphgesang über alle Zweifel, welche das Judentum anfechten, auch in die Sprache meines Landes, auch ins Ungarische übersetzen muß, damit auch diejenigen diesen erguickcnden Quell der lebendigen Wasser nicht entbehren sollen, die das Deutsche nicht verstehen. Seit jener Zeit schwand schon eine ganze Reihe von Jahren dahin, mehr denn ein Jahrzehnt ist seit damals verflossen, — mein Wissensdurst hatte mich in weite Ferne von den heimatlichen Gefilden geführt — und ferne vom .Heimatlande, stand ich dort am Grabeshügel des großen Meisters in dein Frankfurter Friedhofe — — — Aber unzählige Mal erwachte in mir der Wunsch zur Erfüllung meines Herzensgelöbnisses. Aber die Größe der Aufgabe stand wie ein hochaufgerichteter Tamm vor der Erfüllung meines alten Herzenswunsches. Ich hielt mich für zu schwach für die würdige Lösung dieser Aufgabe. Hatte doch einer der erbittertsten Gegner der vom Verfasser der 19 Briefe vertretenen Richtung, einer der eifervollsten Apostel der deutsch-jüdischen Reform, es offen bekannt, daß die 19 Briefe an vielen Stellen einen geradezu prophetischen Schwung nehmen, und ach, was hätte ich unter den Propheten zu suchen? Wie könnte ich widerstrahlen lassen die aus des Verfassers Schriften ausströmende prophetische Kraft? Und so ließ ich meinen alten Wunsch — Wunsch sein. Endlich habe ich voriges Jahr, während der hundertsten Jahreswende der Geburt des g r o ß e n M e i st e r s , im Vertrauen auf mein uneigennütziges Streben, alle Furchtsamkeit und Angst nicdergerungen: ich ließ meinen alten Wunsch zur Tat werden und übergab vorliegende Uebersetzung der Druckerpresse. Tie Beurteilung dessen, ob die Uebersetzung vollkommen gelungen ist, muß ich freilich Anderen überlassen. Ich begnüge mich mit dem Bewußtsein, daß ich das G nte wollte und daß ich H i r s ch's Deutsch zu übersetzen hatte, welches — speziell in den 19 Briefen — auch für den vollkommensten Uebcrsetzer tausend Schwierigkeiten bietet. Den Inhalt unseres Buches will ich hier in dieser Vorrede nicht skizzieren. Ich verweise vieünehr den Leser einfach auf das Studium — ja, das s Indium dieses Werkes. Damit aber der Leser es wenigstens ahnen soll, welch großen Wert unser Buch besitzt, werde ich einige, das Buch betreffende Acußerungen herfügen. „Da war Rabbiner Hirsch, der in seinen 19 Briefen von Ben Usiel zum ersten Male diesen Weg betrat, in überzeugender, eindringlicher Sprache zeigt er, welch einen unendlich kostbaren Schatz Israel in seiner heiligen Thora besitzt. Die 19 Briefe erregten ungeheueres Aussehen. Man hielt erst den berühmten Ehachain Beruays für den Verfasser. Tausende von Jünglingen haben sich daran gekräftigt und sind dadurch dem echten Judentum treu geblieben." (Der Israelit, 1870, Nr. 38.) „Die 19 Briefe von Ben Usiel wirkten wie ein reinigendes Gewitter, wie ein Orkan, der die in der Atmosphäre aufgehäuften faule Miasmen hinwegsegte." (Der Israelit, 1883, Nr. 1.) Mit diesen Worten, feierte Dr. Lehmann, der berühmte Rabbiner von Mainz, den beispiellosen Wert und die beispiellose Wirkung unseres Buches. Jnbczug auf dieses Buch rief der weltberühmte Tr. Hildesheimer, Rabbiner in Berlin, in feiner au der Bahre Hirschs gesprochenen Trauerrede aus, daß schon dieses eine