Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1909)
- Date
- 1909-08-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sekte 6. Nr. 38 nicht bei der Wahl berücksichtigen, eine deutliche Warnung erteilt. General v. Einem hat sich, wie einige Blätter betonen, im Reichstage in dem, was er gegen die grundsätzliche Ausschließung jüdischer Einjahrig-Freiwilliger von der Beförderung, gesagt, nicht nur auf Worte beschränkt. Er hat in dieser Beziehung in bestimmten Fällen, soweit sein Einfluß reichte, ihn auch jenen Worten entsprechend eingesetzt, rückhaltloser als bisher einer seiner Vorgänger. Stuttgart, 12. Aug. Bei Beratung der Ordnung für den neuen städtischen Schlachthof beantragte in der heutigen Sitzung des Gemeinderats G. R. Heim, das Schächten zu verbieten. Oberbürgermeister Gauß bemerkte, daß bei dem Schächten ein religiöser Ritus in Frage komme, und daß es sich nicht empfehle, einzugreifen, solange nicht nachgewiesen sei, daß cs sich beim Schächten um Tierquälerei handle. Auf seinen Vorschlag wurde beschlossen, die Frage der Polizeiabteilung zur Prüfung zu überweisen. Es ist tieftraurig, daß solche Anträge im Rate der Hauptstadt Württembergs überhaupt zur Diskussion gelangen können. Hoffentlich kommt die Polizeiabteilung, der die Sache zur Entscheidung vorliegt, zur Ueberzeugung, daß es nicht nur, wie sich der Herr Oberbürgermeister ausdrückte, nicht nachgewie.sen ist, daß es sich beim Schächten um Tierquälerei handelt, sondern daß es durch hunderte von Gutachten unwiderleglich erwiesen ist, daß das Schächten die humanste Tötungsart ist. Kissingen, 15. Aug. Herr Pur ischke - w'i tsch, der bekannte Held des Verbandes der echt russischen Leute, weilt gegenwärtig hier, um seine durch die Vorarbeiten für die nächstjährigen Judenpogrome etwas geschwächte Gesundheit neu zu kräftigen. Er muß wohl meinen, er sehe schon wieder ganz stattlich aus, denn dieser Tage überkam ihn plötzlich das Bedürfnis, sich photographieren zu lasten. Um nun auch allen seinen zahlreichen Freunden im russischen Volksverband ein Konterfei zukommen lassen zu können, bestellte Herr Purischkewitsch eine so große Anzahl von Bildern, daß es dem Photographen auffällig erschien. Der Mann — ein Jude, der aber natürlich keine Ahnung hatte, wen seine neueste Platte darstellte — zeigte einen Probeabzug im Vertrauen einem anderen russischen Kunden und war nicht wenig erstaunt, als dieser ihn auf die groß? Rosette hinwies, die der Porträtierte auf der Brust trug, und auf der groß und deutlich die Worte zu lesen waren „Bjeishydow!" („Schlagt die Juden tot!") Der Photograph wandte sich an die Behörde, um zu erfahren, ob teten nie aus Furcht mit den dort wohnenden Griechen Unannehmlichkeiten zu bekommen. In Kairo wurde der Rabbi von dem Fürsten der Inden feierlich empfangen. In Jerusalem will er noch bedeutende Uebcrreste dev solomoniscben Tempels gesehen haben. (Ein Denkmal für jüdische Märtyrer.) In Ancona hat ein ans christlichen Bürgern bestehendes Komitee einen Ausruf erlassen, in. welchem um Geldbeiträge zur Errichtung eines Denkmals für jene 24 Juden gebeten wird, welche im Jahre 1556 auf Befehl des 'Papstes Paul IV. in Ancona den öffentlichen Flammentod erlitten. Es sei hierbei erinnert, daß im Jahre 1432 die Juden aus Spanien und vier Jahre später aus Portugal vertrieben wurden. Ein Teil der Flüchtigen fand in Italien einen Zufluchtsort, weit Italien damals in kleine Staaten zersplittert war, die miteinander in steter Rivalität sich befanden. Den Ankömmlingen, die zur Entwicklung des Handels wesentlich beitrugen, wurde daher die Ansiedlung gestattet, ohne nach ihrer .Herkunft zu fragen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts jedoch entstand, hauptsächlich infolge jesuitischen Einflusses ein reaktionäres Regime, unter dem die Juden viel zu leiden hatten. Im Jahre 1553 wurden sämtliche rabbinische Werke zur Verbrennung verurteilt und im Jahre 1555 erschien die Bulle Paul IV. „Cum nimis". durch welche das Ghetto als legale Institution aller christlichen Länder deklariert wurde. In Konsequenz dieser Politik wurden die Marannen, die sich in die unter päpstlicher Herrschaft stehenden Länder