Werk dem großen Toten Unsterblichkeit in der Geschichte des Judentums hesichcrt hätte. .Der Sohn Tr. Esriel Hildesheimers, Dr. Hirsch Hildesheimer, spricht sich wie folgt über die großen Verdienste dieses Buches aus:! „Da erschien der jugendliche Landrabbiner von Oldenburg auf dem Plane mit seinen „Neunzehn Briefen". Und was er schrieb, das klang wie ein niederschmetterndes Wort hinaus in die aufhorchende Welt, die solcheVTöne noch nicht vernommen hatte. Mit dem Feuer wer Begeisterung, die nur die gerechte Sache einzugeben vermag, mit der hinreißenden Gewalt der Üeberzeugung, welche der Stempel der Wahrheit in sich selbst trägt, mit einem Adel und einer Innigkeit der Gesinnung, welche auch den Widerstrebenden in ihre Kreise zieht, verkündete Rabbiner S. R. Hirsch die Unverbrüchlichkeit des Gottesgesetzes, das die Forschung nicht zu scheuen brauche, sondern, ausgegangen von dem Urquell aller Wahrheit, ewig wahr bleibe, wie sein göttlicher Urheber. Gleich einem Feuerzeichen leuchtete die Verkündigung hinaus in alle Lande, als Pfadeweiser den Glaubenstreuen, gleich einem Blitzstrahl fuhr sie in die Reihen der Glaubensstürmer, deren fadenscheiniges Gewebe sie in Fetzen zerriß. — Zum ersten Male wurde das Judeutuni den Gebildeten zum Bewußtsein gebracht, wurde nachgewiesen, daß gerade höhere Bildung und tiefere Welt- und Menschenkenntnis ein Mittel sei, das Judentum iu seiner wahren Bedeutung zu erkennen, seine erziehliche, zur Sonnenhöhe des Idealen und Göttlichen emporhebende Kraft zu würdigen." (Jüdische Presse, 1889, 1.) Rabbiner S. Spitzer in Wien rief in seiner über S. R. Hirsch gehaltenen Gedenkrede aus, daß, wer diese 19 Briefe liest, werde einsehen müssen, daß er das Judentum früher — bevor er diese l9 Briefe gelesen — nicht so erkannt hat wie jetzt. Aber wozu zitiere ich Aeußerungen von Gesinnungsgenossen und Schülern des Meisters?! Ich werde die über dieses Buch ausgesprochenen Aeußerungen der erbittertsten Feinde Hirschs zitieren, der tätlichsten Gegner seiner Richtung, der hervorragendsten Vorkämpfer der deutschen Reformer. „Könnten wir uns auf diesen Standpunkt erheben: würden wir einen Augenblick anstehen, unserem Verfasser — anbetend die Al macht, die in Gerechtigkeit und Milde waltende Vorsehung, tief ergriffen von der Güte, die dem Menschen ein so hohes Bewußtsein und so erhabenes Streben in die Brust gesenket — als dem Führer auf dem schönen Wege aufwärts, vertrauensvoll die Hand darznreichen . . . Und wenn ivir so nach der Ferne hin freudig die Hand reichten, um sie dem edlen, hochgeachteten Manne zu drücken, so fühlen wir uns auch zugleich so freundlich hingezogeu, wir erkannten in einem jeden Zuge, in der Klarheit und Schärfe:c. re. einen hochgeachteten lieben Freund, der seit der ersten Zeit, da unser Blick sein Inneres traf, unsere ganze Verehrung und Freundschaft gewonnen und dieselbe stets erhalten wird. Wer möchte wohl da noch finster blicken, wenn mich ein Schmerz durchzuckte über die Verschiedenheit der Richtungen, die nun nicht bloß die allgemeinen Verhältnisse zerreißt, sondern auch innig persönliche Berührungen? Wer wird es mir verargen, wenn ich diesen Schmerz hier ausspreche, bevor ich ihn als überwunden zeige?" (Zeitschrift für jüd. Theologie, 1830, II, 351. S.) So schrieb Abraham Geiger über seinen gewaltigsten Antipoden beiin Erscheinen dieses Buches. Der Begründer der „jüdischen" Reformgcmeindc in Berlin, die den Sabbath auf den Sonntag verlegte, Dr. Stern, schreibt wieder folgendermaßen über unser Buch viele Jahre nach dessen Erscheinen: „Noch heute ivird Niemand, der mit der ivarmen Empfindung seines Herzens dem Judentum angehört, die „Neunzehn Briefe" „Ben Usiels" zrl lesen imstande sein, ohne sich von dem Hauche eines Gemütes angeweht zu fühlen, in dessen Tieren mächtige Begeisterung für die erhabene Größe des Judentums lebt: Niemand in dem Gedankengnnge, der diesen Briefwechsel beherrscht, das Walten eines Geistes verkennen, der den Gang der Menschen und Völkergeschichte mit durchdringendem Blicke zu erforschen sucht :c." (Geschichte des Judentums von Mendelsohn bis zur Gegenwart.) — — — Mit Absicht dehne ich meitl Vorwort nicht länger ans. Ich möchte, daß der Leser unmittelbar auf sich soll wirken lassen, dieses in Prosa verfaßte .Heldengedicht des unsterblichen Meisters, dieser hervorragenden Gestalt der jüdischen Geschichte des letzten Jahrhunderts, über die erhabene Sendung des Menschen auf Erden und über die ruhmvolle geschichtliche Mission Israels. Nur noch einige Worte hätte ich an das ungarländische Israel zu richten. Ihr Rabbinen, Ihr Religionslehrer, Ihr jüdischen Volkserzieher: Ihr wahrhaft jüdische Eltern! Ihr alle, die Ihr es wünschet und wollet, daß die kommende und die schwindende Generation durch die Bande der Liebe, der Verständigung, der gemeinschaftlichen Bestrebungen und Ziele miteinander verbunden werde, die Ihr es wünschet, deren Sorge bei Tag und Nacht das eine ist, wie Ihr es machet, daß die .Herzen der Kinder sich nicht von denen ihrer Väter abwenden sollen, und daß die Väter nimmer in die Lage kommen sollen, das elterliche Herz zermarternde Abtrünnigkeit und Abfall in den Bestrebungen und in der Lebensweise ihrer Kinder zu sehen — Ihr alle, die Ihr es wisset, ahnet, empfindet, daß das Judentum unser größter Schatz im Leben und Tod ist, und die Ihr dieser, mit unserem. .Herzblute besiegelten Üeberzeugung auch die künftige Generation gewinnen möchtet/ Ihr es ' aber empfindet, daß eure Lippen zu schwach sind für die würdige und eindrucksvolle Aussprache dieser heiligsten Wünsche eines Herzens — o, zu dies e m Quell hier führet eure Jünglinge und Jungfrauen — denn dieses B u ch hat schon Tausende denkende Sprossen Israels f ü r d a s I iu dent u m e r halt e n. Ich aber spreche vor der Gemeinschaft nreines Volkes meinen Dank aus der göttlichen Vorsehung '31 12"11V erdaß sie mich den heutigen Tag _. _ _ leben ließ, an welchem ich mein zur ’ hundertst e n Ge b u r ts tagsfeier des großen Meisters vor der Qesfentlichkeit gegebenes Versprechens nunmehr verwirklicht sehen kann. Ich danke der göttlichen Vorsehung dafür, daß ich Dolmetsch sein konnte eines der gewaltigsten und begeistertsten Verkünder der heiligen Thora. Zum Schlüsse muß ich auch den einzigen, noch lebenden Sohn des Meisters, Herrn Julius Hirs ch^) in Frankfurt a. M. für die Freundlichkeit danken, womit er bereitwilligst und uneigennützigst seine Erlaubnis zur gegenwärtigen Uebersetzung