geflüchtet hatten, den härtesten Verfolgungen ausgesetzt, obgleich diese erklärten, daß sie niemals die Taufe genommen haben. Vierundzwanzig dieser Unglücklichen wurden im Sommer 1556 öffentlich verbrannt. Die aus Christen bestehende Garibaldi-Ge- * er Israelit er zur Ausführung der Bestellung verpflichtet sei, was natürlich verneint wurde. Als der Photograph Hevrn Purischkewitsch mitteilte, daß er die Bilder nicht liefern werde und ihn fragte, warum er gerade zu einem jüdischen Photographen gegangen sei, erwiderte der große Mann seelenruhig, seine „Devise" beziehe sich nur aus die russischen Juden, gegen die deutschen Juden habe er nichts! Die deutschen Juden werden sich für diesen neuen Freund bestens bedanken. ®eftevvei4j, Judenhaß in oalijiffhen Kurorten. Lemberg, 13. Aug. In den galizisch-polnischen Kurorten, die von Tausenden Juden ausgesucht werden, herrscht eine Atmosphäre von Judenverachtung, wie sie nur eben den Polen eigentümlich ist. Das hinderte das allpolnische Organ „Slowo palskie" nicht, in einem Aufruf die Juden zu warnen, deutsche Heilstätten und Kurorte zu besuchen, denn dies fördere .... den Antisemitismus. Einerseits der Versuch, die Juden zu zwingen, „heimatliche" Kurorte zu bevölkern, in denen sie von den Polen geächtet und schikaniert werden, — es gibt Kurorte, die den Juden auch den Einlaß versagen —, anderseits die ehrenwerten Allpolen, die mit Antisemitismus drohen. ... Ist das nicht ein interesantes Schauspiel? Inzwischen häufen sich die Fälle der Bedrohung von Juden in den Kurorten. Vorige Woche kam es zu einem Ueberfall von Bergpolen (Gorali) in Szczawnica. Ein Wachmann mißhandelte einen armen Juden, der, ohne die Kurtaxe zu zahlen, den Kurpark betreten hat. Viele Juden protestierten gegen die Tätlichkeiten des Polizisten und sammelten sich vor dem Kommissariat, wohin der arme Jude geschleift wurde Das genügte, um eine große Ansammlung von Polen aus der umliegenden Berggegend mit Sensen und Aexten herbeizuführen. Es kam zu einer Schlägerei. Die Juden in Szczawnica leben in beständiger Angst. . Lemberg, 10. Aug. Bekanntlich wird auf Grund des Propinationsgesetzes, die sogenannte Propination in Galizien im Jahre 1910 ausgelassen. Von dieser Zeit angefangen, werden die Konzessionen für Spirituosengeschäfte nur in beschränkter Zahl abgegeben. Nun herrscht unter den Schänkern, die in Galizien zum größten Teile Juden sind, große Besorgnis darüber, daß viele sachlich nicht ausgebildete Personen infolge Protektion bereits neue Konzessionen erhalten haben, während die alten bisher unbeanstandeten sellschast der Stadt Ancona ist nun mit dein Vorschläge hervorgetreten, dieseir Märtyrern ein Denkmal zu errichten. (Vom bayerischen Antisemitismus.^ Aus Bayern wird dein Vereine zur Abwehr des Antisemitismus geschrieben.' ilrqere Antisemiten scheinen in Bayern trotz alter Anstrengungen noch immer sehr schlechte Geschäfte zu machen. Das ist für den, der die bayerischen Verhältnisse kennt, begreiflich. Dem Bayern mag es hie und da an Abneigung gegen alles, rvas nicht bajuvarisch ist, gewiß nicht fehlen, und gewöhnt, allem einen recht derben Ausdruck zu verleihen, kann er auch, ohne sich eigentlich schlimmes zu denken, ein grobes Wort gegen Juden ausstoßen, aber er ist zu ehrlich und gerade, um die Judenhetze als Sport zu betreiben und aus antisemitischen Kindereien eine Politik zu machen. Namentlich ist er sehr mißtrauisch gegen einen von Preußen importierten Antisemitismus. Und so findet dieser importierte Artikel schlechten Absatz. Im Liebermannschen Blättchen jammert ein Antisemit in Nürnberg, daß es — einen bayerischen Steinkrug rühren könnte. Der tränenreiche Teutone schreibt: „Leider war das Interesse, welches unseren Bestrebungen entgegengebracht wurde, ein fast klägliches, so daß wir schon den Mut verloren. Wir stoßen nun zum zweitenmal ins Horn und hoffen, bestimt, daß sich die Bajuvaren aufraffen. Fällts denn gar so schwer, uns eine Zustimmung für unser Unternehmen zu geben, uns wenigstens zu ermutigen? Warum fehlt in München noch immer die Ortsgruppe?" Ja, in München, wo es doch für alles Vereine gibt, fehlt es noch an einer antisemitischen