gegeben. Devavänya, im Monate Tamus d. I. 5669. Ph. Fischer, Rabbiner. Der ungarischen Uebersetzung der 19 Briefe ist auch ein hebräischer Brief vorgedruckt, den eine der hervorragendsten rabbinischen Capazitaten der ungarländischen orthodoxen Judenheit, Herr Oberrabbiner Moses Fuchs in Großwardein, statt der vom Uebcrsetzer verlangten 10321 an denselben gerichtet hat. Der Brief ist zu charakteristisch, um nicht wenigstens in seinen Hauptstellcn, in treuen Uebersetzung reproduziert zu werden. So fassen wir folgende Stelle folgen: „Ihren Brief von :c. habe erhalten, und die Kunde hat mir Freude ins Herz gegeben, daß des, ins Ungarische übersetzt haben. Ich spreche Ihnen jmviiip vrm INI ID"'. 177> 137V viw» Heil Ihnen cb solchen Verdienstes. Ohne Zweifel werden Sie damit 2'31 §12712 sein, die sich beeilen werden, um diesen Segen >ns Haus zu bringen, c amit fie daraus Einsicht schöpfen und in Lichte der von unfern Vätern geerbten Thora und n3lDK wank eln, und Gott selbst mit PreiSgebung ihres Lebens und Vermögens dienen sollen, ganz so wie es erwähnter p'ljf mit Weisheit und Erkenntnis gelehrt; denn dessen Worte gleichen dem flammenden Feuer, und gar viele schon hat derselbe von der Sünde zurückgehalten und noch viele wird er zurückrufen. „Ich erinnere mich, daß mir der einstige £?k1 s"1 JT3 in Preßburg p&j Hö SVU.1 sltU.1 21.1 (Lieber*) folgendes sagte: „Rabbi S. R. Hirsch war der Rächer und Retter (211 der heilige Thora ir. Deutschland! — Ick aber wende dieses Wo t auf all jene Länder an, wohin seine wunderbaren Werke drangen und wo sie in jüdischen Häusern gelesen werden und in die Herzen der Leser tief eindringen, in jedes Land in dessen Sprache." „Alles weitere Reden ist überflüssig. Wozu soll ich über den Ruhm und Wert der Werke dieses riesengroßen Mannes im allgemeinen und speziell über di' Pracht (fllKDr)} des «uches JT)1JK weiter reden." ' „Nach meinem bescheidenen Dafürhalten ist es unnötig, daß man der Uebersetzung dieses Werkes irgend welche 1232,1 beifügen fou, tenn cs ist ohnedies bekannt, drß dasielbe voller Weisheit und Gottesfurcht ist und das Herz der Leser ihrcm himmNchen Batcr . usührt. Jeder wahrhaft Weise wird frohlocken, daß rr dieses Buch in die Sprache unseres Landes übertragen vvrfindet — auch ohne jeglich besondere Anregung hierzu cr, c.'." Möchte das Werk zahlreiche ernsthafte und hingehende Leser finden. die „S. R. Hirsch Jubiläums-Nummer, *) S. 45. a) Leider treffen diese Zrilen den ^würdigen Sohir des großen Batcrs nicht mehr am Leben an. 1"22Mfl- 3) Derselbe stammte aus Bayern. Budapest, 13. Aug. Es ist ein Gefühl besonderer Bitterkeit, mit dem ich Ihnen heute das Hinscheiden eines Mannes zu melden habe, der, aus dem Kreise des gesetzestreuen Judentums hervorgegangen, ursprünglich ein TD^n 231 ersten Ranges, heute als eine Größe der ungarischen Neologie von dieser beweint wird. Es ist der vor einiger Zeit pensionierte Leiter der neologen Landesrabbiner-Schule, Moses Bloch m Budapest. Wir haben seinerzeit, als Bloch seine öffentliche Tätigkeit abschloß, uns bemüht, die Licht- und Schattenseiten seines wechselvollen Lebensganges objektiv zu würdigen,. können es uns heute darum versagen, das traurige .Kapitel seines Ueberganges in die Dienste