Ortsgruppe. Die Türme der Frauenkirche schauen ganz _13. August 1909 Schankinhaber, die sich gleichfalls um Konzessionen bewarben, den Bescheid erhielten, daß eine Bewerbung auch verfrüht sei. Um sich über die wahre Situation Gewißheit zu verschaffen, begab sich eine Deputation jüdischer Schänker, der sich auch der Sekretär der Lemberger Handelskammer angeschlossen hatte, zum Statthalter um Aufklärung zu verlangen. Der Statthaltereipräsident Graf Losch erwiderte dem Sprecher der Deputation, daß vorläufig noch kein Grund zu Befürchtungen vorliege, da in Angelegenheit der Verteilung der Konzessionen anfangs September eine Enquete stattfinden werde, zu welcher auch die Vertreter der Handelskammer und des Landesverbandes der Branntweinschänker zugezogen werden sollen. Die Schänker geben sich jedoch mit dieser Erklärung nicht zufrieden und beschlossen am Tage der Eröffnung des galizischen Landtages in Lemberg einen Landeskongreß der galizischen Schänker abzuhalten. Ungarn. kine ungarildie üeberfebung 9er neunzehn Briefe.*’ Budapest, 1. August. Im Selbstverläge des Nebersetzers, Herr Rabbiner Ph. Fischer Devavanha, ist dieser Tage eine ungarische Übersetzung der „Neunzehn Briefe" Simson Raphael Hirsch V'St erschienen, die, wie zu hoffen, in den weitesten Kreise der ungarischen Judenheit mit Genugtuung begrüßt werden und hoffentlich rasche Verbreitung finden wird. Wir geben in folgenden die anregend geschriebene Vorrede des Nebersetzers wieder. „Ich erfülle mein Gott getanes Gelübde vor seinem ganzen Volke." Auch ich stand an dem Scheidewege — mit jugendlich heißem Kopse, mit jugendlich gärendem Gemüte. Auch gegen die in mich hineingepflanzten uralten Traditionen haben die Lebensfragen des Menschen und der Menschheit ihren Sturmlaüf nnternommeit. „Was ist das Ziel des menschlichen Lebens und in was für Beziehung stehet inein Judentum zu diesem Lebensziele?" — solche und ähnliche Fragen haben fort und fort neue Stürme entfesselt in meinem Inneren. Bildet etwa das Forschen, die Lösung der Rätsel, oder richtiger die die Lösung derselben erstrebende geistige Bestrebung, die Meditation, des Daseins Ziel? Oder aber die ewige Kasteiung, das Preisgeben der Lebensfreuden, die Negierung des Körperlichen? Oder aber der Genuß? Mächtige Orkane wühlten auf die edengleiche Stille des jugendlichen Busens. So wie der Hirsch nach frischer Quelle schmachtet, so sehnte sich meine Seele nach einem Leitstern. Nach einem leitenden Gestirne, dessen milder Glanz auf sicherem Pfade führet denjenigen, der auf es vertrauet, denjenigen, den die miteinander ringenden Gedankenwelten und Weltanschauungen hin- und herschleuderten ans dem wogenden Meere der Theorien. erstaunt drein, ohne es begreifen zu können. Die guten Münchener Philister bekümmern sich mehr um ihre vollen Maßkrügc als nur die politische Weisheit der Antisemiten, und die durch die Antisemiten nlitverschnldete neue Biersteuer macht ihnen mehr Sorgen als der „ungeheure Judeneinfluß", von dem sie wenig spüren. Wo der alte bajuvarische Geist mit all seinen Licht- und Schattenseiten herrscht, da ist für die antiseniitischen Phrasen mit ihrem geheuchelten Patriotismus ein schlechter Boden. (Die Glocken in der Synagoge.j Der Senior der englisch-jüdischen Rabbiner ist heute nach dem vor Kurzem erfolgten Ableben des Professors Marks, der 85jährige Rabbiner von Hüll Israel Aaron Levy. In der letzten Nummer des „Jewish World" werden nun einige interessante Reminiszenzen aus dem erfahrungsreichen Leben des jüdischen Seelsorgers aufgefrischt, von denen die folgende besonders charakteristisch ist. In einem Gespräche mit dem früheren Erzbischof von Dort frug der Erzbischof, weshalb die Juden nicht das Glockenläuten in der Synagoge einführen. „Haben Sie nicht bemerkt, daß ärmliche Wirtshäuser stets einen Fiedler anstellen, um die Gäste heranzulocken?" frug Rabbi Levy zurück. „Ganz richtig!" meinte Se. Eminenz. „Und ist es Ihnen nicht ebenso ausgefallen, daß in einem erstklassigen Etablissement solche Reklamemusik stets fehlt?" „Aha, ich sehe schon," sagte der Erzbischof, „wo Sie hinaus wollen. Ein guter Wein braucht kein Aushängeschild. Sie mögen recht haben! . . ."